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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1929) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 7-8 (Juli 1929)
Date
1929-07-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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56 Annäherung zwischen uns, die vor allein auf zwei Voraussetzungen beruhte. In Julius Gvldsteiii fand ich zwei Besinnungen lebendig, die ich damals selbst erstrebte: eine V e r - in tt h l » n g von deutsche m Ver - antw or t u ngsgefü hl mit kv n - f e s s i v n c l l e in E i g e n b e w u tz t s e i ». Das; dabei die religiöse Welt Gvldsteins nicht die nieinige war, konnte den Reiz nur erhöhen. So kam es bald dahin, das; wir uns über die gcineiiisainen Anliegen von uiiserein verschiedenen Standort aus immer wieder besprachen. __ Wir mißbilligten - jeder an seiner Konfession— eine 'Erscheinung, die damals nur allzu schmerzlich aussallen niusste. Einerseits gab cs — und gibt es — in jeder Konfession eine Strömung, die n u r sich selber kennt und eine Auseinandersetzniig mit Fremden von vornherein ablehnt. Anderseits gab — und gibt es — wiederum in seder Konfession eine Gegenbewegung, die das Allgemeine, das Menschliche schlechthin, herausarbeiten möchte. Wir waren uns darüber einig,, das; weder die eine noch die andere Richtung der wirklichen Aufgabe gerecht werden kann. Seiner ganzen Art nach mußte ja Julius Gvldsteiii es für unwahr halten, wenn ein Mensch sich verkapselt in. seine Eigenart und dadurch eine Sicherheit wvrtäuscht, die in Wirklichkeit aus Ilnkenntnis fremden Lebens beruht. Ebenso unwahr ninßte ihm die entgegengesetzte Strömung erscheinen, die zu rasch und oberflächlich auf das allen Gemeinsame hinstrebt, und dabei den Ernst, die Kraft und die Notwendigkeit gewachsener Eigenart, insbesondere in konfessionellen Dingen, verkennt. In solchen Zusammenhängen des Gesprächs wurde ich bekannt mit dem Plan, eine Mische Zeitschrift „Der Morgen" erscheinen zu lassen. Soviel ich weis;, gab es kurz nach dem Kriegsende eigentlich nur eine Zeitschrift, die Vorbild für das neue Unternehmen sein konnte: das katholische „Hochland". Es war kein Zufall, daß gerade die Katholiken in Deutschland über ein solches Organ verfügten. Der Kulturkampf unter Bismarck und die damit zusammenhängende verbreitete Ansicht, daß der Katholizismus kulturell minderwertig sei, hatten begreiflicherweise dazu beführt, daß bewußt katholische Kreise, um lenen Verdacht zu widerlegen, sich ein Organ schufen, das —• nach einem schönen Wort von Julius Goldstein über den „Morgen" — dem „geistigen Schicksal" der eigenen Konfession in Deutschland dienen sollte. Weder der Protestantismus noch das Judentum spürten ein Bedürfnis in dieser Hinsicht, wohl zum Teil aus dem 'Grunde, weil ihnen eine Verdächtigung, wie sie die Katholiken traf, im großen und ganzen erspart blieb. Das Bild änderte sich sehr rasch seit der Nevolutivn. Nu» standen alle religiösen Kreise vor der Tatsache, daß das deutsche Kulturleben in weiten Bezirken sich loszureißen trachtete von religiösen und erst recht konfessionellen Voraussetzungen. Die Lage wurde für die große» Religionsgemeinschaften ähnlich, wie sie vorher für die römische Kirche in Deutschland gewesen war. So kam es zu Unternehmungen, die dem katholischen „Hochland" ziemlich parallel laufen. Ruf evangelischer Seite entstand die „Zeitwende", aus jüdischer der „Morgen". Der Parallelismus der drei Zeitschriften ist schon bei oberflächlicher Betrachtung so deutlich, daß er nicht erst bewiesen zu werden braucht. Bor diesem Hintergrund wird es begreiflich, daß nicht bloß das deutsche Judentum, sondern auch andere Schichten unseres Volkes sich irgendwie mitbeteiligt fühlen an der geistigen Arbeit, die durch den „Morgen" geleistet werden sollte. Heute ist cs nicht mehr bloß ein „sollte". Tatsächlich hat in den wenigen Jahren seines Erscheinens der „Morgen" in einer anßervrdeiitlichen Weise seine Ausgabe erfüllt. Das ist bei aller Auerkeiiiiung für den Mitarbciterkreis im wesentlichen eben das Werk Julius Gvldsteins. Ich habe es hier nur nach einer Seite hin zu würdigen: insofern als der „Morgen" eine Brücke geschlagen hat zwischen Judentum und anßerjüdischen Kreisen. Nur davon ist hier die Rede. Es würde auch vollauf genügen, diese einzige Seite hervorzuheben, um das Erscheinen der Zeitschrift zu rechtfertigen. Mir scheint, das; es vor allem dreierlei ist, was hier geleistet wurde. Erstens hat der „Morgen" in der uns allen gemeinsame,i Sphäre der deutschen Oeffentlichkcit ganz Hervorragendes beigesteuert zur Bckämpfimg des Rassenaberglaubens und des AntiscinitismuS. Zweitens: für uns Außenstehende ist vielleicht noch lvichtigcr am „Morgen", daß er eine weitherzige und doch charaktervolle S e l b st b e k u n d u n g jüdischer Frömmigkeit und Geisteshaltung bot. Die gewichtige, leider immer noch zu oft unterschätzte Aufgabe, zwischen den Konfessionen eine zuverlässige, gegenseitige Kenntnis zu vermitteln, wird immer noch viel zw selten systematisch in Angriff genommen. Es genügt keineswegs, einen Außenstehenden auf die üblichen Handbücher und Lehrschriften einer Konfession zu verweisen! man muß sich vielmehr bemühe», seine Eigenart dem Fremden s o zu interpretieren,' daß er von seinen Vornnssetzungen aus hinhören und verstehen kann. Dabei zwischen den beiden Gefahren einer zu sehr in sich befangenen, selbstbewußten Aussage und einer nur auf den Kontakt mit dem Fremden bedachten und deshalb verschwommenen Darstellung glücklich hindurchzusteuern, erfordert eine Kombination von verschiedenen Gaben, wie sie gerade Julius Goldstein eigen war. Es ist vielleicht möglich, nach der einen oder der anderen Seite Namen zu nennen, die es an Gewicht mit dem seinigen ausnehmen können, aber es ist im Augenblick so gut wie ausgeschlossen, einen deutschen Juden z» nennen, der ohne weiteres alle Voraiisjetziingen in sich trüge, um das Werk Goldsteins da aufzunehinen, wo dieser es hat verlassen müssen. Drittens: lieber das Gesagte hinaus ist mir persönlich vor allem noch wichtig geworden, daß im „Morgen" ernsthaft um die i n t e r k v n f e s s i o n e l l e A u s e i na n d e r s e tz u n g gerungen wurde. Denn die schwerste Frage hebt ja erst dann an, wenn man fremde Religiosität nicht mehr bloß von außen und obenhin wahrnimmt, sondern wenn einem innere Verständnis- Möglichkeiten erschlossen worden sind. Dann beginnt das tief persönliche und doch in seiner Grundsätzlichkeit zugleich öffentlich bedeutsame Ringen um die religiöse Wahrheit. Gerade hierin hat der „Morgen" Großes geleistet. Wie oft sprach da nicht mehr bloß der Jude z u m Christen oder umgekehrt, sondern man begann wirklich, miteinander zu reden und aufeinander zu hören, wissend sowohl um das, was die Konfessionen trennt, als auch um das, was sie eint! Und gerade dadurch wurde man herausgehvben aus dem unfruchtbaren Dilemma zwischen Hochmut und Verschwommenheit, zwischen Abkapselung und Greuzverwischuiig. Das mögen sehr persönliche und private Ansichten sein. Doch ich weiß, das; auch andere nichtjüdische Leser genau so urteilen, und darf es deshalb wagen, an die jüdischen Kreise die Bitte zu richten, die Zeitschrift Julius Gvldstcins nicht nur unter innerjüdischeu Aspekten zu bewerten, sondern daran zu denken, was im Oeffentlichen und im stillen an Verbindungssäden zwischen den Konfessionen, Parteien usw. durch den „Morgen" angcknüpft worden ist. Wir Außenstehenden würden es als wirklichen Verlust empfinden, wenn das Werk Julius Gvldsteins und damit seine geistige Art nicht von jüdischen Gesinnungsfreunden als teures Vermächtnis weitergeführt werden könnte. Es ist in diesen Wochen so viel ehrlicher Dank und aufrichtige Beivunderung znm Gedächtnis Julius Goldsteins laut geworden, das; ich an dieser Stelle mit dem Appell an die Erben seines Vermächtnisses schließen darf. Denn was könnte es — menschlich gesehen — für einen würdigeren Nachruf ans einen Verstorbenen geben, als daß man daran denkt und sich einander daran erinnert: der beste Dank ist doch die Tat und das wirksamste Gedächtnis die Fortsetzung des verwaisten Werkes! Was ist „deutsche Rasse“? Von Julius Goldstein. Das Gemeinsame der Rasse im anthropologischen Sinne sind körperliche Merkmale, die vererblich sind. Das Gemeinsame der deutschen Rasse ist eben das „Deutsche“, d. h. ein Komplex stetig sich wandelnder, geistiger Erscheinungen, deren Existenz und tragischer Widerstreit atis der Rasse ebensowenig erklärt werden kann, wie etwa die Entdeckung Amerikas oder der moderne Expressionismus. Aus diesem Komplex geistiger Erscheinungen greifen die Völkischen irgendeine Tendenz, z. D. die antisemitische oder die nationalistische, heraus, und bezeichnen sie unter Ausschluss alter anderen als diejenige, die einzig und allein als deutsch anzusprechen ist — ein ebenso willkürliches wie politisch frivoles Spiel. Und um ihrer Willkür dem Stempel der Objektivität zu geben, verbinden sie diesen künstlich verengten Begriff von Deidsch mit dem Rassenbegriff. Sie begehen den Missbrauch, zwei total verschiedenen Seinssphären angehörende Begriffe, wie Deutsch und Rasse, miteinander zu verkoppeln, ein Missbrauch, den Max Müller einmal mit den Worten von langschädeliger Grammatik gcgeisselt hat. Aus Jahrgang 1024 der „C. V.-Zeitung“ (Seite 402. Politik nach den „Arterscheinungen der deutschen Rasse“. Von Professor Dr. Jtdius Goldstein, Darmsladt). Verlag und Echristleitung: Centralvrrolu deutscher Staatsbürger jlldischeu Glaubens c. 91., Lindenstr 13. HauptschrifUeiker.- Dc, Ludwig Hollöuder. Verantwortlich: Dr. Margarete Edelhei m, Berlin SW 68. Druck: Rudolf Masse, Berlin SW 100.

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