Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2571117-2571156-2571163--380-2571705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Irrungen un- Wirrungen -er -eutsihen Stuöentenfthast. Die Heiöelberger wollen öen oumerus clausus l Der Heidelberger Allgemeine Ctudenlenniisschuß hat am 13. J»ni einstimmig, alsv auch mit den Stimmen der Heidelberger Korps und Burschenschasteu, eine Entschließung n»>- genoinmeii, nach der die Schaffung einer" deutschen Gesamtstudentenschast anznstrebc» sei. In Absatz 8 wurde jede parteipolitische, rasjrnpolitische und religiöse Betätigung der neu zu schassenden Organisationen abgelehnt und in Absatz 5 bei grundsätzlicher Anerkennung des großdentschen Ausbaus in erster Linie staatliche Anerkennung und reichsdeutscher Zusammenschluß erstrebt. Jetzt Vervsscntlichen die Korps und Burschenschasteu eine offensichtlich von außen beeinflußte Erklärung, in der sie ihre eigenen Vertreter desavouieren und „schärfsten Einspruch" gegen die Punkte 3 und 5 des einstimmig gefaßten Beschlusses erheben. Eie betonen, „daß sie als Vertreter des arischen Prinzips grundsätzlich Klasscnunterschiede kennen und das Hochziel des großdeutschen Zusaminciischlusses keinesfalls hinter ein anderes zurückgestellt wissen wollen". Die Heidelberger Vorgänge sind aus besonderem Anlaß von Bedeutung, Mit Heidelberg hatten sich vor kcirzeur die deutsche Presse und die maßgebenden Organe dos Auslandes, insbesondere Amerikas, ans freudigem Anlaß beschäftigt, Damals brachte der amerikanische Botschafter in Berlin eine große Geldspende der Kampf um dorthin, durch die ein neuzeitlicher Aufbau und Ausbau der lluiversitntsgebaude ermöglicht >verden sollte, Tic Häcide, aus denen die Tvllarscheiuc kamen, wurden damals nicht nach ihrer „rassischen" Zugehörigkeit untersucht. Auch die nntionalsozinlistisehc» Studenten erfreuen sich dieser Stiftungen. Wissen sic auch, daß der jiiugA verstorbene Rektor, Professor Hcinsh cimc r, dessen Iuitialive mib Geschick das überraschend große Interesse Amerikas an der Heidelberger llnivcrsität zu danken ist, geborener Jude »var? In de» schönen und neuen Rännicn dürsten, wenn die nationalsozialistische Gednukenrichtung die Heidelberger Universität maßgebend beeinflußte, die Söhne der Stiftev der Wissenschaft nicht lauschen, Tic nationalsozialistischen Studenten könne» sich den Luxus der Gesinunugstreue heule noch leisten, weil sic nicht vor der Notwendigkeit stehen, als Mehrheit ihr Programm erfüllen zu müssen. Aber Taiilbarkeit sollte nian auch von uatioualsozialistischcr Jugend verlangen lviuien, von der »vir doch aunchmen, daß sie, »venu auch vcrlamitcn, so doch idealen Gesichtspunkten folgt. Die Beschämung Deutschlands vor der Welt zu verhindern, »värc möglicherüvcisc ein Gesichtspuukt, der die künftigen Lehrer, Richter und Aerzte zur Besiiimmg führen könnte. den Stammtisch. Vor den Heidelberger Wahlen fanden an einer Reihe von Universitätsstädten mit wechselnden Ergebniffen Wahlen statt. Die nationalsozialistischen Studcntengrnppcn, die bei den letzten Stndentenlvnhlen, iiisbesondcrc in Jena und Halle, bemerkenswerte Wahlerfolge erzielen konnten, sind an anderen Hochschulen bei dem Versuch, der Studentenschaft ihren WiÜen aufzuzlvingen, »oeniger erfolgreich gelvesen. Die Studentenschaften von Karls» ruhe und München lehnten mit den Stiminen der schlagenden Korporationen und der katholischen Verbände die Besprcchnng nationalsozialistischer Anträge auf Einführung des numerus clsusus öb. Die Anträge »vurden daher bereits ohne Abstimmung in der Sache selbst aä aets gelegt. Diese erfreuliche Stellungnahme insbesondere des Waffenrings beruhte »veniger ans innerer Ablehnung und besserer Einsicht, als hauptsächlich auf taktischen Er- Wägungen, Besonders in München, wo im Gegensatz zu Preußen die Stndcnte»,schuft noch staatliche Anerkennung genießt, fürchtete man Schwierigkeiten mit dem bayerischen Kultusministerium, das in letzter Zeit wiederholt scharf gegen judcnfeindlichc Ausschreitungen einzelner Studentenschaften Front gemacht und sogar mit der Entziehung der staatlichen Anerkennung gedroht hatte. Wie stark in Wirklichkeil die judenfeindkiche Stimmung innerhalb des Wasfenrings ist, beiveist das unerhörte, jeder honorigkeit und jedes akademischen Anstandes bare Verhalten einiger »vassenstiidcntischer Korporationen gegenüber der Münchener KC,-Verbindung Lic ar ia. Die Licaria hatte täglich ihren Mittngstisch im Nestanrant Hofthcatcr. Der Waffenring verstand es jedoch, die Licaria systematisch ans dem Lokal z>» vertreiben; bereits morgens besetzten mehrere Korporationen das ganze Lokal u. a, auch den Tisch der Licaria, Wenn dann die Licarcn mittags erschienen, fände»» sie leinen Platz und waren geztvungen, von höhnischem Scharren der Herren „Akademiker" begleitet, das Lokal zu verlasse»». Die Mitglieder der Licaria hatten Besseres zu tun, als'ihren Tisch schon morgens um 10 Uhr zu besetzen. So mußte die jüdische Verbindung, da ihr auch der im übrigen korrekte Wirt nicht Helsen konnte, ihren Mittagstisch aufgebci», Methoden dieser Art „unblutigen Terrors" sind sonst besonders bei polnischen „Aufständischen" oder tschechischen Sokols den Angehörige», der deutschen Minderheiten gegenüber beliebt. Jetzt habe» deutsche KorporativnSstndciiten den Mut. mit den gleichen schimpsliehen Mitteln gegen Kommilitonen zu kämpfe». der 12« Deutsche Stu-ententag in Hannover. Einsichtige Führer... Vo»i» 22, bis 24. Juli »varcn in Hannover über 200 Studenten aus allen Teilen des deutschen Sprachgebietes vereinigt, um in parlamentarischer Weise ihre Arbeiten und Sorgen zu besprechen. Die Bedeutung dieses Stndentcutages für die deutsche Hochschulpolitik ist freilich geringer geworden. Das Ausscheiden der preußische» Hochschrilcn hat das Studentenparlament zu einem Aninpsgrenünm gemacht. Als Stinmiiingsbarvineter ist cs vielleicht erade dadurch bedeutungsvoller gctvovdci». Die incksichtiiahiuc auf Preußen und seinen Kultusi»i»>ister ist fortgcsalleii. Wenn sich mm nicht eine verstärkte Radikalisierung, sondern ein Wille zur V c r st ä n d i g u n g bcarcrkbar macht, so ist diese Erscheinung, »vie die Dinge »un einmal liegen, zu begrüßen. Die Arbeitstagung brachte nach kurzen Begrüßungsansprachen die Berichte der drei geschäslsführenden Vvrstnudsmitgliedcr, Der Borsttzende, eauä, jur, Walter Sch»mbel (Berlin), sprach über „Nvtivendigkeit und Aufgaben des allgemeiustiidentifthei» Zusaminenschlusses". Nach den» Jahresbericht von Referendar Ulrich Kcrsteu behandelte ec»-»»»!, >>I»iI. Hermann Proebst das Thema „Die Auslands- Politik der Deutschen St>»dei»teiischast", Es »miß niierlamit »verde», daß die von allen drei Rednern umrisseneu Gebicie einen llinsnng zeigten und einen Arbrits»viNcn beivicse», die dem Vvrlriegs-Altakndeiiiikcr unbedingte Achtung abnöligtcu. Mag die Not der Zeit den Ausbau der schoir früher bestehenden Wirtschastsämter mit sich gebracht haben der Wille dieser geistigen Erben der Frontstudcntcuschaft, Mittel und Wege zu sinden, den Mldnngskreis der akademischen Jugend über das »virtschastlich bedingte Spezialistentum zu erweitern, das heißt, die Lcrnsrcihcit anszubaucn, die körperliche Ertüchtigung zu fördern, innen- und außenpolitische Fortbildung, letztere besonders durch Stildk>!tk>inn?tn>»sch, zu bringen, »vird in den Berichten als mit Erfolg cingeschlagciic Bahn gclcnnzeichiiet. Erfreulich »var die »viederholte Betonung der unbedingten Achtung vor de in Andersdenkende n. Allgemein kam zum Ausdruck, die Studentenschaft, früher nur eine gesellschaftliche und soziale Gruppe, schlösse in sich Vertreter aller Weltanschauungen, aller politischen Parteien, Dieses hätte mit der Studentenschaft als solcher nichts zu tun, sie sei der lernende Teil der Hvchschnlorganisation. Jeder Koumiilitonc müßte als Mitarbeiter geachtet »verde». Ein Kennenleriic», ein Ausgleich führe zur Gemeinschast im Nahmen der deutschen Bvlksgeweiuschast, Ans diesem Grunde »väre die Deutsche Studentenschaft trotz fehlender staatlicher Anerkennung bewußt stehen geblieben; ihre Lage sei überaus ernst, zurzeit vielleicht hoffnungslos, aber sie »väre sich bc- »vnßt, daß sic wertvolle Kräfte in sich trage zmn Ausbau Großdeutschlands. . . . ra-ikale Gefolgschaft. Bcdancrlicherivcise zeigte die folgende zwcitägigc Aussprache nach der Sachlichkeit des Vorstandes um so krasser die sortfchreitende Rndikalisiermig der Studentenschaft, Z,var gelang cs, nach der drbatteloscn Annahme verschiedener Anträge der Ausschüsse auch »och eine» die Berichte des Vorstandes umrahmenden Antrag des Hauptausschiisses ohne Aussprache mit erdrückender Mehrheit durchziibringcn, aber sofort nach der Annahme trat eine Erregung der radikalen Gruppen zutage. Hatte man doch einen wesentlichen Satz mit angenommen, nämlich daß die Behandlung von konfessionelle» und parteipolitischen Fragen innerhalb der Studentenschaft, als mit ihrem Wesen unvereinbar, unzulässig sei. Gleich darauf entfesselte der Bericht des Rcchtsausschusses über Anträge der Studentenschaften in Brünn, Erlangen, München und Würzburg aus Einsührung des numsrus clausus für die Studeirien nichtdeutscher Abstammung eine erregte Aussprache, Dabei wnrde noch nicht einmal zur Sache selbst gesprochen, sondern »mr die formalen Möglichkeiten einer Behandlung der Anträge erörtert. Die geschickte Handhabung der Verhandlungsleitung durch den Vorstand, der gegen den Antrag »var, führte schließlich in nainentlichcr Abstiminung mit 102 von 174 Stimmen zu seiner Ablehnung. Es ist bedauerlich, daß anscheinend schließlich formale Momente den Ausschlag gaben. Die Erkenntnis der tatsächlichen Krästcvcrhnlinisse und der »vahren Stiiummig in der Denlschcn Slndenteuschaft zu dieser Kernfrage ist dadurch verhindert worden. Die herrschende Erregung ließ aber erkennen, daß manch deutscher Student sich mit Schrecke», des »vachseiideu nativnatsozinlistisehe», Einflusses bewußt wurde, Radikale und nationalistische Ansichten traten bei der Erwngung der Gewährung wirtschaftlicher Unterstützungen in besonderen'Fällen auch an ausländische Studenten zutage. Eine Erklärung gegen das Honng-Abkonimm wurde einstimmig nugenvmmen. Eine Teilnahme an der Bersassungsseier »vurde »vegcn des Verbotes der Kundgebungen am 28, Juni abgelehnt, Forderungen nach Wchrfreiheit führten zu einer erregten Anssprnche, besonders München tat sich in Stimme und Ansdrucksiveisc kriegerisch hervor, Ein Antrag zur Frage der Fememörder seitens einer Berliner Gruppe wurde von der Tagesordnung abgesetzt, Rur einzelne Bilder, die im Rahmen dieser Zeitung interessieren mögen, konnten gezeigt werden. Der Gesmnteindrnck hinterläßt' keine Befriedigung, Klarheit über die Aufgaben einer Stndciiteuvertrctimg sotvohl wie ' über den Inhalt »vnhrhaft nlndciiiiseh-hmiimiistischcn Geistes besteht leider immer »och mir bei wenigen.