Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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71 scheu Volk die Schuld am Weltkrieg ansbürde» will und behauptet, es hätte systematisch aus die „lllitcrjvchung der Welt" htngearbeitet und seine Nationalhymne „Dcutschlnud Wer alles" sei der Wahl' spruch dazu — gerade jene Kreise machen sich kein Gewissen daraus, den Juden eine ebenso nngehcncrlichc Echuldlüge niizudichten und ihnen eine 'Verschwörung zur „Unterjochung der Welt durch das Großkapital", die „Bolkervcrsllnvnug" und'wie der Unsinn sonst noch heißt, zur Last zu legen, Tie Vokabeln des Nasjenyasses sind immer die gleichen, Deuts rh e Kreise, die j » d e n s e i n d l i eh c A g i t'a t i v n treiben und Kinder in di esc in Sinuc erziehen, haben kein rn v r a l i s ch e 8 R e ch t, s i ch ü b e r d i e u o cl. i in in c t nicht v e r s ch w n u d e u e deutschfeindliche Agitation in der Welt zu entrüsten. Sie sind nicht besser als ihre Feinde, Sie erkennen nicht, daß die Entgiftung der Atmosphäre zwischen den Böllern keinem Volke inehr zugute kommen würde nls dem deutschen. Antisemitismus und AntigermaiiiSmus sind Symptvine einer und derselben GeisteskrankiM n»d ihre Bekämpsung eine eminent deutsche Sache, eine patriotische Pflicht, von sonstigen menschlichen, ethischen oder gar cl/rist- Uchcn Pflichten ganz z» schweigen. Wir werden der Sache des Deutschtums in der Welt keinen besseren Dienst leisten, nls indem ivir jede Form Non Hnßprvpngaiida gegen „Andersstäminigc" oder „Andersblütige" in unserer Mitte auf das energischste nblehnen. Oerlend von Landen. Des Zudenlums Almbildende Aast Die Ausgabe, die Wurzeln der modernen Kultur zu erkennen, ist keine Angelegenheit, die nur den gelehrte» Fachmann angcht. Für jeden Menschen ist das Klarwerden über die Grundlagen seineS Kulturbcwußtseins eine Forderung der Selbsterkenntnis. Selbst wer der modernen europäische» Kultur kritisch und ablehnend gegcnübersteht und an dem Aufkommen einer neuen, gänzlich anderen Formung Mitarbeiten mochte, kann die klare Erkenntnis des Destcheiiden nicht entbehren. Das Wissen um die Quellen der Kultur ist wesentliches Werkzeug für jedes lebendige Tun. Zu den bestimmenden Kräften der modernen Kultur gehören das Judentum und seine Lehre. Hier ist nicht an den Einfluß gedacht, den einzelne Inden als Philosophen. Wissrnschastler, Acrzte, Techniker oder Kansleute ans die knltnrelle Entwicklung ausgeübt haben. Mag die Leistung dieser Juden noch so hervorragend sei», sie beweist an sich nur den Anteil der Inden an dem Kulturleben, sic beweist, daß die moderne Kultur auch die Glieder des jüdische» Stnmuics in ihren Bann zieht, sie zeigt aber nicht umgekehrt den Einfluß des Judcntnms und seiner Lehre aus die Weltkultur. UiN de» Anteil jüdischer Lehre und jüdischer Einstellung an dem Knlturlcben zn erkennen. dazu gehört in erster Linie eine gründliche Kenntnis des Judentums. Es ist eine oft wiederholte und berechtigte Klage, daß wahres Wissen vom Judentlim wenig verbreitet ist — eine merkwürdige Tatsache in misercr Zeit, die sogar weitabliegendc» und längst toten Knltnrschvpsungen ein gelehrtes und ost liebevolles Interesse entgegenbringt. — An ziisammcnfasscndcn Darstellungen über das Judentum fehlt es geiviß nicht! aber diese berichten eben nicist über das Judciitiun, so daß bie persönliche Stellungnahme des Verfassers einslieht und eine Subjektivität niijlviiimt, die eine besondere Gefährlichkeit einschließt, weil das Problem für die Ansgabcn des Tages von großer Wichtigkeit ist. Mm, dcnkc imr an die Darstellungen aus dem jndengegncrischen Lager, die umnittelbar der Pnrtcipolitik bienen wollen. So ist durch die Literatur über das Judciiium die Frage nicht geklärt, sondern eher verwirrt ivordeu. Weil so ividcrsprecheude Ausfassuugeii verbreitet sind, iverdeu selbst gute Darstclluugcn -mit 'Mißtrauen ansgrnvunuen. Das Studium der Quellen, also der Bibel, des Talmuds, der jüdische» ReligiouSphilojvphie und Geschichte und nicht zuletzt der ausgcdchuten ethischen Literatur wäre das Allheilmittel, — aber es erfordert einen Aufwand an Zeit und Arbeit, der nicht überall und höchstens von einige» aufgebracht werden kann. Bei dieser Sachlage ist cs ein Verdienst des Verbände? der deutschen Inden, daß er von bewährten Fachleute» die „Lehren des Judentmns" n a ch den Quellen’) hat darstellen lassen. In diesem Werke spricht die Lehre des Jiidciitums in ihrer eigenen Sprache; die urlundlichcn Quellen iverdeu nngesührt, ans denen sich die Gruudsntzc der jüdischen Lehre und ihre A»sivirknngen im Leben ergeben. Nachdem die bereits seit lüngerer Zeit erschienenen vier Teile die Grundlagen der jüdischen Ethik, die sittlichen Pflichten des einzelnen und der Gesamtheit und die Lehre von Gott dargelegt haben, besaßt sich der eben vcrösfentlichtc fünfte Teil des Werkes mit der Abgrenzung des Jiidentuins gegen andere Anschauinigen und mit seinem Einsluß ans die Kultur der Welt. — Der stattliche Band (50g Seiten) führt den Untertitel „Judentum und Umwelt", der an das bekannte Werk von Michael G u t t m a n n „Das Jiidcntum und seine Umwelt"’) nnklingt. Aber beide Werke behandeln keineswegs die gleichen Probleme, sie ergänzen sich vielmehr i» fruchtbarer Weise. Michael Guttmaiin stellt die religiösen und rechtlichen Bezichungeii zwischen Juden und Nichtjuden dar und untersucht vor allem mit seiner profunden Sachlemitnis die Stellung der talmudisch-rabbinischeu Quellen zn den Nichtjuden. Der fünfte Teil der „Lehren des Judentums", an dem wiederum bewährte Forscher mitgearbeitct haben, erforscht die Bezichungeii zivischen dem Judentum als religiös-sittlicher Lehre und den anderen großen Neligionen; dabei spielt das Problem eine Rolle, welchen Einsluß das Jlidcntnm aus die Kultur überhaupt genominen hat. Die Lehren des Judentums ivurden in einer Umgebung geboren, die grundsätzlich anderen Aiischmliliigeii huldigte, und stets mußte sich das Judentum mit fremden Anssassungen auScinaiidersetzen. Die Lehre von dem eine»- einzigcn Gott, das Prinzip von der Willensfreiheit und von der unbedingten Verpflichtung zn sittlichem Handeln unlßte gegen heidnische oder griechische Ansfasiungcn verteidigt werden. Auch nachdem die Grnndlchren des Judciitniiis durch Ehrislcntuui und Islam eine weile Verbrcitnng gesunden hatte», blieb cS für d»S historische Jndeiitum eine Aufgabe von ivelthistorischer Größe, den nrsprüiiglicheii Gehalt seiner Lehre i» reiner" Form weiter zu erhalte». Soviel auch die christlichen Neligionen ') Dcrlng Gustav Engel, Leipzig. -) Philo Verlag. Berlin »27. dem Judentum verdanken, eine wesentliche Abweichung in der Grundauffassmig bildet die TrennungSlinie. Die Lehre von der Erbsünde und von der Erlösung durch einen Miller ist dein Judentum fremd und widerspricht der jüdischen Lehre von der Freiheit des Menschen, sein Leben zu gestalten. Die Erkenntnis dieser Wesensvrrschiedenheit ist ein wesentlicher Pnukt für das Verständnis von Christentum nud Jlidcntunl, rmd es ist ein besonderes Verdienst des vorliegenden Bnndes, daß diese Nbiveichungcn sowohl in den Grundgedanken als auch in den Erscheinungsformen genau untersucht und an Hand der Onellen hcransgearbeitei werden; denn die Erkenntnis der Besonderheit ist BorniiSsetzimg einer gerechten Würdigung. Der Einfluß des JndentumZ ist nicht nur spürbar in den Einrichtungen der SöuiitagZ. ruhe, in vielen christlichen Festen, in der Gestaltung des christliäsen Gottesdienstes, in seinen Gebeten und in seiner Gottesvorstellung — weit darüber hinaus ist etwa die Philosophie des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit von jüdischen Lehren direkt abhängig. Der jüdische Philosoph Salomo» ibn Gabivol findet Anhänger in Alexander von Haies, Bonavent»ra und Duns Scotus, ja, sein Einfluß ist noch bei Giordnno Bruno spürbar; so hat jüdische Lehre das moderne Knlturgesiihl direkt bestimmt And gefördert. Maimomdes und seiner Lehre begegnen wir bei Thomas von Aqnino. dem Philosophen LeS Katholizismns, aber auch bei Meister Eckehart, dem deutschen Mystiker, bei Nikolaus von Cusn, bei Hugo Grvtius und endlich bei Leibniz. Hier handelt es sich nicht um die Leistungen eines einzelnen Juden-, sondern um den Einsluß des Judentums als einen wichtigen Formsaktor der modernen Kultur. Die Beziehungen zwischen Philosophie und Judentmn sind nur ein Beleg dafür, wie stark das Judentum au den Leistungen der Kultur initgenrbeitet hat, aus allen Gebieten läßt sich bei vorsichtiger Analyse zeigen, daß die Gruudlchrcn des Judentums ein nicht wegzndenkender Bestandteil der Kultur sind. Selbst da, wo man sich bewußt gegen dag Judentum kehrte, >vie bei nianchen Einrichtungen der christlichen Kirchen, zeigt sich eine wesentliche Abhängigkeit von jüdischen Gedanken. Nicht daraus kommt es an, nun überall etwa im judeiifeiudlichcii Sinne jüdischen Einfluß zn wittern. — das Wesentliche ist die Erkenntnis, daß das Judcntnm einen Wesenskern enthalt, der für die Kultur v v n größter B e d e n t n n g ist und der jedem Juden die Pflicht zn crufthaficui Streben und unermüdlicher sitilicher Arbeit a» sich selbst und für die Gesamtheit aufcrlegt. Oe. 8. Weinberg.