Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Die „imjilllichen" Juden. Osscttk Antwort an ven Aationalsozialisten H. ans Schleswig-Holstein. Wie der Stier tun den, veten Tuch, je flPinU'it die 'Jjnüemil* sozial, sic n in eine erregte Stimmung, nnnui mnn i()ven ivütenden Angriiscn nuf das Judentum amtliche Ziffern cntgegenhätt, Das! die Jude» zu einer minderwertigen Raste gehören, ist ei»?- ihrer nnbeweitzbaien, haltlvfen Dogmen: ei» anderes, das sie täglich und ftünMid) Wiederheien, behauptet, das, bei den Jude» erotische Erzeste >m der Tagesordnung seien, Ei» Rniir'nntsvziatis! H, nus Schlesivig- Hotstein iuirft uns diese Lntsnetie» in einem n»vini»ie» Brief vor, als eö ilmen mxlt uienmtcleidersprechen lvvrden wäre, Obschon lvir bereit?- in der B!v»nts»usgnl>e der B,-Zeitung" Penn I,inner dieses Jahres die letzten niiittichen Zahlen der Kriniinalsintistik ans den Jahren 1915/17 heknmitgegcbcn haben: seitdem wurden feine amt- Uchen lvnsefsionetlen Zahlen mehr veröffentlicht, £>. fmm zivnr an dem iiliitlichen Zahtemnaterinl natürlich nicht niäleln und deuteln: aber ein solcher Kämpfer ist nie verlegen. Und so wirft er »ns Täuschung des Lesers vor, iveil lvir nicht gleichzeitig inil de» absolute» die relativen Zahlen vervsfentlieht habe», Deshalb verössentlichc» lvir nachstehend nvchinnls die amtlichen Zahle» unter Hinznsngnng der Retativz,ihlen: es ivurden verurteilt lvegen: 2, Unzucht m, Gewalt 3, Kuppelei, ZnhnNc 7, Erregung oon Arrgcrnis d. rmzllchligc Handluu gusainnicn 1 bis 7 , Insgesamt. . ■ ■ ■ 741 li 1300 1025 OSO 021 1141 920 755 Aach der Volkszählung eulfallen von 100 der Hauplrcligionen. , Jeder ruhige Beurteiler ivird zugeben, d>iß anläßlich dieser Ergebnisse die jüdischen Anteile lt i cfj t s ch l e ch t a b s ehneidc n; denn ihr Anteil rm den Sittlichkeitsverbrcchen bleibt hinter ihrem Prozeninalen Anteil der Gesmntlvvvlkerimg zurück, ivlihrend bei den Kalhvlile» das Berliältiiis inngekehrt ist,' Aber lau» »ui» überhaupt ans statistische» Zahlen Schlüsse ans die gröhere oder geringere Moral von BevölkernngSschichten ziehe»? Zn de» Anhänger» der Mvrnlstatistik sind in erster Linie die Deutschvölkischen zu rechnen, die gern, von Einzelvorgängen ausgehend, vernllgenieinern und mit ihren Sehlttsirksiillaten die Masse» aiifznslncheln versuchen. Solche Ergebnisse, die sic meist mit einem statistische» Mäntelchen drapieren, bedürfen keiner Widerlegung, Aber selbst der Wert von ernsten Moralslntislilen ivird von großen deutschen (Solehrten sehr angezweisclt. Schon der große Berliner Jurist und belanntc llniversitätsprofcssor Li sit Hai scharfe Krilil an de» Fehlschlüssen geübt, die man aus den zahlenmäßigen Ergebnissen der Krimimilstntistik seinerzeit zog, und neuerdings beschäftigt sich der bekannte Gelehrte Robert Michels in einer Schrift: „Sittlichkeit in Ziffern?, Kritik der Moralstatistik" mit einem ähnlichen Eegenstand. Michels stellt fest, daß die Hauptmasse der Erscheinungen sich dem grobe» Jiisiriinieiit der Statistik völlig entziehe: in das Allerhciligstc des inenschlichen Scclcnlelwns, das Allcrintimste des nienschlichen Trieblebens zu dringen, ist und bleibi ihr versagt. Somit ist es auch unrichtig, daß die Moralstnüstik, wie innnchc meinen, zwar keine Statistik der Moralität, aber doch immer eine Statistik der Jmiiwralität bedeute. Denn die Statistik, deren Bedentimg ans nndercm Gebiete nicht zu leugnen ist, gibt uns, in Zahlen nnsgedrückt, nackte Tatsachen und berücksichtigt nicht die gunlitativen Elemente der Urteilsbilduiia moralischer Observanz, Diesen Standpunkt von Tr. Michels teilen auch wir, und wir halten es für abivegig, auS rohem Zahlcinnntcrinl, ohne das Milieu, die Berussnrt, die llmgebmig einer Bevolleningsschicht — mag sie judeiiseindlich oder jndensremidlich sein — zu kennen, den Stein ans ihre Moralität zu Wersen, Aber wenn Herr H. in seinem Brief alte, abgestandene Behauptungen ans der völkischen Presse zusammeiisiollt von der Art: „Die Juden lassen ihre Sittlichkeits- Vergehen nur im Christinnen ans und verschonen ihre Rasscgeiwssinne»", „Die Inden treiben Mädchenhandel mit christlichen Mädchen" nsw„ ohne den Schatten eines Beweises zu erbringen, so lohnt es sich ivirklich nicht, diesen „breitgetretencn Quark" noch einmal unter die kritische Lupe zu nchmcii, Herr H, droht uns zwar, daß er sein „Opus" i» seiner Presse veröffentlichen iverde, wenn imscrerseits nichts geschieht. Aber wir warten schon iiivnatclang, ohne auf eine Bcröfscntlichnng seiner Znschrist zu stoßen, die lvir deutschen Inden jedcnsatls nicht zu fürchten brauchen. Scheinbar sind die Parteifreunde des Herrn H. doch zu klug, mn ans solche Behnuptnugen hincinziisallen. Aussprache von Mensch zu Mensch. Oesfeniliche Versammlungen in Darmstadt und Hr'ldesheim. Etwa 1900 Besnchcr hatten sich am Montag, den 4. November, in Dar m st a d t zu einer großen, von der dortigen Ortsgruppe des G. SB. cinberrisencn öffentlichen Versammlung die gesunden, in der der Direktor des Ecntrnlvcrcins, Dr, Ludwig Holländer, über das Thema: „Innerer Friede, Deutschlands Rettung" bcrichlele und den Judengegnern, insbesondere den Nalivnalsvzinlisten, ein Spiegelbild vorhielt, indem er aus Grund rein wissenschaftlicher Darlegungen die vollkommene Brüchigkeit ihres Programms und ihrer praktischen Bctätigimg nachlvies. Tie zahlreich anwesende» Natioimlsozialisten kinncii in der laiigausgcdchittcn Diskussion ausgiebig zu Wort. Bezeichnend ist cs, daß auch hier von einer maßgebenden Persönlichkeit der Partei nicht der Versuch gemacht irmrde, die Tarsiellimgen des Rescrenlcn irgendwie zu erschüttern, sondern das, mnn sich lediglich aus die Aiilündigung bcschränUe, daß mau mit Inden nicht diskniierc. Diese Feighei! inachte aus den größten Teil der Versanimlimg den Eindruck, den jeder solcher Mangel an Vlitt unbedingt Hervorrufen muß, nämlich der llnmöglichfeit, Tinge zu ividerlcgen, die geschichtlich und politisch als cindculige Wahrhriten zu bclrachlen find. Ein Redner, der sich als Nationalsozialist bezeichnctc, lomidtc sich gegen einzelne Lehren des Judentums und stellte Bchauptimgcn über loirlschasttichc Fragen nus, die sich mit den bckannlc» Anssührrmgen der nnlionalsozialistischcn Wirlschnftstheoretiker deckten, Rabbiner Tr. Nlerzbach konnte ihm aus dem religiösen Gebiet schlagend die Unhattbarkeit seiner 'Auftastung Nachweisen, während der Referent in feinem Schlußwort die anwcscndcii Gegner Ivicderholt anftordcrte, ihm Gelegenheit zu geben, vor einem Forum rmparlclischcr Gelehrter Über die einzelnen Abschnitte seines Vortrags z» distutirrcn. Wenn die Gegner von der Nichtigkeit ihrer eigenen Aussührnngen überzeugt seien, so sollte» sie auch den Mut ansbringcn, mit ihm über das, loas ihnen besonders am Herzen liege, i» Erörterungen cinzutrelen. Einen Höhepunkt des Abends bildete die Diskussionsrede von Tr. Earl M i c r c n d o r s f, der ans die Hcranssorderiing mehrerer Redner mit allem Nachdruck daraus hinwics, ivlc ivenig die Nationalsozialisten ein Recht hätten, über die Vaterlandslosigkeit anderer zu sprechen, nachdem der Redakteur ihres Blattes im „Hesteiihammer" vom ZI. Oktober 1020 bei Besprechung der Arbeit des Rcichsbanners seine Verivundernng ausgesprochen habe, daß „keine französische Behörde sich gegen die Ikebnugen des Reichsbanners, die militärischen Eharaktcr hüllen, auslchnc". Diese Erössnimg loste eine nngcheurc Empörung aus. Vergebens versuchten die Nationalsozialisten durch Zlvischcnrnfc diese Stelle in ilircm Blatt von sich nbznschütteln. Ter Erfolg dieser Versammlung liegt zwcisellvs darin, daß Himderlen von Menschen die Auge» über Tinge gcöftnet Iverde», die sic sonst nur in einseitiger Belcnchtmig zu lese» und hören bc- Ueber IM Personen, säst gusschlirßlich christliche Männer und Frone», Irmren der Einladung z» einer össentlichen 'Aussprache gesvlgt, zu der die Ortsgruppe H i l d c s h c i m in den Saal des Gildenhauscs gehctcn hntte. Einleitend Ivies Tr. E v 1) ii, der Vorsitzende unserer Ortsgruppe Hildesheim, auf die loachsende Verlemiidung und Bcschimpsnng der Inden im politischen Komps hi». Ilm Tentschland ans seiner Zerrissenheit z» l»esrcicn, verlangte er von jedem gnlcn Deutschen selbstverständliche vaterländische Pslichlersüllung, Sclbstachtiuig und Wahrheit und Gerechtigkeit jedem Andersdenkenden gegenüber. Dr. B r u » o Weil (Berlin), der stellverirellmde Vorsitzende des Eciüralvereins und Hnnptresercnt des Abends, fctzle an die Spitze deiner Anssührungcn bas aus der Französischen Revolution von jedem modernen Staat übernommene Grundgesetz: jede Anseinandcksrtznng ivird nnter Volksgenossen ausgetragen, die als Menschen gleiche Rechte bcnnspriichen können. Demgegenüber stehe die nationalislisch-völkische Forderung, nnr den Angehörigen eines Mntkrcises Gleichbercchtigimg nnzucrkcnncn. Vom cccschichllichen, gcsiihlsmäßigcn, stantspolitischcn und praktischen Standpunkt ans siihrde er diese Forderung .ul »bsrirchim. Seine eingehende Darstellung gipselle in den Worten: „Tie Wohlfahrt des deutschen Vaterlandes hängt also ab von der Bildung einer wahren Vvlksgeliieiiifchafl, zu der jeder gehören kann, der die nalionalen Belange wahrnehmen will. Keine Bluts-, sondern eine Willensrmd Schicksalsgemeinschaft verbürgt den erfolgreichen Wiederaufstieg des derüschcn Volkes. Niurnrcr wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu!" In der Aussprache erklärte », a. Senator Weßling im Namen der Deutschen Volksparlei, daß diese — gemäß ihrem Parteiprogramm — der bölkischcn Belvegiing ablehnend gegciiiiberslchc, da die Parteizugchvrigkcib nicht abhängig von llieligivnsbekcniitnis oder Rasse sein dürse. Der Oherbürgermeistcr von Hildcsheim, Dr, Ehrlich, forderte von jedem, ehe er ein Urteil über die Juden fällt, schnrsste Selbstkritik. Chesrcdnklerir Wallis rügte die isolierende Haltung der deutschen ffeinen Gruppen, die die Zersplittcriing des deutschen Volkes i» imnvtigcr Weise erhöhen. In diesem Zilsammcnhang vermeinte er auch seststellen zu können, daß sie sich überall in Gruppen rind Eligiien von ihren Mitbürgern nbsondcrten. Sie müßten mehr Verbindiing suchen, auch ein hartes Wort nicht scheuen »nd ständig von sich aus den Vlusgleich nnstrcbcn. Dadurch ließe sich mancher Gegensatz mildern. Leider Hallen auch hier die aiilvescndcn Gegner loicdcr nicht den Nlut, in der Sllussprachc das Wort zu nehiucn.