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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-01 · Heft 3 (März 1930) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 3 (März 1930)
Date
1930-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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^JlwUwhy 'i&tij'tMt' Reminiszenzen. An die Schriftleitung der V'.- Zcitung“. Lang enb e r g , im März 1930. Zu dem Ihren Lesern freundlichst angewiesenen Mitarbeiieranfeil möchte auch ich einen kleinen Beitrag beisteuern, dessen Inhalt allerdings — dadurch dürfte er besonders beachtenswert sein — bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückreicht und damit in mein elftes bis dreizehntes Lebensjahr fällt. Von Geburt Magdeburger, also nach Wilhelm Raube aus des „lieben Herrgotts Kanzlei“ stammend, und zugleich noch den grossen Freidenker Leberecht U hlicli kennend, spielte ich während meiner Schulzeit wahllos mit Kindern aller Volksschichten und, Bekenntnisse, somit auch mit jüdischen Kindern, und Isidor H. war mir einer der liebsten Spielkameraden; er ging in meinem Elternhause ein und aus, nahm an unseren Mahlzeiten teil und auch am vergnüglichen Teil der christlichen Feste. Ich verkehrte wechselseitig im Hause von Isidors Eltern ebenso tingezwungen, und war auch hier gern gelitten. Isidors Eltern waren Besitzer und Bewirtschafter eines damals' blühenden jüdischen Hotels am Ulrichsplatz, mit streng koscherer Verpflegung; die besonders stark besetzte Mittagstafel war immer vornehm mit bestem Porzellan und silbernen Bestecken ausgestattet. Isidor und ich waren in allen Räumen heimisch, die Gäste trieben zuweilen mancherlei Spass mit uns; ich entsinne mich aber nicht irgendeines frivolen Scherzes oder kränkenden Wortes. In der Küche hatte ich eine grosse Freundin, eine Nichte von Isidors Midter, die gern mit mir plauderte, wenn die Mittagstafel zu Ende ging. Ich denke gern an diese Freundin Rosa zurück, die in Uebereinstimmung. mit ihrer Tante .von starker Nächstenliebe und Wohltätigkeitssinn erfüllt war. Mittags, wenn die Hauptspeisung zu Ende ging, sass auf der Hoteltreppe mancher Bedürftige, der , gespeist wurde; nicht etwa mit Resten, sondern mit den Speisen, die in den Kochgefässen aller Art verblieben waren; davon habe ich mich oft überzeugen können. Wenn die Zahl der Treppengäste etwas stärker war, musste Fräulein Rosa vor weiterer Austeilung nach sehen, welche der ständigen Gäste noch nicht zur Tafel erschienen waren, denn diese mussten zuvor berücksichtigt werden. Mangelte es nun an warmem Essen, dann erhielten die letzten Armen Geld öder belegte Brote. Am meisten war ich aber immer darüber erstaunt, dass die Treppengäste dasselbe Geschirr nebst Speisegerät erhielten, also Porzellan und Silber, wie die Hotelgäste. Als ich einmal Bedenken dagegen hegte, sagten Tante und Nichte, dass sie noch niemals bestohlen seien. Welche Wertung dieser Andersgläubigen, die durchwegs den christlichen Bekenntnissen aügehörtenl Nach diesen Erlebnissen in einem jüdischen Hause innerhalb der Familie und nachdem ich diese Art der Wohlfahrtspflege kennengelernt habe, bin ich bis heute stets mit Juden aller Schichten, einschliesslich Kantoren, Lehrern und Rabbinern, in verständnisvollem, oft freundschaftlichem Verkehr geblieben. Einem jüdischen Arzt, bei dem ich in Behandlung war, bin ich sehr dankbar gewesen. Seine umfassende, aufopfernde Tätigkeit als Oberstabsarzt in den Heimatslazaretten des Krieges setzte ihm leider ein viel zu frühes Lebensziel. — Innerhalb meines Museumsdienstes konnte ich auch einem unserer bedeidendsten Kunstgelehrten und Museumsdirektoren, einem Juden, nähertreten, dem ich meine höchste Wertschätzung und Verehrung bewahrt habe. Die Jugenderinnerung hat mich erwärmt, mich weiter erzählen lassen, und auch zur Gegenwart hinüber geleitet, die mich ebenfalls nicht nur nicht dem Judentum entfremdete, sondern infolge meiner häufigeren Teilnahme an den hochwertigen Veranstaltungen des Elberfelder Mendelssohn-Vereins ihm immer nähergebracht hat. Ich glaube erkannt zu haben, dass die jüdische Religion und Sittenlehre allen anderen als durchaus ebenbürtig an die Seite gestellt werden können. Nach meiner Auffassung wird die vergleichende Bibelkunde in den, Parallelstellen des Allen und Neuen Testaments im christlichen Religionsunterricht viel zu wenig berücksichtigt; denn andernfalls würden so viele Christen nicht Judenhasser sein. Jesus ist ohne seine allerengste Verbundenheit mit dem Judentum gar nicht denkbar. Als der gottgläubig sie der jüdischen Propheten hat er sich selbst zum Opfer gebracht Das legt seinen Anhängern die Pflicht auf, zum mindesten, wo Zuneigung sich nicht erreichen lässt, mit Achtung vor dem Volke zu stehen, das ihn hervorbreichte. Professor Otto Schulze. Vaterlandsliebe und Wohltätigkeit. An die Schriftleitung der „C.V. r Zeitung“. G.-Sir., im März 1930. Seit Jahren erhalte ich die „C. V. - Zeitung * und verfolge mit Herz und Interesse ihren Kampf gegen die widerlichen Auswüchse des Antisemitismus. Dass ein Jude genau so deutsch fühlen k<mn wie die hundertprozentigen U eberdeutschen, dass er genau so menschenfreundliche Nächstenliebe, die man so gern als „christliche“ Nächstenliebe bezeichnet, haben k<mn, das möchte ich gern denjenigen, die Vaterlandsliebe und uneigennützige Wohltätigkeit allein in Erbpacht zu haben glauben, vor die Nasen halten, indem ich Ihnen anliegend die Abschrift eines über hundertjährigen Zeitungsartikels zur Verwendung in Ihrem geschätzten Orgm übersende. Der beifolgende Artikel stand an erster Stelle der Nummer 6 der „National-Zeilung der Deutschen“ vom 8. Februar 1815. (Verlag der Beckerschen Buchhandlung in Gotha.) Ich habe die Abschrift genau in der damaligen Schreibweise gelassen. „Unter den vielen edlen Zügen der Vaterlandsliebe, welche die Deutschen während des großen Kanlpfes für die Unabhängigkeit'ihrer Fürsten und des Vaterlandes erprobt haben?, verdient das Benehmen eines Handelsmannes jüdischer Religion namens Salomon Lob Sond- Gegen die Relkgkoris- Verfolgungen in Rußland. Gemeinsame Kundgebung der Deutschevangelischen Volksvereinigung, des Katholikenkomitees und des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Frankfurt a. M. Mehr denn zweitausend religiös gesinnte Hörer, die dem Aufruf der Deutsch-evangelischen Volks- Vereinigung, des Katholikenkomitees mW des Centralvereins gefolgt waren, lauschten am Mittwoch, 5. März, im Großen Saal des Saalbans in Frankfurt a. M. den Vertretern der drei Konfessionen, um gegen die Neligionsverfolgungen in Rußland zu protestieren. Alle Redner betonten, daß es sich nicht um eine Stellungnahme zu Fragen der Politik oder der Wirtschaft handle, sondern nur um die Religion. Der evangelische Kirchenrat K ü b e l stellte dar, wie die Leiden der Neligionsgesellschasten, ihrer Funktionäre und Bekenner aus der bolschewistischen Gesetzgebung herrühren: Enteignung des Gutes der Religionsgemeinschaften, Verbot der Erteilung des Religionsunterrichtes an Minderjährige bei Strafe der Verbannung. Unterbindung der konfessionellen chantativen und fitliuteftcn Arbeit, Hinrichtung von Geistlichen, Schließung von Kirchen, Synagogen und Moscheen, Verbot der Bibel und des Koran, pflichtmäßiger Schulunterricht in Atheismus sind die Folgen und führen zu einer Umkehrung der sittlichen Begriffe. Stadtpfarrer Prälat Dr. Herr zeigte die Duetten dieser Einstellung im westeuropäischen Materialismus der Büchner, David Friedrich Strauß, Renan und in der heutigen Intoleranz. Nicht eine dogmatische Toleranz ist zu fordern, die dein unmöglich ist, der von seinem Glauben überzeugt ist, sondern die persönliche Toleranz, die gerade die Religion lehrt, die Liebe zwischen Mensch und Mensch, wer es auch sei, als Ebenbild Gottes, und die im Staatsleben ihren Niederschlag in Gleichheit aller Religionen gesunden hat. Daß bei uns religiöse Lehre und Leben nicht mehr übereinstimmeli, ist unsere Schuld an diesen Erscheinungen. Rabbiner Dr. Lazarus führte aus: Unser Recht 31t dieser Kundgebung fließt aus dem Wort jenes in Rußland verbotenen, uns allen gemeinsamen Buches: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Unsere Liebe, die nach der Lehre unserer Religion nicht haltmachen darf an den Grenzen unseres Landes und unserer Glaubensgemeinschaft, erheischt von uns-, unser Mitgefühl , kmwzutun. Wahrhafte Liebe fühlt, was dem Bruder wehtut, mW so haben wir über alle unsicheren Nachrichten, die zu uns dringen, hinweg ein Gefühl, das; unseren Brüdern ein Schmerz geschieht. Wir dürfen nicht fragen: „Bin ich der Hüter, meines Bruders?", sondern haben bei aller Objektivität gegenüber dem russischen Geschehen die Pflicht, uns der Warnung nicht zu verschließen, wenn es nur das heiligste Gut dev Menschheit geht, um die Religion. Wir Juden haben innner in unserer Geschichte für die gebetet, die um Seines Namens willen leiden. Sollte uns das Beispiel solcher Menschen nicht eine Mahnung sein, die Religion nicht dahinschwinden zu lassen? Zu lange haben die Hüter der Religion nebeneinander gestanden in ihren Bernühungen um ihre Erhaltung. Wenn dieser Abend im§ vor Augen führt, wie viel wir trotz aller Unterschiede, die wir nicht leugnen oder verwischen wollen, dennoch gemeinsam haben, dann hat die Kraft, die das Böse will, wieder einmal etwas Gutes geschasst. „Lernt, daß ihr gewarnt seid, das Rechte 3n tun unb Gott nicht zu verachten!" Mit den? von Kirchenrat Kübel gesprochenen Gebet „Hilf denen, die itm Deines Namens willen verfolgt werden" schloß die eindrucksvolle Versammlung, über die die Frankfurter Presse aller politischen Richtungen anssührliche Berichte brachte.

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