Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2571117-2571156-2571167--417-2571746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sb Lev. 22,12: „Wenn aber des Priesters Tochter des Fremden Weib ivird, die soll nicht mm der heiligen Hebe essen." — In diesen und vielen anderen, das Sakrale betrefscnden Bibrlversc», ist unter „sar" („Fremder", „Fremdling", „Anderer") der Nichtpriest er gemeint! unser „Laie" wäre an all diesen Stellen das sinnentsprechcnde Wort. Jin selben Sinne gebraucht auch die talmudisch-rnbbinische Sprache das hebräische „sar", soweit cs sich um Sakrales handelt. Hier soll gleich das Beispiel angeführt werden, von dem der iiilriuünicrlc „Tiklnno ha-Sohar"-Text auSgeht: Sifrn zu Lev. 1.5, Stichwort: „Und er schlachte": „D a 8 S ch ä ch te » ist (vom Opfergcsetz aus) richtig (nuch) d u r ch „L a i c n" (sar im), Frauen und Sklaven usw., weil der P r i c st c r d i e n st (das Gebot des Priesters) e r st von da (v o n de r Opferung) ab beginnt, aber das S ch n ch t e n i st d n r eh j e d e n M e n s ch e » richtig" (d. h. vollziehbar). — Dieselbe Vorschrift wiederholt sich in der Mischna (Febachim III. Ans.). Nach dieser von keinem Fachmann bczwciselbaren philologischen Bemerkung wollen wir an das „Tikknne ha.Sohnr"-Zitnt herangehen. Es lautet in Ucbersehung: „Ferner ist das Gebot des Scliächtens (von Opfer») richtig (vollziehbar) durch ,Laien' (,fnrim‘; manche Lesarten — so die vom .Stürmer' reproduzierte — haben hier auch in Klammern .durch Franen'p), das sind (in übertragenem Sinne) die Menschenkinder, welche den Tieren gleichen. Denn die, welche sich nicht mit der Thora abmühcn, haben cs nötig, das; durch sie Opfer von Gebeten geübt werden, dainit sie dem Heiligen, gelobt sei er (d. h. Gott), sich nähern. lind wenn sie sich durch Gebete dem Heiligen, gelobt sei er, nähern, und manche Leiden (die Gott über sie verhängt) dulden, wie es heißt (Psalm 14.2,°!): .Denn dcinetivegen werden wir den ganzen Tag dahingewürgt, werden geachtet ivie Schlnchtscbafe', dann wird das angesehen. Wie cs (Ex. 20.24) heißt: .Und du sollst daraus (auf dem Altar) deine Ganzopfcr und deine Dankopfer opfern usw.' Denn das wird sie vom Tode des Todcsengcls retten, wie cs heißt (Psalm 86,7): .Menschen und Vieh hilfst du, o Herr.' Die aber, deren Tun gleich ist dem des Viehes auf dem Felde, daß sie (nämlich) essen ohne Gebete, deren Tod wird sein, wie der des Viehes auf dem Felde, und cs wird sie der Tvdesengel schlachten Maß für Maß (d. h. nach Maßgabe ihrer Sünden bestrafen). Und nicht nur das, sondern er (der Todescugel) schlachtet sie mit einem schartigen Messer, und sie werden Aas genannt, und auf sie ist gesagt tvordcn (Jes. 26,19): .Meine Anse werden ausstehen.' Was ist ein schartiges Messer? Snmnel, ein srem- - der Gott, heißt wahrlich (mit Recht) ein schartiges Messer". Zu dein Begrisf „Opfer von Gebeten" oder „Gebetopfer", der in diesem Stücke etivas fremdartig klingen mag, soll hier noch aus dasselbe Werk (S. 92a) verwiesen werden, wo es heißt: „Das Gebet ist ivie ein Opfer, wie cs die Altvorderc» festgestellt haben: Die Gebete ivnrden den Tninid-Opfcru entsprechend eingerichtet". Hieraus folgt daselbst eine Auszählung von vier Lpfcrarte», und zwar: 1. Opfer ist das Morgengcbet, 2. Opfer das Miucha- oder Vorabend» (Vesper-) Gebet, 3. Opfer das Abendgebet. 4. Opfer das Thorastudiuin. Das Beten spielt auch sonst in diesem mystischen Buch eine große Rolle. Stil und Inhalt dieses Textes — besonders die Vergleichung von Mensch nnd Tier — ist zweifellos ein hartes Stück für den Geschmack s) Soweit zittert der Kabbalist die obige Milchnavder Sisra-Stelle. eines heutigen Menschen. Man vergesse aber nicht, daß cs sich hier in» ein mystisches und mittelalterliches Werk handelt, das man mit eigenen Maßstäben zu messen hat. Das Mittelalter halte i» der Tat einen Stil, den tvir heute als höchst befremdlich nnd abstoßend empsinden, und zivar nicht mir in jüdischen, sondern auch in christliche» Liieratnriverken. Ich begnüge mich hier mit einem Satz ans dem Buche von Wicelius „Gliaius oanetmmm Söhne der heilige» Felieitas waren „eitel nnsgehvbene und gute Schlnchlhämmcl znm Reiche Gottes", Zitiert von G. Fr. Danmer, „Die Geheimnisse des christliche» Altertums", Hnm- Ans obiger wörtlichen Uebersesnmg ergibt sich, daß der „Tilkuue ha-Svhar" von N ich tsuden über ha n Pt nicht spricht. Tie „sariin", die hier envähnt sind, sind nicht K o n f e s s i o n s s r e m d e , sondern Fremde in bezug ans die Priesterschast, d. h. Nichtpricstcr, also Laien. Tic Worte verraten sich ans de» ersten Blick als Sisrn- bzw. Mischna-Zitnt durch die von den Fälschern unberücksichtigte Variante „du rch Frauen", die sofort ans die Spur des Urtextes znrücksührt, wo davon die Rede ist, daß das Schächten von Opfern durch Lai cn (snrim), durch Frauen n? w. rituell zulässig sei. Der „Tikknne hn-Sohar" gibt dann wohl den „Laien" den übertragenen Sinn von „Gesetzesunkiindigen" oder ,,-ilnbeslisscucn". Aber der Begriff der „sarim" bleibt durchs ganze Stück im innerjüdischen Krci se stehen. B o n e i n e m N i ch t j n d e n i st hier keine Spur. Tie Uebcrsctzung von „sarim" durch „Nichtjndcn", so falsch sie ist. ergibt aber immer noch keinen Schein eines Ritiialiiwrdes. Ein solcher entsteht erst dadurch, daß man das „Opfer des Gebets" von dem der Text zweimal redet, in ein buchstäbliches Schlachten nimvandrlt. Daß das Unsinn ist und weder dem Gcdankengang dcS ausgehobencn Stückes noch dem des iveitercn Zusammenhanges entspricht, hat auch Bischofs' selbst richtig betont. Wenn der Kabbalist von Gebctopser» spricht, so ist dies ja schon den Propheten eine vertraute Vvrstctlung, Opfer durch Gebete zu ersehe». Man vergleiche z. B. Hosen 14,3: „Nehmet mit euch Worte, und kehret zum Ewigen um .... daß wir mit unseren Lippen die Farrcn zahlen". Noch vertranter ist diese Borstctlung dem rabbinischcn Schrifttum. Man vergleiche den Satz Rabbi Eleasars (Berach, 32b): „Das Gebet ist mehr als alle Opfer". Sollte also Tr. Bischofs — was ich nicht nimchmcn möchte — im „Stürmer"schen „Tikk»»e ha-Svhar"-Tcxt ein ivirkliches, nnd zwar an Konsessionssrcindcn ansz»führendes Men» schcnschächtgesetz erblicken wollen, so würde er nicht nur gegen ein mögliches, sondern gegen ein von ihm selbst bisher w i s s e n s ch a s t l i ch vertretenes besseres Wissen handeln. — Tat das aber der „Stürmer" ans eigene Faust, so stehen Nur vor der traurigen Tatsache, daß ein Blatt, dessen Redakteur und Schriftleiter soeben wegen verleumderischer Beschimpfung der jüdischen Religion zu längeren Gcsängnisstrascn verurteilt wurden, das eben bestrafte B e r l e u in d u n g s w c r k von neuem beginnt, und zwar mit einer Fälschung, die von Dr. Bischofs selbst noch im Jahre 1920 als „Unsinn" bezeichnet wurde, der schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts „glücklich in das verdiente Kehrichtsaß gefegt wurde". yeimalsaeschichte der deutschen Juden. Die uralte Mainzer Jridcngemeinde. Schon ans der Zeit der Karolinger haben wir Kunde von einer jii&ifcljcn Gemeinde in Main z. die lereits vor dem Jahve 1090 zu äußerer und innerer Blüte gelangt und cm dem mirtschastlick)en Aufschwung der Stadt, vor allem an dem Handel mit dem Orient, hervorragend beteiligt war. Ilm 1600 bildet die Gcineinde bereits den Mittelpunkt für das geistige Leben der deutschen Indem Eine ganze Reihe hervorragender Gelehrter wirkte dort damals gleichzeitig. Rabbcn» Gerschom bcn Jehrida (gcb, 960. gest. 1028), dem der Ehrenumne „Meor liagola“ (= „Leuchte des Exils") gegeben wurde und dessen „Verordnungen" Bedeutung erlangten, war der Leiter der Talnnidhvchschnle. Seine Zeitgenossen sind der Mainzer Rabbiner Simon der Große nnd der gleichfalls dort lebende Lehrer Raschis, Rabbi Jakob Om, Jakar (gest. 1064). Ilm das geistige Leben detz jüdischen Mainz hat sich die aus Lncca in Italien stammende Familie Ka toll y w o s lx"sondere Verdienste erworben: ans ihr sind eine große Reihe Tnlnmd-gclehrler nnd gefeierter hebräischer Dichter hervorgcgaugen. 1093 wird znm ersten Riale eine Mainzer Synagoge urkundlich envähnt. Tie Krenzzngc waren auch für die Mainzer Inden eine Zeit der Verfolgungen und Leiden. Während des ersten KreuzzugeS wurde die Gemeinde >096 vernichtet. 1200 Juden wurden in der Stadt ermordet, viele zur Taufe gezwungen. Bereits 1097 gestntlete Kaiser Heinrich IV.' den zwangsweise Getauften die Rückkehr zum Judentum nnd 1103 nahm er die Juden in den allgemeinen Landfrieden auf. Die jüdische Gemeinde erstand aufs neue. 1223 fand in Mainz eine allgemeine Rabbinerversammlung statt, die wichtige Beschlüsse faßte. Obwohl die Erzbischöfe von Mainz und die deutschen Kaiser vielsach für die Judm eintraten, wurde die Gemeinde durch Pogrome und Dersolgimgen erschüttert. Bei den Vcrfolgungcn zur Zeit des „schwarzen Todes" (1349) zündeten die Juden selbst ihre Häuser an und suchten den Tod in den Flammen. Die Juden wurden aus Mainz ausgewiesen: damals wurden Jacob Bar Menachem Schimon Ben lizchok (gest. 1084) (am 1000) ~ .. 'u.iMRun die Grabsteine des alten Friedhofs geraubt und zu Bauten bemitzt. >445 kehrten die Juden aus Veranlassung des Erzbischofs Ticther nochmals in die Stadt zurück, mußten sie aber vor 1473 wieder räumen, In den letzten Jahrzehnten vor der Ausweisung war der berühmte M a ha r i I (gest, 1427) Rabbiner der Gemeinde, Nachdem 150 Jahre lang mir vereinzelten Juden der Aufenthalt in Mainz gestattet war, bildete sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1583 eine neue jüdische Gemeinde, die noch honte besteht. vr. 8.