Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 Alles dieses sind freilich nicht Ergebnisse ungehemmter Entwicklung, sind nicht Erscheinungen, die durch die Wirksamkeit eines bestimmten „jüdischen Wirtschnftsgeistes" hinreichend zu erklären sind. Aber — gleichgültig ob ans Freiheit oder Zwang geboren — die Tatsachen sind da, und sie sprechen. Sprechen sie gegen uns? Walter B l o e m hat kürzlich auf einer Tagung des Frontbnndes in Hamburg einen wesensreichen Vortrag Über unser Sein gehalten. Er hat darin das Gute gesagt, was zu sagen war, und er hat schließlich sein Urteil über tue Juden etwa in folgender Weise gesprochen: Gewisse Kreise von Juden, insbesondere jüdische Schriftsteller, mißbrauchten durch einen verletzenden Mangel an Feingefühl das „Hnusrecht" des deutschen Volkes. Ein Mann also, der uns wohlwill, der durch feinen Roman „Brüderlichkeit" viel zur Entgiftung der judenfeindlichen Stimmung beigetragen hat, legt uns die Beachtung mancher Auswirkungen der oben geschilderten Schichtung nahe. Bloenr hat in der Wahl mancher Ausdrücke sicher fehlgegriffen, vieles ist im einzelnen gegen ihn zu sagen, in der Sache verstehe ich ihn gut. Es gibt dreierlei Schichten innerhalb des deutschen Judentums. Auf der^ einen Seite . stehen die Nationaljuden, die bei aller staatsbürgerlichen Pflichterfüllung und Zuverlässigkeit von einer nationalen Verbundenheit mit Deutschland nicht sprechen wollen und können. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger des Centralvereins, deren Gedankenführung Ihnen bekannt ist. Die dritte Schicht aber, die größte, umfaßt alle diejenigen, die an jüdischen Dingen gar kein Interesse mehr haben. Und diese dritte Gruppe, die sich in der Tat durch zwar keineswegs an sich charakterlose, aber hoch vieles verneinende geistige Eigenschaften Hervorrust, schafft durch ihre spitze Feder und ihre beißende Zunge vielen berechtigten Verdruß. Und wenn der Centralverein gerade in jüngeren Kreisen auf Voreingenommenheit oder gar Abneigung stößt, wenn er als rückständig, als „reaktionär" bezeichnet wird, so ist hier durch Schilderung der dritten Schicht die geistige Lage aufgezeigt, aus der heraus man'ihn ablehnen zu müssen glaubt. Denn wir treten für die religiösen und sittlichen Güter des Judentums, für Vaterland und vaterländische Werte, für Freiheit im Sinne des Aufbaus, für den Frieden im Sinne der Bibel, für Erhaltung und Anerkennung der im deutschen Volke schlummernden Kräfte unbedingt ein. Das Entscheidende jedes Urteils scheint uns zu sein: Inwieweit dient es dem Aufbau? Und das sollten alle diejenigen verstehen, die in dieser ernsten Zeit um die Erhaltung der großen Güter des menschlichen, geschichtlichen und religiösen Seins ringen. Die Anschauungen werden verschieden sein; aber Ehrfurcht v o r e h r l i ch e r U e b e r z e u - gung und vor der Aeußerung dieser ehrlichen Ueberzeugung ist Pflicht jedes anständigen M e n - schen. Hier' ist eine gewisse innere Erneuerung am Platze. Diese dritte Schicht, die rein Zahlenmäßig so stark ist, daß der Bestand des deutschen Judentums von ihr abhängt, macht Bloem, ohne vielleicht ganz bis zur Tiefe ihrer soziologischen Bedingtheit zu dringen, für manche Abneigung gegen die deutschen Juden verantwortlich. Wir sind alle davon überzeugt, daß die deutsche Judenheit für die Zersetzungserscheinungen der letzten Zeit nach keiner Richtung .hin verantwortlich ist. Wir schämen uns der Vorgänge, die mit dem Namen der Brüder Sklarek verbunden sind. Aber wir schämen uns nicht als Juden, sondern als Bürger des Deutschen Reiches. Solche Erscheinungen haben weder nüt Judentum noch mit Judenheit etwas zu tun. Menschen mit bedenklicher Moral gibt es allenthalben, besonders in Ländern, die so tief erschüttert sind wie unser Vaterland. Jeder anständige Jude verabscheut die Dinge genau so wie jeder anständige Christ. Aber: Gewissenlose Vollsversührer wollen uns dafür verantwortlich machen. Hier liegen Schwierigkeiten, mit denen nur in unserer Arbeit rechnen müssen. Ich kann sie hier nur andenten, aber ich glaube, Sie werden verstehen, wieviel Kenntnis, Verständnis und Takt dazu gehören, um innerhalb einer innerlich und äußerlich so zngespitzten Sachlage ans dem Posten zu fern. Noch angespanntere Arbeit haben wir zu leisten. Es sind in letzter Zeit viele Stinnnen laut geworden, die eine sogenannte Neutralisierung der Abwehr fordern. Ich weiß, daß man ein Verräter an der Sache ist, wenn man nicht alle Kräfte, die für sie arbeiten wollen, zur Mitwirkung heranzieht, und cs liegt mir deshalb nichts ferner, als Hände, die sich zur Hilfe anbieten, zurückzuweisen. Aber was diese Hände uns in unserem Falle leisten wollen und können, das ist erstens weniger als not tut, und zweitens etwas ganz anderes als not tut! Das Wort Abwehr habe ich immer für unrichtig gehalten, weil es einen viel zu engen Kreis begrenzt. Nicht allein Abwehr müssen wir treiben, sondern eine innere.Werbung für die gerechte Wertung des jüdischen Menschen — ich weiß, daß viele von Ihnen dieses Wort heute noch ablehnen —, das Wort Abwehr aber sollte nicht allein gebraucht werden! Abwehr bezeichnet die Zurückweisung eines Angriffes. Natürlich ist sie notwendig, aber sie scheint mir nicht entscheidend zu sein. Als entscheidend erachte ich die Schaffung eines g«e i st i g e n L e b e n s und Z u st a n d e s, auf den: d i e A b - Neigung gegen die I u d e n nicht mehr gedeiht, die Umwandlung jener Gemütskrüfte, die heute geneigt sind, uns alles zuzuschieben, in. solche, oie auch uns gegenüber den vollen Willen zur Gerechtigkeit haben. Und legen Sie sich einmal die Frage vor: Ist die Bekämpfung aller derjenigen Erscheinungen, die wir als falsch und unglücklich ansehen, in so weit gefaßtem Sinne, wie 'ich ihn eben kennzeichnete, ohne G e s i n n u n g s g r u n d l a g e möglich? Ich habe hier die neuesten „wissenschaftlichen" Werke auf diesem Gebiet, das neue Werk von Günther, „Rassenknnde des jüdischen Volkes", ferner das Buch.von dem ordentlichen Professor der Hamburger Universität Passarge. Neben den rein biologischen Abhandlungen dieser Werke behandelt ein Hauptteil von ihnen ausschließlich die Frage der inneren Stellungnahme der Juden zu deutschem Sein und deutscher Kultur. Wenn ich heute einen Nationalsozialisten bekämpfen will, der seinem Parteiprogramm gemäß die Auffassung vertritt, die Juden sind Fremde, dann kann ich nicht neutral sein und sagen: gleichgültig ob ich nationaljüdisch bin oder national-deutsch, ich bekämpfe deinen Standpunkt. Ich muß mich vielmehr geistig mit den Lehren auseinandersetzen. Indem ich das aber tue, werde ich finden, daß für den denkenden Menschen die Frage entscheidend ist: zu welchem Volkstum zähle ich mich und wie wünsche ich die politische Zukunft meines Volkstums? In dieser Frage wird ein Nationaljude ganz anders denken müssen als ich. Und ohne daß ich aus dieser Betrachtung irgendein Mehr oder Weniger für oder gegen den national-jüdischen Gedanken herleiten will — hier hat diese Frage auszuschalten —, muß ich zu dein Ergebnis kommen, daß vom Standpunkt der Aufklärung unserer nichtjüdischen Umwelt nur diejenige Beweisführung durchschlagend sein kann, die schon den Ausgangspunkt des Judengegners erschüttert. Wir können zwar „neutral" die Verleumdungen gegen Bibel und Talmud bekämpfen, wir können auch unter Umständen Aufreizungen, die in das Gebiet der strafrechtlichen Ahndung fallen, neutral bekämpfen; aber die entscheidende große geistige Tätigkeit muß eine gesinnungsmäßige Grundlage haben. Wir sehen in der Zukunft des deutschen Volkes unsere Zukunft. Wir rechnen uns.311111 deutschen Volkstum. Wir wollen in diesem Volkstum, leben un.v sterben und müssen ill^mA^umd^ans uns heraus mit Wort und Schrift unserer Umwelt deutsch-jüdisches Wesen als einen dem deutschen Geiste lebensverbundenen Bestandteil nahebringen. Zu diesen Fragen muß und wird sich der Natioualjude anders stellen. Ich habe hier seine Stellungnahme nicht zu beurteilen. Jede Bestrebung, die auf die Anerkennung des deutschen Juden als gleichwertiges Mitglied der deutschen Gemeinschaft hinzielt, muß aber notwendigerweise eindeutig sein. Weiter: Wenn heute jede Gemeinde plötzlich „Abwehr" betreiben würde, dann würden politische Fehler gemacht werden, weil ein ungeheures . Wissen und eine gewaltige Praxis dazu notwendig sind. Und vor leichtsinnigen Versuchen möchte ich warnen. Wer die Technik politischen Kampfes auch nur wenig beherrscht, muß ohne weiteres zugeben, daß eine Gemeinde, also eine Behörde, niemals in diesen Kampf eingreifen kann, ohne ihre Wesenheit, ihr An- Sen, ihre innere Verbundenheit, auf der dieses sehen beruht, entscheidend zu erschüttern. Wer aber glaubt, nur mit großen Kundgebungen und Aufrufen der heutigen Not Einhalt tun zu können, der irrt. Und wenn man sich anschicken will, Fassadenpolitik Zu treiben, anstatt insbesondere auch in unablässiger Kleinarveit den Dingen auf den Grund zu gehen, dann versündigt man sich an der Gesamtheit. Wenn man heute, um den Boykott zu beseitigen, mit einer Wirtschaftskonferenz helfen zu können meint, dann bleibt man an der Oberfläche haften. Reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der Bekämpfung des Boykotts wurden von uns gesammelt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß hier von Fall zu Fall, unter Berücksichtigung aller vorliegenden U m st ä n d e, gehandelt werden m u h, daß der Erfolg um so gewisser ist/je vorsichtiger man vorgeht. Wir haben in steter Kleinarbeit vieles erreicht; wir wissen, daß noch viel zu tun bleibt. Aber was wir erreicht haben, das war der ErfolgeinesZusammenwirkensvonangehäufter praktischer Erfahrung von Jahrzehnten und dem Wissen einiger Spezialisten, eines Zusammenwirkens, das in gleicher Weise so leicht nicht zu ersetzen sein dürfte. Unsere Arbeit ist aber nicht nur vom guten Willen, von Begeisterung bedingt, sondern erfordert als Grundlage ein Studium von Jahren." „Nationalsozialisten ist -er Zutritt verboten." Sie spotten ihrer selbst ... Vis die Nationalsozialisten in die politische Agitation eingrisfen, galt auch in der Versammlungstätigkeit der Parteien der alte deutsche Rechtsgrundsatz: „Eines Mannes Rede i st keines M a n n e s R e d e. Man soll sie Horen alle beede." Auch der Gegner kam in der Aussprache zu Worte, weil man vom inneren Wert des eigenen Programms auch gegenüber sachlicher Kritik überzeugt war. Die Nationalsozialisten scheinen von Anfang an diese Gewißheit nicht gehabt zu haben. Auf ihren Plakaten prangen seit jeher die Vermerke: „Juden haben keinen Zutritt". Nun haben jüngst im Wahlkampf für die bayerischen Kommunalkörperschaften, einige Parteien durch die Sprengungsersolge nationalsozialistischer Sturmtrupps gewarnt, ihrerseits den Vermerk in der Fassung „Nationalsozialisten ist der Zutritt verboten" verwendet. Dieser Vorgang hat die Nationalsozialisten nicht etwa belehrt, von Terrorakten abzusehen oder ihrerseits allen Interessenten Zutritt zu den Versammlungen zu gestatten. Die Notwehrhandlung der anderen Parteien ist im „Illustrierten Beobachter" charakterisiert als „ein feigheitsverratender Vermerk". Als sie das gleiche taten, war es politische Klugheit und Tapferkeit!