Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 2 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2571117-2571168-2571170--436-2571766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
<vs«»sche (tttoraf die „Gold oder Blut", f o heißt ein kleines Bnch von Otto Bangert. Es ist eine Art nationalsozialistischer Staatsethik, die man lesen sollte, weil das Bnch nicht nnr bewußt das gehässigste antisemitische Dokumeut ist, das ich kenne, sondern weil es unbewußt zngleich eine Schändnng des d e n t s ch e n G e i st e s und der d e il t s ch e n Vergangenheit ist, deren ich mich schäme. Ans dieser Schändnng ist Glaube nnd Haß dieses Buches a u f g e b a n t. Ich zeige sie an, nicht um dies kleine Bnch, sondern die Unwahrhaftigkeit einer Geistesrichtnng anzngreifen, die 31t Fälschungen greifen muß, nm das Zn stützen, was sie als „sittliche Erneuerung" ansgibt. Ich will nicht drehen nnd beuteln. Ich lasse Otto Bangert selber sprechen: „Ans der dämmernden Jugend unseres . Volkes steigt eine alte Märe herauf, die von: Fluche des roten Goldes rannt, all denr Könige und Helden und Völker starben . . . Der Fluch des Goldes, von dem die ferne Sage rannt, steht heute als furchtbare und finstere geschichtliche Wirklichkeit über unserem Volke . . . Sein Dämon ist der ewige Jude . . . Dem nordischen Helden war das Gold ein schönes Kleinod . . . Um seines zauberischen Scheines willen liebte er das Gold, mit kindlichem Herzen und ohne Falsch. Denn nicht am Gelde, am Schwerte maß er alle Werte und Dinge . . .Dem schleichenden Juden aber war das Gold kein funkelnder Tand für Kinderherzen, ihm bedeutete es eine von dämonischen Kräften erfüllte Macht, deren Zauber ihm Gewalt gab über die Menschenfeelen und Herrschaft über die weite Welt. . . Dem Fluch des' Goldes tritt beschwörend das Hakenkreuz entgegen, unerbittlich entschlossen zum letzten Kampf um die Erlösung der Welt." Nietzsche hat einmal die Geschichte als ein Mittel zur Selbsterkenntnis bezeichnet. Sie ist es wahrhaftig, und Otto Bangert hat recht, zu den mythisch-religiösen Quellen des Germanentums hinunterzusteigen, um die Grundgestalt germanischen Denkens zu zeichnen. Wir folgen ihm, und gewissenhaft wie seiner Schrift gegenüber, verfahren wir auch gegenüber jenen ehrwürdigen Quellen, schlagen die Edda auf und zitieren aus dem gewaltigen Weissagungslied der Seherin Wöln, die das Weltgeschick von der Schaffung der Erde bis zum Untergang und weiter bis zu ihrer geweihten, reinen Erneuerung kündet:. Die Götter einten sich auf dem Jdafelde, Hof und Heiligtum hoch zu zimmern. Erbauten Essen, das Gold zu schmieden. Hämmerten Zangen und Handwerkszeug. Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln, An blitzendem Golde gebrach's ihnen nicht... Und von der erneuten Erde, die vor dem Auge der Seherin „auftaucht zum anderen Mal aus dem Wasser und wieder grünt", heißt es: Einen Saal seh' ich Heller als die Sonne, Mit Gold bedeckt auf Gimles Höhn: Da werden bewährte Leute wohnen Und ohnö Ende der Ehren genießen . . . Damit ist zunächst festgestellt: Zwischen Otto, Bangert und den alten Germanen tut sich ein unüberbrückbarer Abgrund auf. Bangert kennt das Gold nur als Fluch und als Merkmal dämonischer jüdischer Gier. Die Germanen aber kannten es als Besitz und Merkmal ihrer Götter — wundervolle Vision eines jugendlichunbeirrbaren Volkes, wie die Götter da rüstig ihre Kräfte erprvben, Würfel werfen, und in tatkräftiger Schöpserlust Essen und Werkzeuge erfinden und bauen, die Symbole des Arbeiten§, neben denen als Symbol der göttlichen Macht das Gold steht — und so entschieden zeugt die Edda gegen Otto Bangert, daß sie das Gold nicht etwa mit dem Ende dieser Welt denr wohlverdienten Untergang preisgibt; vielmehr ersteht gerade in der paradiesisch reinen, versöhnten Erde, von der es ausdrücklich heißt: „Auf unbesätem Acker lverden Aehren wachsen, alles Böse schwindet —" das Gold abermals als göttliches Zeichen. * Wenn nun dieselbe Edda, die so eindeutig den Rang kennzeichnet, den das Gold im Belvußtsein der Germanen einnahm, an anderer Stelle ein Stück aufweist, in dem vom Fluch des Goldes die Rede ist, so kann dieser Fluch nicht aus dem Golde überhaupt ruhen; vielmehr muß der Fluch sich aus den besonderen U m ständen, von denen jenes Stück erzählt, ergeben. Denn das unverstellte, ursprüngliche Denken des Volkes ist einheitlich. Es ist in sich geschlossen und widerspruchslos. Aber interpretieren wir nicht, sondern lassen wir die Edda selber zeugen. Negin, der Zwerg, erzählt im Neginslied: „Otr hieß unser Bruder. Der fuhr oft in den Wasserfall in Ottersgestalt. Da hatte er einst einen Lachs gefangen und saß am Flußrand und aß blinzelnd. Loki warf ihn mit einem Stein zu Tode. Da beuchten sich die Äsen sehr glücklich gewesen zu sein und zogen dem Otr den Balg ab. Da griffen wir sie mit Händen und legten ihnen Lebenslösung aus: sie sollten den Otterbalg mit Gold füllen und außen auch mit rotem Golde bedecken. Da schickten sie Loki aus, Gold zu schaffen." Loki bringt nun den Zwerg Andwari in seine Gewalt und fordert wiederum von ihm das Gold als Lösegeld. Die Edda berichtet: „Loki sah all das Gold, das Andwari besaß. Aber als dieser das Gold entrichtet hatte, hielt er einen Ring zurück. Loki nahm ihm auch den hinweg. Da ging der Zwerg in den Stein und sprach: Nun soll das Gold Zweien Brüdern das Ende bringen Und der Edelinge acht verderben: Mein Gold soll keinem zugute kommen." Es ist also ersichtlich, ohne jede Deutung, allein aus dem klaren Wortlaut des Textes: 1. Auf den: Gold an sich ruhte durchaus kein Fluch, vor allen: kein göttlicher Fluch. Vielmehr wird der Fluch von einem Gegenspieler der Götter, dem Zwerg Andwari, erst ausgesprochen, und wiederum nicht über das Gold schlechthin, sondern über das Gold, das der listige Gott Loki ihm nimmt, und schließlich: kein ewiger, sondern ein auf bestimmte Generationen begrenzter Fluch. 2. Andwari spricht den Fluch nicht aus, weil er Gold als Lösegeld entrichten muß, sondern erst, nachdem Loki auch das letzte, den Ning gefordert hat, d. h. also: nachdem der Gott nicht nur rechtmäßig verfuhr — denn die Entrichtung von Gold als Sühne oder Lösegeld war tief im Nechtsbewußtsein und Nechtsbrauch der Germanen verhaftet —, sondern über den Nechtsbrauch hinaus kleinlich, habgierig und grausam sich zeigte. Wir haben hier eine deutliche Parallele 311 der alttestamentlichen Vorstellung von der Erbsünde — eine Parallele, die doppelt interessant dadurch ist, daß der Graf Neventlow die Auffassung vertritt, diese Vorstellung der Erbsünde sei den Germanen völlig fremd gewesen; ihr reineres und strengeres Nechtsbewußtsein habe nur die persönliche Schuld gekannt. Aber bleiben wir bei dem Kernpunkt. Wenn Bangert das Hakenkreuz auffordert, dem Fluch des Goldes entgegenzutreten, und sich dabei auf altgermanischen Glauben beruft, so ist diese Berufung nicht ohne groteske Komik. Denn ihnen war das Gold göttliches Zeichen, und als einmal ein Goldfluch ausgesprochen wird, kommt er von den Widersachern der Götter. * Der Germalie war goldfreudig. Goldsreude spricht aus seinem Lied, seinen Göttermhthen und seinem Heldensang. Man könnte ein Buch, nicht kleiner als das Jrrtumsbuch von Bangert, mit Quellenstücken zur germanischen Goldfreude füllen. Er liebte es keineswegs, „mit Kinderherzen, als funkelnden Tand, um seines zauberischell Scheins willen". Otto Bangert! Die Germanen waren nicht Kinder, sondern ganze Kerle vom Format der unablässig schaffenden Machtmenschen. Und darum, Otto Bangert, sahen sie das Gold überhaupt nicht mit Ihren sentimental-besorgten Augen an, sondern als das, was es war und ist: als Machtbringer. Denn Gold brachte Schwerter, Nüstnngen, Pferde; Gold hieß: Heerhaufen lverben, und es hieß: Burgen bauen. Wer sich nur auf sein Schwert verlassen konnte, lvar machtloser als der, der über Ähwert u n d Gold gebot. Das wußten die Germanen und danach handelten, sie. Und aus diesem Wissen haben sie heute noch das, was die Herrschaft der Erde in ihre Hand gibt: den Sinn dafür, die Erde zu bewirtschaften, ihre Schätze zu Verlvalten und in produzierende Energie umzusetzen. Eddageist ist nicht in den trüben Pessimismen Bangerts, sondern in Galsworthys „Forsytesaga“ im alten llolyon rmd seinem Wissen um Wille, Macht und Wirklichkeit. Und ist etwa Hilgenberg, dem Bangert und die Seinen als. dem „Reiniger" Zujubeln, Gold nur Tand für sein kindliches Herz? . . . Es gibt eine schöne alte Urkunde der Stadt Speyer, in der zu lesen ist, wie der Bischof Rüdiger, als er das Dorf Speyer zur Stadt zog, auch Juden dorthin gezogen „in der Ueberzeugung, daß er dadurch den Glanz des Ortes vertausendfache". Der Bischof, der das Schwert ebenso herzhaft zu führen wußte wie das Kreuz, sagt ganz unverhüllt, realistisch, unsentimental, wie die Juden den Glanz von Speyer erhöhen sollen: er erteilt ihnen das Recht, „Gold und Silber zu tauschen und jeden Handel zu betreiben". Das befremdet uns nicht nach den oben gegebenen Eddaproben. Urkundlich steht damit fest, daß das Gold nicht das Trennende zwischen Germanen und Juden war, sondern das Verbindende. Man hatte damals noch nicht so gründlich das Fürchten gelernt — weder vor den Juden, noch vor denr Gold. Und diese echten, Macht schaffenden Germanen der Wirklichkeit sind mir denn doch lieber als die unechten Seidenbildchen völkischer Webart nach der Probe Bangerts. * Goldfreude ist denn auch ein vorherrschender Charakterzug der Lichtgestalt Siegfrieds. Auch er kein „Kind", sondern ein heldischer Mann, kampffroh und goldfroh, weil er machtfroh ist. Im Fafnirlied erzählt die Edda vom Kampf Siegfrieds mit ^Fafnir, der das Gold besitzt, das Andwari verfluchte. Fafnir kennt den Erbfluch, und noch im Sterben warnt er Siegfried: