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Central-Verein-Zeitung · 1930-02-01 · Heft 2 (Februar 1930) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 2 (Februar 1930)
Date
1930-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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10 schiedennrtigkeit irgendwie immer bestehen bleiben wird, allmählich zu einer gewissen Einheit zusammengewachsen ist. Es kann also nichts geben, das sich als das eigentlich Deutsche, als das Deutscheste von allem airsgeben dürfte; jedesMitgliedder deutschen Sch i ck - s a l s g e m e i n s ch a f t i st in gleichem Maße „deutsch" und kann mit gleichem Recht für sein Denken und Tun in Anspruch nehmen, baß es als eine Verkörperung wahrhaft deutschen Wesens zu gelten hat. Und darum ist das Deutschtum nichts starr für alle Zeiten Festgelegtes, es faßt eine reiche Fülle in sich, von der eine begriffliche Darlegung höchstens hervorstechende Merkmale erfassen, sie aber nie restlos erschöpfen kann. Wenn jemand heute hundert Kennzeichen entdeckt für das, was als deutsch zy gelten hat, so sind vielleicht morgen schon hundertundeins daraus geworden: Im Laufe seiner Geschichte kann das Deutschtum immer wieder neue Wesenszüge hervortreten lassen; es ist wie alles Lebenskräftige in ewigem Werden. Und wenn in den letzten Jahrhunderten auch Juden schöpferischen Anteil an dem deutschen Geistesleben nahmen, so können wir anderen Deutschen es geradezu von ihnen fordern, daß sie aus ihrer Eigenart heraus neue Einzelzüge, neue Schattierungen in das große Gemälde deutschen Wesens einfügen. Denn was sollen uns neue Genossen in unsrer deutschen Schicksalsgemeinschaft, die unser Deutschtum nicht von sich aus bereichern? Eine Lehre wie die Spanns will aber durch angemaßten Richterspruch vielseitige Weite in einseitige Enge, bunten Reichtum in dürftige Armut verwandeln. Es ginge noch an, wenn sie nur einem engen Kreis von Wissenschaftlern theoretische Erkenntnis vermitteln wollte. Aber das eigentlich Gefährliche, das, was Spanns Schrift über den Einzelfall heraushebt und zum Symptom einer krisenhaften Entartungserscheinung macht, liegt darin, daß sie die M a s s e n ergreifen und auf ihr ganzes Handeln, auf ihr ganzes Leben richtunggebend einwirken will'. Alle werden abgeschreckt und gewarnt: Nur wenn sie sich intensiv in das Bildungsgut vertiefen, das ihnen als ein Deutschtum von unverfälschter Reinheit angepriesen wird, und anderen geistigen Einfluß von sich sernhalten, nur dann haben sie die Gewähr, daß ihnen ihre deutsche Wesensart wirklich unversehrt erhalten bleibt; nur dann ist das Ziel zu erreichen, das jedem deutschen Volksgenossen vorschweben soll, nämlich (so heißt es wörtlich . bei Spann) „alle seine Geschäfte b e w u ß t als Deutscher zu treiben"; jeder Deutsche muß mit Peinlicher Gewissenhaftigkeit darüber wachen, daß jede Tat, die er vollbringt, jeder Gedanke, den er denkt, von der Geisteshaltung, die allein als die kerndeutsche zu gelten har, beherrscht wird. .In mehr als fünszehntausend - Exemplaren drangen diese Mahnungen bereits in das Volk („16. bis 20. Tausend" lautet der Vermerk, den die dritte Auflage von Spanns Schrift trägt), und die vielen, die nicht das geistige Rüstzeug besitzen, sich gegen sie zu wehren, werden verwirrt, sie werden kopsscheu und an sich selbst irre gemacht — vielleicht nicht die bloße:: Maulaufreißer unter den Völkischen, aber gerade die Wertvollen, die Gewissenhaften, die wirklich ernsthaft um ihr Deutschtum ringen: ihnen wird die naive Unbekümmertheit geraubt, sie verlieren den Mut, frisch und fröhlich und mit schlafwandlerischer Jnstinktsicherheit zu handeln. Weil sie um jeden Preis ihr Deutschtun: erhalten wollen, tritt bei jeder Entscheidung, die sie sonst ihren: triebhaften Gefühl, ihrer gesunden Witterung für das Nichtige überlassen hätten, hemmend und quälend in ihrem Innern die Warnung auf: ist das, was du tun willst, ist deine Stellungnahme zu diesen: und jenen: Problem, das an dich herangetreten ist, auch unbezweifelbar kerndeutsch, ist sie es wirklich? Es genügt nicht, daß dein eigenes Gefühl dir zu etwas rät. Einen: solchen Rat darfst du nicht blindlings folgen, du mußt ihn ängstlich und mit Sorge darauf prüfen, ob er streng den: Geist jenes eng umgrenzten Kanons entspricht, der allein auf die Frage nach wahrhaft deutscher Art Antwort gibt; du darfst beileibe niemals neue Wege gehen. Das Deutschtum ist nicht ein Gut, das jeder Deutsche sicher besitzt, sondern etwas, um das er täglich kämpfen, das er mit ängstlicher Sorgfalt hüten mich, weil es ihm sonst unversehens wieder entgleiten kann. Mit solchen Lehren wird eine Generation von Ueberbewußten, innerlich Unsicheren und Gehemmten herangezüchtet, die über lauter vorbereitenden Fragen: „was ist das Deutsche, das ich mir fest in mein Bewußtsein hämmern muß?" und „was ist das Undeutsche, das ich sorgsam meiden muß?", niemals zur Tat und Entschiedenheit kommen. Und die Gefahr solcher innerlichen Entwurzlung ist größer, als man vielleicht anninunt. Ich habe selbst beobachten können, wie beispielsweise junge Studenten, die voll ernsten Strebens waren, sich mit den großen Zeitfrageu auseinanderzusetzen, unter den: Einfluß irgendwelcher unglücklicher Dogmen von bohrendem Mißtrauen gegen ihr eigenes gefühlsmäßiges Urteil ergriffen wurden: sie haben etwa ein Buch gelesen, dessen Gedankengünge ihnen nach ihrem ersten Eindruck durchaus einleuchteten, von dem sie fest glaubten, daß es sie innerlich weiterbringen könne. Aber aus der freudigen Zustimmung wird sofort entschiedene Ablehnung, lueitn sie etwa erfahren, daß dieses Buch — — von einen: Juden stammt. Dann muß ihr erstes Urteil sie eben getäuscht haben, dam: müssen in krampfhaftem Bemühen Argumente gefunden Werder:, um das eben noch Gebilligte zu widerlegen; denn wie kann jemand, der sein artbewußtes Deutschtum erhalten will, sich von eine::: Juden anregen lassen? In einer gärenden Zeit wie der unseren, in der so vieles Alte niedergerissen ist, ohne daß immer ein festgegrttndetes Neues an seine Stelle gebaut ist, in einer solchen Zeit droht ohnehin, zumal unfertigen Menschen, immer die Gefahr, daß sie den großen Problemen, die auf jeden Denkenden einstürinen und die die Zeit selbst noch nicht gelöst hat, nicht gewachsen sind, daß fiß auch hineingerissen werden in den großen Wirbel der Zeit. Aber gerade darum sott man nicht künstlich Probleine hinzuerfinden,^die gar nicht vorhanden sind, sich nicht Furcht davor einreden, etwas zu verlieren, was gar nicht verloren gehen kann: deutsch wird immer das sein, was Deutsche tun und denken, es fragt sich höchstens, ob es auf eine gute od.er auf eine schlechte Weife deutsch ist. Aus eine gute Weise deutsch wird es aber immer fein, alle hemmenden Skrupel, von denen die Gemüter gequält werden und die doch nur eine Form der Feigheit, der Lebensangst sind, zu zerstreuen, damit ein Geschlecht herauskonnnt, das, ohne bei jedem Schritt ängstlich hinter sich zu blicken, neue Wege geht, das mutig und mit unbeschwerter Tatenlust die großen sachlichen Aufgaben der Gegenwart, die wirklichen Probleme statt der Scheinprobleme, in Angriff nimmt und siegreich bezwingt. vie Verfolgung von Kirche un- Spnagoge in Sowjetrußlan-. Soeben erscheint in dm Tageszeitungen nachstehender Aufruf der sechzehn Superintendenten der evangelischen Kirche Alt-Preußischer Union: „Die Christenheit Rußlands steht unter schwerer Verfolgung. Die christliche Erziehung der Jugend wird gewaltsam verhindert, der Sonntag abgeschafft, die Feier der christlichen Feste zerstört, alle kirchliche Lebensordnung zerschlagen. Unzählige Christen, unter'ihnen mehr als 1000 Geistliche, haben die Treue zu ihrem Glauben bewahrt unter namenlosen Leiden bis hinein in den Tod. Erschüttert von dem, was sich dort vor unseren Augen abspielt, rufen wir die Glieder unserer Gerneinden auf, der verfolgten Glaubensbrüder in ernster Fürbitte zu gedenken, daheim und in den Gottesdiensten. Aeußere Hilfe zu bringen, steht nicht in unserer Macht, aber mit dem Gebet unserer Liebe wollen wir sie umgeben, die Unsägliches erdulden. Der Herr der Kirche, dessen sind wir gewiß, wird dieses Gebet nicht unerhört lassen. . Bei ihn: ist der Sieg. Das Blut der Märtyrer wird der Same der Kirche bleiben. gez. D. Zöllner, D. Dr. Dibelius, Eger, D. Gennrich, I). Haendler, D. Hegner, ° D. Kühler, D. Kalmus, D. Kalweit, D. Carow, I). Schian, D. Schöttler, D. Stolte, D. Stoltenhosf, D. Vits und D. Zaenker." Wer in der Religion ein heiliges Lebensgut sieht und sich, wo immer auch religiöse Verfolgungen stattfindeu mögen, gegen diese wendet, wird den Aufruf der sechzehn Superintendenten mit großer Erschütterung lesen.. Die bolschewistische Lehre, die entgegen oft wiederholter Behauptung, mit jüdischen Tendenzen nicht das geringste gemein hat, fordert die Abkehr von jeder Kirche und Religion und deren Verfolgung. Auch die religiösen Juden Rußlands müssen dies seit geraumer Zeit erleben; ihre Gotteshäuser werden zu Arbeiterklubs umgewandelt. So berichtet die Jüdische. Telegraphen-Agentur (JTA), daß nach einer offiziellen Feststellung in den ersten acht Monaten des Jahres 1929 in dem Gebiet der Sowjetunion 99 Synagogen beschlagnahmt wurden, im Verlauf des Dezember 1929 wurden nach einer Nachricht des „Emeß" 21 Synagogen in Arbeiterklubs usw. verwandelt, im Jahre 1928 wurden 59 Synagogen beschlagnahmt, so daß viele größere Städte schon ohne eine einzige Synagoge sein sollen. Ja, bis zum Jahre 1932, heißt es, sollen alle Kirchen und Synagogen profanen Zwecken dienstbar gemacht werden. Jüdische religiöse Führer werden verfolgt und ins Gefängnis geworfen, kurz, es wird den gläubigen Juden ebenso wie den Anhängern der christlichen Religion viel Leid zugefügt. Mit denen, die von diesem' fanatischen, religionsfeindlichen Programm und seinen Auswirkungen, betroffen werden, empfinden wir das herzlichste Mitgefühl. Diese religionsseindliche Haltung ist aber eine innerpolitische Angelegenheit der Sowjetregierung; das deutsche Judentum steht ihr deshalb leider ebenso machtlos gegenüber wie die evangelische Kirche.

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