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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1929) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 7-8 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Venn er war unser.. / Unserem ZreunSe Julius Golösiein zum Geöächtnis. Von Dr. Luöwig hoUän-er. Die Knude von dem frühen Ableben unseres Freundes Julius Gvldstein Hut in alle», die ihn kannten, die Erkenntnis reifen lassen: Hier hat ein Mensch uns verlassen, der für das gesinnte dcnische Volk und somit auch für die deutschen Inden von einer Bedeutung gewesen ist, die den Verlust besonders schmerzlich macht, ei» Mensch, der in mancher Beziehung unersetzlich ist. Seine lebendige Religiosität hat ihn mit Angehörigen aller Religionen innerlichst verbunden. Sie haben einen Künder wnhrhastigcr Religiosität verloren, lind die Inden betrauern in ihm einen Man», der sich Vertiefung und Verbreitung jüdischer Religiosität und ihres Gcdankcngehalts besonders zur Aufgabe gesetzt hat. Diese Seite der Vedcntung Goldsteins beruht nicht nur in dem Gehalt seiner Schriften, Die Zahl der Bücher Gvldstcins ist beschrankt. Die Zahl der Aufsätze und Vorträge, die er dem Druck übergeben hat, ist viel größer. Die Einwirkung, die er durch das lebendige Wort ans die vielen Tausende seiner Hörer gewonnen hat, überwicgt beides bei weitem. W. H. Riehl pflegte in der Vorlesung über Etaatsivisscuschnft und Politik, die er bis zu seinem Tode an der Universität München hielt, daraus hinznweiscn, daß in seiner Jugendzeit nur der als wahrhafter Gelehrter angesehen war, der ein eigenes „System" geschrieben hatte. Darin erblickte Riehl das Kennzeichen einer überwundenen Zeit, Er wies darauf hin, ivie verfehlt es sei, einen Gelehrten danach zu beurteilen, ob er dickleibige Werke verfaßt habe. Es lominc vielmehr darauf an, Gedanken z» finden, die die Welt bewegen, diese in die Herzen der Menschen cintragen und so eine bleibende Wirkung hintcrlnssen. So war Julius Gold st ein Anreger und Versöhner, ein Mann, der, selbst klar und. tvahr, die Gegensätze des Lebens verstehen lehrte und zeigte, wo lind wie Gegensätze Ausgleich und Versöhnung finden konnten. Der Wohlklang seiner Rede, seine sprachliche Gestaltungskraft haben in seltener Weise feinen lauteren Gedanke» und seiner wahrhaftigen Gesimlung in Erkenntnis der Zeit, ihrer Bcdinglingen, ihrer Nöte, ihrer Krankheiten, ihrer Forderungen stärksten Nachdruck gegeben. Er lvar ein wnhrcr Philosoph, iilsofcrn ntmt unter einem Philosophcn eineil Menschen versteht, der sich die znsaminenfnssende Betrachtung der Meli nnd ihres Sinnes als Aufgabe seht, der die Erforschung der Grundsätze des Seins, der Erkenntnis und des Handelns der Menschen zu feinem Berufe macht. Der Ilmflmib, daß Gvldsiein unter den größten Schivierigkeiten seinen Berns ergriff nnd ihli immer unter Opfern, die vielfach einen trngischeli Charakter zeigen, jahrzehntelang durchgeführt hat, beweisen seine wirkliche Liebe zur Erkenntnis, zur Weisheit im besten Simie des Wories, Diese Weisheit ist ihm mehr wert geivesc» als Geld und Gilt, das er reichlich hätte erlangen können, wenn er Unabhängigkeit und Ueberzeugung ausgegeben hätte, Goldstein hat niemals für eine Sache gewirkt, von deren Gerechtigkeit er nicht innerlich überzeugt gewesen iväre. Hat er die Gedanlen >,„d die Arbeit unseres C, B, so inasigeblich beeinflußt, so hat er cs getan ans seinem Weit- und Weltblick heraus, aus der Erkenntnis, daß alle Arbeit im Sinne unserer Geliieinschaft getragen sei» ninß von dem Streben nach der Erkenntnis des Seins, nach Hebung dieses Seins zu dein Höchsten und Letzten, was Menschen adelt nnd verschönt. jür Volksversöhnung und Volkerverföhnung. Im Dienste der Bollsvcrsöhnnng n»d Bölkcrversöhimng wollen vor allem die Schulen wirlen, Alls diesem Gebiete hat Julius Gvldstein noch in den letzten Monaten seines Lebens eine Leistung vollbracht, die weiter lvirken wird. Ans der Juliiläninstagung des hessischeilLandes- Lchrervcreins am 9, Oktober 1!W führte er in einem Vorträge vor über 1000 Zuhörern ans, was die Schule iin Dienste der Volksversöhnnng und Bölkcrversvhinnig leisten milß nnd kann. Unter genauer Würdignug der vorhandenen Kräfte forderte er, man solle den Adel des Erzicherberufcs erkennen'. Dieser liege darin, daß der Erzieher in der Arbeit an der Jllgend die Zulniist vorbereitet, „ans daß dereinst ein glücklicheres, dnmpsem Schicksal entlvnchscnes Geschlecht cinherschrcite nuf freiem dcntschen Boden". Soll ein freies Geschlecht heranwachscn, so muß die geistige Grundlage, ans der sich sein Leben ausbaut, gelöst sein von Betrachtlingsiveise», die innerlich längst überwundenen Welten zngehören. Diesem Dienst am Ganzen ist Gvldstcins bedeutsames Werk „Rasse und Politik" geividniet, das ebenso erschöpfend lvie klar »nd knapp geschrieben ist. Hier widerlegt Goldstein die größte Fehllehre unserer Zeit, die immer wieder z» änsierem nnd innerem tlnsrieden führen ninß, nämlich den Glauben, daß Menschen »ach Rasse und nach sogenannter Zugehörigkeit zu irgendeiner Bliüsgemcinschaft zu werten nnd zu beurteilen seien. Er sagt nicht, daß Rassen nicht existieren, sondern er zeigt, ivie unklar, wie dehnbar der ganze Begriff der Rasse ist. und ivie die heute in den Millionen von Gemütern sestsitzende Iteberzeugimg von dem besonderen Werte der „nordischen" und von dem besonderen Unwert der „jüdischen" Nasse lediglich eine Bemäntelung völkischer, d, h. nicht wissenschaftlich begründeter, sondern Parteipolitisch abgestcmpelter Forderungen bedeutet, Gvldstein hat vor allem daraus cmfmerksmn gemacht, das; sogenannte Rnsseneigenschasten, wie sie für die einen »nd gegen die anderen ausgemitzt werden, überhaupt nicht feststellbar sind, daß sie vielmehr Trnggebilde bedeuten; es sei ein Unglück für das ganze Volk nnd für die Menschheit, wenn die eine Rasse 'als Segen »nd die andere als Fluch bezeichnet wird, ja er weist sogar ans einen Bürgerkrieg als notwendige Folge der sogenannte» Rassenlehre hin. Weiter lehrt er, daß Nation alles andere als Abstaminnngsgemeinsclmft ist, daß cs, wenn man die Geschichte unvoreingenommen betrachtet, nichts Törichteres geben kann, als Nation nnd Abslninnumg gleichznstcllen. Das Werk „Rasse und Politik" ist weit verbreitet, Bier starke Auslagen hat es bis zum heutigen Tage erlebt. Erweitert und ergänzt wird es durch die letzte größere Schrift aus Goldsteins Feder „Deutsche Volksidee nnd dentschvölkische Idee", In ihr nniersucht er, inwieweit die sogenannte deutsch-völkische Idee den inneren Frieden nnd die Versöhnung bringen kann. Goldsicin untersucht hier die Frage: Wer gehört znm Volke? Er fragt: Ist e8 das Merkmal des Willens, der Sprache, der Ileberzengimg, das die Volksgemeinschaft unter den Menschen begründet, oder ist allein die Abstammung, das sogenannte Blut, das inan nicht ändern kann, imstande, den Menschen trotz aller inneren Ueberzeugnng und trotz allen äußeren Handelns aus e>vig ans der Bolksgenreinschaft nusznsondern? Die völkische Idee wird wissenschnftlich untersucht, der ganze Begriff des Volkstums klnrgestcllt, eine große Reihe von geschichtlichen Jrrtümern, z. B. der Unfug, den viele heute mit der Persönlichkeit Fichtcs trciben, wird ans ihren wahren Inhalt znrückgcsührt. Golösteins werk, öer „Morgens verbindet die Religionen. von I). Dr. Heinrich Zrick, Professor der evangelischen Theologie an öer Universität Marburg. Gern ergreife ich die Gelegenheit, um zu bekunden, was die Zeitschrift „Der Morgen" für einen Außenstehenden bedcntet. Da ich an anderer Stelle — in dein Julins Goldstein gclvidmeten Sonderheft des „Morgen" — ein auf das Ganze der Persönlichkeit zielendes Zeugnis ablcgc, so darf ich mich an dieser Steile auf eine einzelne, aber bedeutsame Aeußerung seiner Geistesart beschränken. Daß ich auch dabei persönliche Töne anschlage, möge man denr Charakter dieser Ausgabe als einer Gedächnisnuinmer zugute halten. In den bewegten Monaten des Winters 1918/19 hat mich der Kampf gegen den Antisemitismus mit Julins Goldstein znsammengeftthrt. Es war damals meine Pflicht, innerhalb christlicher Jugendkreise der Gefahr entgegcnzutreten, daß antisemitische Einflüsse sich breitmachten. So kam es in Versammlungen und bei anderen Anlässen zu einer gemeinsamen Gesinmingsfrvnt zwischen verschiedenen weltanschaulich und religiös weit voneinander entfernten Personen. Daraus erwuchs nach und nach eine immer tiefere

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