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Central-Verein-Zeitung · 1930-01-01 · Heft 1 (Januar 1930) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 1 (Januar 1930)
Date
1930-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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7 Der altneue Coudenhove über ^Das Wesen -es Antisemitismus^. Zwei Grafen Coudenhove-Kalerghi über den Antisemitismus sprechen zu hören — Vater Und Sohll über Vorkriegs- bzw. Nachkriegs-Nntisemitisnms — dazu bietet uns jetzt die Möglichkeit eilt Buch, das im Pan-Europa-Verlag in Wien erscheint. Richard Coudenhove, der große Paneuropäer, gibt die philosophische Doktordissertätion seines Vaters, der damals schon 42 Jahre alt war und einer der reichsten Großgrundbesitzer Böhmens, Diplomat, ckoetor "juris und ehemaliger Offizier, über „Das Wesen des Antisemitismus" heraus, weil „durch das Anschwellen der antisemitischen Flut das Werk Heinrich Coudenhoves heute leider aktueller geworden ist, als es bei seinem Erscheinen war". So interessant für die Gedankengänge eines wissenschaftlich denkenden Großgrundbesitzers der Inhalt jener Streitschrist-Dissertation ist, so scheint uns doch bedeutsamer, natürlich aktueller und geistig wertvoller die Einleitungsstudie Richard Coudenhoves, der sich mit dem Antisemitismus nach dem Weltkriege nuseinandersetzt. Hier erhalten wir Analysen, Prägungen, Formulierungen, wie sie bei der starken, positiven Geistigkeit des führenden Paneuropäers zu erwarten sind. Hier merkt man nichts von übernouunenen Phrasen, nichts von traditionellen Gedankengängen, nichts von Schlagworten und „modernen" Rassentheoremen — hier spricht ein selbständig Denkender und Analytiker, ein eigenartig formulierender Geist, ein positiv denkender Kopf, ein eigenwillig-westlicher Kulturmensch, dessen geistiges Gebiet die ganze Welt ist, dem eine glückliche Jugend einen großen Horizont gegeben hat. Daß wir die Schrift mit besonders bewegter Freude von Seite zu Seite lesen, darf ja nicht weiter wundernehmen; aber auch für den politischen Gegner, der die Wahrheit hören will, bietet sie so zahlreiche Offenbarungen und Problemlösungen, und für den, der Freude hat an einer politischen Schrift voll Geist, Kultur und Geschmack, gibt sie eine so genußreiche Lektüre, daß man wünschen möchte, sie in einer Massenauflage, dem deutschen Volke gewidmet, zu sehen. Ein gewähltes Deutsch in feingeschlisfener Sprache von vornehmer, origineller Geistesart — das haben nur nid)t oft in einer politischen Schrift zu bewundern. Interessant, wie er die Persönlichkeit seines Vaters mit wenigen Strichen umreißt: „Politisch bekannte er sich zu keiner Partei; als Freund der Ordnung und Tradition dachte er konservativ; als Vorkämpfer der Toleranz liberal; als Feind der Ungerechtigkeit sozialistisch. Er nahm aktiven Anteil an der Friedensbewegung und dachte pazifistisch bis zu dein Grade, daß er seinen Kindern das Spielen mit Bleisoldaten untersagte, um irr ihre Herzen nicht den Kein: militärischer Gesinnung zu pflanzen. . . . Stets und überall stellte er sich aus die Seite der Religion in ihrem Kampfe gegen die Jrreligion. Er verkehrte gern und freundschaftlich mit gelehrten Jesuiten und Rabbinern, mit frommen Christen und Juden, Mohammedanern und Buddhisten (so nennt er sich im Vorwort seines letzten Werks einen Mann, der die religiösen Fragen in vier Kontinenten während eines Vierteljahrhunderts eifrig verfolgt und beobachtet und unter der Leitung christlicher, jüdischer, mohammedanischer und buddhistischer Lehrer studiert hat), dagegen waren ihm Fanatismus, Intoleranz und Klerikalismus verhaßt." Wenn wir die Stellung des jungen Coudenhove zum Antisemitismus betrachten, so finden wir zahlreiche Gedankengünge wiedergegeben, die an dieser Stelle schon wiederholt ausgedrückt worden sind und den Lesern daher nichts Unbekanntes bietend „Die politische Einstellung des Judentums in den verschiedenen Staaten ist nichts weiter als ein Echo der Behandlung, die ihm zuteil wird. Während die jüdische Intelligenz im zaristischen Rußland revolutionär eingestellt war — war sie in England ebensp^ckonservativ oder liberal wie die nichtjüdische Intelligenz. Disraeli, der Hrvßte Führer der englischen Konservativen, war Jude. Auch heute steht in England eine Reihe hervorragender Juden mit an der Spitze der Konservativen und Liberalen. Denn die englischen Juden mußten und müssen ihr Vaterland lieben, das den Antisemitismus ablehnt und ihnen volle und wahre politisch-soziale Gleichberechtigung gibt. ... Es ist aber sicher, daß die mitteleuropäischen Juden, deren überwältigende Mehrheit gute Patrioten waren und den Staat nicht verantwortlich machten für die unwürdige soziale Lage, in der sie sich befanden, ebenso konservativ wären wie die britischen, wenn ihre Stellung in Mitteleuropa die gleiche wäre wie in England, und daß darum der Antisemitismus hier kein Schutzwall gegen die soziale Revolution, sondern ein Nährboden sür sie ist. ... Für Demagogen und denkfaule Menschen ist diese Identifizierung des Judentums mit Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus, Materialismus, Freimaurertum, Parlamentarismus. Zersetzung — zu bequem, um nicht Anwendung zu finden. Der Antisemitismus wird so in der Politik zu einem Universalmittel; er findet stets ein Echo, weil er einem tief wurzelnden Vorurteil der Massen entgegenkommt. Die mitteleuropäische Reaktion versteht es meisterhaft, sich dieses Vorurteils zu bedienen und cs dadurch automatisch zu verstärken. . . . Der hervorragendste Kriegs- und Jnslationsgewinnler Deutschlands war bekanntlich ein Nichtjude. Die deutsche Industrie befand sich nur zum geringsten Teile in jüdischen Händen. Der mitteleuropäische Großgrundbesitz lag fast ausschließlich in den Händen voll Nichtjuden. Im ganzen halten die Juden durch den Krieg viel mehr verloren als gewonnen. Kein ernst zu nehmender Politiker konnte es wagen, den Juden einen Anteil der Kriegsschuld zuzusprechen; ebenso absurd waren aber die Pauschalvorwürfe gegen die Juden, den Kriegsausgang verschuldet zu haben. Alle diese Tatsachen helfen nichts. Die öffentliche Meinung wird durch Phrasen gelenkt, nicht durch Logik. Den Juden wurde die Schuld am Kriege, am Zusammenbruch, an der Revolution, an der Inflation zugeschvben. Die Massen, die stets geneigt sind, das zu glauben, was sie gerne glauben wollen, waren froh, einen Süudeubock gefunden zu haben für die furchtbaren Schicksalsschläge, die sie nacheinander ohne ihre Schuld getroffen hatten. In einem mitteleuropäischen Staat legte mir kurz nach dein Umsturz ein Parteiführer den Entwurf seines neuen Parteiprogramms vor. Hut meine Kritik befragt, machte ich ihn auf den Widerspruch aufmerksam, der zwischen einem Paragrapheil lag, der die volle Gleichberechtigung aller Konfessionell, ulld einem anderen, der die Zurückdrängung des jüdischen Einflusses sorderte. Daraus antlvortete er: ,Jch bin kein Antisemit, im Gegenteil. Aber wenn wir diesen antisemitischen Paragraphen nicht aufnehmen, bann schnappen uns die.(hier nannte er den Namen einer Konkurrenzpartei) unsere Wähler weg?" Das Judelltllm hat durch Jahrhunderte aus Scheiterhaufen und in Folterkammern bewiesen, daß es dort, wo es sich um seine eigenen Ideale handelt, feinem Volk der Erde an Tapferkeit nachsteht. Es hat um seines Glaubens willen einen zweitausendjährigen Weltkrieg gegen ganz Europa geführt. Dadirrch hat es ein Recht, sich als Heldenvolk ersten Ranges zu fühlen. Wer gerecht ist, mlltz das anerkennen. Denn Krieg und Kamps ist zweierlei. Und Kriege sind nicht die einzigen Prüfsteine der Tapferkeit. Den meisten Menschen wird es leichter scheineil, in den Krieg zu ziehen, als angesichts des Scheiterhaufens ihre Ueberzeugung nicht preiszugeben. Vor denl Kriege war Rußland das Weltzentrum des A n t i s e m i t i s m u s. Heilte ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlallds ist der Antisemitismus in Europa nur noch lebendig in einigen Mittel- und Kleinstaaten Osteuropas. Diese Tatsache sollte den deutschen Judenfeinden zu denken geben. Sie' werden sich dann wahrscheinlich in der Gesellschaft, in der sie sich befinden, nicht sehr wohl fühlen. Denn die drei anderen europäischen Großmächte lehnen den Antisemitismus kategorisch ab. . . . Der Haß gegen das Judentullr und gegen Deutschland sind verwandt. Beide Völker wurden gehaßt, verfolgt ulld verleumdet, weniger um ihrer Fehler willen, als um ihrer Vorzüge. . . . Denn die Juden sind ein begnadeter Menschheilszweig . Durch ein zweitausendjähriges Martyrium sind sie zu ihrer heutigen Größe emporgestiegen. Von den meisten Berufen ausgeschlossen, unter vielfach erschwerten Lebensbedingungen mußten sie ihren Geist zehnfach schärfen, um ihre nackte Existenz durch das Mittelalter hindurch zu retten. Nur die Tüchtigen konnten sich erhalten lind fortpflanzen. Wer willensschwach und feige war, ließ sich angesichts der Scheiterhaufen und Folterwerkzeuge taufen und schied aus der jüdischen Gemeinschaft aus: nur die Tapfersten und Willensstärksten hielten das Wunder dieses zweitausendjährigen Kampfes durch. So fließen in jedem modernen Juden Ströme von Märtyrerblut — von Menschen, die sich lieber verbrennen ließen, als sich von ihrem Gott, ihrem Glauben, ihrem Ideal loszusagen. Wer an Vererbung glaubt, muß in den Juden einen besonders wertvollen Zweig der Menschheit sehen. Ein Zweig der Menschheit, der gestählt ist vom Leiden und vom Denken. Denn während die meisten Europäer erst vor wenigen Generationen aus dem Analphabetentum hervorgegangen sind, haben die Vorfahren der Juden seit Jahrtausenden gelesen, geschrieben und sich mit geistigen Problemen auseinandergesetzt. Wer, statt auf Schlagwörter zu hören, diese Tatsachen bedenkt, gewinnt ein anderes Bild vom Judentum als das Zerrbild, das der Antisemitisnms schafft. Wenn die Größe eines Volkes sich messen läßt an der relativen Zahl seiner hervorragenden und bedeutenden Kinder, steht das Judentum heute zweifellos an erster Stelle. So betrachtet, erscheint das Judentum nicht als minderwertige, sondern als hochwertige Menschengruppe — und der Antisemitisnms als ebenso schweres Unrecht gegen die Juden wie der Deutschenhaß gegen die Deutschen. Heute ist die Mißachtung gegen die Deutschen in der Welt mindestens so stark verbreitet wie der Antisemitismus." Fritz Goetz. Der Toö fürs Vaterland. Nachstehender Brief, der uns zufällig zugängig gemacht wurde, legt Zeugnis von der Pflichterfüllung deutscher Juden im Weltkriege ab. D i e S ch r i f t l e i t u n g. 7. Komp. — Landw.-Jnf.-Rgt. 10. Geschrieben am 29. 9. 15. Zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen die traurige Nachricht von dem am 15. 9. erfolgten Heldentode Ihres Bruders, des Ofsz.-Stellvertreters Ernst Brenner geben. Durch ständige Gefechte uno Marschbewegungen war es mir nicht möglich. Sie eher zu benachrichtigen. Entschuldigen Sie bitte die Verzögerung. Bei einem Sturmangriff als leuchtendes Beispiel für Tapferkeit und Todesverachtung erhielt er, als er, auf dem ersten eroberten Graben im Feuer aufrechrstehend, seine Leute heranrief, einen Herzschuß durch ein Gewehrgeschoß. Er hatte nicht mehr zu leiden. Durch seinen fröhlichen Mut hat er stets seine Leute mrtgerissen. Durch sein gerades Wesen und seine Gerechtigkeit und Bereitwilligkeit, alles mit seinen Leuten zu ertragen, ist er diesen unvergeßlich. Wir haben an ihm einen wahren guten Kameraden verloren. Wir beklagen seinen Tod aufs tiefste. Ich werde ihn auch nie vergessen, er stand mir zu nahe. Er war ein deutscher Held. Seine Tapferkeit sollte dadurch belohnt werden, daß er zur Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Kl. vorgeschlagen werden sollte. Er hätte es mit Stolz tragen dürfen! Sie aber tröste der barmherzige Gott mit seinem Trost und helfe Ihnen den Schmerz zu überwinden. Seine Ruhestätte, die er mit meinem am selben Tage gefallenen Burschen, meinem lieben Kameraden, und einem anderen Helden teilt, liegt am Vorwerk Gwalty bei Duxty vor Wilna. Sein Eigentum wird Ihnen sobald als möglich durch die Komp, zugesandt werden. Mit der Versicherung meiner herzlichsten Teilnahme an dem Verlust, den Sie erlitten haben, bin ich Ihr ergebener gez. Dr. ... Leutnant und Kompagnieführer.

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