Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S7 Mtt Nachrufe auf Stresemann. „, . . Er ist gehabt und befehdet worden von seinen Gegnern, wie in einem ähnlichen Ausmaß selten ein Politilcr und ein Staatsmann befehdet tvvrden ist, . . . Unbegreislich loill mir der Hab erscheinen, mit dem dieser Blann Versvlgt worden ist. Unbrgrcisiiä, will mir erscheinen, das; »ran cs gewagt hat, diesem treuesten Patrioten die politische, die nationale und die persönliche Ehre abzusprcchen," In traurigem Widerspruch zu diesen Worten, die der Vizepräsident des Deutschen Reichstags, Abgeordneter d. Kardorss, in seiner Gedenkrede auf Strefemann sprach, stehen die Acuszerungen nationalsozialistischer und verwandter Presse, die mit ihrem Hatz weder vor der Persönlichkeit des von der ganzen Welt verehrten Staatsmannes. »och vor seiner inörderischcn Krankheit, noch vor seinem tragisch frühen Tode haltmachen. Die meisten dieser Aeutzernngen sind von solcher Niedrigkeit der Gesinnung, daß wir uns nur schwer cntschlietzen können, sie zu zitieren; wenn wir es dennoch tun, so geschieht es lediglich, um zu zeigen, wit wie ölenden Waffen die Nationalsozialisten auch hier wieder eininal gearbeitet habe», „Der Angriff" von Dr. Goebbels veröffentlichte am 10, September 1928 einen Leitartikel in it vierspaltigcr Ileberschrist: „Strcscmanns Lebenslage gezählt! Zunahme bedenklicher Krankhcitszeichcn — seine Niere schrnmpst, — Wer wird Außenminister?" In diesem Artikel heißt cs: „Wie wir hierzu von einem Vcrtiaueiismaime aus der Umgebung des ärztlichen Beraters StrcsenwimS, des — nebenbei bemerkt jüdisch«» — Professor Zondck, erfahren, ist das Befinden dcS Außenministers jedoch noch tocit schlechter, als die Oesscnllichleit anninnnt. , . . Im aNge> meinen rechnet man bei einer solchen Erkrankung mit dem Ableben des Patienten binnen ztvei bis drei Jahren, scibst bei allergrößter Schonung und svrgsältigftrr Pslcgc. Als Ursache einer Nierein schrumpsung tvmmt entiveder eine schtvcre Halsentzündung oder aber übermäßiger Gcnutz von schiverberdauliche» Speisen und Alkohol in Frage, Soviel bekannt geworden ist, hat Herr Rcichsanbenminister an einer Halsentzündung in den letzten Jahren nicht gelitten," Der „Eisenhammer" schrieb im Mai d, I. unter der Itcberschrist: „Strcscinann hat Geburtstag" in ähnlichem Sinne: „An» Hiinmelsahrtötage ist »mser großer Anftenininifter 51 Jahre alt geworden. Politisch und gesundheitlich steht er zwar schon auf dein Aussterbeetat. Wenn wir ihm auch heute »roch nicht gerat»« einen Nekrolog schreibe»» wollen — dt« Aerzte gebe,, ihm zwei Jahre —, so »nächten wir doch seine Verdienste der Mitwelt gebührend verkündigen." Der „Aölkistlie Beobachter" bringt Ariikel mit Ilcberschriften wie: „Polen mit Gustav Strefemann zufrieden" — „Strefemann stärkt die Unterdrücker" — „Das feindliche Ansland hat in Dr. Strescmann de» .Freund' verloren". Die völkische Zeitung „Die Flamme", Herausgeber Dr. Feder, unterschreibt eine Karlkatnr Streseinnnns: „Strcscinann als Schrittmacher der Entente" und betitelt einen Leitartikel: „Stresemann bekommt Ohrfeigen." Noch Ende September hat der nationalsozialistische Abgeordnete von Oldenburg namens Nvcvcr in einer öffentlichen Bersammlnng in Osnabrück über Strefemann gesagt: „Wenn aber einmal die Stunde kommt — und die kommt totsicher —, dann kommt auch Gustav Stresemann vor den Staatsgerichtshvs, nicht 311111 Schuh seiner Fassade," Der in Ingolstadt erscheinende „Donaubvte" scheut sich nicht, in seiner Nummer 228 vom L. Oktober d, I. folgende Zeilen z» veröffentlichen: „Deutschlands Nnhcnminlstcr, Gustav Stresemann, Inhaber des Kontos S. Gnstav» lvnrdr, wie an den Telegeammtaseln hexte früh z» lesen war, von» Schlage gctrosfett. Stresemann war ln den Angen aller Pazifisten, der Sozialdemokraten und aller Sticfelleiker der.glorreichste' Außenminister, der es verstanden hat, das ganze deutsch« Volk zu versklaven und Deutschland selbst zu einer Kolonie der Siegerstaaten z» maclw»- Gin Aufatmen geht durch das national denkende dentfgw Volk, daß Stresemann nicht »nehr ist und daß Gott so viel Erbarmen zeigte» ihn a»S seiner slnchwttrdigen Tätigkeit jäh heransznrelßen. Wir als Nationalsozialisten haben nnr zu bedauern, daß cS »ms nicht »nehr vergönnt war, ihn, den VolkSvcrschachercr, vor die Schranken eines Staatsgerichtshofes z« schleppen. . . Das Grab hatte sich noch kaum über dem toten Aiitzcnministcr geschlossen, als Julius Streicher, der schon wiederholt tvegcn verleumderischer Beleidigungen verurteilte Nürnbergcr Hitlerraner, im Münchener Bürgerbrnnkellcr ansführte: „Man dars sich nicht über den frühen Tod Strcsemaniis wundern, denn bei eine», so guten Reiches, der Länder, der Städte wird dem „Finanzkapitalismus", dem „Großleihkapital", den Banken, — also nach nationalsozialistischer Logik den Inden zur Last gelegt und heißt nun „Geld- und Zins- Herrschast der alljüdischm Hochfinanz", Diese nationalsozialistische Schiebung geht sehr plump und ohne viele Erklärungen und Beweise vor sich. Es heißt einfach: die Banken „verführten" damals das Reich zur Ausnahme von Krtcgsanleilieiy das jüdische Großkapital ».finanzierte damals den Krieg"! Der Nationalsozialist vergißt, daß cs als patriotisch galt, Kriegsanleihe zu zeichnen, und daß gerade der Mittelstand (einschließlich dem jüdischen Mittelstand) diesen Patriotisnms noch heute zu büßen hat, daß eS also nicht immer ein reines Bergungen ist, Leihkapitalist zu sein. Der Nationalsozialist müßte auch wissen, daß, je kleiner das Vermögen, um so eher die Neigung besteht, cs fcstverzinslich, also „leihknpitatistisch" anzulcgen. daß dagegen gerade die größeren Vermögen sich ans die weniger sichere Anlage in Jndustriewerten einlasscn. Der Nativnalsoziatist übersieht, daß das Kapital der Sparkassen und Vcrsichernngsgescllschasteii vorwiegend dem Anleihemarkt zugute kommt, daß demnach gerade der kleine Sparer sich indirekt des „Leihkapitalismns" schuldig macht. Gegen den Aliionar, aber für die Beteiligung an wirtschaftlichen Unternehmungen. Obtvohl die Anfhebnng der Anleihen und der übrigen sestverzinslichcn Werte nach Fcdcrs Worten „Industrie, Handel und Gewerbe" zugute kommen soll, finden doch Aktionär und Aktie leine Gnade in de» Augen des Nationalsozialisten, Fedcrs Haltung gegenüber der Aktien ist widerspruchsvoll und wechselnd. Oft findet er scharfe Worte gegen den Aktionär, iveit er arbeitsloses Einkommen bezieht, und cnipfichlt die Ablösung der Aktie, spater ist davon nicht mehr die Rede, und die Beteiligung an industriellen Unternehmungen wird besonders empfohlen. Es findet sich nirgends ein deutlicher Hinweis, wie sich unter nationatsozialistischer Regie die Industrie »nd ihre Kapitalversorgnng gestalten sollen. Im Grunde wünscht Feder wohl die Rücken Iwicklimg der Industrie in ein früheres Stadium. Eine fast romantische Vorliebe hegt er für die Zeiten, in denen noch Personalunion von Unternehmer und Kapitalist die Regel war, Feder singt das Lob des Unternehmers und wird nicht müde, die geradezu idyllischen Zustände aus jener Zeit des „reellen, soliden Gewerbetreibenden" zu schildern. Es geht soweit, ihm das Prinzip der Be d a r s s,d eck n n g zu unterstelle», und behauptet, daß durch das Vordringen der Aktiengesellschaft eine „Anonymisierung" und „Entpersönlichung", ja, eine „Entedelung" der Wirtschaft eintrat, die sich ans das brutale Prinzip der „Rentabilität" stützt. Die Gegenüberstellung von „Bedarfsdeckung" und „Rent a b i l i t n t", die Feder zum Grundsatz seines Programms macht, ist nicht Feder schc Erfindung, sondern So mba rische Schule. Sombart nntersll-cidet bekanntlich zwischen dem Prinzip der Bedarfsdcckung, das den wirtschaftenden Menschen der vorkapitalistische» Zeit leitete, und dein ..Erwcrbsprinzip", das zusammen mit „ökonvwischen, Nationalismus" das Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise bildet. Man sieht, wie eine Idee mißbraucht werden kann. Jeder stellt es so dar, als sei heute noch immer die Bedarfsdeckung das bewußte, moralisch befestigte Ziel der wirtschaftenden Menschen, und als sei nur eine ge,visse Gruppe von Menschen so boshaft und rücksichtslos, an Stelle der alten, guten Sitte die Unsitte des Rentabilitütsprinzips zu setzen. Aus einer großzügigen wissenschaftlichen europäischen Wirischaftsgeschichtc macht Feder eine über die Schlechtigkeit unserer Zeit, Welcher Eindruck bleibt, wenn man sich durch den Wortschtvall der nationalsoziatistischen Literatur hindurchgelesen hat? Es ist cm Gemisch ans volkswirtschaftlichen und sozialcthischcn Ueberlegungeu, wobei das Suchen nach dem Schuldigen die Methode nbgibl. Das Ncsultat ist eine S ü n d c n b 0 ck t h c 0 r i e. die im Grunde toedcr sozialistisch noch antiknpitalistisch, eher romantisch-reaktionär zu nennen ist, Sic schmäht den Klasscnknmpf, predigt nationale Ei», trächt — und will den Rassenhaß. Sie bedauert die „Entpersönlichlnig" der Wirtschaft — und weiß zugleich das Abstrakte, Unpersönliche, Uugrcisbnrc der hochkapitalistischen Erscheinungen für ihre dcmagogischcn Zivecke aiisznniitzen. diene Gedanken sind nicht anzutressen, Resormpläne zielen ans schon Vorhandenes (gedeckte Währung, Genossenschaften) oder auch auf lange von andere» Erstrebtes (keine indirekte» Steuern. Siedlungsinvglichkeiten, gesunde Mischung von Groß-, Mittel- und Kleinbetrieben), und die ganz radikale,1 Forderungen haben nicht einmal den Reiz der Utopie, da sie in den nur zu gut bekannten Abgrund der Juflativn hincinsühren. Es ist eine behinderte Nationalökonomie, behindcrt einmal durch den Wunsch, es mit keinem zu verderben — daher das AnsweiclM vor jeder logischen Konsequenz, die Einschränkung jeder Behauptung, die tiefen Verbeugungen vor der Industrie, vor den Schwerindnstricllen namentlich, vor dem Mittelstand, vor dem Grundbesitzer, vor den, Hauseigentümer, vor de,n geistigen Arbeiter, dein Handwerker und dem Arbeiter — a n s K 0 st e n d c r jüdischen M i 11 d e r h e i t, — »nd vor allem behindert durch die Absicht, Nasscnthcor ie und Nationalökonomie mitcinander zu verketten: dies alles zu de», Zweck, den Antis c m i t i s m 11 § d n r ch scheinbar wissenschaftliche Begründungen zu rechtfertigen und v 0l ks tüml ich zu g e st a l t e n. Betrachtung der Philiströse Klage