Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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$0 Die dreifache Wurzel der Toleranziöee. von Dr. tzartmann iElberfelü). Wir sind alle viel mehr von der Geschichte belastet als wir H>iffen, und Hemmmige», die de» ciiischcideiideii Durchbruch einer neuen und grohen Idee begleitete», werde» sas! nie ganz aufgehoben, sondern spielen ihre verhängnisvolle, freilich oft verborgene Melle, Wir leiden heule in einem »ngeheuren Muhe darnn, bnfj man sieh gegenseitig nicht gelten lasse» will und die auf dem Papier der Verfassungen stehende Gleichberechljgnug in, wirkliche» Leben inuner tvieder durchkreuzte aber wir wissen nicht, wie sehr wir da gebunden sind an die Geschichte und wie dnS Unvollendete »»d »„zulängliche die reine Ersiilluiig verdarb und immer noch verdirbt. Das laßt sich nn dem geschichtlichen Tvleranzgedanleu in mehrfacher Hinsicht erweisen, Einmal strömt er ans verschiedenen Quellen zusammen und ermangelt daher der pvnwgenität -- ähnlich tvie in Plisjnu Flüsse sieh nur schiver zu einem einheitliche» Gebilde bereinigen können. Dann tvaren in den ersten Trägern des Tvlerniizgedankens viele Henmnuigen persönlicher oder schicksalhafter Art, die ihnen dieKonsequenz ihrer eigenen Idee erschwerten, lind schließlich waren die Gegner deS Toleranzgedankeiis. vor altem die nuS irgendeinem Grunde interessierten Gegner, auch nicht müsiig und hinderten seine organische Entsnltuug, Wir wollen unS kurz das Wesentliche nn diese»! Prozesse vergegenwärtigen, und wir iverden dann die heutige Lage besser verstehen. Plan km ._i f n dj c. „ echen. Zunächst darf ihr säst rein theologische, u r s p r u n g nicht übersehcn werde». Schon das Wort gewann durch die Protestantischen Theologen Tentschlands zuerst technische Bedeutung. Der Führer unter den orthodoxen Lutheranern. Johann Gerhard in Jena, hat in seiner 1 f>04 erschienenen Schichte „Centuria qiisicstiomiiii politicanmi" einen Abschnitt, betitelte „Ob in einem wohleingerichteteii Staate verschiedene tHeligionen zu -tolerieren seien." Und von da nn zieht sich über Tornow, Friderici, Thomasins und Psasf ein Fade,, der Diskussion, der bis zur prattischen Toleranz znnäehst des Prenßisehen Staates nicht mehr nbreißt. Aber auch der berühmte RechtSlehrer Hugo Grat ins, der Vater des Völkerrechtes sder in Holland wirkte, bann, zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, von seiner Frau in einer Bücherkiste gerettet, in Paris und Schweden lebte) geht ganz von theologi chen Gesichtspunkte,i ans. Auch ihm stellt sieh die Frage im wesentlichen von der Seite dar, wie man die verschiedenen christlichen Konfessionen zur gegenseitigen Duldung oder noch besser zu einem Christentum ohne Glanbensspaltnng vereinigen könne. Das Judentum spielt bei all diesen Theologen g r u » d s n tz l i eh keine Nolle, da es wie selbstberitändlich nie unter dem Gesichtspunkte einer möglichen Gleichberechtigung. sonder» »nr imter dem des Fremdenrech'tes für ei» nn sich lästiges, aber unter den gegebenen Umständen nicht mehr entbehrliches Volk angesehen wurde. Diezweite Quelle des T o le r a n z g ed a nk en 8 ist die H n in a » i t n t s i d e e, >vie sie bei de» Engländern 81> a f t e s b u r y, L oc k e und II ii ui e nnstnneht und dann von den französischen Enzyklvpadi,len z» einein grandiosen Lehrsystem anSgebant wird, in dessen ,xotge die französische Revolntion in der Deklaration von,!!. November 3f89 la liberte dp Ions los cultes verktiudigie. Hier ,|t treilich der theologische Ausgaugspuult völlig verdeckt'von den, Gedanken des Mensche» nn sich „„d dem Begriff einer alle Menschen iimsns,enden „Menschheit", wie er dann in der natürlichen Religion Co mies lunch 1830) so Plastischen Ausdruck fand. Hier ist'der Tolernnzgedaiile philosophisch zum endültigen Siege gelaugt. Aber noch ist eine dr i tte Onelle zu nennen, die leider vielfach übersehen ivurde. Und doch gewinnen wir gerade da das Ver> ständnis für eine der größten Heinniiingen heute. ' GS handelt sich „in die Tatsache, daß das Entstehe» der modernen Nationalstaaten die an dem reine» Machtpriu.zip nusgel,nnt waren. die gegenseitige'Unduldsamkeit nicht inehr ziiließ, so daß der T o l e r a ,i z g e d a „ k e ein - such 5» einem Politischen Faktor ivurde, dem umn notgedrungen Omnm geben umsite. Das zeigt sieh ganz deutlieh etiva .bei Friedrich dem Großen, dem die Staats.,,vtwendigkeit über altes ging und der, wie der bekannte Fall des katholischen Feldpredigers beweist, gelegentlich recht »»tolerant sein lvnnte. wenn nach seinen Bcgrisseii das Stnntswvhl aus dem Spiele stand. Es geht da durch die Geschichte eine gerade Linie zu der auch heute noch öfters vernehmbaren Anschauung, man möge doch die religiösen n»d verwandte Gegensätze „um des Vaterlandes ivitteu" znrüelstellen. Diese sicher tvohlgemeiiite Aufs,iss,mg übersieht leider, dnsi eine solche Toleranz, die inan als „taktische Toleranz" bezeichueii könnte, nicht lange hält, Iveil ,,e nicht tief in der lleberzengimg der Mensche,, verwurzelt ist, So laiui jede neue Politische Konstellation ihre Anshebimg erzeugen, Gin typisches Beispiel ist dies, dnsi in, Felde gemeinsmne katholischevangelische Gottesdienste gehalten wnrdeit. während sofort nach dem Kriege für Kathviile» das Verbot der Teiliinhme nn evaiigelischen Gottesdiensten wieder eintrat und ebenso ans evangelischer Seite die selbstverstai,bliche Abschliesinng, Die Amvendmig dieses sehr sntnlen, dem inoderiiei, tzlationalstaat entspringenden taktischen Tvleranzgedniikens ans das Indentniii ergibt sich von selbst. Wir haben nun aus die Hei,nn,ingen hinzmveisen, die den Toleranzgedanken nicht voll zur Entfaltung lonnnen tiesien. Da ist ans rzel der Tole katholischer Seite zu bemerken, dasi man zivar nur noch wenige (aber doch einige!) Stimme» hört, wonach die alten .Ketzergesetze noch gelten und imr angenblicklieh nicht nngeiveiidet iverden, daß aber die nllgemeine Anfsassiing »nterscheidet zivischen doginatiseher, praktischbürgerlicher und politischer Toleranz, Die zweite Form wird gefordert, die dritte wird de» Verhältnissen in den einzelnen Staaten überlassen, die erste aber als unsittlich und verwerflich bezeichnet. Wir dürfen nicht verkenne», wie, selbst allen guten Willen der Beteiligten vorausgesetzt, doch ziun mindesten im Nnterbewilsitsein starke Gegenströmungen gegen die Tvteranzidee entstehen, die dazu führen können, dnsi man da, irw man die Macht hat, die Toleranz durchbricht oder doch der Anshebnng der Toleranz etwa bei Pogromen tatenlos zusieht. Diese „Psychologie des Pogroms", die einen der interessantesten Koniplere der Gegenwart bedeutet, hat ivirllich eine ihrer stärksten Wurzeln in dem — trotz Lessing! — nicht zu Ende gedachten religiösen Toleranzgedniilen. Aber auch ans evangelischer Seite ist die geschichtliche Belastung »ngehener. Luther, der in seinen erste» und beste» Jahren von einem Zwang gegen Andersgläubige nichts wissen tvollte, kam durch seine Lebenserfahrungen, besonders infolge seiner linfähigkeit, die Probleme deS Bauernkrieges religiös zu verarbeiten, dazu, mehr und mehr die Aufrichtung der wahren Religio» durch staatliche Zwangsmittel z» besürivorle». Und so konnte es denn dahin lonnnen, daß man in Sachsen einen Kryptocalviniste» (also einen Mann, bei dem man Enlviiiisniiis nur vermutete!), wegen seiner Anschauung 1603 enthauptete. Er hiest Nikolaus Krell. Das war drei Jahre bevor Gerhard, tvie oben gesagt, die Frage „ach der Duldung stellte, die aber auch er sehr vorsichtig löste. So sagte er, man solle den „falschen" Religionen das Leben schiver machen und sie nur dulden, wenn z» ihrem Aiisschliisi die Gewalt der Obrigkeit nicht ausreiel>e oder wenn größerer Schaden dadurch vermiede» werden könne. Es bedarf sicher' noch eimnal einer eingehenden Untersuchung der Frage, wie sehr gerade der religiös-dogmatische Ursprung des Tvleranzgednnkeiis seiner organisehe» Entsaltnng geschadet hat, jedensalls erschien es notwendig, daraus in aller Deutlichkeit hinzutveisen. Aber auch in der „hmnnnitaren" Quelle desselben liegen Gefahren, die man nicht übersehe» darf. Es wurde da „amlieh ein so allgemeiner Begriff vom Menschen gebildet, daß unter dem Schutze dieser allgemeinen Vorstellung das Ressentiment gegen den einzelnen, sei eS »„sympathischen 'oder „unerwünschten" Menschen üppig weiterwuchern und zu den bekannten Durchbrechungen des Toleranzgedankens führen konnte. Die Gesehichte des geheimen oder halbbewußten An ti sein i ti sin n 8, de» es in den Tagen der fröhlichsten „Ausklnvuug" gab, muß auch noch geschrieben iverden. Und es ist gar kein Zweifel, daß diejenigen, die an jenen Durchbrechungen interessiert waren, um so mehr die Idee von Toleranz pflegten, um die Aufmerksamkeit abznlenken und im lvnkreten Fall desto mehr erreichen zu können. Die Geschichte vom Juden S ü ß, die Iveit über den Rahmen des persönlich interessierten Charakters hinausgreist leuchtet hier in ganz tiefe geschichtliche Zusammenhänge hinein, die vielleicht nur wenigen bewußt sind. Was die dritte, die n n t i o n a l st a a t l! ch e Wurzel des Toleranzgedankens betrifft, so liegt in ihrem Wesen selbst, tvie bereits erkannt Ivurde, daß dieser Gedanke nicht echt und ivnhr sein konnte, iveil er nur vom krassen Interesse aus erfaßt ivurde und eben, tvie die Behandlung der deutsche,i Inden tvährend des großen Krieges nnd nach demselben zeigt, jederzeit tvieder außer Kraft gesetzt werden kann. Hub der Störenfriede, die nur ans die Schivächnngen deS Toleranzgedankens tvarten, sind ja, tvie wir tvissen, genug. Wir sind aber überzeugt, das, bei denkenden Menschen, die die geschichtliche Berga, igenljeit ernst nehmen und sieh ihr verantwortlich tvissen, unsere Aufhellungen Klarheit schassen können. Ilnd sie werden sich dann bemühen, das, was nuS den genannten Hemmungen heraus ungereift blieb, nachzuholen n»d es zu einem organischen Wachstum zu führen, damit die nn Judentum tvie im Christentum gleich ties gesetzte, wenn auch vielleicht verschieden verwurzelte Idee der wahren nnd reinen Toleranz sieh mehr und mehr verwirkliche.' „Naffenkunöe." In der Etnltgarter „SvinitagSzcitung" vom 17. November lesen Ivir folgendes hübsches Begebnis: .Meine Freunde Willi und Rudi fuhren im V-Zng von Hamburg nach Franksurt. Anher ihnen im Abteil noch zwei Herren, Angeregtes Gespräch, das nidjt umhin konnte, schließlich bei der „Jndensrage" zu landen, Tie Herren schähten die Jliden nicht, wiewohl sic es nur in sehr mahvollcn Tönen zli verstehen gaben. Nach einiger Zeit mnhte Willi einmal raus, Willi, Dollarier, ist schtvarzhaarig wie nur einer. Wogegen Rudi, von, blondesten Blond, das kühle, halbenglische Oval des Hamburger Typs durch die Welt trägt. Einer der Herren tvandic sich mit diskreter Frage nn Rudi: „Sagen Sie, ist das Gespräch Ihrem Freund nicht unangenehm?" Rudi: „Wieso?" Der Hern „Nun, er ist doch ossenbar Jude," Rndie „Da haben Sie -aber danebengegrifsen. Der Jnd' bi» ich," Verlag: Cenlralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V,, Berkill SW 68, Lindeiistraüe 13. Haupischristleiter: D r, Ludwig Holländer. Verantwortlich: Dr. Margarete Edelhei m. Beide Berlin SW 68. — Druck: R » do 1 fMoss«, Berlin SW 100,