Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 3 (März 1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Helmer 51t Mannheim, als nachahmungswürdig in diesen Blättern angeführt zu werden. Während viele seiner Glaubensgenossen in den Reihen der Befreiter Deutschlands kämpften, widmete er sich mft dem Eifer eines Krankenpflegers den Diensten, des großen, zu Mannheim während-acht Monaten bestandenen Feldyospitals. Als die sämmtliche Versorgung desselben öffcntttdi an den Wenigstnehlnenden, beh einer großen Mitbewerbung von Leuten, die von einer solchen Uebernahme bedeutenden Gewinn hofften, versteigert ward, drückte er durch sein Anerbieten den Preis so tief herab, daß sich davon Niemand Gewinn versprechen konnte, Rastlos bot er alles auf, um unter der obern Leitung der zwey netten Vorsteher des Lazareths. des verdienten Oberarztes Dr. Jung und des Oberaufsehers Frey, den möglichsten Grad von Reinlichkeit, guter Verpflegung und der sorgfältigsten Bedienung ver Kranken und Verwundeten herzustellen. Er scheute keine Gefahren ftir die Gesundheit, um der besten Pflege der Vaterlandsvertheidiger versichert zu sehn. Bey jedem Winke einer möglichen Besserung wurden keine Kosten von ihm gespart, um sie zu bewerkstelligen. Russen, Preußen, Oesterreicher, Bayern und Franzosen wurden alle, nach dem schönen Beyspiele der beyden Hospital- Verbände, mit gleicher Liebe und Sorgfalt von ihm behandelt. Als zuletzt die Anzahl der Kranken von vielen Hunderten auf wenige herabschmolz, fuhr er init denselben bedeutenden Opfern fort, unbekümmert, ob ihm ein Ersatz für den offenbaren Verlust werde zu Theil werden. — Noch mehr; so oft eine Anzahl Genesender abging, gab er jedem ohne Ausnahme, aus seinem Beutel, ein dessen Bedürfnissen angemessenes Geldgeschenk. Ost habe ich mir das Vergnügen gemacht, die rührende Scene 31t beobachten, wo katholische, griechische tmd Protestantische Krieger dem Israeliten die Hände drückten und mit Thränen im Auge, unter der Versicherung, daß sie noch tu wenigen Lazarethen so gehalten worden seyett, ihm für seine uneigennützige liebevolle Pflege dankten. Sondheimer ist überdies kein besonders reicher Mantt und Vater einer zahlreichen Familie. Der Oberarzt der Central-Hospiz-Verwaltung für Deutschland, Dr. Merrem, erkannte, als er unvermuthet das Hospital zu Mannheiut untersucht hatte, die Verdienste dieses Unterrtehmers seltener Art an, und äußerte ihn: diese Anerkennung ttebst dem Veyfall und der besondern Zufriedenheit des Grafen 51t Solms- Laubach in einem sehr schmeichelhaften Schreiben vom 26. Jun. 1814. Auch das Hospital- Verwaltungs-Collegium, welchem einige angesehene und vaterlandsliebende Bürger Mannheims zur Oberaufsicht beysaßen, stellte dem braven Israeliten wörtlich folgendes Zeugniß aus: ,Es sey ihm sehr angenehm, einent Manne, der sich, einer so lästigen, und so wenigen Gewinn abwerfenden Sorge unterzogen habe, das pflichtmäßige Zeugniß ertheilen zu können, daß derselbe bey Uebernahme des Lazareths, wo 959, so wie jetzt, wo nur noch 64 Kranke sich im Lazareth befanden, dieselben mit größter Pünktlichkeit, mit den abwechselndsten Speisen, mit einem sehr trinkbaren Wein von zweyerley Gattung, mit einer solchen Reinlichkeit besonders im Weißzeug und überhaupt tnit einer Sorgfalt verpflegen ließ, die ihm nicht allein die besondere Zufriedenheit des großherzogl. Kreisdirectoritnns, des Diesseitigen Verwaltungs-Collegiums und vorzüglich der Untersuchungsausschüsse der Central-Verwaltung oer Lazarethe in Detltschland zu Frank-' furt, sondern vorzüglich auch die Liebe der Kranken und die Achtung der Stadt Mannheiut erworben habe/ ,Wir müssen wünschen/ heißt es in demselben, ,daß beh allen Lazareth- Anstalten ein so uneigennütziger Menschenfreund als Verpfleger angestellt wäre, der sogar bey Entlassung der Genesenen, dieselben auS seinem Beutel mit baaren Gelde für ihre Reise unterstützte/ Auch der kaiserlich-russische Stadtcommandant, Oberstlieutnant von Bachmann, bestätigte mit seiner Unterschrift dieses * ehrenvolle Zeugnis. Bescheiden hat dieser brave Israelit, belohnt durch seilt inneres Vewußtseyn, nie von diesen Zellgltissen Gebratlch gemacht; allein ein Deutscher n i ch t jüdischer Religion, der den Zustand oer Feldlazaretbe aus vielen früheren Erfahrungen kennt tmd sachkundig ist, So ist es Sitte in dem Geschlecht Isaaks, Uralte, zu Gesetz und Gebot gewordene Sitte: baß der Jüngling, der ein Weib freiett will, einen aus der Freundschaft oder Verwandtschaft schicke, mit zu werben. Und Moses Mendelssohn tut ltach dem Gesetz feiner Väter, da er die Erwählte seiner Augen erblickt und gefunden wähnt. Er läßt sie wissen, daß er sie 31t seinem Weib begehre, daß er sie und die Kinder, die sie ihm gebären wolle, nähren könne, daß man im Hause Bernhardt nicht nur, sondern in der ganzen Gemeinde ihn achte und schütze. Schönheit tmd Wohlgestalt besitze er nicht, aber er habe sein Herz sprechen lassen und mit dem Herrn geredet. Denn also habe der, der ihm Blut und Leben gegeben habe, 31t ihm gesprochen: „Hat dein Herz eine gefunden unter ben Töchtern deines Volkes, so ist es gut. Der Gott unserer Väter wird den Weg segnen, auf dent du zu ihr gehst. Aber Prüfe.und erforsche deine Seele in allen Gründen vor den Augen des Allweisen uttd Allgerechten." Solche fromme Rede des fernen, greisen Vaters an den berühmten Sohn wird ihm mehr Fürsprach, denn all seine jungen Erfolge in den schönen Wissenschaften und Künsten. Des Mädchens Eltern, zu denen man seine Botschaft getragen hat, laden ihn in ihr Haus. „Wer immer auf die Stimme seiltes Vaters hört, wird in seinem Haus gesegnet sein tnit Kind und Kindeskindern . . ." denken und sagen sie, und Moses hört es durch seine Freunde: „Der junge Mendelssohn ist uns als Schwieger lvillkomtnen . . ." Darum geht er am Tage nach Sabbath, da er noch in feiertäglicher Stimmung ist, nach dem Haus seiner Braut. Lange hat er int Halbdunkel seiner einsamett Stube gestanden, hat im Spiegel den gebückten und verunstalteten Körper gemustert, mit scharfem Auge, das alles Verborgene hervorgezerrt ist. Es ist sehr viel Wehmut und Zittern in ihm, da er den Blick durch die Stube streifett läßt, über die Hoheit Bücherregale, über ben Schreibtisch am Fenster -- und es ist ihm, als nehme er Abschied von diesem Leben, als gehe er mm vor ein strenges Gericht, das über Zukünftiges ein Urteil sprechen müsse. Lange hat er so gezögert. Dann geht er die schmale Gasse des Berliner Ghettos hinunter, sucht nach dein Namen und hebt, da er die richtige Tür gefunden hat, dett Klopfer. Er muß nicht lange warten. Hinter den Vorhängen des Torfensters mag die auf ihn gewartet, ttach ihnt gespäht in heimlicher Erregung tmd vielleicht Bitternis erfahren haben, da sie ihn stehen sieht: Nicht ein Held, wie die Träume tmd Sehnsüchte der Mädchen den Verlobten rühmen, sondern ein gebeugter und mißgestalteter Mensch. Er weiß, daß mmt seiner spotten kann uttd er lächelt darüber immer, tonnt die kleinett Seelen es tun. Aber .nun, da er int dämmrigen Hausflur steht vor dett Alten, ist es ihnt doch, als müsse er sehr bangen und trauern. Und er gebietet feinem Herzen,' daß es langsant schlägt und daß es ihm min helfe, da er die Liebste erwartet. .Es ftttb verständige und kluge Worte, die er mit dem Alten wechselt. Und er ist tun keim Antwort verlegen. glatlbte dessen edles Vettehuten itt diesem Archive edler Handlttngen, auch insbesondere a l ö stuftet für christliche Vervfleger ähnltcher Wohltätigkeitsanstalten, ausbewahren zu müssen." Ein christlicher Freund Ihres Blattes. Aber da nun das junge Mädchen in dett Raum tritt, schweigt er. Sie ist jung und schon. Jung wie eine Gazelle am Berg Libanon tmd schön wie Sulamith im Garten des weifen Königs. Ihr Wuchs ist edel, ihr Haar leuchtet, ihr Gesicht ist schmal und hoch die Stirne. Aber ihre Augen sind niedergeschlagen. - Und Moses Mendelssohn weiß auf eittmal, daß diese Attgett sich scheuen, seine Gestalt zu umfangen. Er wird ganz traurig. Aber da es gleicherzeit auch in zitternder Erkenntnis durch seine Seele bebt, daß da sein Glück vor ihm stehe, tveiß er auch, daß er dartmt kämpfen muß. Und leise beginnt er zu reden: „Wenn immer ein Kind attf Erden geboren toird, tverden ihm int Himmel die Lose seines Schicksals bestimmt: Und bestimmt Wirb ihm schon in dieser Stunde, wer ihm Gemahl und Begleiter werden soll auf dem Wege durchs Dasein ..." Seine Stimtne, so leise sie ist, ist voller Musik und Süße. Er spürt, Wie die Seele des Mädchens ihr lauscht. Und sehnsüchtiger noch denn zuvor erzählt er weiter: „.. - Da ich geboren ward, hat eine Stimme gerufen — vielleicht war, es die des Engels Gabriel zu Seiten des Herrn Zebaoth — und tu ich mit einem Mädchen Zusammengetan: Wehe und leid darum: Sie wird mißgestaltet sein ttnb verwachsen . . Moses Mendelssohn schtveigt einen Augenblick. Er sieht, wie das Mädchen schwankt, wie feine Augenlider sich langsamzu heben beginnen, wie ein Schluchzen es erschüttern toill ttnb* wie jene Seele ihm näher kommt. Da redet er schlicht ltnb schon voll einer seligen Gewißheit: „... Also horte ich. Aber ich bat und flehte zu der Stimtne: Ein Mädchett, auf dem solches Schicksal gelegt wird, mag bitter und hart tverden. Ein Mädchett soll schön sein wie eine Rose, schlank wie eine Lilie. . . Herr Gott. . ." Moses Mendelsohn sieht itt dem schmalen ttnb süßen Gesicht seiner Braut zwei dunkle Sterne aufleuchten. Und ganz leise unb glücklich endet er: „... Herr Gott, bat ich, gib ttt i r diese Ungestalt tmd laß das Mädchen gerade wachsen ltnb wohlgefällig sein ..." Nur einen Augenblick lang ist ein feierliches Schweigen in dem Raum. Dann aber schluchzt das Mädchen ihm gegenüber auf, austiefstem. Grunde des Herzens, und schlingt die Hände mit seinen Hals, birgt den Kopf an seiner Brust uttd weint mit ihm die Tränen gemeinsamett Lebens. Und über der Stunde, in der sich Moses Mendelssohn also sein Glück gewinnt, stehen die Worte dessen, der ihn gezeugt: „... Hat dein Herz -eine gefunden unter den Töchtern deines Volkes, so ist es gut. Der Gott unserer Väter wird den Weg segnen, attf beut ihr zu ihm wandelt . . Verlag: Centralvereiu deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens e. V., Berlin SW 08, Lindenstraße 18. Hauptschriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich: Dr. Margarete Edel he im. Beide Berlin SW 08. Drück von R u d 0 lf Masse, siegt. / Moses Mendelssohns Brautwerbung Von Th. Vogel (Schweinfttrt).