Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 4 (April 1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 DerSenMajorhalsich gestellt! Die antisemitische KriegSvertuststatlstik beruht auf falschen Quellen. Der nachfolgende Aufsatz von Rabbiner Dr. A. Eckstein (Bamberg) ist uns bereits vor mehreren M.onaten zugegangen. Er konnte aber aus technischen Gründen, ohne Verschulden des Verfassers, nicht früher zum Abdruck gelangen. Die Schristleitung. „Greif nicht in ein Wespennest, doch wenn du greifst, dann halte fest!" Dieser aus dem Weisheitsschatze des Volksmundes entnommene Spruch über die Methode der Behandlllng von Wespen in Menschengestalt bestimmt und leitet meinen Entschluß, zu einem dritten und letzten Waffengang gegen den fortgesetzten Versuch der Wahrheitsverdunkelung und Legendenbildung in die Arena der Oeffentlichkeit zu treten, lieber die nähere Veranlassung muß folgendes vorbemerkt werden: In Nr. 6 „C. V.-Zeitung" vom 8. Februar 1929, S. 71, habe ich einen Artikel veröffentlicht, in welchen: ich das Anerbieten machte, die in meiner bayerischen Abwehrschrift') enthaltene Statistik der israelitischen Feldzugsteilnehmer in Bayern, insbesondere deren Verlustliste (Beilage VI), deren Richtigkeit ein indirekter Beweis ist für die Zuverlässigkeit der von Jakob S eg all zusammengestellten Gesamtftötiftif2), durch ein Kollegium von sachververständigen Gelehrten (bayerischen Staatsarchivaren und Geschichtsforschern) nachprüfen zu lassen und demselben zu diesem Zwecke das gesamte Quellenmaterial zur Verfügung zu stellen; Herrn Major a. D. Baumann (Fronloh in Oberbayern), Heroldsamtmann des Tannenbergbundes-Süd, habe ich am angeführten Orte öffentlich aufgefordert, von diesem Entgegenkommen gefälligst Gebrauch zu machen und mir entweder die von ihm behaupteten „Vertuschungsmanöver" nachzuweisen, oder, wenn ihm das nicht gelingen sollte, der Wahrheit öffentlich die Ehre zu geben. Als diese öffentliche Herausforderung unbeantwortet blieb, habe ich in Nr. 25 vom 21. Juni 1929, Seite 331 dieser Zeitung unter der Überschrift: „Wo bleibt die Antwort, Herr Major?" einen zweiten Artikel veröffentlicht, in welchem ich seine inzwischen im „Völkischen Beobachter" vom 16. Mürz 1929 geäußerte Bezweiflung meiner wissenschaftlichen Ehrlichkeit und seine daselbst gemachten geringfügigen Beanstandungen meiner bayerischen Verlustliste als unbegründet zurückgewiesen habe. Nachdem dieser zweite Artikel auch in der Monatsausgabe der „C. V.-Zeitung" (Juni 1929, Seite 43) veröffentlicht war, erhielt ich von Herrn Major a. D. Baumann eine Zuschrift vom 17. Juli 1929 folgenden Inhalts: „Soeben lese ich Ihre Ausführungen: ,Wo bleibt die Antwort, Herr Major?' Es ist für mich von Belang festzustellen, ob Sie in der nächsten Monatsausgabe der ,E. V.-Zeitung' Mitteilen werden, daß ich mich sofort gestellt habe, nachdem ich von Ihren Ausführungen Kenntnis erhalten hatte." Wir verständigten uns dahin, daß diese feierliche Anerkenntnis seines sofortigen Sichgestellthabens erst bei der heute gegebenen Gelegenheit erfolgen solle. In einer Zuschrift vom 4. August 1929 gab ich noch der Hoffnung Ausdruck, „daß unsere Fehde nur mit sachlichen Gründen und in vornehmen Formen ausgefochten werde." Etwa SVfc Monate danach hat der Herr Major a. D. sich ausgerechnet kurz vor den bayerischen Stadtgemeindewahlen — zu ritterlichem Kampfe gestellt und im Beiblatt Nr. 272 *) „Haben die Juden in Bayern ein Heimatrecht?" 2. verbesserte Auflage. 1929, Philo-Verlag, Berlin. *) „Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914—1918." Philo-Verlag, Berlin, des „Völkischen Beobachters" vom 23. November 1929 einen Schmähartikel veröffentlicht, der, abgesehen von seinem sachlichen Teile und einem Beisatz von witzelnder Mauschelei, eine hochgeschwollene Flut von Beschimpfungen über mein Haupt und von Verleumdungen über die wehrpflichtige deutschjüdische Jugend ausgießt. Mit einem militärischen Bilde ausgedrückt: der Artikel ist eine Kanonade, welche die Schwäche seiner Position nicht maskiert, sondern noch mehr offenbart. Da es unwürdig wäre und mir unmöglich ist, auf den Tiefstand seiner Kampfform herabzusteigen, beschränke ich mich auf das Sachliche und Tatsächliche. I. Ueber den ‘ leitenden Gesichtspunkt, von dem ich bei Anlage und Durchführung meiner Statistik ausgegangen, heißt es klar und eindeutig auf Seite 78 meiner Schrift: „In dieser Statistik sind nur reichsdeutsche Staatsangehörige, die beim Ausbruch des Krieges in Bayern ansässig waren, gezählt worden." Maßgebend war >also — wie bei emer Volkszählung — die bayerische Ortsansässigkeit oder die bayerische Bevölkerungszugehörigkeib). Nun heißt es in Baumanns Ausfällen folgendermaßen: „Für die deutschen Leser möchte ich bemerken, daß die von E ck st e i n ausgeführten 1090 zweifellos gefallen oder gestorben sind." Ich habe aber nicht den gerinasten Zweifel, daß sie nur zu einem Teil für Bayern gerechnet werden können; denn ganz sicher haben sie überwiegend in nichtbayerischen Truppenteilen gestanden. Und das würde sich Herausstellen, wenn die namentliche Liste die Truppenteile nennen würde. Daher die hartnäckige Weigerung der jüdischen Seite, diese ^bekanntzugeben." Obgleich diese kritischen Bemerkungen nur für den „deutschen" Leser gemacht sind, möchte ich doch für den deutsch verstehenden Leser gegenbemerken, daß in diesen Ausführungen eine Begriffsverwirrung enthalten rst, auf die ich bereits in meinem zweiten Artikel aufmerksam gemacht habe. B e - Völkerungszugehörigkeit und H e e r e s z u g e h ö r i g k e i t st i w m e n für Bayern in der Regel überein, sind aber inhaltlich nicht sich d e ck e n d e B e g r i f f e. Ob ein mit Angabe des Wohnortes genannter Kriegsteilnehmer auch tatsächlich bei Kriegsausbruch ortsansässig war und zur bayerischen Landesbevölkerung gehörte — das einzige hier in Betracht kommende Kriterium —, ließe sich durch Nachforschung bei den Einwohnermeldeämtern sehr leicht nachprüfen. Und doch behauptet Baumann, die Angabe des Truppenteils sei „die einzige Möglichkeit der Ueberprüfung" und fährt fort: ... „deshalb kann auch das Angebot des Herrn Eckstein, sein ganzes Material durch bayerische Archivare überprüfen zu lassen, nur als Muff' bezeichnet werden, der nur auf ,harmlose' Gemüter eine Wirkung haben kann." Wenn Baumann, ein gewiß nicht harmloser Judenfeind, davon überzeugt ist, daß ich in meiner Verlustliste sozusagen eine deutsche Reichsanleihe jüdischer Kriegsverluste ausgenommen habe, warum hat er mein Anerbieten nicht angenommen und damit die Gelegenheit benutzt, um durch einen Wahrspruch der Sachverständigen meine Statistik als eine Fälschung ex eatüeckra verurteilen zu lassen? Oder hält er sämtliche bayerischen s) Dasselbe Verfahren dev Anknüpfung an den letzten Wohnort befolgte S e g a l l in seiner , Gesamtstatistik und wird von Professor S i l b e r g l e i t, Direktor des Statistischen Amtes dev Stadt Berlin, in seinem Vorwort S. 6 als „zweifellos das gegebene" bezeichnet. Archivare und Geschichtsforscher für „harmlose Gemüter", die sich durch ein Machwerk bluffen lassen? Antwort: er will keine Nachprüfung, weil er sich vor der Wahrheit fürchtet. Darum klammert er sich an die Truppenteile, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalnl. Wir werden ihm aber auch diesen Strohhalm aus der Hand nehmen. Die Bundeslei tu na des R. I. F. wird in der von ihr beabsichtigten Veröffentlichung einer G e s a m t v e r l u st l i st e für das deutsche Reichsgebiet die b a y e r i s ch e Verl tt st liste gesondert abdrucken und bei dieser Gelegenheit auf Grund behördlicher Akten — soweit feststellbar — auch die Truppenteile und Geburtsorte ergänzen. Es wird sich daraus zweifellos ergeben einerseits, daß die allermeisten der bayerischen Verlustliste auch in bayerischen Truppenteilen gedient hatten und daß anderseits eine beträchtliche Anzahl von jüdischen Kriegsteilnehmern, die in bayerischen Truppenteilen gedient haben und gefallen sind, in nreiner bayerischen Verlustliste nicht angeführt sind, weil sie nach meinem grundsätzliäyen Verfahren statistisch nicht für Bayern mitzuzählen sind* *). Ich bin aber überzeugt, daß Baumann auch dann der Wahrheit nicht die Ehre geben wird. Gegen parteipolitische Besessenheit kämpfen Götter selbst vergebens. II. Nun aber nach diesem Geplänkel zum Waffengang für die Ehre unserer Verklärten, die für die Ehre des deutschen und jüdischen Namens ihr junges Leben geopserr haben! Der Major a. D. hat sich „gestellt" und den Mut gehabt, einen Mann im Greisenalter mit dem Tone sittlicher Entrüstung zu fragen: „Wo bleibt die Wahrheitsliebe, Herr Rabbiner?" Um diese Frage beantworten zu können, muh man erst die Vorfrage beantwortet haben: W a s ist die Wahrheit? Da es sich im vorliegenden Falle nicht um Fragen der Weltanschauung handelt, sondern um objektiv nachweisbare Tatsachen, wird diese Pilatus-Frage überzeugend und unanfechtbar beantwortet werden können, wenn wir den Zeugen zitieren und aussagen lassen, den der Gegner selbst als seinen Kronzeugen angerusen hat, und das ist die „I ü d i s ch e V o l k s z e i t u n g". Er behauptet nämlich folgendes: „Nach der ,Jüdischen Volkszeitung' vom 10. Mai 1917 waren bis zu diesem Tage gefallen usw. 3131 Juden; nimmt man an, daß die Juden im letzten Drittel des Krieges sich noch im gleichen Maße an der Kampffront befanden wie vorher — was bekanntlich nicht der Fall war, da sie sich zuletzt fast restlos gedruckt hatten —, so ergibt eine genaue Berechnung einen Gesamt- Verlust von rund 4700 anstatt eines Solls von 19 000; also nicht einmal der vierte Teil des Solls ist erreicht."^) Baumann fügt noch hinzu, was ich angeblich mit Absicht verschwiegen hätte, daß die „Jüdische Volkszeitung", das „Organ" des „Jüdischen Ausschusses für Kriegsstatistik" war, der sich gleich bei Kriegsbeginn gebildet hatte, um die jüdischen Kriegsleistungen möglichst bekanntzumachen. Ist das die Wahrheit, Herr Major? * Ich mache zunächst darauf aufmerksam, daß Baumann in seinen beiden Artikeln vom Jahre 1927 und 1929 den Erscheinungsort der von ihm als Quelle zitierten „Jüdi- 4) Aus meiner Verlustliste müssen gestrichen werden: Lilienfeld, Hellmut (S. 101), der zu Berlin, und S i m o n, Fritz (S. 111), der zu Mannheim gehört. Gesamtziffer 1068 für Bayern X 11,16 — 12142 Mindestziffer der jüdischen Gesamtverluste im Reiche ehemaligen Umfangs. Danach sind die Ziffern auf S. 38, 64, 76, 119 und 120 meiner Schrift zu berichtigen. 6) Die phantasievolle Aufmachung über Soll und Haben der jüdischen Krlegsverluste hat dev völkische „Statistiker" bereits in seinem Artikel vom 23. November 1927 im „Völkischen Herold" (47. Folge, 4. Zhrg., S. 187) veröffentlicht; nur heißt es daselbst: „Und das ist hoch gerechnet! 4700 gegenüber 17 375 Soll." Infolge bedauernswerter Gedächtnisschwäche hat er also diesmal — zwei Jahre später — den Juden dis ansehnliche Zulage von 1425 Sott gespendet!