Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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<zß4pptnt' Boykott in der Studentenkneipe l An die Schrif Heilung der „C.V.-Zeitung . Hamburg, im November 1929. Mit wie hässlichen Mitteln sich die unsinnige Judenfcindschafl mancher Studentenverbindungen selbst im geselligen Leben ausdrückt, zeigt folgende Episode, die sich häufig an einer süddeutschen Universität abgespielt hat und allen Korporationen, die Juden aufnehmen, sattsam bekannt ist. Eines Tages bekommt solche Verbindung einen Brief vom Wirte eines häufiger besuchten Lokals, er bitte, seinen Betrieb in Zukunft nicht mehr zu besuchen. Natürlich geht man zu i/im, sucht zu erfahren, warum man von gestern auf heule plötzlich nicht mehr gern gesehen wird, und hört dann regelmässig etwa: ,,/a, nrissen Sie, also ich persönlich usw. usw." Aber er sei Geschäftsmann, aufs Verdienen angewiesen. Und die anderen Korporationen kamen so schön, und dann blieben sie auf einmal weg. Et und seine Frau wussten gar nicht. Was los war. Bis dann eines Tages eine Dame es ihm sagen konnte. Und da habe er eben geschrieben. „Sie verstehen schon .. Die Dame war natürlich eine Couleurdame der betreffenden Korporationen. Da man akademischen Stolz hat und einen Hausfriedensbruch nicht riskieren /(arm noch will, versucht man, die Hilfe der Universitätsbehörden zu bekommen. Denn Boykott ist ja verboten. Ja, wenn man die Korporationen konnte. Aber darum hal's doch gerade die Dame sagen müssen, damit die tapferen Herren durchaus im Dunkeln bleiben können! Und den Wirt kann niemand zwingen. Als dann etwas Aehnliches sogar im Allgemeinen Studenten-Ausschuss losgehen sollte, wo man nun aber seinen Gegner konnte und keine Couleurdamen feige vorgeschickt werden konnten, gab’s dann auch mit Hilfe des Rektorats und der Tagespresse die verdiente Abfuhr. Hans Jolowicz, stud. iur. Gottfried Keller über die Judenemanzipation An die Schriftleitung der „C. V.-Z eitun g“. Bruchsal, Dezember 1929. Bei der Lektüre Kellerscher Schriften finde ich folgende Stelle aus dem Jahre 1862, die manchen Leser Ihrer Zeitung interessieren dürfte. Wns unsere ka,üonale Gesetzgebung betrifft, so dürfte es hier der Ort sein, eines kurzen, aber vielleicht folgcnahen Gesetzes zu erwähnen, Welches seit dem letzten Beilage geschaffen tourdc. Der von Euch erwählte Grosse Rat, liehe Mitbürger, hat mit einigen wenigen Paragraphen das seil Jahrtausenden geächtete Volk der luden für unseren Kanton seiner alten "Schranken entbunden, und ®i7 haben /(eine Stimmen vernommen, die sich aus Euerer Mitte dagegen erhoben hätten. Ihr habt Luch dadurch selbst geehrt, und Ihr dürft mit diesem Gesetze, das ebensosehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äusseren Politik endlich geboten war, am kommenden Bettag gelrost vor den Gott der Liebe und der Versöhnung treten. An Euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden lebendigen Wahrheit zu machen, indem Ihr dm Entfremdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Verkehr freundlich entgegengehet und ihrem guten Willen, Wo sic solchen zeigen, behilflich seid, ein neues bürgerliches Leben zu beginnen. Was der verjährten Vcr/o/gung und Veraehtung nicht gelang, wird der Liebe gelingen; die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird sich lösen, seine Schwächen Werden sich in nützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in 7’ugenden verwandeln, und Ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Vcrfolgimgsgcist cs wähnt. Professor Dr. Ludwig Marx, Bruchsal. Aus der „guten alten Zeit“. An die Sehr iftleilung der „C. V.-Z ei tun g“. Koblenz, den 15. Dezember 1929. Ich möchte in diesen Blättern die Erinnerung an ein Ereignis wieder Wachrufen, das einst grosses Aufseiten erregt hat, aber der heutigen Generalion nie/« mehr begannt sein dürfte. Gelegentlich einer Regimentsfeier des Bonner Husarcnregirnents hatte der frühere Kommandeur dieses Eliteregiments, der Generaloberst Freiherr Von Lee, eine Aufsehen erregende Rede gehalten, in der er ganz besonders eines alten Regimentsangchörigen jüdischer Religion gedachte, eines Bonner Juden, der den Feldzug 1870 milmachte und die damals ausscrgewöhnliche Ehrung der Verleihung des Eisernen Kreuzes erhielt. Wegen dieser Erwähnung (und int Zusammenhang damit einer anderen Redewendung beit. Rom) wurde der General heftig angegriffen. Die Antwort auf diese Angriffe gab er einige Zeit später gelegentlich einer Feslversamntlung zum 25jährigen Regierungsjubiläum des Papstes. Generaloberst von Loe sagte folgendes: „Ich habe neulich in einer Ansprache an meine allen Husaren an den denkwürdigen Ausspruch des unvergess/ic/ien Reic/is/(anz/ers, des Fürsten Bismarck, erinnert: ,Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt'. Der Ausspruch ist heute wahr und wird cs bleiben, aber nur unter einer Voraussetzung, dass wir den deutschen Erbfehler, die elenden konfessionellen Zänkereien, unterlassen, und dass wir alle ohne Unterschied des konfessionellen Bekenntnisses treu Zusammenhalten ■— Protestanten, Katholiken und Israeliten. Meine Herren, ich nenne an dieser Stelle die Israeliten mit Vorbedacht, Weil ich nreiss, dass ich damit im Geiste des Stifters unserer Religion spreche, welcher das Vorbild der Duldsamkeit ist — im Nennen meines köstlichen Herrn, der sich in seiner prachtvollen Rede Gott sei Dank unter das Kreuz gestellt hat, — im Sinne unseres heiligen Vaters, welcher in seiner hohen, christlichen Auffassung alle Andersgläubigen, die ehrlich sind, mit derselben Liebe und Achtung umfasst. Ich nenne die Israeliten aber nicht allein als Christ, ich nenne sie auch ah Soldat, denn ich finde nun einmal in dem christlichen und dem Soldatenkatechismus keine IVidersprüche. Von diesem Standpunkt aus und in diesem Sinne habe ich vor vierzehn Tagen in diesen Räumen zu meinen allen Husaren gesprochen. Protestanten, Katholiken und Israeliten, denn auch diese, die letztgenannten, halten sich im stolzen Bewusstsein ihrer Rcgimenlszugehörigkcit zu meiner Freude hier zusammengefunden. Ja, Wahrhaftig, zu meiner Freude! Denn unter ihnen befindet sich einer der tapfersten Soldaten des Feldzugs 1870, ein Bonner Kind. Auch er lebt unter dem Zeichen des Kreuzes, denn er ist für seine Tapferkeit mit dem Ehernen Kreuz geschmückt worden, und ich drücke ihm bei jeder Begegnung die Hand, weil ich ihn hochachte. Wie ic/i| nachträglich erfahren habe, sollen meine damalien IVorte bei den Zeloten Aergernis erregt oben, namentlich meine Berufung auf den heiligen Vater. Wenn das wahr ist, so muss ich mich mit dem Gedanken trösten, dass die Eiferer wahrscheinlich zu jung sind, um den Krieg gesehen zu haben, und deshalb die Soldatensprachc nicht verstehen. Und Wenn der Kaiser sein Volk wieder zu den Fahnen rufen so//(e, so weiss ich, dass seine Soldaten ihm alle ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses mit derselben Freudigkeit folgen werden wie damals die Väter seinem Grossvaler Das war am 29. Juni 1902, vor 27 Jahren also. Und heule? Ach, mir haben es herrlich Weil gebracht unterdessen! H. N., Koblenz. Die WellreNgionen gegen den Krieg. Ei» Hcst, 8-1 Seiten stark, ließt t'ur mir (erschienen ilt der Buchdruckern Bauer, Marburg a. d. Satin, und dvrt aus Verlangen kostenlos zn beziehen): „Die Wellretigiom-n »egen de» Krieg." Es enthält die Verhandlungen der einleitenden Konferenz zu Gens 1828 31,111 Zweck der Vorbereitung einet religiösen Weltsriedenstonserenz für das Jahr 1930 nach dem Thema: „Was kann die Religion zm» Weltsrieden beitragen?", ohne jedoch eine eigentliche Religionsliga gründe,1 oder irgendein politisches oder soziales System versechle« zu wollen. Dr. Atlinson (Amerika) sagt, die Idee zu dieser Konferenz sei ihm sieben Jahre vorher aus dem Schlachtleid von Verdun gekommen, wo 3A0M Menschen hingcmvrdet worden lvare». Ein Priester habe ihm dort die Cnütunfe für die tüchtige Kapelle gezeigt, die dem Gedächtnis der dort Gefallenen gewidmet sei» und vier Altäre für vier verfchiedene Koirfefsionen beherbergen sollte. Da habe er sieb gesagt: Wen» die Menschen ihre Altäre vereinigen können, um die Opfer des Krieges zu symbolisieren, sollte» sie es nicht auch in Wort und Tat gemeinsam verlnuden können: „Der Krieg darf sich nicht mehr wiederholen!" Tille Länder, vertrete» durch alle ilieliflioiien der Welt, sollen sieb znsammensinde», sieh »ach der Schrift Vereinen, nni den Krieg Tie erste vssentliche Versammlnng leitete Fridtjof Nansen , der in seinen einleitenden Morten der .stostnnng 'Ausdruck gab, es möge jene doppelte Moral abgeschasst werde», nach toelcher Randen und Morden, Lügen nnd Betrügen edel und gut wären, >vemr mau eS zu ütntz und Frommen des eigenen Landes tue. Danach geben die Erhalte ihrer Religivnen im Sinne des Friedens Männer ans Ehina, ans Japan, ans Indien, ans Amerika-, Juden, Brahmaiien, Buddhisten, solche die die Klliio t'nttmv Society vertreten 11. n. m. Und alle gaben das Gelöbnis, miteinander mbeiien z» wollen an internationaler, an interkonsessioneller und an universaler Gerechtigkeit, Diese Weltkvnserenz in, Jahre 1930 soll ernstlich nach Gelegenheit suche», um gemeinsam unter den Anhängern aller Religionen gegen den Geist der Eelvalt und gegen alles, Ivas zur Uneinigkeit führen kan», anznkänipsen, doch soll weder ein formeller Nettgivnsbrmd gegründet, noch auch etwa der religiöse Wert der verschiedenen Glaubensbekenntnisse verglichen werde». Tie Vertretung aller Religionen — es sind 14 — soll proportional sein, und es locrbcn danach, um mit einige Zahlen z» nennen, auf ihr Sil) Christen, 125 Moslems, 60 Jude» vertreten sein. Tille Reden, die in diesem Blich vereinigt sind, zeigen, daß im Grunde alle Neligionen Fr setz e 11 s religivnen sind, das; sie alle im Sinne des Wortes Jesaias Ivirlen tünuten: „Ein Bvlk soll nicht das Schwert gegen das andere Volk erheben, noch sollen sie fernerhin lernen, Krieg zn führen/