Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Mensch ist gut .. . £4n die Schrif tleitung der „C. V.- Zeitung Windsheim, im Januar 1930. Hass, Hass ohne Ende — aber warum dieser Hass? Sind wir nicht alle Menschen, auch unsere jüdischen Volksgenossen? Ja, sie sind es, und deshalb verdienen sie und haben auch das Recht, als Menschen behandelt zu werden. Warum bezeichnet man sie als unser Unglück? Diese Frage bleibt für mich ganz und gar unbeantwortet. Unerklärlich scheint es, einen seiner Mitmenschen als Unglück zu bezeichnen. Ich meine als Christ und Mensch, sie haben auch zu kämpfen und müssen auch Tag und Nacht um ihr Brot arbeiten, wie wir auch. Auch müssen sie ebensogut dem Staate ihre Abgaben in demselben Masse entrichten wie wir. Und warum immer dieser unmenschliche Hass, der sich wie eine tierische Raubsucht auswirkt? ' Denken diejenigen, die von diesem Hass erfüllt sind, dem deutschen Volke etwas Gutes zu erweisen? Im Gegenteil, sie bringen bloss immer mehr Uneinigkeit in das deutsche Volk, und ein Volk, das sich selbst gegenseitig bekämpft, kann seinem Feinde nicht gegenüber stehen. Es soll und müsste sich eigentlieh jeder vor Augen halten: wir sind alle Menschen, ganz egal, welchen Glaubens, und wir sind alle aufeinander angewiesen. Im übrigen sieht man bloss die Fehler anderer, aber gerade diejenigen, die sich im Hass gegen die Juden auflehnen, haben noch viel schlimmere. Ich könnte da noch vieles ausführen,-aber es ist nicht notwendig. Jedenfalls betrachte ich jeden als Mitmenschen und verlange von jedem, dass er auch den Juden als solchen betrachtet und ihm dasselbe Recht einräumt wie jedem anderen auch. Ich schreibe dieses nicht etwa, um eventuell selbst irgendwelchen Nutzen zu haben, sondern weil ich als Mensch nicht ertragen kann, wenn man seinen Mitmenschen hasst oder gar durch unwahre Aussagen verleumdet. Möge man über mich auch schimpfen und spotten, aber ich kenne Gerechtigkeit und bin deshalb zu jeder Zeit bereit, für das Judentum zu kämpfen. F. K. (Windsheim). Kameradschaft. An die Schriftleitung der „G. V. - Z ei tun g“. Dortmund, im Januar 1930. Durch die Freundlichkeit irgendeines Menschen, der Ihnen vermutlich meine Adresse nannte, bekomme ich seit längerer Zeit die „C. V.-Zeitung“ umsonst zugesandt. Ich danke diesem Menschen und dem Verlage herzlich. Vielleicht interessiert die folgende Erinnerung: Als Junge — ich bin von Geburt ein Bayer — war ich Antisemit, aus Gewohnheit mehr, denn aus Nachdenken. Bis ich eines Tages — oder vielmehr eines Nachts — folgendes Erlebnis hatte. Nürnberg! Kneipe, oh das gute „Tücher“ aus Zinnkrügen! Nachts zwei Uhr. ln einer engen Strasse unter der Burg beschliesst man einen Studentenstreich. Neubau. Die ganze Strasse wird vom Bocksteinstapel weg mit zwei Meter hoher Mauer zugebaut. Etwa 15 Jünglinge arbeiten alkoholbesclmingt. Fast fertig ist die Mauer. Da! Polizei! Die' beschwingten Jünglinge versclvwinden erstaunlich schnell. Allel Ich war wohl, mein Handwerk ahnend, mehr beim Mauern .als andere, und wurde gefasst. Kleiner Streit mit dem Schutzmann; Beamtenbeleidigung! Da kommt einer zurück von den 5,Kommilitonen“. Es war ein blonder Jude, der mir gegenüber sass auf der Kneipe. und den ich etwas unfreundlich (studentisch genommen) behandelt hatte. Er war weniger „voll“ als ich. Er half mir, indem er die Polizei freundlich beredete, mit dem Erfolg, dass die angedrohte Verhaftung nicht ausgeführt wurde. Dann bauten wir in Erfüllung der polizeilich gestellten Bedingung zusammen die Mauer ab. Der hilfsbereite Jude hatte in humorvoller Form die Gegenbedingung gestellt, dass keiner, auch nicht die Ausgerissenen, angezeigt würden. Er brachte die beiden robusten Schutzleute zum Lachen, und damit war alles gewonnen. Als der Tag graute, war die Strasse frei und wir waren Freunde. Es ist 31 Jahre her. Seitdem dauern sie mich — die Antisemiten. Stadtbaurat a. D. Hans Strobel, Dortmund. Erinnerungen an Konstantinopel An die Schriftleitung der „C. V. - Z ei tun g“. Br e m e n, im Januar 1930. Im Frühjahr 1896 kaufte die deutsche Kriegsmarine aus englischer Privathand eine Dampf jacht, um in ihr der in Konstantinopel stationierten, völlig veralteten und ausgedienten „Loreley“ eine Nachfolgerin zu geben. Nach Durchführung des erforderlichen Innenumbaues zur Unterbringung der Besatzung von drei Offizieren, einem Sanitätsoffizier, vier Deckoffizieren und 47 Unteroffizieren und Mannschaften auf der Werft Wilhelmshaven swvie Einbau je eines Fünf - Zentimeter - Sclmelladegeschützes im Vorschiff und Heck, traten wir die Ausreise an. Am 16. August passierten wir die Linie Dover—Calais und setzten die Reise über Vigo, Gibraltar, Palermo nach Konstantinopel fort. Ein schmuckes Schiffchen, das jedes Seemannsauge erfreute. Wenn auch im Meerbusen von Biskaya und einem Teil des Mittelmeeres, hauptsächlich infolge der ungewohnten Last der Geschütze, Triton dem Schiffchen und damit der Besatzung nicht gerade ideal zum Tanze auf spielte, so erreichten wir doch planmässig und ohne besonderen Schaden erlitten zu haben, anfangs September 1896 in den Vormittagsstunden, bei hellem Sonnenschein, die alte Kaiserstadt Konstantinopel mit *ihren zahllosen vergoldeten Minaretts. Eii&ptvergesslicher Anblick. Nach U eher gäbe der Geschäfte reiste die Besatzung der alten „Loreley“ in die Heimat, während der alte Veteran selbst verkatift wurde. Gewissermassen als lebendes Inventar halten wir von der alten „Loreley“ auch den alten „Abraham“ übernommen. Abraham war etwa 50 Jahre, Türke jüdischer Konfession und Bumbootsmann — kleiner Händler mit Erfrischungen aller Art, hauptsächlich Trauben. — Er hatte schon alle Besatzungen vor uns, seit in Konstantinopel ein deutsches Stationsschiff ankerte, mit seinen Erfrischungen versorgt. Abraham wohnte natürlich an Land und stellte seine Erfrischungen an Boi'd nur in den Freizeiten der Mannschaften zum Verkauf. Er sprach türkisch, griechisch, französisch und deutsch. Deutsch sogar sehr gut, wenn man von kleinen, durch das Sprachengewirr Konstantinopels verursachten Fehlern absah. Nimmermüde, konnte man ihm auch Wünsche für persönliche Bedürfnisse jeder Art auf tragen. Er besorgte alles prompt und mit wirklich sc/w bescheidenem Nutzen für sich. Das kam der Besatzung hauptsächlich während der Sommermonate zugute, während deren die „Loreley“ vor Therapia, etwa in der Mitte des Bosporus auf dem Unken Ufer, ankerte. Hier hatten der deutsche, der englische und der französische Botschafter ihren Sommersitz, und so lagen auch der englische und französische Stationär in unserer unmittelbaren Nähe. In Therapia selbst, einem ganz kleinen Ort, ivar ausser einem Schoppen Wein nichts zu haben. Hier besorgte Abraham aus Konstantinopel jeden noch so kleinen Auftrag willig und pünktlich. Wir sparten dadurch die Ausgaben für die gut zwei Stunden währende Dampferfahrt Therapia—Konstantinopel und zurück. Eine heute an Abraham aufgegebene Bestellung war morgen bestimmt in Händen des Auftraggebers. Bei Besichtigungen der Sehenswürdigkeiten im alten Stambul, wie Museen, Basare, Aja Sophia, der tanzenden Derwische in Galata und Pera und vieles, vieles mehr war entweder Abraham selbst oder sein Sohn ein bereiter, ausgezeichneter und sehr uneigennütziger Führer. Er schützte uns vor Uebervorteilungen jeder Art und war selbst mit geringster Entlohnung zufrieden. Letzteres War für die Mannschaft gerade deshalb eine grosse Hilfe, weil bekanntlich die früheren Löhnungen ausserordentlich gering waren. So betrug die Löhnung für einen Matrosen und Obermatrosen (Gemeine) täglich 22 Pfennig, für einen Maaten (Unteroffizier) 30 Pfennig, für einen Obermaaten (Sergeanten) 50 Pfennig. Mit solchen Beträgen waren naturgemäss keine grossen Sprünge zu machen. Auch vom Kommando wurde Abraham . bei besonderen Gelegenheiten, so beim Docken' oder der Reparatur des Schiffes, bei Verhandlungen mit dem Zollamt bei Eingang von Nachsendungen für die „Loreley“ usw., wegen seiner Sprachkenntnisse gern in Anspruch.genommen. Sein Entgelt stand in keinem Verhältnis zu den Kosten, die dem Schiff bei Annahme eines besonderen Dolmetschers entstanden wären. Bei der Rundreise im Schwarzen Meer, Odessa, Nikolajew, Sewastopol, Batum war Abraham beim Einlaufen des Schiffes in den Häfen stets zur Stelle und besorgte zu ortsüblichen, erschwinglichen Preisen Erfrischungen jeder Art. Das gleiche galt bei einer Rundreise im Marmara-Meer gelegentlich eines Anlaufens der Prinzeninseln. Aber nicht allein hilfsbereiter Händler und Führer war Abraham, er war auch Bankier. Er kreditierte einmal, wenn gerade Ebbe in der Kasse war, nicht nur die entnommenen Waren bis zum nächsten Dekadentage, nein, er lieh auch noch Bargeld, wenn einmal einer der Mannschaften einen Entdeckungszug in Konstantinopel und Umgegend unternehmen wollte. Denn Abraham war auch einmal jung und wusste, dass er es mit lebmsfrohen jungen Manschen zu tun hatte. Bei derartigen Bankgeschäften erfuhr Abrahams linke Hand nicht, was die rechte tat. Als er mir kurz vor Beendigung der Reise ganz im geheimen einen Einblick in sein Kontobuch (Notizbuch) gestattete, ich war derzeit Zweitältester Unteroffizier und Materialienverwalter (Obermaat) an Bord, konnte ich ihm durch entsprechende kameradschaftliche Einwirkung und ohne, dass irgend jemand weiter davon erfuhr, die Restsummen einiger Vergesslicher vor unserer Abreise in die Heimat beschaffen. So konnten wir mit reinem Gewissen die Heimreise antreten. Abraham aber lebt nicht nur bei mir, sondern auch bei den. ganzen Besatzungen, davon bin ich überzeugt, in sehr guter Erinnerung fort. Verwaltungsinspektor Carl Schmitz, Rengsdorf. Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger lüd. Glaubens e. V., Berlin SW 68, Lindenstraße 13. Hauptschriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich: Dr. Margarete Edelheim. Beide Berlin SW 68. Druck vdn R u d o l f M o s s e, Berlin SW 100.