Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Molrs flendklslrchn, dem griltigen Vater Förderer deutlchen Geiltes- Was sagt uns Moses Mendelssohn? von Luüwig flottänacr Beate B e r w i n schickt ihrer Studie „Muses Mendelssohn im Urteil seiner Zeitgenossen" ein Vorwort voraus, in Welchem sie an das Wort Herrmann Cohens erinnert: „Das Seschichtliche Begreifen erschleicht das Prinzip: das; jegliches chdividuum in einem gewaltigeren Sinne einer menschlichen Ordnung angehöre, als cs selbst einzusehen vermag. Nur dann verstehen wir geschichtlich eine Erscheinung, wenn »vir sie in demjenigen Zusammenhänge begreifen, welcher ihr selbst verborgen bleiben must." Wendet man diese Sätze auf das Leben Moses Mendelssohns an, so ergibt sich, daß man sein Leben und sein Werk nur in den Zusammenhang der damaligen Zeit hincingestellt verstehen kann. Dieser Rückblick ist heute für uns als Deutsche und als Juden um so bedeutsamer, als Moses Mendelssohn als erster jene revolutionären Fragen aufwarf, die auch uns noch bewegen: Kann ich dem tudentum treu bleiben und gleichzeitig ein vollberechtigtes ►lieb derjenigen Volkheit sein, in deren Mitte ich lebe? Welche Bedingungen muffen hier erfüllt werden, welche Forderungen must der jüdische Mensch, der so leben will, an sich stellen, rmd wie muß er sich der Allgemeinheit darstellen? Moses Mendelssohn hat zuerst das Problem „Glaube und Heimat" in sich selbst erlebt und zu einem guten Teile gelöst. Ist somit Moses Mendelssohn in erheblichem Maße der gedankliche Vater des Centralvereins, so müssen wir immer mehr die Grundlagen erforschen, die er für uns geschaffen hat. Wie verhielt er sich, von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen, zu den Fragen der Religion, der Heimat und vor allem der Mittel, die uns erlaubt sind, um innerlich die Verbindung von Glaube und Heimat, äußerlich die Beziehungen zu unseren Mitbürgern gut zu gestalten? Zu Lebzeiten Moses Mendelssohns galt der Satz: Wer Vollbürger sein will, muß Christ sein. "Darin war man sich einig, Inden und Nichtjuden. Noch heute gibt es in unserem öffentlichen Leben Stellen, welche den llebcr'tritt zum Christentum als Vorbedingung zrw Erlangung eines öffentlichen Amtes, namentlich eines Lehrstuhles an einer Hochschule, wenn auch versteckt, fordern. Mendelssohn hat sich mit dieser Frage durch sein Leben als solches auseinandergesetzt. Theoretisch wurde sein Standpunkt erst begründet, nachdem er seiner Unnvelt bereits gezeigt hatte: Ich bin der Eure und bleibe Jude! Die Inden staunten, das; es so etwas geben konnte — und die Nichtjuden nicht minder. ES ist durchaus unrichtig, wenn gerade heute die Dinge so hingestellt werden, als ob Mendelssohn in einer nichtjüdischen Welt nur Freunde besessen habe. Wir »vollen gar nicht über Hetzer sprechen, die, »vie ein gewisser Kvlbele, sich darin gefielen, Mendelssohn und das Judentum seiner Zeit mit dem größten Schmutze zu bewerseu. Solchen Gestalten wie Kölbele, die nach Ahlwardtscher und Pückierscher Art arbeiteten, standen natürlich auch vornehmere Geister gegenüber. In der Sache selbst aber waren sie alle der gleichen Meinung. llnd doch hat sich Mendelssohn dnrchgcsetztl Er bewies den Menschen, daß man Jude und Staatsbürger, sogar ein hervorragender Staatsbürger, ein geistiger Führer der Menschheit sein kann, ohne von seinem Judentum auch mir das Geringste auszugeben. Wohl bemerkt, man wußte allgemein, daß Juden Geist haben und Hervorragendes leisten köimten. Man glaubte aber, das sei nur innerhalb ihrer Reihen möglich. Den» man hielt cs für unmöglich, daß Juden, an ihrem Judentum hängend und mit ihm in ihrer letzten Faser verbunden, auch den Mchtjudcn geistig führend vornnzugehen vermöchten. Mendelssohn hat die religiösen Vorschriften der jüdischen Religion der christlichen Mitwelt nahegebracht. Er wies daraus hin, daß nach jüdischer Vorschrift die Frommen aller Völker von Gott gesegnet seien. Wie aber verschiedenartige Zöglinge vom Lehrer verschieden untcrriclstet und erzogen werden, so wüste es auch verschiedene Religionen geben. So habe Gott in der jüdischen Religion die Voraussetzungen geschassen, die für das Leben des Juden nmßgebend seien. Wenn der Jude diese Vorschriften befolge, so setze er sich in keinerlei Gegensatz zu seiner Umwelt. Er segne diese Umwelt sogar durch sein Leben und durch seine ReligionSübungm. In allem übrigen lebe er mit der Gesamtheit. Niemals könne er seinen Glauben aufgeben; aber die Prüfung dieses Glaubens sei Pflicht des Menschen gegen sich selbst. Wer als Jude geboren sei, solle als Jude leben und als Jude sterben. Wir »vollen keine Mission üben unb dürfen es nicht, aber »vir »vollen und »Nüssen davon überzeugt sein, daß zivar „bei unseren Mitbürgern nationale Vorurteile und irrige Religionsineinungen Vorkommen", daß aber die jüdische Religion in ihrer Gesamtheit uns innerlich adelt und erhebt. Dabei hat nicinand schärfer als Mendelssohn die religiöse Intoleranz der dainaligen Welt, so»vohl der Jndenheit als auch der Nichtjudenheit, gegeißelt. Er wußte, welche Anfeindungen ihn durch seine Bibelübersetzungen erwarteten. Oft genug sagte er, daß er in den Kreisen seiner Glaubensgenossen die schwerste Gegnerschaft erdillden müsse. Er hat sie erduldet. Gewiß »vollte er die innige Liebe zur jüdischen Vergangenheit und zur jüdischen Religion nicht aufheben. Er »var and) kein Reformator im heutigen Sinne des Wortes. Aber sein Leben brachte ihn» die Ueberzeugung bei: die Jrrtümer und Fehler der dainaligen Jndenheit seien vergänglich und könnten geändert »verden, die Religion als solche jedoch sei eivig. Da die Sittlichkeit die erste Forderung sei, die an den Menschen gestellt »verden nrüsse, könne inan eine Religion nicht ausgeben, ivenn rnan nicht davon überzeugt »vird, daß es eine andere, bessere gäbe. Und Mendelssohn »var nicht etwa ein Mann, der nachstöberte, ob feine jüdischen Freunde mit den von ihm selbst festgehaltenen Zereinonialgesetzen in jeder Beziehung verbrinden blieben. A»»s seinen Briefen geht hervor, daß er das Ei»tschcidende iminer in der Verbindung des einzelnen »nit den» Geiste der jüdischen Religion sah. Man vergesse nicht: er wuchs im Studium des „Führers der Verirrten" von Maiinonides auf, dessen Lektüre damals von vielen Rabbinern verboten ivurde. In feiner Jugend »var gerade eine neue Ausgabe des „Führers der Verirrten" in der Nähe voi» Dessau erschienen. Sein Lehrer, Rabbiner Frankel, gab sie ihn» in die Hand. Und so »vnchs er nicht in einer beschränkten religiösen Welt, sondern unter den Fittichen eines der größten Denker Israels a»»f. Wir finden ihn darum auch als Vorkämpfer für eine Schule, nämlich das Dessauer Philantropiu.wclches gewillt tvar,Kinder jüdischer und nichtjüdischcr Religion geineinschaftlich zu erziehen und jüdische Lehrer anzustellen. Mendelssohn beklagt, das; sich keine Juden fanden, die von diesen» menschenfrenndlichen Anerbieten Gebrauch machen »vollte» und setzt auseinander, »vieso ein solcher Standpunkt töricht sei. So »var Mendelssohn bei allen persönlichen religiösen Bindungen ein Mann der unbedingtesten Toleranz; aber gleichzeitig lehrte er der Welt, daß »nan innigst den Geboten der Thora anhängen und doch ein Mitbürger, ein Vaterlandssrennd, »in wahren Sinne des Wortes sein kann'). II. Welche Antivort erhalten »vir auf die ziveite Frage? Wie steht ein Mendelssohn zu dem Begriff der -Heimat? Hier lesen »vir — und »vir möchten »vünschen, daß diese vor anderthalb Jahrhunderten geschriebenen Worte nicht vergessen werden: „Soll das Vaterland verteidigt »verden, so in »rß jeder h i n zu ei l en, d c ssen Beruf es ist." Als einer von den damaligen Judengegnern den Gegensatz zivischen Dentschen und Inden aufstellt, schreibt er: „Anstatt Christen und Inden bedient sich Herr Michaelis beständig des Ausdrucks Deutsche und Juden. Er entsteht <) Von Interesse wird noch heute der letzte < Mendelssohn in dieser Angelegenheit schrieb, un nichts eingeiMt hat. Mendelssohn empfiehlt ni Absatz eines Briefes sei», den ..nd der an Bedeutsamkeit noch _...nämlich, auch atme Kinder aus. zunehmen," unb sagt- „Aber darauf, diicht ich unmatzgeblich, miißten Sie wenigstens sehe», daß vorerst nicht lauter reiche Mcnschengestalien ausgenommen werden, da die kragos consumer». naU dieser ihrer Bestimmung gar zu treu zu bleiben pflege»." Das heißt aus deutsch, die dazu geboren sind, schon vorhandene Frilchle, d. h. schon vorhandenes Bermitgen, zn verzehren.