Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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b4 gegen die Juden entgcgentreten. Er hat unS vor allein nach die erforderlichen Mittel geiviesen, die zur Klärung der öffentlichen Meinung angewandt werde» müssen. Mendelssohns Politische Schrislcn erscheinen um so moderner, je mehr man sich in sie vertieft. Das Ergebnis der Prüfung wird zunächst die Freude sein, nur wieviel weiter wir doch gekommen sind. Mendelssohns Saat ist zu einem guten Teile ansgegangeu. Deshalb dürfen nur nicht verzweifeln und die Hände in de» Schoß legen. Den Weg hat er uns p einem großen Teile gewiesen. Bewiesen hat er, wie Jiideutuni und Deutschtum verbuiidcn werden können und in unserer Heimat verbunden sein m ü s s e n. Während seines ganzen Lebens mnßto Mendelssohn kämpfen. Er wurde durch den Kampf, deii er zu führen hatte, anfgericben. Nicht nur seine körperliche Schivache belastete ihn stark, sondern auch die fortgesetzte» Aufregungen, die ihm bereitet wurden, habe» sein Herz zermürbt oder, ivie er sich ausdrücktc, „zerbrochen" lind so ein frühes Ende hcrbeigeführt. Der Fanatismus der Inden und der Nichtjuden hat feinen Lebensfaden frühzeitig abgerissen. Wir sehen leider heute noch,!vie dieser Fanatismiis lebt und sieh ansbreitet. Manchmal möchte man verzweifeln, wenn man iin eigenen und im sremdeii Lager das Mas; der Ilnveriinnft und der 11»- gerechtigkcit erkennt. Besriedigender e>iS die Bcrrachtung seines Lebens und seiner Lehre, jn sogar erhebend, »nis; für »ns Lebende am Tage, der feinem Gedächtnis gilt, das Dcivustisei» sein: Mendelssohn hat nicht nur gelebt, sondern er lebt heute und wird alle Zeiten leben. Zeitbild vom Judentum Uon Scima Sterti*Cäubler Wenn man heute in Deutschland allenthalben Moses Mendelssohn feiert, so ehrt man den großen Erzieher, den Pilosophen, den reinen Sprachgestalter, den srommcil und gütigen Jiidcn, in dessen harmonischer Natur sich zum erste» Male eine Synthese Von deutscher mid jüdischer Kultur Vollzog, und zugleich den geistigen Bezwinger des Ghetto, der als solcher der geistige Wegbereiter der politischen Emaiizi- Pation geivorden ist. Dagegen würden sich die feinen und klaren Linien seines Lebeiis and seiner Persönlichkeit vertvischeii, ivollte man ihn in die Nähe der religiösen oder politischen Kämpfer und Befreier rücken. Kultur und Bildung sind die Kräfte, die er in sich, und in der eigenen Persönlichkeit zugleich für andere, gestaltet hat. Ein Bildner, der zmn Borbild wurde: kein Stürmer und Dränger, der ansrics und z»m Kampfe führte. Man muß ihn in den Strömungen und Wnndlnngen seiner Zeit sehen, um zu verstehen, wie sein Wesen und sein Schicksal de» deutschen Inden zuni Symbol und in gcivisscm Sinne zur nmgesialteiideii Kraft ihres eigenen Schicksals werden konnte. Als Moses Mendelssohn im Jahre 1743 i» Berlin cinzog, ein schmächtiger, schutzloser, dürftiger Knabe, niikniidig der deutschen Sprackje, ohne Kenntnis der Profanen Wissenschaft, erschien ihm die Entrichtung des LcibzollS an den Toren der Hauptstadt ebenso selbstverständlich wie seinen Glaubensgenossen die Zahlung der ungeheuren Abgaben an den Staat, die Bcschräukiiiig der Zahl ihrer Kinder, die Trennung in ordentliche und außerordentliche Schutzjndcn, die Einschränkung ihres Handels, der Ausschluß aus der Zunft, das Verbot des Ackerbaus, deS Handwerks und deS HausierenS, die Absonderung von der christlichen Umwelt und die Einmischung des Staats in alle Angelegenheiten der Gemeinde. Als Moses Mendessoh". starb, war der nnscheinbare Jude ohne Titel und Rang der Gefährte von Philosophen und Dichtern, der Rniaeber von Gelehrten, der gern gesehene Gast von Fürsten geivorden. An Stelle des Talmudunterrichts war die deutsche Sprache getreten, an Stelle des habgierigen Schacherjndcn der früheren Zeit, der von der Bühne herab daS Publikum ergötzt hatte, verkündete jetzt LesfingS „Nathan" fcicrtich die Parabel von den drei Ringen. Die Christen selbst verlangten in Wort und Schrift eine bessere Erziehung der Juden, ihre Angleichung an die Sprache, die Sitten, die Kultur ihrer Umwelt, die Fürsten selbst setzten sich die bürgerliche Gleichstellung der bisher mrr geduldeten jüdischen Untertanen zum Ziel, Und doch ist der Naiuc Moses Mendelssohns, ähnlich wie es bei der, großen Gesetzgebern der Autrkc geschah, nur das Sinnbild für eine Entwicklung geworden, die schon hundert Jahre früher begonnen Hatto und die bis heute noch nicht zuni Abschluß gekommen ist. Nicht ein einzelner hat die Emanzipation der Juden herbeigeführt und konnte sie herbeisühren, sondern diese Emanzipation ist das Produkt eines lauge» Prozesses, den in gleicher Weise der Staat und die Gesellschaft, die philosophischen und iilitivnalökonomischeu Strömungen des Jahrhunderts, wie die jüdische Gemcinschast selbst zur Entwicklung gebracht haben. Vom Staate wurden die Inden beschützt und bevorzugt, »veil der moderne, absolutistische und mcrkanttustische StnatMrper zum Ausbau seiner Wirtschaft und Dersassung deS siidischen Finanzmannes und Unternehmers dringend bedurfte. Während der mittelalterliche Staat, der Omuipotenz der Kirche unterstellt und von ihren Nechissatznngen abhängig, eine Menschengruppe ausgeschlossen hatte, die nach seiner Meinung ungläubig »var, während der von den Ständen beherrschte Territorialstaat beinahe überall die Juden vertrieben hatte, gliederte sich der nüchterne, rationale Militär- und Polizeistaat »virtschastlich und politisch die Juden ein. Wenn ursprünglich dabei auch iricht Tvleranzidccn mitspielten, »nenn Motive finanzieller Natur die Herrscher leiteten, wenn es ihnen mrr daraus anknm, durch die Aufnahme der Juden ihre Länder zu „pcnpiicrcn", zu „ivichtigeu Jntraden" zu bringen und für sich selbst ergiebige Steuerträger zu gewinnen, so tat dies der endgültigen Sicherstellung der Juden keinen Abbruch. Auch das; man bei' der großzügigen Wirtschaftspolitik deS Merkantilismus die Inden mir a!s einen ivichtigeu Faktor in Rechnung stellte, das; man sie zur Finanzicrung der Handclskoinpngnien und zur Ausführung kolonialer Pläne, zur Gründung von Fabriken und Banken heranzog, das; man versuchte, mit ihrer Hilfe die inittclaltcrlich gebundene, egoistische und partikiilaristische, zimstlcrische Handels- und Gcwcrbcpolitik der Untertanen zu bekämpfen und die moderne Geld- und Krediüvirtschast zu begründen, kam letzten Endes doch den Juden selbst zugute. Ein »veiterer Schritt zur Annäherung der Juden an die Umwelt »vor die intensibere Beschäftigung des Staates mit den jüdischen Gemeinden. Während der mittelalterliche Staat sich damit begnügt hatte, die Juden nur als Werkzeug der staatlichen Finanzpolitik zu betrachte», es aber noch nicht als seine Aufgabe angesehen hatte, in ihre individuelle RrchtSsphäre einzrigrciscn und ihre selbständige Entfaltung zu verhindcrii, begann nun der moderne Obrigkeitsstaat Bresche zu schlagen und in alle mittelalterlichen 'Korporationen und Verbände durch die in seinem Wesen selbst liegende Tendenz der Atomisierung und Nivellierung seiner Ilntertanen. Jedem er durch Ordnungen und . Gesetze alles reglementierte und alles nivellierte, indem er sich in die Wahl der Rabbiner und Vorsteher, selbst in. die Dinge des jüdisckie» Kultes und der Religion einmischte, löste er gleichzeitig die jüdische Gemeinde als genossenschaftlich geeinte Gesamtheit ans. WaS vom Standpunkt der jüdischen Selbständigkeit alS Härte erscheint, erscheint vom Standpunkt der jüdischen Entwicklung betrachtet als der erste boivustte Bersuch des Staates, die Juden in den Stnatskörper ivie in deir Untertanenverband vcrsassungsmäßig einziibaucn. Waren bei diesem Vorgehen des Staates die Inden mir das passive Werkzeug des staatlichen Willens, so wirkten einzelne tatkräftige, kluge und voriiehme Jliden aktiv mit bei der Umgestaltung der jüdischen Verhältnisse. Aiisgestattet mit Spczinlprivilegien, von den ordentlichen Gcrichtcii befreit, gelang cs diesen Hofjuden, die Judenpolitik ihrer Fürsten zu beeinflussen, gleichzeitig aber durch Bildung und Haltung, durch die Angleichung an die Sitten und Formen der christlichen lliinvclt die geistige Assimilation ihrer Glaubensgenossen vorzubcrciten, ' Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich imrerhalb der christlichen Gesellschaft. Die Wnndlnngen der wirtschaftlichen Anschauungen seit dem 17. Jahrhundert, die Lehren der Kameralisten von der Not- »vendigkeit großer Bcvöllerungsmassen für die Entivicklung eines Landes, von der Wichtigkeit des Geldes und der Ausdehnung des Handels und der Industrie, die Schriften der Physiokraten haben die Befreiung der Jiiden ebenso gefordert ivie die Gedanken des Naturrechts und des Nationalismus, des Humniiislims und des Deismus. Pusendorf und Leibniz, Iusti und Seckendorf, Thomas i n s »nd Wolfs sind ebenso wichtige Faktoren der Emanzipation geivorden wie die Ideen der amerikanischen und der französischen Revolution von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Die Auflösung der feudalen Gesellschaft und Klassenherrschaft, der Kamps um die Aushebung der Zünfte und »in die Befreiung der Bauern haben in gleicher Weise das Ghetto gesprengt, wie die Predigt des Illarauis kos» von der Unantastbarkeit der menschlichen Persönlichkeit. Es war natürlieh, das; diese Ideen iviederum erlösend und befruchtend ans die jüdische Gemeinschaft zurückwirken und innerhalb der Judenheit selbst den Willen zur Reformation hervorriefen. Hinzu kam ein wichtiges, bis jetzt nie gewürdigtes psychologisches Moment, Der Jude der Aufklärung ivar, infolge völlig anderer seelischer, geistiger und soziologischer Bedingungen, in ganz anderer Weise imstande, den Anschluß an die Umwelt zu finden als der Jude der älteren Generation'. Denn was hatte den Juden der Barockzeit, dem Leiden »nd Beten, Lernen und Lesen Lebensform und Lebensinhalt war, mit einer Zeit verbunden, die sich ln Sinnlichkeit und Genuß, in Mystik und Romantik, in Ekstase und Repräsentation crschvpst hatte? Die Ideen der Aufklärung dagegen, die Lehren von der Toleranz und der Menschlichkeit, von Maß und Form ivarcn dem innersten Wesen des Judentums nicht fremd. Die Sittenlehre Kants und die Sittenlehre, des Talmud, das Pathos Schillers und das Pathos der Propheten, die Sprache Herders und die Sprache der Bibel miteinander in Einklang zu bringen, ivar »vedcr ein gewaltsamer noch ein unmöglicher Versuch. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, erscheint Moses Mendelssohn nicht als der gewaltige Erneuerer, der in die mittelalterliche Nacht plötzlich das Licht einer helleren Zeit gebracht hat. Aber seiner Größe tut diese nüchterne Betrachtung keinen'Abbruch. Daß er die Kräfte, die Strömungen, den Sinn und die Hoffnung seiner Zeit erkannte und verstand, daß er im historischen Augenblick zmn Verkünder einer Welt» anschauung wurde, die reis zur Berkündigung ivar, macht ihn zu etyer einmaligen und vorbildlichen Erscheinung der deutschen und oer jüdischen Geschichte. Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüdische» Glaubens e. V., Der- UnSW 08, Llndenktrage 13. Hauptschrlstleiter: Dr. L u d u> lg Lv l l ii n d rr. veranlwortlichr Dr. Margaret e_ffi d et hp m. Beide Berlin «« —