Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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H .{ Eides ist also gar keine Rede. Im Gegenteil, die Tatsache, daß man die Kol-Nidre-Formel gebrauchte, beweist, das; man selbst diese erpreßten, auf die Neligwn bezüglichen Eide sehr ernst nahm. In den spateren Zeiten trugen nun — nach Mandelstamm — die jüdischen Gemeinden in Spanien Bedenken, die Zwangstäuslinge zum Gebet zuzulassen, da sie ja äußerlich daS Judentum abgeschworen hatten. Deshalb wurde zur Zeit der Inquisition die oben nach Fritsch zitierte Einleitungsformel eingesührt, in der bte Aeltesten der Gemeinde die Erlaubnis aussprachen, „mit den Abarjanin; (Uebertretern) zu beten". Erst dann wurde von den Scheinchristen durch das Kol-Nidre ihr Gelübde vor der Inquisition, das ihnen die Ausübung der jüdischen Religions- Vorschriften untersagte, für erpreßt und naher ungültig erklärt. Mandelstamm sagt wörtlich aus S. 12 seiner Schrift „Horae Talmudicae‘\ II, Berlin 1850: „Daher pflegten sie (nämlich die spanischen Scheinchristen), in Weiße Leichentücher gehüllt, sich an einem Tage ängstlich an ihre Brüder, die vor der heiligen Bundeslade in Fasten und Gebet sich versammelten, zu drängen, um vor Gott, und seinem Volke feierlich zu erklären, daß alles, was sie etwa der Inquisition im Laufe des Jahres geloben, beschwören und versprechen sollten, nur als erpreßt und erzwungen zu betrachten sei, daß sie im Herzen aber immer dieselben treuen Gläubigen geblieben sehen und ewig bleiben werden, wie sie und ihre Eltern vorher gewesen." Das ist im Wortlaut die Stelle bei Mandel st amm, die Fritsch in der oben geschilderten Weise gefälscht hat.' Also: weder von „Eiden vor christlichen Gerichten" noch von einen; „heimlich über die Landesgrenze gehen" ist die Rede!! Fritsch täuscht also den Leser in unerhörter Weise, und schiebt einem Schriftsteller Meinungen unter, die dieser niemals geäußert hat. — IV. Mandelstamm will durch seine Aufdeckung des historischen Ursprungs des Kol-Nidre auch das Problem lösen, warum Kol-Nidre mit jener ergreifenden alten Melodie vorgetragen wird, die ja auch auf den Nichtjuden und losgelöst von der synagogalen Liturgie tiefen Eindruck hinterläßt. Es handele sich eben nicht um die Ungttltigerllärung irgendwelcher persönlicher Gelübde, sondern; run die Gewissensqualen von Menschen, die unter dem grausigen Gewissensdruck der Inquisition standen und die gezwungen wurden, die Religion ihrer Vater abzuschwören. Mandelstamn; sagt S. 13: „Darum also die herrliche Melodie für ein Gebet, welches beim ersten Anblick bar aller Poesie, aller nativnalhistorischen Erinnerungen, ja sogar aller Inbrunst eines echt shnagogalen Gebetes zu sehn scheint. Der Gesang beginnt mit ernsten, ja schauervollen Accorden, steigert sich in seinem Verlaufe zu gewaltigem, herzerschütterndem Donnergetöfe, bis die aufgeregten Sturmeswogen sich legen und am Schlüsse in sanften, milden, aber immer noch majestätischen Klängen sich beruhigen. Es find nämlich: anfangs die Beichte der schweren Sünde, dann der blutige Kamps der Verzweiflung und zuletzt der Friede der Versöhnung und der Hossnung, welche sich in dem Gesänge einander ablösen zu jener Stunde der Buße." Die hier dargelegte und von Fritsch in gröbster Weise entstellte und inißbrauchte Auf- IIIIIIIIII>IIIIIIIIIIIIIIII>IIIIIIIIII!IIIIIIIIII>IIIIIIIIIIIIIIIIIIIII>IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII Wer sich über „Eid und Gelübde der Juden!" näher unterrichten witt, lese die Schrift von 1. Bernfeld „Eid und Gelübde nach Tatmud und Schutchan Aruch“, Phito-Vertag, Berlin t924, Sie wird an die Leser der Monatsaasgabe kostenlos ausgetiehen. Interessenten wollen ihre Adresse an das Büro des Central-Vereins, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, richten. il!l!lllll!lll!!l!ll!llll!llll!!!!!l!llll!ll!IIIIH fassung von Mandelstamm über den Ursprung und die Bedeutung des Kol-Nidre, die, wie oben erwähnt, nicht allgemein anerkannt ist, wird auch von Josef Bloch vertreten (vgl. seine Schrift „Kol-Nidre und seine Entstehungsgeschichte", 2. Auflage, Wien, 1918, besonders S. 17 ff.). Dr. 8. Weinberg. Kritik muß frei von Saß sein! Bemerkungen zu Wilhelm Stapels „Literakenwäsche". Von Wilhelm Michel (Darmstadt). Dieses Buch besteht aus Glossen zu Zeitungsäußerungen und Zeiterscheinungen der letzten zehn Jahre und ist eine polemische Verlautbarung völkisch-antisemitischen Geistes. Es sind besonders jüdische Literaten, die in diesen Glossen hergenommen werden. Aber auch andere geraten gelegentlich in die Schußlinie der Stapelschen Angriffe, sofern sie pazifistische oder auch nur demokratische Anschauungen vertreten. Der Angreifer hat ohne Zweifel Intelligenz, aber seine Polemik, selbst wo sie witzig sein möchte, ist gallenbitter. Man sieht ein von Haß verzerrtes Gesicht; und das rst ein Anblick, dessen auch derjenige nicht froh wird, der sich außerstande sieht, in jedem Falle für die von Stapel angegriffenen Aeußerungen einzutreten. Wenn Ernst Toller meint, es gebe kein dümmeres Ideal als das Ideal vom Helden, wenn Alfred Polgar die Deutschen von 1914 bewitzelt als „Hornvieh", das die der Keule verfallenen Stirnen hoch durch die Straßen trägt, wenn Alfred Kerr gouvernantenhafte Bedenken gegen den Wolf im „Rotkäppchen" und die glühenden Pantoffeln im „Schneewittchen" anmeldet, wenn Wolfgang von Weisl über hinduistische Glaubens-dinge alberne Reporterspäße reißt, wenn das „Hamburger Echo" schulmeisterliche Einwände gegen das jugendverderberische Nibelungenlied abdruckt — so ist Widerspruch durchaus am Platze. Aber Schlimmeres geschieht doch wohl da, wo der Widerspruch sich ins Dämonische treiben läßt und jene höllischen H a ß kräfte entwickelt, die nichts mehr davon wissen wollen, daß. dem Menschen gerade im Kampfe Grenzen gesetzt sind — nicht nur mit Rücksicht auf den Gegner, sondern vor allem mit Rücksicht auf sich selbst. Stapel mag mit seinem Widerspruch in einzelnen Fällen noch so sehr im Recht sein: die Art, wie er ihn verficht, verneint den Geist positiven, tapferen und sich einsetzenden Menschentums (für das sein Wwerspruch einzutreten behauptet) noch viel schlimmer als die Gegner. Was tut Stapel, um einer gewissen Sorte journalisticher Witzelei zu begegnen? Er witzelt ebenalls. Er sucht seinen Stolz darin, mit des Gegners eigenen Waffen zu fechten. Er sieht nicht, daß er damit von vornherein verloren hat. Er sieht nicht, daß es gerade seine Aufgabe sein müßte, dem Negativen (und was er dafür hält) das Positive ruhig entgegenzusetzen. Statt dessen setzt er der Grimasse die Fratze, der Leichtfertigkeit die schreiende Ungerechtigkeit entgegen. Er verwendet fortwährend Waffen, mit denen man tausend schlechte, minderwertige Dinge verteidigen kann — nur eben nicht das Innige und Gerade, das Ritterliche und Fromme der deutschen Seele. Seine Antwort auf den Hornvieh-Spruch von Polgar stilisiert Stapel unbedenklich so, daß eine Pogromdrohung herauskommt. Keine kleinliche Wortverdrehung, keine rabulistische Zuspitzung, keine keifende Bosheit ist Wilhelm - Stapel zu schlecht, um sich ihrer als Waffe zu bedienen — wo es doch gerade ihm darauf ankommen müßte, das Gehör seines Volkes solcher Dinge zu entwöhnen. Daß er sich für das verspielte und gaufrierte Deutsch von Alfred Kerr nicht begeistern kann, nehme ich ihm nicht übel. Aber das Zischen und Geifern, das er selbst verübt, will mir noch weniger gefallen. Ganz abgesehen davon, daß Haß das Gehaßte nicht vertreibt, sondern es geradezu ernährt. Und daß er den Geist abwürgt, wohin er reicht; vor allem in den Menschen selbst, die sich dem Haß dahingeben. Auch mir liegt von Jahr zu Jahr weniger an den Grimassenschneidern und Witzbolden, an den Nur-Veweglichen, die sich nicht einsetzen und immer lachend danebenstehen, an den Verkleineren; und Heldentötern, mögen sie selbst den bedeutenden künstlerischen Rang eines Chaplin oder eines Shaw (vor der „Heiligen Johanna") einnehmen. Aber man bekämpft diesen Geist nicht, indem man seine Methoden eifrig verwendet. Man bekämpft ihn nur durch reales Anderssein, durch faktische Uebernahme der Führung, wie sie in der deutschen Klassik, in der deutschen Romantik geleistet worden ist. Gezeter ist aber nicht Führung, und Gekeife stiftet keine neue Gestalt. Stapel scheint zu glauben: Man knebele Demokraten, Pazifisten und einige jüdische Literaten — so ist das Nötige getan. Sieht er nicht, wie viele der von ihm bekämpften Geisteserscheinungen sich heute am „arischen" Amerika orientieren? Sieht er nicht, daß Geschichtsmächte und zivilisatorische Mächte unsere Lebenslage faktisch verändert haben, so daß wir mindestens gezwungen sind, das, was uns von alters her heilig ist, n e u in sie einzubauen? Es ist das Schlimme an der völkischen Ideologie (wie übrigens auch an der pazifistischen und jeder anderen), daß sie nicht geschichtlich, das heißt irdisch, konkret und menschengemäß zu denken vermag. Sie erkennt die historisch gestellte Aufgabe nicht an. Sie will nicht zugeben, daß die alten Kräfte in Deutschland abgewirtschaftet haben; abgewirtschaftet in ihrer früheren Gestalt; schon ein Blick auf die unwiderrufliche Ueberwundenheit der Dynastien und der Ländereinteilung müßte das klarstellen. Sie weiß das, was seither gekommen ist, nicht als eine Folge dieses furchtbaren Versagens zu verstehen, als notgedrungene Erörterungszeit, als eine Wegstrecke voll Zweifeln und Erprobungen, voll erster Hilfeleistung und kurzfristiger Planungen. lieber die Treue zum Volk versäumt sie die Treue zur Zeit — als gäbe es jemals „Volk", das der Zeit, das heißt der bestimmten geschichtlichen. Lage enthoben wäre! Sie sucht den ersten, besten Sündenbock und drischt mit Wutgebärden auf ihn los. Das mag entlasten, aber es ändert nicht, es führt nicht weiter, es bringt erst recht den Unsinn und das Widermenschliche hoch. Kämpft Stapel u. a. gegen die rationale Dürre, die sich in unserer Epoche breitmacht: wie rational und dürr ist seine eigene Aetiologie der ihm unerwünschten Erscheinungen! Wir haben vom geschichtlichen Gesamtgeschehen nur das eine in der Hand, daß es m enschlich darin zugehe. Die Kräfte, die großen Gewalten stiftet der Herr der Geschichte, Gott. Uns ist aufgegeben, alles Geschehen, das erwünschte wie das unerwünschte, in Menschengestalt zu überdauern. .Wer dieses letzte menschliche Können und V'erpfuchtetsem klein macht, spielt ein gefährliches Spiel. Er streift immer die letzte Auflehnung, er stürzt den Menschen in d;e Leere, in die frevlerische Ungeduld, die genau in dem Augenblick, da sie Gewalt, Herrschaft und Lebensfülle zu ergreifen meint, Boden und Wirklichkeit verliert.