Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ettifrol Morein Kl älter für^eulsektum und Judentum " Monatsausgabe Januar 1930 'öryan-es tentralVereiusöeutfelier^ Etaatsdüryer Müifeken ölaubens e.v. /<Utzsmeine 2sUuntz clsL^u^sntumJ Gedanken zur <C. v.-strbeit! /lus dem der Hauptvorftands/rtzung des Gentralverelns am 15. Dezember 1029 erstatteten Geschäftsbericht. von Luüwig hollän-er. Arie-Hofsschändung in Gunzenhaule«. In der Zeit zwischen dem 20. und 23. Dezember wurden auf dem israelitischen Friedhof in Gunzenhausen (Bayern) 18 Grabsteine böswillig umgeworfen und dadurch teilweise zertrümmert. Die Ortspolizeibehörde hat die Verfolgung sofort ausgenommen. In der Bekanntmachung des 1. Bürgermeisters heißt es: „Die Tat ist für jeden, der nur noch einen Funken von Moral besitzt, gemein und niederträchtig. Die israelitische Kultusgemeinde hat für die Ermittlung der Täter eine Belohnung von 500 Reichsmark ausgesetzt Auch die Stadt Günzenhausen als solche hat ein sehr lebhaftes Interesse daran, die nichtswürdigen Täter baldmöglichst festgestellt zu wissen." Leider war es bis heute noch nicht möglich, der Täter habhaft zu werden. Hitler ist vor einiger Zeit in seiner Zeugenaussage vor dem Schweidnitzer Gericht von Roheitsverbrechen wie Friedhofsschändungen energisch abgerückt. Wie wir hören, versuchten die Nationalsozialisten in Gunzenhausen, die Schuld auf ihre Gegner abzuwälzen. Es liegt uns fern, irgendeine Partei zu verdächtigen; aber die Annahme, daß die Tat zum mindesten ungewollt eine Frucht nationalsozialistischer Hetzpropaganda ist, wie sie in Gunzenhausen von Mund zu Mund stark betrieben wird, liegt natürlich sehr nahe. Es'liegt also tatsächlich im Interesse aller anständigen Menschen, gleichgültig ob Juden oder Christen, daß die Uebeltäter gefaßt werden. (Man vgl. die Abbildung auf Seite 4.) Rajsen-Wahnfinn. Der „Ostdeutsche Beobachter" will 15 000 Sinder morden. Der „Ostdeutsche Beobachter", das nationalsozialistische Organ Ostpreußens, fordert in seiner Nummer 2: Alle Kinder, die bei Vergewaltigung einer Deutschen gezeugt sind, sollen getötet werden. Kinder, deren Aussehen. und Merkmale auf einen Vater negerischer, orientalischer, vorderasiatischer oder hamitischer Rasse schließen lassen, sollen ebenfalls umgebracht werden, um zu verhindern, daß von neuem rasseschlechtes Blut und schlechte seelische Anlagen in den Volkskörper eindringen. Die Mütter der Bastarde müßte man unfruchtbar machen. Nur Kinder von Vätern nordischer Abstammung, meistens wohl Angehörige englischer Besatzungstruppen, sollen am Leben bleiben. Die Völkischen wollen also 15 000 Kinder morden, ein Nituälmord, dem Götzen der Reinrassigkeit gewidmet! Diejenigen, die sonst verleumderisch die Juden' angeblicher Nitualmorde an unschuldigen christlichen Kindern beschuldigten, wagen solche Vorschläge ernstlich zu bringen. Gut, daß ihre Stimme in Deutschland noch nicht ausschlaggebend ist. „Die Beurteilung, die wir von allen Seiten und zu jeder Zeit erfahren, scheuen wir nicht, sondern wir suchen sie. Wir setzen sie um in fruchtbare S e l b st kritik, die in jeder Phase unserer Bewegung den Maßstab für unser Denken und Tun neu ergeben muß. Als bis vor etwa zwei Jahren der politische Kurs des Deutschen Reiches leidlich gesichert schien, als ausländische Kredite wirtschaftlichen Aufschwung und damit allgemeine Beruhigung der Stinunung in der Gesellschaft hervorriefen, bestritt man uns die Daseinsberechtigung häufig mit der Begründung, es fehle uns der Gegenstand für unsere Arbeit, es gäbe keinen Judenhaß mehr. Dieser Wahn hat sich gründlich verflüchtigt. Wir mußten damals vor unbegründeter Leichtfertigkeit warnen, und wir haben leider recht behalten. Heute wiegt sich wohl keiner mehr in der Hoffnung, der Centralverein würde seinen Kampf gegen den Judenhaß „mangels Masse" einstellen dürfen. Wir sind durch die Ereignisse der letzten Jahre grausam eines Schlechteren belehrt worden. Und was sagen unsere Kritiker heute? Heute wird uns das ständig anwachsende Gewicht unseres Gegners zum Vorwurf gemacht. Heute wird laut oder leise vom Versagen gesprochen, weil die Flut unserer Feinde fast sichere Bollwerke zu bedrohen scheint, — allerdings nur scheint. Denn nie haben Unwahrheiten und schiefe Gedanken dauernde Zugkraft, wenn sie auch in ihrer Blütezeit überaus gefährlich sein können. Und wieder fühlen wir die Pflicht zur Rechenschaft uns gegenüber erwachen und fragen uns: Haben wir wirklich versagt? Hat der unleugbare Vormarsch der Nationalsozialisten bei den letzten Wahlen vielleicht den Beweis dafür erbracht, daß die jetzige Art der Arbeit des Centralvereins nicht genügend ausgebaut und nicht genügend innerlich gefestigt ist? Und darauf kurz die Antwort: Wir haben immer wieder erfahren müssen, wie groß trotz allen erwachenden Interessesder politischen Parteien das Arbeitsgebiet ist, das unserer eigenen Arbeit Vorbehalten bleibt. Die von der Gegenseite aufgewandten Mittel der Volksverführung waren schier unübersehbar — und dagegen standen wir doch mit unseren immerhin schwachen Kräften nicht ohne Erfolg. Wir haben daraus gelernt: In der Bekämpfung der gefährlichen judenfeindlichen Auswirkungen des Nationalsozialismus sind wir vor allem auf uns angewiesen und werden es auch in Zukunft sein. Die großen politischen Parteien haben andere Ausgaben zu erfüllen als wir. Gewiß paßt auch den meisten von ihnen der verhetzende Judenhaß der Gewiß erkennen sie die Gefahr der hetzerischen Propaganda. Aber verständlicherweise glauben sie im politischen Kampf wesentlichere Aufgaben erfüllen zu müssen, als den zwar Krankheitsstoffe bildenden, aber bestimmt innerlich an seiner eigenen Unfähigkeit einmal zugrunde gehenden Nationalsozialismus zu bekämpfen. Wir sind gewöhnt, die Dinge nicht an sich zu betrachten, sondern zu forschen, warum sie so und nur so sein können. Wir begnügen uns daher auch in Zeiten stärksten politischen Auftriebs nicht mit einer bloßen Feststellung von Tatsachen, sondern wir versuchen vom Symptom her die Krankheit selbst zu erkennen. Wir können uns deshalb auch nicht dabei beruhigen, daß der Nationalsozialismus den Judenhaß als eines seiner Werbemittel pflegt, sondern wir fragen uns: Warum geschieht das? Warum rechnet der Nationalsozialismus richtig, wenn er versucht, aus weitesten Volkskreisen gerade mit dieser Farbe seines buntschillernden Gewandes Mitläufer anzulocken? Und hier darf meines Erachtens die Antwort nur lauten: weil es leicht war, die Schuld an Not und Elend des deutschen Volkes, die Schuld an seiner aeistigen Verarmung auf die Schultern der Juden ab- Znwälzen. Wohl bietet die nationalsozialistische Beeinflussung dem stillen Judenhaß eine einzigartige Gelegenheit, sich geräuschvoll zu gebärden; aber daß der Nationalsozialismus sich mit sicherem Blick dieses Mittels bedient, daß er mit Befriedigung manchen Erfolg einstreicht — das k a n n nur geschehen, weil eine nicht wägbare und nicht meßbare, oft dem einzelnen kaum fühlbare, aber m den Köpfen der Unklaren vielfach vorhandene Stimmung ihm entgegenkommt. Diese Zusammenhänge feststellen, heißt in den Kern der Judenfrage selbst vorstoßen. Woher diese Massenstimmung? Diese Frage wurde vielfach behandelt. Ich will nur an einigen Geschehnissen der letzten Zeit aufzuzeigen suchen, wie der aus vielerlei Bächen zusammenfließende Strom unserer Tage sich aus besonderen Quellen nährt. Da ist zunächst unsere im Wesen der heutigen gesellschaftlichen Schichtung begründete Sonderstellung: Unsere Zusammendrängung in die Städte, in bestimmte Zweige des Handels, unser starker Anteil an den freien Berufen.' llIIIIIIIIIlIlII«IIlIIIIlIIIIII»IIIIIIIIIllIIIIIIIIIIIIIIIIlIIIIlIlI»III»«»lIIIIII!IIIIIlIIIIIIIIIIIIIII!IlI AUS DEM INHALT: Professor Dr. Paul Hildebrandt: Eltern, Lehrer, Schulbehörden kämpft gegen die Hakenkreuzpropaganda. 8. 3. — Dr. 8. Weinberg: Eid und Gelübde der Juden. S. 5. —- Wilhelm Michel (Darmstadt): Kritik muss frei von Hass sein! 8. 6^