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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-01 · Heft 9 (September 1929) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 9 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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unlrrer Gleichberechtigung, dem gewaltigen lebens Hum 2M. Geburtstag. sich wohl, dcn Unterschied bloß i» Neligionsiileinnngc» zu schon, und luill uns lieber «[§ Fremde be!rächtet wissen, die sich die Bedingungen gefallen lassen inüssen, ivclche ihnen von den Lnndeigeiitüwern, eiiigernnnit iverde». Allein erstlich ist dieses jn die vorliegende Frage: ob den Lniideigentüinern nicht besser geraten ist, wenn sic diese Geduldete» nls Bürger anfnehmeii, alS das; sie mit schweren Kosten andere Fremde inS Land ziehen? — Sodann möchte ich auch erörtert wissen: n>ic lange, ivicviel Jahrtausende dieses Verhältnis nl8 Landeigentümer »nd Fremdling svrtdnncrn soll? Ob cs nicht znm Besten der Menschheit und ihrer Kultur gereiche, diesen Nntcrschicd in Vergessenheit kvnunen 31t lassen?" Auch von einer Rückkehr nach Palästina will Mendelssohn nichts wissen und spricht das heute gewiß bedeutsame Wart aus, dass eine gehoffte Rückkehr nach Palästina ans unser bürgerliches Verhalten nicht den geringsten Einfluß haben könne. Er fügt hinzu, daß iin Talmud inüner Uneber das Verbot eingeschärft werde, an eine getvaltsame Rückkehr zu denken. Mendelssohns ganzes Leben und alte seine Werke dienen der Verbreitung und Veredelung der deutschen Sprache, somit der deutschen Kultur und deren Verbreitung unter den Iilden, und, was damals ebenso notlvcndig tvar, auch den Nichtjuden. Ohne Uebertreibung darf man behaupten, daß Mendelssohn zu den besten Stilisten Deutschlands gehörte, daß dieser krumme, bucklige Jude, der bis zu seinem 14. Lebensjahre nur jiddisch sprach, eine geniale Veranlagung für einen klaren und knappen deutschen Stil mitbrachte. Wenn Mendelssohn bei einer Aufgabe, ivelche die Berliner Akademie der Wissenschaften über einen schtvicrigen „ philosophischen Gegenstand stellte, vor Kant den ersten Preis erhielt, so liegt der Grund für diese Auszeichnung im wesentlichen in dem wunderbaren Deutsch, das Mendelssohn zur Verfügung stand. Noch heute kann man jedem, der in das schtvierige Gebiet der Philosophie eindringen will, manche der — vielleicht wissenschaftlich überwundenen —philosophischen Schriften Mendelssohns empfehlen. Deitn den meisten philosophischen Schriftstellern ist es nicht möglich, schivierige Dinge in dem klaren Deutsch zur Darstellung zu bringen, wie es Mendelssohn eigen war. Es war für die damalige Zeit ein Wagnis, Friedrich dem Große n gegenüber den Tadel zu erheben, er handle n 11 d e u t s ch, weil er französisch sprach und schrieb; es tvar eine Vermessenheit, wenn ein solcher Vorwurf von einem Inden ansging. Aber Mendelssohn hatte den Mut, vor den König zu treten und aus seinem Vorwurf bestehen zu bleiben. ' So sehr erfüllte ihn die Liebe zur deutschen Sprache. Den Jargon bekämpfte er. Damals wurde der jüdische Unterricht zum Teil von polnischen Betteljnden erteilt, die im Lande hernmreisten. Aus religiösen und aus sprachlichen Gründen trat er gegen diese bemitleidenswerten, aber zu Lehrern ganz ungeeigneten Kräfte mit allem Nachdruck auf. So wirkte er, indem er sich das deutsche Land und besonders die inärkische Erde zur Heimat m-achte, und half eine Kultur schaffen, die als deutsche Kultur in der Welt zu größtem Ansehen gelaugt ist. Aber, wird man sagen: Mendelssohn spricht immer von der jüdischen Nation, also war er ein Nativnaljnde. Davon kann nach keiner Richtung die Rede sein, wenn inan das Wort „Nativnaljnde" in unserem heutigen Sinne auffassen will. Damals bezeichnete das Wort „national" jede Gruppe in der Bevölkerung. An den Universitäten studierten die bayerische „Nation", die nassauische „Nation", die brandenbnrgische „Nation". Der politische Sinn, den heute dieses Wort umfaßt, war der daiinrligen Welt unbekannt. Wenn man dem Wort aber auch den heutigen Sinn zugrunde legt, war die Jndcnheit in der Tat eine Station, selbstverständlich ohne die Gesühlsnvte, die heute mit diesem Worte verbunden ist. Mendelssohn war bestrebt, die Judenheit ans der Nation herauszuftthren. Er hat nie mit diesen Worten ausgesprochen, weil er das Problem im heutigen Sinne gar nicht kannte. Aber, indem er die jüdischen Dinge entpolitisieren wollte, dadurch, daß er die Juden allen Bürgern des Landes in Sprache, Sitte und Kultur und politischer Bedeutung gleichzustellen bestrebt war, hat er durch Wort und Tat mehr noch nls einer seiner Nachfolger für die Entnationalisierung im heutigen Sinne des Wortes gesorgt"). Alles, lvas Minner wie Gabriel Rlesser, Johann I a c v b y u n d E u g c n F u ch s über diese Fragen nach ihm empsanden, getan und geschrieben haben, tvar von ihm vorbereitetes und geprägtes Gedankengut. Ebenso ivic diese Grundlagen die im Eentralvcrcin strebenden deutschen Juden mit Meudelssuhn verkuüpseu, ist auch die Beanüvortuug einer Anzahl Praktischer Fragen, die wir in seinen! Wirken fiiidc», vvn vorbildlicher Bedeutung. Mendelssohn war weder ein Draufgänger noch ein Leisctrcier. Insbesondere hat er religiöse Fragen in der Oeffentlichkeit immer nur gezwungen behandelt und hat Dingen, welche den inneren Menschen angehcn,;ü;r sehr ungern öffentlich erörtert. Anderseits ist er dieser Erörterung niemals ansgeivichen. Die Grundsätze, die er für die Behandlung solcher Fragen in dem berühmten Schreiben an den Herrn Diakonus Lavatcr zu Zürich ausgestellt hat, zeigen männliche Würde vereint mit tiefer innerer Bescheidenheit. Leisclrelcrei war ihm verhaßt, >venn es galt, religiöse Einrichtungen und lleberzcngnngen zu verteidigen. Dabei >vnr rücksichtslose Wahrheit für ihn Grundprinzip. Damals blühten die uns ja heute noch geläufigen Angriffe gegen den Tnlnucd. Mendelssohn wies in klarer, einleuchtender Weise darauf hin, das; in einen; solchen ungeheueren Werke auch Ungereimtheiien enthallcn sind, das; aber diese mit der jüdischen Sittlichkeit und der jüdischen Moral nicht das geringste zu tun hätten. Die Frage des jüdischen Eides war damals vvn Bedeutung. Auch hier hat er sich mit dem notigen Nachdruck gegen die Verleumder gewandt und wurde der Verteidigung nie müde. Dabei gab er seiner Ninwelt ein deutliches Bild von den Greueln, die christliche Kreise der Jndcnheit zngefügt hatten. Es wäre heute noch >vünschens;vert, unsere Heranwachsende Jugend einige Stellen der Mendelssohnschen Werke kennen zu lehren, in denen er z. B. die unmenschliche Folterung und Hinrichtung des Münzmeisters Lippold schildert, oder in denen er erzählt, in welch tierischer Weise zivei Rabbiner, die man des Ritualnwrdcs beschuldigt hatte, gemartert und getötet wurden. Namentlich dort, ivo er von den Qualen und Foltern spricht, die die Juden zu erdulden hatten, ist ein ergreifendes Bild geprägt. Geradezu modern mutet uns Mendelssohn an, wenn er vvn de;n Borwnrfe spricht, den man dcn Inden nwcht, sie seien nicht produktiv, weit sie Handel treiben. Er sagte: „Was heißt denn eigentlich Hervorbringer und Verzehrer? Wenn nur derjenige hervorbringt, der etwas Greifbares erzeugen hilft oder' durch seiner Hände Arbeit verbessert, so besteht ja der loeit wichtigste und größte Teil des Staates ans bloßen Verzehrern. Ter ganze Lehr- und Wehrstand bringt nach diesen Grundsätzen nichts hervor, wenn nicht etwa die Bücher, die von jenem geschrieben werden, eine Ansnnhine machen . . . Sonach bestände der Staat außer jenem zwar achtenswerten, aber doch geringen Teil des Volkes, aus Leuten, die durch ihrer Hände Arbeit die Produkte der Natur nieder befördern noch vervollkommnen; also aus bloßen Verzehrern, und wie? also auch ans unnützen Mäulern, die den; Hervorbringer zur Last werden? Hier fällt die Ungereimtheit in die Augen, und da die Folgerung richtig ist, so muß der Fehler in den Vordersätzen liegen, lind so ist es auch! Nicht bloß Machen, sondern auch Tun heißt hervorbringc». Nicht nur wer mit Händen arbeitet, sondern über- Haupt wer etwas tut, befördert, veranlaßt, erleichtert, das seinen Ncbenmenscheu zlim Nutzen oder Vergnügen gereichen kann, verdient den Namen des Hervorbringers und er verdient ihn zmveiken um desto inehr, je weniger Beivegnng ihr an seinen Extremitäten gewahr werdet. Mancher Kanfinnnn, der an seinem Pulle Spekulationen iuncht vder aus seinem Ruhesessel Pläne entwirft, bringt iin Grunde mehr hervor, als der Arbeiter und Handwerlsinann, der das mehrste Geräusch macht. Zur Glückseligkeit des Staates sowie der einzelnen Menschen gehören mancherlei sinnliche und übersinnliche Dinge, körperliche und geistige Güter, und wer zu deren Hcrvorbringnng oder Vervollkommnung aus irgendeine inehr oder minder entfernte, mittelbare oder unmittelbare Weise etwas beitragt, der ist kein bloßer Verzehrer zu nennen, der ißt sein Brot nicht umsonst, sondern hat dafür hervorgebracht." So hat uns Mendelssohn nicht nur den Weg gezeigt, den wir gehen müssen. Leidcnschnstslos, vornehm sollen wir den Angriffen e) Rabbiner Dr. Max Wiener hat de;» Verfasser in liebenswürdiger Weise die Anshiingrbogen eines Aufsatzes „Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im Ni. Jahrhundert" zur Verfügung gestellt, der in der nächsten Nunnnev der historischen Zeitung „Zeitschrist siir die Geschichte der Inden in Deutschland" zur Verösfentlichung kommt. In diesem Aussätze werden die angcdeuieten Fragen unter Zugrundelegung der Quellen eingehend behandelt.

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