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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-01 · Heft 11 (November 1929) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 11 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Du sollst deinen Nächsten liehen 3m Philo-L'etlag. Berlin SW»«, rrschrint demnächst du iitiifs Werk Von IKabbinci Iv. 3« tob LTmlmnnb): „'Kmie um \Hune, itm.3al)n." ‘Jhuljbcm bet Periaiscr bic imblubcn mtb fuvndilieben Anstöße bet Bcraprediat, insoweit fie Altes Testament >mb bie »tue Lehre 3es»s acaeuüberslelll, ansein.mdcraesetzl hat, sät»! . . . Betrachten wir die letzte 'xHutithi’H' Ihr ljabt gehört^ daß gesagt wurdei du sollst deinen Nächsten liebe» und deine» Tycin& Hussen, ich über sage euch, liebet eure Feinde nj>v. Es ist unmöglich, das; damit gegen eine jüdische Lehre pvleminerl werde, Tas; inan nicht linsten, sonder» dem Feinde helfen und Gnies erweisen soll, isl im Alten lefbv ment nicht nur „augedeniet", sondern ansdrnclliel) und ojt ^geung gesagt. Das uns Lev 10 (IN) angesührte Wort ist ja mir der Schluß von: d» soll deinen Bruder niclst Hussen in deinen! Herzen, vorstellen, vorstellen sollst dn es deinem Gcnvsten und seinetwegen nicht Sünde trugen, dn sollst dich nicht räche» und nicl,l nuchtrugen boit Söhnen deines Volkes — — . . . (fr Al, 1 f,: Wenn dn den Ochsen deines Feindes oder seinen (fiel, die fiel) verirrt Huben, untrissst, so sollst dn sic ihm zurückbrnigeii; wenn dn den (rfei deines Hassers unter der Lust erliegen siehst und nbslehen wolltest ihm ubznluden, so sollst dn dennoch mit ihm znsnmmen nblude». Spr. 25, t!lk.: Wenn dein Hasser hungert, so gib ihm Brot,zn essen, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zn trinken, denn Kohlen suminelst dn uns sein Haupt und Gott lvird es dir vergelte», 21, 17: Wenn dein Feind fällt, so freue dich nicht, und wenn er strauchelt, sv frohlocke nicht dein Herz, damit Gott es nicht sehe, es seinem Auge inistsüllig sei und er seinen Zorn von ihm abwende, D, h. glnnbe nicht, dast Gott struse, um deine persönliche Feindschust zn befriedigen; er mißbilligt Auchegesühle und ihren Triumph, 18 24, 18: Tn bist gerechter nls ich, denn dn hast mir Gutes vergolten, während ich dir Böses vergolten Hube, Man um fite also von einer solchen höheren Frömmigkeit. Nun ist es ein alter Streit zlvijche» jüdischen- und christlichen Apologeten, wer mit dem Nächsten, den man lieben solle, in der nlttestmnentlichen Stelle gemeint sei. Jene behaupten: jeder Bienseh, diese: mir der Volksgenosse, Tie christlichen Eregeten haben recht. Der Nächste von Lev 19, 18 ist synonym mit dem Bruder, dein Genossen und den Söhnen deines Volles, Sie können sich ferner ans die haluchische Folgerung bernsen, lvelche zwar nicht zn dieser Stelle, aber zn Er 21, 14, 35; 22, 8; Lev 20 10; Dt 15, 2; 23, 25f, kantet: also nicht (Fliozi) Andere (acherim). Aber der Triumph könnte nur von kurzer Tauer sein, Znnäehst hat das Wort „Ren" an und für sich weder mit Ballsnoch mit Glnnbensgemeinsehast etwas zn tun. Es kann keinen schlagenderen Beweis geben nls Ex 11, 2: die Israeliten sollen sich in Aegypten erbitten jeder von seinem Nächsten und jede Frau von ihrer Nächsten silberne und goldene Geräte, Diese Nächsten sind ohne jeden Zweifel Aegypter, also weder Volksnoch Glnnbensgenossen; in der Stelle 3, 22 steht dafür: jede Frau von ihrer Nachbarin- und Hansgenossin, Ter Nächste ist jeder Mensch, mit dem ich in nähere Beziehung getreten bin oder treten will oder soll, mit dem ich gerade zn tun habe. Ter Nächste ist nicht jeder Mensch, aber jeder kann es tverden. Ata» hat also immer mir einen begrenzten Kreis von Nächsten, gewöhnlich nur einen, so loic_ etwa bei einem Aufruf immer nur einer mit „der Nächste" anfgernfen lvird, bis er nbtritt und der Nächste „der Nächste" wird. Der Gegensatz zum Nächsten ist wiederum nicht der Nicht-Vvlls- oder Glaubensgenosse, nnch nicht der „Feind", sei es der Persönliche, sei es der nationale, sonder» der andere, d, h. derjenige Mensch, mit dem ich gegenlvärtig und überhaupt nichts zu tun habe, der für mich nicht in Betracht kommt. Die Mischpalim z, B, reden regelmäßig von einem Manne rmd seinem Nächsten (21, 14, 17, 85; 22, (>, 7, 8, 0 bis 13), nur einmal heißt es „Acher“ 22, 4: wenn jemand sein Vieh in dem Felde eines Acliee weiden läßt, was der Talmud (b. k. 13 b) treffend erläutert: so das; der Eigentümer sagen kann, u>aS hat dein Ochse in meinem Felde zn suche»? Natürlich ist dieser andere in den Mischpalim gleichfalls ein Israelit, Co ist für die verheiratete Frau jeder Mann anher ihrem eigenen ein „anderer" Man». Dies ist auch der Sinn von „anderen Göttern", Es sind Götter, die, ohne daß damit über ihre Wirllichleit oder Nichtwirllichkeit etivnS ansgesagt wird, den Israeliten jedenfalls nichts angehen, mit denen er in seinem Verhältnis steht, wie mit dem Gotte, der ihn ans Aegypten gejührt hat. Es lväre ja nnch absurd, wenn der Nächste immer Gegensatz zum Vvlksiremden bedeuten sollte, man also nur den Israeliten nicht ermorden dürste (Ep 20, lg, 17; Tt t, 42; in, 4L), oder daß mir der Israelit AnvertranteS oder Geliehenes iviederzngcben brauchte (Er 22, OL, OL, 13). Wen» also Roa in der Levitiensstelle zunächst den Balls- und Elanbeussremden bedeutet, insofern praktisch dieser säst antzschließlich in Betracht kommen lvird, so hat R, Akiba dennoch recht gehabt, lvenn er in ihr das Gebot der allgemeinsten Menschenliebe fand und sie den umfassendsten Obersatz zn allen Geboten »mmte. Es stellt nämlich nicht so, daß die Ausdehnung ans alle Mensche» eine Folge etwa einer späteren Verfeinerung des sittlichen Gefühls oder einer Eriveiternng des GestehtstreijeS über das eigene Voll hinaus ist, sondern das Verhältnis ist nmgelehrt: dn sollst deinen nachbarlichen Volksgenosse» lieben ist eine durch die Situation, nämlich die Verlündignnq an „die ganze Gemeinde Israels" (19. 21, gegebene Vetoinmg für diesen engeren Kreis, lvelche das umfassende Gebot zur Bvranssetznng hat. Wenn für einen bestimmte» Meusehen- Ireis, ,z, B, die Bürger einer Stadt oder die Mitglieder einer Gemeinschast, eine Satzung ausgestellt wird: niemand darf einen Mitbürger oder ein Mitglied mißhandeln oder berauben oder bestehlen, so iann dies nicht ausgesprochen werden, lvenn es nicht als verwerflich gilt, überhaupt z» mißhandeln, zn rauben n»d zn stehlen. Tie Eigensehajt als Mitbürger oder Milglicd ist nur ein Grund mehr, es einznsehärfen, und es lväre töricht, z» schließen: also Nichtmitbürger oder Nichiiniiglieder darf man berauben und bestehlen. Tie talmndsche Interpretation: „l'hozi aelierim" will mir sagen: von acherim wird hier nicht geredet, Terjenigc Nichtvoltsgenoste aber, mit dem man in Berührung kommen und znsaimnenlebe» tonnte, wird „wie sich selbst zn lieben" gleichsalls geboten, Alan muß also auch nnch de'r Intention der Thora jeden Menschen lieben, sobald er im Verkehr der „Nächste" lvird, Bis dahin allerdings geht er mich nichts an. Wäre ein ansschließender Gegensatz beabsichtigt gelvese», so hätte er ansdrüctlieh ausgesprochen werden müssen, wie z, B. Tt 14, 21: Ihr sollt kein Gefallenes essen, dem Fremdling, der in deinen Toren ist, sollst dn es geben, daß er esse, oder dem Ausländer verkaufe». Oder 15, 3: Von seinem Nächsten oder Bruder soll mau nicht Zin? nehmen, von dem Ausländer magst du Zins nehmen. Wir sahen, wie sorglos der Verfasser der Bergpredigt mit Bibelstellen umgeht. Dennoch tonnte dies nninöglich so weit gehen, daß er behanpieu sollte, in der Thora steht: T» sollst (oder auch mir: dn magstl deinen Feind hasse», Auch von den Schristgelehrten, so sehr er sie verleimen mochte, konnte er dies nicht behaupten. Während Strack-Vitlerbect für die jüdische Nächstenliebe mehr als zehn Seiten Belege ansühren tonnen, haben sie snr ein Gebot zn hassen nur zivei Sätze ans dem dritten und vierten Jahrhundert zur Bcrsügung und etwas mehr dafür, daß der Hast unter llmständen erlaubt sein iönne. Dabei sehen wir davon ab, daß das l)ebräijche Wort nicht immer de» schroffen Sinn des deutschen zu linden braucht, sondern v!t nur bedeutet: nicht leiden möge», sich abgestvßen sülsten: wenn es sich um zivei Objekte handelt: weniger als den andern lieben, nicht gleichsalls lieben, z, B, Gen 20, 31; Tt 21, 15 fL: Mal 1, 3, im Nene» Testament Lue 14, 26; 16 13; Iah, 12, 25. Wir wissen mir eine Lösung, aber sie beseitigt auch alte Schlvierigkeiten. Es ist nicht die jüdische Moral der Thora und der Sehristgelehrten, die der Anssprneh der Bergpredigt trifft und treffen will, sondern die nntile heid»isel>e Bntgärmvral. Für sie ist er allerdings der vollkommen adägnate Ansdrnct einer allgemein anerkannte» und befolgten Marime des Tnrchschnittsmenschen!, Tas ganze erste Buch von Platvs Republik ist dem Bemühen des Svtrates gewidmet, diesen Grundsatz durch Berunnftgründe zn entwurzeln: das sei Gerechtigteit und ihre Tesinition: de» Freunden zn nützen, den Feinden aber zu schaden (336A, wozu Ivwett und Eampbell, Notes Bd, III, S, 23) mit Neclit bemerken, daß dies derselbe Standpunlt wie der des (aber nicht ,,hebräischen", sondern neutestamentliehen Ausspruches sei, Apelt führt dazu Isolrates or. I § 26 an: Hatte es für schändlich, dich in llobeltate» der Feinde und Wohltaten der Freunde nbertresfen zn lassen, Diese Vvltsmoral sucht Jesus durch Religion, wie die heidnischen Ethiler durch Philosophie zu überwinden, Ta aber der Bergprediger vom Delalog herkvmmt, so läßt ihn Matthäus sich nneh bei dieser Polemik an ein Wort des A, T, anlehnen, wobei er, dn dies mir für die erste Hälfte ansreicht, bei der ziveite» in heidnische Ansdriicksweiie gleiten muß. Er brauchte den Feind in der These, weil er die Antithese aus ihn znznspitzen hatte. Damit lvird auch die unbestimmte Zitiernngsweise verständlich: ihr habt gehört, daß gesagt wurde, was die Herkunft der Marime nntlar läßt und unklar lasten soll, Analvg ist sie dann nnch schon bei den vorhergehenden Antithesen angewandt. Daß Matthäus den Berg- Prediger nicht bloß a» Juden und jüdische Lehre» denken läßt, zeigt er bald daraus in der Warnung: Menu ihr aber betet, sollt ihr nicht teere Morte machen wüe die Heide», denn sie ivähne», daß sie erhört werden, weit sie viele Worte machen; biunm_ werdet ihnen nicht gleich, Woran sich dann das Vaterunser als Mnstergebet ansehließt (6, 7fL). Nichts tan» natürlich sei». Auch wenn, ivas nicht der Falt war, Palästina ein reinjüdisehes Land gewesen wäre, sv stand das Bubliknm der jüdischen Predigt unter dem Eiuslnß von nichtjüdischen Zeitsirönnnigen, gängigen Meinungen und Sehlagworten des Tages, Ihnen entgegenznwirken, ist zn allen Zeilen die Hauptarbeit der Prediger gewesen. Wollte Jesus ein Voltslehrer sein, so konnte er an einem solchen Fnndamentalsatz der vulgären Moral ebensowenig vornbergehen wie Sokrales, Or, Ilenmo Jakob (Doihmind).

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