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Central-Verein-Zeitung · 1929-11-01 · Heft 11 (November 1929) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 11 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wonatsausgabe November 192^ _H.«__ VMtwrfür0rv1scdtumdi ^ryan üestentMVeremsüeutscker! unüHuöenMm^^ J StmttsdüryerjüöisctrenVlauvensL« 2Ul$enr\eine Zeitung des Judentums enrml Situdentenunvuhe«! Son Gtudkenvat Dv. LNüttev-ElaudittS. In Berlin. Wien, Prag mib fit n f a ti TjoOcn llebcrsällc dnrch völkische Sindcntm ans jüdische Konnniliivne» statigesunden. In Wien »nd Prag habcn die bedauerlichen Vorgänge sogar blntige Opfer gekostet. Diese Ansschrcitimgcn rechtsradikaler Studenten sind in den verschiedenen Staaten unter verschiedenen Vorwänden erfolgt. Die wahre llrsnche liegt aber, Ivie Ivir glauben. bei alten diesen Studenten viel tiefer, nämlich in der staatsfeindlichen Einstellung dieser jugendlichen Elemente. Der nachstehende Aufsatz geht dieser ,Kernfrage, die, ivie uns scheint, in allen Ländern die gleiche ist, ans den Grund. Die Schriftlcikuiig. Dieser Berliner Stndentenkrawall ist mehr als eine fluchtige Tngcssensnlion. Es tväre unrecht, ihn vorschnell zu vergessen. Er ist ein erschütterndes Symptom. Und eine sehr ernste Warnung — nicht an die briillenden Studentenhanfcn, sondern an den deutschen Bolksstant. Es scheint, das; die ösfentlichc Meinung sich über diesen Ernst hinivegtüuscheu lasch, weil der Anlaß zu dem Aufruhr so lächerlich gcringsügig ist. Die Sondergruppe der Tetitschen Studentenschaft veranstaltet einen Ball. Der Rektor stellt eine Reihe von Bedingungen. Als Schon wieder zwei zriedhosrschSndungen. 5loh und Noedelsee. Auf dem jahrhundertealten jüdischen Friedhof in Floß bei Weiden in Bayern wnrden in der Nacht zum 28. Oktober zwei Grabsteine ,»,»gestürzt «nd zwei Kindergrübcr verwüstet. Die Gendarnrcrie hat die Berfvlgung der Tater, die die Friedhofsmauer beschädigt und den Ansgang in gemeinster Weise beschmutzt haben, sofort nusgcnvmnieu, tvnnie aber bisher noch niemanden seststellcn. In der Nacht vom 8. zun> 4. November wurden aus dem israelitischen Bezirksfriedhof in Noedclsce bei Kitzingen elf Grabsteine umgctvorsen und acht von ihnen in vandalischer Weiser zertrümmert. Unter den vollständig zerstörten befindet sich auch das Grabdenkmal des Rabbiners Thalhciiner ans Mninbernhcim. Zn den geschändete,, Gräbern gehöre»» filitf Kilidcrgräbcr. Die Fußspuren zeigen nach M n i n b e r n h e i m. Da dort kürzlich eine rechtsradikale Bersaminlnug abgehatten ivurde, in der die Bevölkerung stark jndeiiseiudlich verhetzt wurde, liegt die Bermntung nahe, daß die Tat eine Frucht dieser Hetze ist. Die Nachforschungen sind sosort energisch nnfgcnommeu worden. Die Friedhofsvcrwallung hat für die Ergreifung der Schuldigen SbOMnrk Belohnung ausgefetzt die Plakate, die sür den Ball ivcrbcn sollen, i» der Universität angeschlagen werde», stellt der Rektor scst, daß seine Bedingungen bei der drucktechnischen Anordnung der Plakate nicht iunrgehalten ivvrden sind. Er ordnet Entfernung der Plakate au. Erregung, Protestversammlung, die der Rektor genehmigt. Wahrend der Protestvcrsaiumlung im Freien steigert sich die Erregung, die destruktiven Gesetze der Mcissen- Psyche snngeii an zu herrsche», ein Hansen rechtsradikaler Studenten dringt in die Universität ein, brüllend, schimpscnd, störend, eine blinde Masse von Sindeuten fauatisicrcnd und nach sich ziehend. Sie glaube» sich im Recht. In welche Mnssenrufo kleidet sich ihr RechtSbcwnßtscin? Riifen sie: „Es lebe die akademische Freiheit?" Oder: „Nieder mit dem burennkratischcn Terror"? Oder: „Her mit dem Recht"? Nun, sie nise» nur: „Rieder mit dem Rektor!" Das ist zwar albern, cs steht aus der Stufe des RechtsbeiviihtseinS bvn Obertertianern, die gern, wenn sic dabei erwischt wurden, daß sie ihre Schukansgabe» nicht gemacht haben, sich aus einer Pennälcrbnde znsinmiieiitmi zu dein kernhasten Gelöbnis: Nieder mit allen Schule»! Nieder mit allen Pantern Europas! Sonst schwärmen sie, genau wie die Studenten, für Diktatur und stramme Ordnung — aber wenn sie selber Ordnung halten sollen, schwärinen sie plötzlich, wieder genau wie unsere Studenten, sür die heilige Freiheit! es scheint ein Gesetz der politischen Kindhastigkeit zu sein, daß man ans voller Kehle den Diktator — sür die andere» crschreien möchte. Sehr bald ging der kernige Ruf: „Nieder mit dem Rektor!" unter in einem anderen, der mit verzehnfachter Mnssciilnst ertönte: „Juden Ria» schämt sich, daß eS wahr ist: Eine Disferenz zivischen Rektor imd Stndenien über eine drucktechnische Angelegenheit wird beant- Ivorlet mit dem Schrei: Jude» heraus! Nie hat es ein groteskeres Zerschneiden jeder sachlichen, logischen ^ältlichen Beziehung zwischen Frage undWirkung gegeben. Wenn das bei Tertianern geschehen wäre — JnsantiliSinnS wäre kein hinreichender Erklärimgsgrnnd mehr geivese». Wenn es bei Akademikern geschieht, die sich überwiegend ans cntschcidiingsbollc Acmier im Stanisdicnsk borbereiten, gibt cs überhaupt keinen Entschnldigiiiigsgrund mehr. Hier muß ganz eindeutig gesehen und bekannt werden: Diese Menschen sind wesensmäßig unfähig zu eigener kritischer Enischeidung, unfähig geblieben zu objekiiver Beobachtung des einfachsten Falles, sic sind ohne jene schlichie, unbeirrbare, imvcrstelltc Rechtlichkeit, die der Nerv des Staatsdienstes ist, ohne die cs kein Ethos der Wahrheit, und der Wisse»- schaft, nicht Recht, nicht Politik, nicht Volk und Staat mehr gibt. Man verstehe recht: Da? Erschütternde des Falles liegt nicht darin, daß die Studenten sich antisemitisch gebärdeten. Im Gegenteil: sie haben gezeigt, »vie bar jeder Logik, jedes echten und erlebiiishnsten Grundes ihr Antisemitisums ist, ohne Ernst, ohne Tiefe, nicht in Herz, Genüssen und Denken Verivnrzelt, sondern jenseits jeder Logik nur in der -Kehle bereitgestellt. Nicht Ausdruck des Denkens, sondern dor Gedankenlosigkeit. Nicht Gestnmmg, sondern Gesimmngslvsigkeit im echtesten Worts!»». Nicht der Antisemitismus ist das Entscheidende. Auch nicht daraus kommt es an, daß den nnssnssigen Studenten durch obrigkeitliche» Druck der Mund geschlossen und die alndcmischc Freiheit beschnitten wird. Im Gegenteil, diese akademische Freiheit, die sic so wenig verstehen Ivie den AntisemiiiSnmS, den sie im Munde führen, brauchen »uiv, braucht der Staat, um vermöge ihrer Wert, Reife. siil° liche Haltung imd Verantivortliches Tenlcn seiner Studenten öffentlich zu messen. Der AUS DEM INHALT: Dr. Hugo Halm (Essen): „Luthers Stellung zum Judentum.“ 8. 74. — Dr. Alfred Hirschberg: Talimulprozess in Nürnberg. 8. 76. — Dr. Benno Jakob (Dortmund): Du sollst deinen Nächsten lieben ... 8. 79.

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