Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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74 die verprügelte „akademische Zreiheit". Srkef einer Wiener Döischen Studentin. Staat brnnch! Gelegenheiten n.iio bii-fm Unmmll, um an ihnen zu sehe», daß es in uidjl sucitcv* geht. Um zu sehen, daß er sich selber anfgidt, Ivenn diese nrteilsloski, Massen ohne tritische Besinnung, ohne von bcm Ethos der Wissenschast innerlich ergrissen »nd geistig geklart zri sein, in zwei, drei Jahren im Staatsdienst stehe» . . . Die Republik verwaltet, gerichtet, erzogen von Männern, die den Bollsstaat verhöhnen, denen das Ethos der Vvl!sgenieiiisä>ast völlig fern geblieben ist, von zerstörenden Massenmenschen, statt von nnsbnnenden, selbst urteilenden Persönlnhlciten — das freilich >vird das grauenvollste Saiirsptel der deutschen Ge* schichte sein, gegen die das Zeitalter des 17. Jahrhunderts, da daS Deutsche Reich sich in 500 souveräne Miniatnrstaaten aufgelöst hatte, als ein Zeitalter stantspolitischen Weitblickes erscheinen durste. Tic s ch r e i r n d e n Student e n h a b e n stUcht sie sind schuldig. Eie sind verhetzt. Auch die sind nicht schuldig, die sie verhetzten. Schuldig sind Gesetze und Instanzen, die so unreife Menschcn zur Universität znlnsse», das? sie sich so sinnlos und haltlos verhetze» lassen. Massennienschcn, statt Fiihrerpersöiilichkeiten. Die Universitäten klagen cininntig und beständig über die geistige Niveansenknng der Studenten. Ihre sittliche und politische Nivennscnknng haben die Studenten selber vor und in der Universität überlaut deinonstriert. Hier Hilst nicht Strafe und Maßregelung, die nur das physische Verhalten, nicht die geistige Haltung trifft und wandelt. Es bleibt nur ein?» eine tiesgreiscnde Erneuerung der Anslcsebesiiimnungen für den Zugang zur Universität und zum zweiten Alale für den Zugang zu den Stantsämtcr». Und iin Zusammenhang damit: Maßnahmen, die in der Zusammensetzung der akademischen Bcrnssträger ein getreues Bild der Znsmninensetzung der Volksgemeinschaft allmählich heransführen. Hier liegen Aufgaben, sehr schtvcre, aber auch sehr dringende Arisgaben einer Staatspädagogik des neuen Bolksstaates, die noch in keiner Beziehung in Angriff genommen sind — und die doch den fundamentalen Sinn haben, den Vollsstaat in der konnncnden Generation zu »et* wirklichen. Die da ans dem ,Ureis der Schreier inib Krawalluntlänscr von der Universität kommen, die große Masse also, worden nicht Verwalter und Erzieher des Bolksstaates werden, noch Weniger führen und bilden zun, Volksstaat, sondern Verwalter, Führer, Erzieher gegen den Volksstaat, Sie werden seine schwerste Krankheit sein. Das Ergebnis der Kon,- niunalwahlen von, letzten Sonntag ist bicS, daß die Radikalisierung Deutschlands fortschreitet. Wir dürfen uns nicht vor den, Wort 'scheuen: Das Ziel der Nndikalisicrnng ist zwangslänsig nicht eine neue Stantsfori», sonder» das Chaos. Die Studenten, die in Berlin „warnten", werden bcivnßte Führer der Radikalisiernng sein, Sic werden cs nicht anders können. Das Unkritische, Unpolitische, Fanatische ivächst in sic hinein. Von den staattichen Amtszinnncrn aus wird sich diese zersetzende Welle der Radilalisiernng znm Verhängnis aufstancn! Ter Staat ist gewarnt. Ist er es? Seine erste innenpolitische Verantwortung: verantwort,»,gsbewnßte Führer der echten und ganzen Volksgemeinschaft hcranznbilde» — hcransznwählen: leimt er sie? Wien, den 8. November 1929. Wenn jemand ans der Straße verprügelt wird, so hat die Polizei einzugreifen. Wenn in den, antisemitischsten Staat ein Jude ans der Straße verprügelt wird, so nniß selbst die antisemitischste Polizei eingreifen, solange nur noch unter einen, Gesetz leben. Mein, in den, antisemitischsten Staat ein Jude in einen, Geschäft etwas kaust, »nd statt der Waren Prügel erhält, so muß ebenfalls die Polizei cingreisen, hu'„„ aber a» der Universität Wie» und an de» übrigen Hochschule» jüdische Studenten verprügelt werden, so greift n i e », a n d ein. Hier bezal,leii jüdische Studenten ihre Kvtteggetder in der Meinung, Kvttegs hören zn dürfen, um >vissenscl>aftlich zu arbeiten. Aber was erhalten sie dafür? Prügel. Ja, noch mehr, sie iverdcn lebensgefährlich »er letzt. Es ist Vvrgelonnnen, daß ein jüdischer Student unter den Stockhieben vieler deutscher Maiinri, und unter den höhnischen Rufe,,: „ein Judcnschädcl hält viel ans", znsaniiiiengebrochen ist und der Pedell sich wcigcrte, ein Lanitätsauto zu alarmieren, lind warum geschieht das alles? Hier herrscht akademische Freiheit. Die Universität besitzt Autonomie, d, h. der Rektor n,,b die Professoren bade» selbst für Rnye und Ordnung zu sorgen, die Polizei d a r s n i ch t cingreisen. Allerdings die Rampe der Universität untersteht gar keiner Gewalt. Ter Rektor lehnt jede Berantn'vrtuug ab. Die Rampe gehöre nicht inehr zur »niversitäl. Jedoch nach der Meinung der Polizei gehört die Rampe zur Universität. Soll um» sich w'iiiidcrn, lucmi die edlen deutschen Mannen besonders diesen Ort znm Schauplatz ihrer Heldentaten ivählen? Hier herrscht lein Gesetz, von einen, m o r a l i s ch e n G c s c tz ganz zu schiveige». Hier herrscht nur die viel besungene, viel gepriesene akademische Freiheit! Hier löiinen ganze Trupps über eine» einzelnen Juden hcrsallen. Wahrlich, der einfachste Man,, ans denn Potte ist sicherer als der verprügelte jüdische Stiideiit, Ter iii Ansbach lebende evangelische Pfarrer hat mis uiil der Broschüre „Luthers Stellung ziiin Judentum"! eine?lb,vehrsrhrist iin besten Sinne des Wortes geschenkt. Tie Abwehr richtet sich iiii ivesentlichen gegen die Aussätze, die Frau Tr. Mathilde Lndendorff im Jahre 1928 in der Berliner „Deutschen Wochenschau" über Luther? Stellung zmn Jndentnm veröffentlicht hat. Die streitbare Dame wirst nämlich den, Protestantismus Unkenntnis ,u,d Bcrsälschnng Lutherschen Gedaiikengiites vor. Man sehe nicht gelingend, daß Luthers Kampf sich iiiindestcns so stark gegen die Inden wie gegen den Papst gerichtet habe. Tic Verschleierung des ivnhren Sachverhalts sei Folge der Bcrduiilelnngspolitik der protestniitisrhei, Kirche, die sich redliche Mühe *) 6 t c i u l c l h, $„ Verlag des Landcsvcrelnr sile liincec Mission, Rilriwerg U!29. Man könnte cinwenden, diese Prügel richte sich auch gegen die Sozialdemokraten, aber steht cs einen, denn ans den, Gesicht gcschrieben, daß man Sozialdemokrat ist? Das Wort Jude, das steht vielen auf dein Gesicht geschrieben, Wenn Sozialdemokraten verprügelt iverdcn, so iverde» nur jüdische Sozialdemokraten verprügelt. Und wodurch schützen sich die jüdischen Stndctcn, da ihnen niemand Hilst? Sic bilden einen Selb ft s ch n tz. Man ist sich ztvar klar darüber, Prügel wird man weiter beziehen. Teini die ander» sind zahlenmäßig in der Uebermacht: aber mau wird die Prügel geineinsa», beziehen lind wird wieder schlagen, aber heransgeprügelt wird man trotzdem, Ata» fühlt sich hier in niittelaltcrliche Zustände versetzt und glaubt nicht in einer zivilisierten Stadt Europas im zwanzigste», Jahrhundert zn leben. Allerdings im Mittelalter lvar es der Pöbel, der die Inden schlug, hier sind es die sühreiide» Kreise linsercs Volkes. Selbst Professoren, die als edles Vorbild dienen sollten, Helsen mit, die Hakenkreuzler aufznhetze». Nachdem ans dem Hörfunk VH alle jüdischen Studenten heransgeprügelt »varen, brachte Dekan Tr. Hold ein Hoch auf die deuische Stndentenschast aus! Und erst »achdei» sich die »»erhörtcstcn Ereignisse, ivie z. B. in der Anatoinie, ereigneten, begann Rektor Gleis buch durch die Sperrung der Hoihschnlen riiizngrcife». Wann ,verden sich diese Ziiständc ändern? Hosscntlich daun, wenn die Antwort ersolgen wird. Tie Aulwort wird sei»: eine m» ein Beträchtliches verminderte Hörerschaft und dadurch verminderte Kollcgiengcldcr. Ich glaube, ein großer Teil nicht mir der jüdischen Stndenien, sondern auch der anders konfessionell gerichleteii Hvchschüler, nämlich all die, d i e diese V o r g ä n g c als Sch nr a ch an» sehen, iverdcn fernerhin diese llniversität meiden. stud. jur. Stefti Klinenberger. gegeben habe, die jiidenfcindlichen Aenßcrnngcn Luthers zn unterdrücken. Alan sei sogar von protestantischer Seite so weit gegaiigen, die antijüdischen Schriften des großen Reformators in den Gesnmtnnsgnbcn seiner Werke einfach zu »»terschlagen. Sie inlei ii weist zniiachst mit Ruhe und Sachkenntnis nach, daß diese Ausstellungen objektiver Prnfnng nicht standhalten. Die Auscinnndersetznngen Luthers mit dem Jndentnin sind nicht mir in jeder Gesamtausgabe „achzulcsen, sic sind auch oft gesondert gedruckt erschienen und haben leider vielfach die Stellungnahme protestantischer Kreise zur Jndcnsragc in ungünstiger Weise beeinflußt. Ter Kampf gegen die Inden nimmt aber im Gcsamtschasse» Luthers keineswegs einen so breiten Raum ein, daß man ihn als seinen zweiten großen Reformatio»-- „Luthers Stellung zum Iuöentum." Die indeiiseiiidlichc Agitation braucht, da sic eigene ivcrbendc Leistungen kaum auszuzeigen vermag, den Vimveis auf angebliche Aenßciimgen maßgebender Persönlichkeiten über 'die Richtigkeit ihres Prograiinns. Ans vorgescl)ichtliche» Zeiten schon sucht man „Zitate", die die Verderbtheit des Judentums dartuu sotten. Besonders gern wird auch die Persönlichkeit des großen Reformators hernngezogen. Ala» iiiiniiit an, daß ans gläubige Protestanten die Stettinignnhme Luthers von besonderem Eindruck sein muß. So finden sich in Handzotteln, ans Plakaten und Flugblätter», in zahllosen Artikeln immer wieder dieselben fünf bis sechs Sätze, die ans dem nngehenreii Lebenswerk Luthers für jndenfeindlicho Zwecke hemnSgegrisfcn morde» sind. Die S ch r i s t l e i t »i, g.