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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-01 · Heft 10 (Oktober 1929) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 10 (Oktober 1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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nrbeits- und müljclofcit EiiilouuncuS" proklamiert — bic Grundrente wird von ihm nicht angctastct. Die Kritik des Nationalsozialismus zielt einzig und allein auf den Zins. Was für deu innrxistischcn Sozialismus der Arbeitslohn, für die Bvdenrcsormbcivcgmig die Grundrente, das bcdentet für den Nationalsozialismus der Zins, nämlich daS zentrale Prvbleiu, ans dcsfen Deutung sich des ganze Systeni stützt. Die Zinstheorle. Die Zinstheorie des Nationalsozialismus ist nicht ihrer grundlegenden Bedeutung entsprechend ausgcbaut. Mim kann allein bei Feder drei verschiedene Fassungen herauslesen: 1. Der Zins ist eine „Erfindung" des Leihkapitalislcn oder, wenn inan ganz ehrlich die Meinung sagt, eine boshafte Ersiiidiing der 2. Der Zins steht in Widerspruch z»>» Wesen des Geldes. Geld ist „Anweisnng ans geleistete Arbeit", sag! Feder nnd leitet von dieser Definition die Behauptung ab, daß erst, wenn das Geld zur Deckung eines Bedarfs ausgegcben worden und somit „wieder der Wirtschaft zugesührt ist", sich „der einfache Krcislans des Geldes vollendet". „Dem Wesen des Geldes entspricht also nnch die Ansgabepflicht." Mit einfachen Worten gesagt: das Geld ist zum Ausgebcii nnd nicht zum Sparen dal Damit soll aber „keineswegs das Sparen unmöglich gemacht" werden. Man müsie unterscheiden zivischcn richtigem und falschem Sparen. „Schassen ltnb Erwerb von Sachgütern, der Kauf oder die Erbauung eines Häuschens, der Erwerb wertvoller Gegenstände, von Sammlungen, von Büchern, Gemälden, von Hausrat, die Erweiterung und Verbesserung des Geschäftsbetriebes, die Ausdehnung der Warciivorräte usiv.", das ist richtiges Sparen, Aber das „Znrückhalten von Geld" zu denr Zweck, cs als „Machtinstrument", d. h. als Darlehen zu veriveude» — das ist falsches Sparen, Die Geldbesitzer, die das Geld anfsparcii und c8 dem Verkehr entziehe», üben „widerrechtliche Geldznrückhaltung". Statt daß sie dem Kansmann nnd dein Fabrikanten seine Ware abnehmen» geben sie ihm schließlich „gegen einen besonderen Tribut — gegen Zins — das von ihnen in volkswirtfchastlichem Sinne widerrechtlich zurückbehaltene Geld hi,ums. Dievolksw irisch östlich e Erpressung beginnt." 3. Der Zins ist berechtigt, solange er eine „Dankbarkcitsschuld" darslellt. Erst men» er zum „Recht" des Geldgebers wird, ist er verwerslich, da er dann den „bolkswirtsck;aftlichei> Simr des Kredites zum volkswirtschaftliche!, Unsinn" inacht. Aus Dankbarkeit soll der Darlehensnehmer Zinsen zahlen, wenn ihn daz Darlehen „in seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit so gestärkt hat, daß er erheblich gröbere Gewinne mache» konnte." Für die erste „Theorie" bleibt Feder die ersvrderliclp: historische Beweisführung schuldig. Sie bleibt nur Phrase, die allerdings durch nnermüdiichc Wiederholniig ihre volkstümliche Wirkung auSübt. Die beiden anderen Theorien scheinen aber aus wissenscliaftlicher Ucber- Icgling zu beruhen. Sie seien darum einer genauere» Betrachtung unterzogen. Wesentlich und bezeichnend für die nationalsozialistische Blickrichtung ist es, daß der Zius als Ergebnis der Zirkulation, nicht der Produktion betrachtet wird. Die Bezeichnung des Geldes als Anweisung aus gcleisicte Arbeit mag hingehe». Sie ist ivcder crschöpsend, noch besonders neu. Zu beachte» ist aber die Folgerung der „Ausgabepslicht", die Verurteil»,,g des Sparens, die daun schnell, da sie zu kommunistisch klingt und den Mittelstand, dcni Sparen von jeher als Tugend gilt, verletzen ki)n»te, gemildert ivird durch die Unterscheidung des gute» »ud des bösen Sparers. Fraglich bleibt es, wo die Grenze verlaust, und ob nicht die grobe» Sparer von heute die kleinen von gestern sind. Deutlich spiegelt sich in dieser „Spartheorie" die Sachwertpshchosc der Jnsiationszcit. Merkwürdig naiv ist die Vorstellung des Nationalsozialismus von, „Sparen" des Leihkapitalisten, den er sich vernintlich ans einem Gcldsack sitzend denkt. Vor allem steht dieses Bild des Geizhalses, der sein Geld „widerrechtlich" zurückhält, in Widerspruch zu der ost von nationalsozialistischer Seite gcsührten Klage, der Leihknpitalisl wolle mit Hilfe seines Geldes ln alles eindringei, nnd alles beherrschen. Der Vorwurf der Zinscrpressnng trifft aber am wenigsten die Großbanken, gegen die er vor alle», gerichtet ist. Ihrer Struktur nach sind sie am wenigsten vcrdilchlig, denn erstens haben sie lei» Interesse daran, das Geld znrückziihallcn und nutzlos ruhen zu lassen, und zweitens besteht die Gefahr »nnötiaer .ttreditverweigening oder gar des Wuchers nm so ivcniger, je größer die Bank ist, sie zu sehr im Lichte der Oessentlichkcit steht. Ganz deutlich geht ans der dritten Version der Zinsthcoric hervor, daß der Nationalsozialismus, indem er sich aus die Erscheinung des Darlehensziuscs, der in seinen Augen der „ursprüngliche" Zins ist, beschränkt, an dem eigentlichen Zinsproblem vorbciredet. Z» erklären wäre der „erheblich größere-Gewinn", aus dem die Tankes, schuld des Zinses stammt und von den, auch der Tarlcheuszins herrührt, denn er ist der rigcnlliche Kapitalzins. AnS dieser Verkennung des Phänomens des „strziuses", wie es die.Nationalökonomie und vor nllen, den Sozialismus seit langem bcschäitigt, ergibt sich die eigentümliche nativualsozinlistische Kapitnllhcoric. Die Kapitaltheorle. Der Nationalsozialist unterscheidet, wenn er gcsühwoll wird,?wischen „rassendcin" und „sckpssendem" Kapital. Diese llntcrckzeidmig ist, ins Praktische übersetzt, nichts anderes als die Nnlercheidnng zwischen festverzinst ichcn Werte», wie Pfandbriefe, Obligationen, Anleihen und gcwinntragendm Werten, wie Aktien, Kn^e, Beteiligungen. In ruhigeren Momenten spricht der Nativnalsozialist von „Leihkapital", das „Zinsen" tragt, und „Indnslricknpitnt" oder „riskiertem Kapital", das „Eeivinn" bringt. An diese sachliche Trennung knüpft der Nationalsozialist sein Werturteil. Es gibt für ihn böscS und gutes Kapital. „Das zinssressende Leihkapital ist die Geißel der Menschheit. . ., nicht das schassende, gütererzengende, industrielle Betriebskapital." Feder betont, daß diese Entdeck»»» ihm Vorbehalten war und den großen Sozialisten entgangen ist. Jung kommt sogar zu der vcrblüiscnden Erkenntnis, daß Marx, weil er Jude war, den Leihzins (als jübifdjc Erfindung) schonen mnsite. Dieses merkwürdige Werturteil beruht ans drei Jrrtümcm: I. Aus der falschen Einstellung zun« Zinsproblcm solgt die falsche Beurteilung des Kapitals. Da der Nationalsozialismus den Gewinn als ein natürliches, nicht probleinatischcS Ergebnis der Produktion, den Zins aber als das verwerfliche Resultat der Er- Pressung durch den Geldbesitzer ansieht, muß er auch das ganze Leihkapital als unberechtigt erklären. Dabei kommen feltsinnc Folgerungeii zutage, z. B, daß die Jndlistrieobligatio» obwohl sie doch offensichtlich 'der Produktion zugute kommt, als „rasfendeS" Kapital zu verwerfen ist, und daß beim Ban cineS Hanfes mir das Eigenkapital des D-mherrii das sichtbare Ergebnis des Hauses „schafft",,ivährend das hinzugenommenc fremde nur als Vclastnng anzuschei, ist. 2. Der Nationalsozialist verwechselt die Kapitalbcgrissc. Er sieht, wenn er von „Industriekapital" spricht, Maschinen, Fabrikgebände, Rohstosse vor sich, also alles das, was inan unter der Bezeichnung „Produktivknpital" znsainmeiisaßt. Er fleht dagegen, wenn er von „Leihkapital" spricht, nichts als Geld vor feinen ent» setzten Augen: Münzen, Scheine, Papiere — unfruchtbares, totes Geld! Er sieht „Erwerbskapital". Er ist also, um Im nationalsozialistischen Jargon zu reden, einmal „materialistisch", einmal „iiiainmonistisch" beeinflußt. Er vergleicht zwei Dinge miteinander, die nicht vergleichbar sind: Produktivkapital ist ein sozialökoiioniischcs Erwerbskapital, ein privatölonoiiiischer Begriff. Er vergißt darüber, daß in der kapitalistischen Wirtschaft, die er, da er das Privateigentum nicht bekämpft, im Grunde ja bestehen lassen will, Prodnktivkapital nur aus dem Wege über das Erwcrbskapital entstehen kann. 8. Der Nationalsozialist versällt in den nicht seltenen Fehler, eine Skala der volkswirtschaftlichen Nützlichkeit nach oem sehr sragwürdigen Maßstab der Produktivität ausznsteltc». Da sei» Prodnktivitätsbegrifs ebenfalls „materialistisch" eingestellt ist. fleht er nur bei der Industrie den produktiven Erfolg, nämlich das Gut, die Ware. Daß auch Hypotheken, Obligationen und Anleihen das Kapital produktiven Zwecken znleiten können, entgeht ihm deshalb. Aus dem gleichen Grunde erscheint ihni die Tätigkeit der Banken als völlig überflüssig nnd sogar unmoralisch, denn ein sichtbares Erzeugnis, das der Bedarfsdeckung dienen könnte, haben die Banken allerdings nicht ansznwcisen. Diese Auffassung führt z. B. dahin, daß dem Nnrionalsozialisten die „Produktion" von irgendwelchem Kitsch, für den gerade Bedarf vorhanden ist, wertvoller erscheinen müßte als die Gründung einer neuen Industrieanlage durch Emissioiistäiigkeit der Banken. Kriegsanleihe soll gesetzliches Zahlungsmittel werden. Psychologisch gesehen hat der Abscheu des Nationalsozialisten gegenüber den, Leihkapital seine Wiirzcl in der Erscheinung der Kriegsanleihe. Man brauchte nicht Nationalsozialist zu sein, um nach dem verlorenen Kriege mit Entsetzen die Last der auf unabsehbare Zeit hinaus durch Steuern auszubringeiiden Berzittfittig der Anleihen zu rmpsindeu. Neben seinen sozialen und wirtschaftlichen Neforinplänen stellt sich der Nationalsozialismus nicht mehr und nicht weniger zur Aufgabe, als den Staat ans d c r D e r s ch u l d n n g zu befreien — durch Umwandlung der Anleihestücke in gesetzliche Zahlungsmittel unter Aushebung der Zinsen — nnd den Staat für alle Zeiten von der Notwendigkeit, Schulden zu machen zn entheben — durch Ausgabe „zinstoscr Staatskasscngutscheine" ft, Sicher ist die Beiämpsiing der Anleihepolitik mit dem Hinweis ans die steuerliche Belastung des Volkes der wirlsamste Programinpunkt des Nationalsozialismus. Hätte sich der Naiionalsozialismus ans diese finanzpolitischen Absichten beschränkt und sich etwa als Bund der Anleihegegner etabliert, so wäre ihm eine große Gefolgschaft sicher gewesen. Ta er aber de» höheren Ehrgeiz hat, die „Jndcnsrage" zu lösen, so muß er das rein sinanzpvlitisclp.' Anleihennd Geldproblem ans eine andere Ebene schieben, die ihm die gewohnte judenseindliche Handhabung ermöglicht: die Verschuldung des >> Beide Maßnahmen wiirden clue Inflation hcrvorrnlcn. Eine BAprcchling dieser und anderer sinanzpolltischcr NcsormnorschUlge der Nallonalsozialisten würde hier zu wett führen,

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