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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-01 · Heft 10 (Oktober 1929) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 10 (Oktober 1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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72 Die Giev und dev Tod. «Sine GeWichte aus dem Ättt-Bevlinev Ghetto. Der Drrliuer Magistrat hat dir letzten Häuser des „Große» IUdenhof" angckausl. Diese werden abgerissen, uflt anderen, inodcrnen Baulcn Platz zu machen. Die iiachstehendc — historische — Skizze hat somit einen ncwisscn Anspruch auf Aktualität, Die Redaktion, Alljährlich, z>t Anfang be§ sechzehnte» Jahrhundcrts. in der Zeit vvn Lichtmeß bis Ostern, bemächtigte sich der im Berliner Ghetto — (den, „Kleinen Jüdenhof", in dein damaligen „Geckholl" otu?r „Geclhalt" gelegen) — iir düsteren kleinen Hänschen zusammciigepserchtcn Inden eine grosie Beklommenheit, Etz war für die Judenfeinde die gceignetsie Zeit, in» die alten, oft wiederholten und nie bewiesenen Anschuldigungen zu verbreiten, die Juden schlachteten Lhristeukiudcr siir ihre rituellen Zwecke, Gelang es den Judenfeinden, durch Bestechung falscher Zeugen oder auf .andere Weife derartige Anwürse auszitbrinaen, fo lvar nicht nur das Schicksal des bezichtigten Juden, sondern mehr oder weniger das der gesamten Judenschaft besiegelt. Die Angeschuldigtcn wurden scstgcnonunen, vor de» Hohen Rat geschleppt und. >veun sic sich nicht schuldig bekennen »vollten, den, Diebshcnker zur Erpressung eines Geständnisses ülwrgcben. Für diesen bedeniete die Ansfiihruiig der Torturen ein lohnendes Gesthäst, Abgesehen davon, daß ihn, jeder Eigentümer mit je einem Pfennig ' tributpflichtig war, erhielt er an Sporteln: für das Enthaupten, Hängen und Lebendigbcgralmi je fünf Schilling, für das Schlechtbrcnnen und Branomarken sechs, jemand in einer Küpe braten zehn Schillinge, Stäupen zehn Pfennig und außerdem die Kleider des Hingerichteten, So war es natürlich, daß auch er bestrebt war, seine traurige Berufstätigkeit nach Möglichkeit künstlich zu fördern und zu erweitern, nitd die Inden tvarcn dafür gedigncte Objekte. Denn wenn sic solchen angeblichen Ritnalnwrd nicht eingestanden — und sic hatten und konnten nichts bekennen —, so wurden sic als „hartnäckige Leugner" zu Tode gepeinigt, machte» sic dagegen unter den entschlichen Fvltcrgnalen ein „Geständnis", um durch einei? schnellen Tod erlöst zu tverdcn, so wurden sie hingerichtet. Und selbst wenn sie sich in der Verzweisjung bereit erklärten, znin Christentum überzutrcckm, wurde das Urteil doch an ihnen vollstreckt. In einem Häuschen des Jüdenhofcs wohnte der Arzt Ben Hillcl mit seiner Tochter Judith, Er wurde der „Weise" genannt. Sein Nnhin als Schristgelchrter, Arzt und Menschenfrennd ging ivcit über die Grenzen der Mark Brande», bürg hinaus. Ja, als der Kurfürst an einer sckpveren KranklM daniederlag und die Leibärzte sich keinen Rat wußten, zog man Ben Hillcl hinzu, desien Kunst cs gelang, den Kranken zu rekte», Bon diesem Zeitpunkt ab wurde Ben Hillcl zum kurfürstlichen Leibarzt ernannt und galt als besonderer Günstling des Fürsten, Nach dem Tode der Gattin Ben Hillcls be- . sorgte seine Tochter Judith, eine Jungfrau von seltener Schönheit, das bescheidene Hausivesrn. Der Vater hing mit zärtlicher Liebe an ihr und unterwies sie in den mannigfachen Kenntnissen und Künsten jener Zeit, Von ihrem Liebreiz erfuhr der Stadtschrciber, und als er sie einmal gesehen hatte, entflammte er in heftiger Leidenschaft für die schone Jüdin, Er lauerte ihr auf und machte ihr häßliche Anträge, die sie energisch abwics. Als sie dem Vater hiervon berichtete, sagte er: „Mein geliebtes Kind, das einzige Gilt des jüdischen Weibes ist seine Keuschheit und Reinheit. Bewahre sie dir! Besser der Tod als eine Entehrnngl' Die Leidenscljaft des Stadtschreilwrs steigerte sich ins Maßlose und er tvvlltc sich die „Judcndirnc" seinen Lüsten gefügig machen', wenn sie nicht im Guten cimvilligte, dann mit Gewalt, Der Jüdenhof wurde während der Nacht streng geschlossen gehalten und Vvn zwei Wächtern bewacht. An diese wandte sich der Stadtschrciber, „Habt ihr während der Nacht nicht in einem der Häuser Kindcrgewinscl vernommen, als ob ei» Kind getötet würde?" — Die Torwächter tvrneinten. — „Doch, cs ist so gewesen: es in n ß so.gewiesen sein. Besinnt euch!" — Er redete heftig ans sie ein, — „Ja, wir glauben, so etwas gehört zu hakum", gaben sie zögernd z», — „Gut — dnS werdet ihr vor dem Hohe» Rat bekunden." In unmittelbarer Nähe des Jüdenhofcs lebte als Hökerin ein Weib, das ihrer Körperfülle wegen „die dicke Else" genannt ivurde, Ihr Handel lvar mir vorgeschoben, Ihr Hanpthötlciibratcn mehr verzichten müssen," — „Aber ihr Vater steht beim Kurfürsten in hoher Gnnsi," — „Das laßt meine Sorge sein!" Ben Hillel hatte das Morgengebet beendet und nahm mit Judith das schlichte Frühstücksmahl ein, als sich ans dem Hose ein großer Timnilt erhob. Aus allen Häusern stürzten verängstigte Gestalten mit Schreien und Wehklagen in seine Wohnung, „Gott soll uns helfen, Ben Hillcl, die Christen lvmmen über uns!" yh'd) hatte sich Ben Hillel Vvn seinem Schreck nicht erholt, als rin Hanse Bewass- »vier, unter ihnen der Stadtschreiber, in den Jüdenhof und in das Haus Ben Hillels eindran-g und die Dcrsnmmcltcii fesselte und ab- Sic wurden vor den Hohen Rat geschleppt und ihnen der Prozeß ivegen Ritualmordes gemacht, Umsonst waren alle Beteuerungen. Die beiden Torwächter bekundeten bei ihrer Seelen Seligkeit, sie hätten in der fraglichen Nacht deutliches Kindergeschrei, das aus dein Keller eines Hauses im Jüdenhof kam, vernonuncn. So wurde das Todesurteil über die Jnkiilpaten verhängt. Ei» trauriger \ firno holz der deiltsche Lyriker, ist am 26. Oktober gestorben. Statt einer Würdigung feiner Persvn-- lichlcit veröffentlichen wir nochmals die nnchstehende Strophe ans der „Blechfchmiedc", die »ns Arno Holz im Juli 1927 nl§ Zeugnis seiner Stellung znin Judentum übersandtc, hiji ->y , — .„ : Zug bewegte sich zur Nichtstätte. Voran schritt der Prior der Dominikaner mit dem Kruzifix, ihm zu beide»- Seiten schvarze Brüder und hinter ihnen her die dem Tod geweihten Israeliten. Unter ihnen Ben Hillcl. Judith versuchte, beim Kurfürst«» Gnade kür ihre bedrängten Glanbciisgenossen und siir ihren Vater z» erlangen — der Kurfürst ivnr abwesend von Berlin. Immer mehr näherte sich der Zug der Richtstätte. Ta sprengte der Kurfürst mit seinem Gesvlgc heran und ließ sich Bericht erstatten. Mit eindringlichen Worten berichtete der Stndtschrciber über die angeblichen Missetaten nnd das Urteil. „Wie, mein Leibarzt ist auch unter ihnen?" rief der Kurfürst bestürzt. „Auch er," antivortcte der Stndtschrciber, „imd er ist wohl einer der Schlimmsten." Da brach sich ein junges Weib mit n»fgclöstcm schwarzem Haar und angstverzerrten Mienen durch die Menge Bahn, lvars sich vor den Kurfürsten aus die Knie und schrie: „Gnade! Gnade für meinen Vater! Er ist nuschiildig!" Daun brach sie ohnmächtig zusammen. Es war Judith. Sic ivurde von der dicken Else ausgenommen nnd in ihre Wohnung gebracht. „Gnade! Gnade für den Judennrzt!" — „er hat mein Kind von der Taubheit geheilt" — „er hat mich von der Gicht erlöst" — „er hat mir inciii Weib gerettet" — hallte es im Ehor aus dem Volke. „So ivill ich denn." sprach der Knrsürst, v.Aen Hillel meiner Gnade teilhaftig werden kaffen, der andcren geschehe, wie sie cs verdienen." erwerb bestand iu Kuppelei und Wahrsagen, das zur damaligen Zeit arg verpönt >var nnd sehr streng bestraft wurde. An sie wandte sich der Stadtschreilier. Die dicke Else bekam einen gewaltigen Schreck, als der Gestrenge bei ihr eiutrat. „Ihr ivcrdct Euch beim Hohen Rat zu vcransivorten haben, Else", begann er, sic mit seine» stechenden Augen durchbohrend. „Ihr werdet der Wnhrsngerci und ähnlicher Tenselskünstc beschuldigt." — „Das sind Lügen, .Herr Stadtschreibcr, eitel Lügen." — „Nun, Meister Peter (der Henker) ivird Euch die Zunge zu einem Geständnis tosen." — „Meister Peter ist mein leiblicher Vetter, Herr Stadtschreiber. Er ivird bezeugen, daß ich einen ehrsamen, christlichen Lebenswandel führe." — „Das wird Euch nicht viel helfen, Else. Wir haben schriftliche Beweise in Händen. Alter — cs gibt vielleicht ein Mittel. Euch vor dem Scheiterhansc» zu bcivahrcn. Kennt Ihr die Tochter des Juden Ben Hillcl?" — „Wer sollte die schone Judith nicht kennen?" — „Nun gut. Ich habe Appetit aus die Judc»- dirne. Könnt Ihr mir sie zusühren, so bleibt alles unter uns, »nd der Teuscl wird auf einen „Nun," fragte der Stadtschreiber die dicke Else, „ist das Vögelchen ciiigefangen?" — „Sie ist im Alkoven, Herr Stndtschrciber." Dieser stürzte in die Kammer und suchte mit migezügcltcr Gier sich des fast gelähintc» Mädchens zu bemächtigen. Ein wütendes Uiiitcj.cn begann. Mit gellender Stimme schrie Judith: „Schnia Jisrocl . . .", daun brach sie ziismnmen. Als der Stndtschrciber sie aufhob, waren ihre Augen gebrochen. Sie ivar tot. Müde, mit zerschundcncii Gliedern, erreichte Ben Hillel durch Nebengassen sein Heim. Aus der Wohnung vernahm er Weinen und Wehklagen. Mit weißen Linnen bedeckt lag Judith da, umgeben von einer Anzahl Trauernder. Sie hatte ihr Leben geopfert für ihre Keuschheit. Hermann Fuchs. Verlag: Ceniralverei» deuischer Staaisbiirger jüdischen Glaubens e. V., Berlin SW li8, Liudcustraße 13. Hauptfdjtiftleitct: I. V. Dr. A l f r c d W i e n e i. »trautwörtlich: St, Margarethe Edelhe im. Beide VcrNn SW 68. - Druck: Rudolf Masse, Dkrlin SW 100.

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