Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 MM "'■v - M Gefallenendenkmal der jüdischen Gemeinde Laugheim (Württemberg), das kürzlich enthüllt wurde. Berliner SdiüKiiiöet vesMkll dos iislmelWe Buigetilonö. Das Echo in den Schnlaufsiitzcn. Aus der diesjährinen Studicnsahrt des Kaistr- Friedrich-Realküimnasimus Neukölln lenkte ich den Wc„ zweier Klassen in das österreichische Bnrgen- Imib. Es war meine Absicht, unsere Jungen und Mädchen in ein Gebiet völkischer Grenzkäinpsc zu sührcu. Mar kamen gleich hinter Wiener Neustadt über die alte ungarische Grenze zunächst nach Snucrbrunn nnd besuchten von hier aus den gröbten Ort des Landes, Nattersburg. Die dortige jüdische Gemeinde, dbll Kopse stark, lebt noch innerhalb ihres alten Ghettos und unterhält eine angesehene Theologenschnlc. Es interessierte uns sestzustcllen, worin sich das Leben dieser Juden von dem der unter uns lebenden unterschied. Der Obcrrabbiner, Tr. Ehren selb, cmpsing mich und gab uns den Leiter der jüdischen Schule als Führer mit. lind nun sahen tvir A r ch i v und Tempel, Schule nnd Friedhof und di« zusanunengcdrängtcn Häuser mit ihren düsteren, wohl malerischen, doch luft- und licht- Besonders erfreute es uns zu hören, dass ztvischen der jüdischen Minderheit und der katholischen Mehrheit das denkbar beste Verhältnis bestand; ein A n t i s e »> i t war ihnen völlig Entsetzt waren tvir über die Wohnungsnot. Ein Mädchen schrieb nach der Reise in einer Arbeit darüber sollendes: „Eigentlich inübten die alten Wohnungen abgerissen werden. Doch ich glaube kaum, datz die Juden das znlassen würden; denn sie hangen bestimmt sehr nir ihren Häuschen, in denen schan Grohvater und Urgroßvater starben. Außerdem würde man mit dem Ghetto auch vergessen, wie unmenschlich die Juden Jahrhunderte hindurch leben mutzten, und cs ist ganz gut, wenn die lieben Christen vorläufig noch etwas daran erinnert werden, wieviel Nächstenliebe sie den Juden gegenüber bewiesen." Die Abhängigkeit der jüdischen Gemeinde von Ihrem ehemaligen Schutzherrn, dem Fürsten Esterhazy, wurde noch deutlicher in dein anderen Ghetto des Landes, in E i s e n st a d t, der künstigen Hauvtstadt des Burgenlandes. Hier bildet die dreihundert Kopse zählende jüdische Gemeinde auch Politisch ei» selbständiges Gemeindetvescn mit eigenem Bürgermeister und eigener Verwaltung, — und noch drängt sich ihr Bezirk eng an das prunkvolle Schloß, unter dessen Schutz (gegen gute, sehr gute Bezahlung!) diese Juden ihr Leben führen dursten, bis auch für sie die Stunde der Befreiung, der Selbstbestimmung kam Fremd, f a st unheimlich mutcte unseren Jungen und Mädchen diese Welt des Ghettos an. Ein Mädchen schrieb: „Der erste Eindruck vom Ghetto war sür mich etwas beklemmend Vielleicht wirkte die Umgebung nicderdrückend, vielleicht auch die mir fremden und rätselhaften Menschen. Kinder spielten in schmutzigen Gossen, Frauen mit wirren, schwarzen Haaren lagen in Fenstern; die Männer kamen mir finster vor. Menschen aus dem Süden anzutressen, bedeutet sür mich immer beinahe ein Abenteuer; doch kann mich ihr Anblick nie fröhlich stimmen." Hier wußte man doch auch schon von antisemitischen Angrissen. Mit Landtag »md Landesregierung werden natürlich auch allerlei Parteimeinuugen in diesen bisher so stillen Ort verpflanzt, und es steht zu besürchtcn, dab diese primitiven, ganz aus altem Rechtsboden errichteten israelitischen Gemeinden Mühe haben werden, sich daraus umzustellen. Pr. Rudolf Zwetz, Was ist wahres Deutschtum? / Als Ausländsdeutsche war ich genötigt, den Weltkrieg im feindlichen Ausland, und ztvar in England zu verleben. Das Hilfswerk für die dort internierten Deutschen und ihre ins Elend geratenen Familien lag in den Händen der Quäker und der dcutschgebliebcnen und dentschbewnßten Kreise, die in ihrer großen Mehrheit aus deutschen Inden bestand. Es war meine erste nähere Bekanntschaft mit den Kreisen, die die Verschmelzung von Deutschtum und Judentum verkörpern, und cs ivar bezeichnend, das; erst nach monatelanger Zusammenarbeit und intensivem gemeinsamen Erleben der Kriegscreignisse, gemeinsamem Tragen beiitfdjeH Schicksals, gemeinsame» Empfindungen als Deutsüp unter Deutschen man sich in diesem Kreise daran erinnerte, oaß die einen Juden waren und die anderen Christen. Ich verdanke eine vertieftere Ausfassung deS Bcgrisfes „Deutschtum" sehr stark meinen jüdischen Freunden. In dem Hause des einen, eines Gelehrten von Weltruf, der sofort nach Kriegsende, obwohl er seit einem Menschenalter bcutfdjc Wissenschaft »n Auslande vertrat, sein dortiges Heim nnfgab und unter erheblichen materiellen Opfern nach Deutschland zuriickkehrte, hatte ich das stärkste Erlebnis von der Unerschutterlichkeit des Glaubens an deutsche Zukunft, das mir je begegnet ist. Sein Glaube hing in keiner Weise mit dem Siege deutscher Waffen zusammen. Er erhoffte ihn nnd glaubte an diesen Sieg, wie >vir alle in jenem Kreise; aber als seine Unerreichbarkeit immer klarer erkannt wurde, erhob sich dieser Glaube zu einer wahrhaft großartigen Zuversicht auf deutsche Kraft und dcntsckzen Geist, und er gab der banyen Sorge jener Tage immer von neuem die großen, iveitcu Ausblicke auf neuen deutschen Wiederaufstieg kraft dieses Geistes. -Seine Haltung stand in schärfstem Kontrast zu derjenigen sehr vieler „reindcutschcr" Volksgenossen in England, die unter dem Druck der Kriegspsychose ihrer Umwelt nicht schnell genug ihr Deutschtum oblegen konnte», ihre Namen anglisierten und jeden Zusammenhang mit Deutschland aus wahrhaft klägliche Art zu vertuschen suchten. Ni a n l e r n t e i n j e » e r Z c i t ü b e r D c u t s ch - tum und deutsche Kultur Nachdenken. Dort, wo deutsche Menschen selten geworden waren, fand man dies besondere „Deutsche" in Bücher», in Briefen, in der Musik, vor allem in der Art, >vie gearbeitet wurde, in dem unablässigem Ringen um geistiges Gut. Deutsch war eine gewisse Weite des Blickes, eine Un- Voreingenommenheit und Furchtlosigkeit des Denkens, eine Sachlichkeit im Urteil, eine unbefangene Herzlichkeit und warme perfßnlidjc Hilfsbereitschaft. In den Häusern jüdischer Menschen, die ihre ganze Kraft und Zeit der Sorge sür deutsche Kriegsgefangene und Zivilinternicrte dienstbar machten, deren Bescher im Ersinnen neuer Linderungsmittel für die geistige und materielle Not ihrer deutsck)en Brüder unermüdlich waren, erlebte man den schlichten, echten Zauber deutschen Wesens. Man erlebte grenzenlose Leistungsfähigkeit und Opferbereitschaft, Takt und nationale Würde vor allem auch im Umgang mit den englischen Behörden, von denen sie schließlich alles erreichten, dessen sie für ihre Arbeit benötigten, weil cs einfach unmöglich >var, dieser entwaffnenden Selbstlosigkeit, diesen, rein menschlichen Helfcnwollcn ans die Dauer zu ividerstchen. In jenen Häusern wurde Tag und Nacht für Deutschland gearbeitet; es fanden sich dort nicht nur die Deutschen zusammen, sondern auch die für Gerechtigkeit, vor allem gegen die Schuldlüge kämpfenden Engländer. Damals, in einer Deutschland feindlichen Umwelt, erlebte inan den Bölker- und Rasienhaß als das, was er ist, a l s e i n e schwere G e i st e 8 - krankheit. Und es war. nach der Rückkehr nach Deutschland, ein wahrhaft beschämendes Erlebnis, diesen selben krankhasten Geisteszustand sich auch bei uns gegen eine Minderheit in unserer Mitte ansbreitcn zu sehen, und zwar durch eine Hetzpropaganda — der die anti-deutsche Propaganda während des Weltkrieges ja in ihren Methoden und Argumenten, in ihren Schlagwörtern (keetor germauieus, „deutschenreine" Seebäder, „deutschcnreine" Hotels u. a. m.) so erschütternd ähnlich sieht —, der sogenannten „völkischen Kreise . Nach den Erfahrungen des Krieges und der wüsten Hetze, der das Deutschtum >vie kein anderes Volkstum in der ganzen Welt ausgesetzt war und deren verheerende Wirkungen noch lange nicht überwunden sind, sollte man meinen, daß jeder deutsche Mensch sich von den Methoden „n a t i o n a l e r" Hatzprediger und R a ss e n f a n a t i k e r angenvidert abwenden müsse; denn diese Methoden haben uns am sckpversten geschädigt und unmittelbar zum Diktat von Versailles geführt. Wir haben diese Pestilenz au; eigenen Leibe so stark zu fühlen bekommen, daß wir urteilsfähig genug sein dürsten, ihr, wo und wie sic sich auch zeigt, zu mißtrauen. Aber im Gegenkeil, sie gedeiht auch bei uns, und weite Kreise bei uns tun bewußt und sehr oft gegen besseres Wissen, unseren jüdischen Mitbürgern alles das an, >va8 sie so sehr empört, wenn es uns selber irgeudivo in der Welt angetan wird. Sie verleumden, sie kränken sie in ihren heiligsten Gefühlen, sie mißgönnen ihnen den Lebensraum, den sie doch für unsere dreißig Millionen Auslandsdeutscher in den Ländern, in denen jene ansässig sind, durchaus als eine Sackze des Rechts beanspruchen; nnd doch sind selten Ausländsdeutsche in ihren Adoptivländern seit so langen Generationen beheimatet wie die Juden bei uns. Und gerade die Kreise, die am bittersten und an; lautesten gegen die ungeheuerliche Schuldlüge eifern, die dem deut-