Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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50 daß er oticT) über das Judentum u nvorein - g c » o m m e n 11 n d gcr c ch t urteil c. lind da die Vorbedingung eines gerechten töntscheidens eine leidenschastlose P r ü fuug ist. die sich nicht von Stimmungen und Verstimimmgen. von Vorurteilen und ©cfüljtcn leiten läßt, haben wir im letzten Grunde den herzinnigen Wunsch, daß inan sich mit jüdischen Fragen recht, recht gründlich befasse, daß man aber über sie nach' denselben Grundsätzen und mit der gleichen Gewissenhastigkeit entscheide, wie über andere Tinge auch. Audiatur et altera pars. I» einem ordentlichen Verfahre» muß der Richter auch ans den Angeklagten hören! Tie Ausführungen des PsarrerS Sen» verraten nicht, daß er solches getan hat. Wie könnte er sonst im Judentum den „Vorkämpfer des D i e s sc i t s g la n b c n s" erblicken, den ippischen Materialisten! Weiß er ivirklich iiichis von tausenden jüdischen Märtyrern, die sür ihren Glauben aus das Schasott und den Echeitcrhanfe» gegangen sind, die den Verlust von Hab und Gut in Gottergebenheit ertrugen und lieber ins Elend wunderten, als daß sie ihren Gott verleugneten? Weiß er nichts von der Tragödie der vielen Juden von heute, denen der Judenhaß Aufstieg und Betätigung in Verwaltung und Wissenschaft hartherzig versagte, die aber doch ihre Laufbahn nicht durch die Aufgabe ihres Glaubens erkausen wollten? Natürlich gibt cs auch materialistische Juden, lute es auch materialistische Christen gibt. Aber wie ungerecht ist gerade hier die Verallgemeinerung, die nicht sehen will, daß nur der Blick auf die Ewigkeit, der opferbereite Idealismus, der auch im Alltagswerke der Wohltätigkeit zum Ausdrucke kommt, das Judentum erhalten hat. Und wie kann ein wirklich gerechter Richter schreiben, daß 80 Prozent der Wirtschaft und 60 Prozent der Presse und der Literatur unter jüdischein Einfluß stehen! Weiß Psarrer Senn wirklich nicht, >vie unpersönlich heute das Kapital geworden ist, weiß er nichts davon, welchen schiveren Kamps der Jude gegen die Boykottbewegung nnshält, die ihm die allerbescheidensie Betätigung i» der Jndiistrie versagen will? Hat er wirklich geprüst, ob die „Judenpresse" in der Tat von Juden geschrieben ivird, oder ob es nicht meist unverfälschte „Arier" sind, dereii Gosinnimgeii ihm eben nicht gefallen? Weiß er nicht, daß cs unverständig ist, zu verallgemeinern und das Judentum anzuklagen, wenn man die Tat oder den Einsbiß eines Jiiden geißeln will? Weiß er nicht, daß die Jude» in der Wirtschaft nur Glieder eiiies großen Ganzen siiid »ud daß sie mitten im Getriebe die Arbeit von Nichtjuden sortseheii oder vorbereiten? Tausende von foldjcn Fragen kann man stellen, und immer wieder muß mn» sich ivmidern, daß ohne jede gründliche Prüiung i» bezug auf die Juden Verallgei»cineru»ge» und Urteile ausgesprochen werden, die auf keinem anderen Gebiete der Kultur möglich wären. Immer ivicder muß man sich wunder», daß Menschen, die sonst bedächtiges, wijseiischastlichcs Arbeiten gewöhnt waren, plötzlich wie umgewandelt sind, wenn cs sich um Probleme des Judentums handelt. Warum zitiert Psarrer Senn nur ausgesprochen jndenseindliche Literatur? Warum zieht er nicht heran, was Juden zur Erklärung ihres Wesens und ihrer Lebenßcrscheinunge» sagen? Waruui stützt er sich nicht auch auf christliche Schristeu, die das Judentum in Schutz nehmen, die übrigens zum Teil von sehr angesehenen glanbeiisircucii Katholiken, wie Kauf m n n ii, Franz Stessen. Joses Mächens und F r i e d r i ch Dl u r a w s t i. versaßt sind? Ei» persönliches Wvrt sei mir in diesem Zusammenhänge gestattet, Psarrer Senn denkt von den Jude» gemäß dem alten sranzösischen Bersleiu: ,,Cel animal est Ires niechant. Quand on l'nttaque, il se defendl“ Er verübelt es der „C, V,-Zeitniig", daß sie sich so krästig gegen..die Feinde des Judentums zur Wehr setzt und besonders ein von mir geschriebener Artikel, der das Buck) von ll i I a i r o IJolloc charakterisierst, hat seinen Zorn erregt, Ich möchte aber Psarrer S e n » fragen, wie er ein Buch beurteilen würde, das dein K a t h o l i k e » das Recht auf die Heimat bestreitet, das ihn nltrainontan nennt, ihn für einen Fremden erklärt, das ihn, den Anspruch auf Gleichberechtigmig versagt und das ihn mit gewallsamcr Ausrottung, mit blutiger Verfolgung bedroh!? Mit heiligem Eifer würde er gegen solche Anschauungen anlämpfeu, lind das mit vollem Recht! Das Buch von Uolloe sagt mm das oben Angesührte säst »'örtlich von den Inden, und es hüllt seinen furchtbaren Angriis in milde, salbungsvolle Worte des Friedens ein, Soll es da dem Juden versagt sein, siel> Z» lvehre», dem Gegner die Maske vom Gesicht zu reißen? Darf dem Inden nicht heiliger Eifer die Feder stthre», wenn er so furchtbaren Kamps gcgeil seine Reehtssiellmig abweist? Und was würde Psarrer Senn sagen, wenn „irgendwo ei» paar dumme Flegel einige katholische Grabsteine mmverfen"? Würde er nicht auch nüe wir Juden in der Liese seiner Seele sich getrossen fühlen und energisch verlangen, daß nicht nur die srevelhasten Grabschändungen, sonder» auch der Geist bekämpft werde, ans dem sie geboren sind? Und was würde er erst sagen, wenn es sich nicht u>n einen Einzclfall handelte, sondern wenn er aus der Fülle von Fällen — über sechzig zählen wir bereits — einen systemntis ch e n Kamps gegen Gräber und Tote und damit gegen die h eilig st e n E m p s i n d u n g c n der Lebenden erkennen könnte? Ist es gerecht, uns Inden wegen unseres Kampfes gegen die grabschänderischen Frevler zu schelten und zu verhöhnen? Wir verlangen nur Gerechtigkeit! Wir verlangen nicht, daß mau uns Judeil liebt! Wir verlangen mir Eerechtigleit, wir ivollen mir, daß man »ns mit demselben Maße mißt >vie jeden anderen, Pfarrer Senil will das i» einem Punkte nnch/iveun er nämlich die „Zurückdämmiing der Juden aus die Position verlangt, die ihnen niif Grund ihrer Bevölkerimgszahl entspricht". Ob eine solche Konsessionalisierimg des Lebens an sich möglich und im vaterländischen Interesse nützlich ist, sielst hier nicht ziir Erörterung, Es gibt unendlich große, niich christliche Kreise, die mif dem Standpunkte stehen, daß inan aus den Man» und seine Leistung, aus seinen Eharnkier lind seine Opserwilliglcit, aber nicht auf seine Zugehörigkeit zu einer bestinnilten Konfession sehen solle. Aber lute dein auch sei, ivenn die Forderung Senns ivirklich erfüllt würde, so würde dem Jndentum wenig genoinmen, sehr vieles aber an Stellung, an Macht und an Eiiifkuß gegeben werden. Die Juden mache» in Tenlschland etwa ein Hundertstel der Bevölkerung ans, aber es ist gar keine Rede davon, daß sic überall ein Prozent der Stellen innehabcn, die ziir Leitung berufen sind. Es sei zngegcbeii, daß sie im Handel, in der Nechtsanwaltscljast, ii» Aerztestand, bei den Journalisten Zahlen auslveisen, die ihren Anteil an der Bevölkerung übertressen. Dort aber, wo wirklich Macht nusaeübt werden kann, staatliche wie geistige, ist infolge des bcwußten oder unbewußten Antisemitismus ihre Beteiligung ganz verschwindend. Unter bestimmten Kategorien der Staatsbeamten und Hochschullehrer, unter den Mittel» schnllehrern und Offizieren gibt es bestimmt auch nicht annähernd ein Prozent Jude», Und wenn Senns Wünsche Erfüllung fänden, müsste dort auch solches erreicht werden! linier tvelchent Aortvande tvürde man sich gegen diese Konsequenz wende»? An diesem eineu Beispiel soll mir nachgewicsen werden, daß hier >vie so oft Forderungen ausgestellt wurden sind, die ernstlich nicht überlegt worden sind, sondern die lediglich Schlagwvrtern der Masse ihre Enistohnng verdanken. Wenn man Senns Aiissührungen liest, glaubt »tau zuerst eine» Artikel des „Völkischen Beobachters" vor sich zu haben. Und doch ist dem in einem Punkte nicht so. Denn Senn predigt den Antiseinitisiinis als Mittel zur Stärkung positive» katholischen EhristentinnS. Und er sieht nickst, lute untauglich nach dem Urteil sehr maßgebender Kreise seines eigeiicn Lagers solches Vorgehen ist, Tr, P, Erhard Schlund hat in einem Buch: „N e n g e r in a n i s ch c s Heidentum im heutigen Dentschlan d" vortrefflich die Gefahren geschildert, die das Vorgehen der völkischen Antisemiten für alle positive Religion in sich schließt. In de» Artikeln von Franz Stessen (antisemitische und dentschvölkische Bewegung im Lichte des Kathvtizisnms) lese turnt nach, wie die Völkischen beit Katholizismus für ein Unglück in Deutschland halten, wie sie den katholischen Klerus verdächtigen und wie sie den Katholiken sogar die Schuld der Niederlage Deutschlands znschieben. Der Völkische ist tatsächlich der „neugerinanische Heide", und noch immer hat eine Bewegung, die sich des AntisemttiSnmS zur Stärkung ihrer Sache hat bedienen wollen, die Ersahrnng machen müssen, daß er sich gegen seine Gönner wendet und sie zn übcrrenneu sucht. Und wenn Pfarrer Senn die positiven Ziele der Völkischen kennen' lernen will, so mag er die Din ter'schc Zeitschristi „Das G e i st ch r i st en t u m" studicfett, die ständig von dem „jüdisch-evangelischen Bund" und der „jüdisch-römischen Kirche" redet, die den Apostel Paulus als „Dersälscher der reinen Heilandslehre" und als „Antichristen" bezeichnet, die sogar anniinntt, daß Arthur Dinier von Gott berufen sei „zur Vollendung der Ncsormation durch Wicderherstclltmg der reinen Hcilandslehre". Senn liebt es, vont „Sklavenjoch" zu reden, das von den Jndeit dem deuischen Volke auserlegt wird. Liegt aber nicht in solcher Be- Häuptling nicht nur eine maßlose Ucberschntznng des Judentums, sondern auch eine bebnnerticl>e Geringschätzung des großen deutscheit Volkes? Das an Zahl der Bewohner und au innerer Kraft so reiche Deutschland inil seinen sechzig Millionen Menschen sollte sich von dem einen Prozent Judo» ins „Sklavenjoch" spannen lassen? Wir deutschen Inden lächeln lochmütig, tvcnn wir solches Horen, Seltsame Herrscher, die um das bescheidene Plätzchen an de,r Sonne k ä in p s e tt tu ü ssen! Und doch verzweifeln ivir nichtl Wir glauben an das deutsche Volk, wir glauben an seine Kraft» an seine Gerechtigkeit! Und wir meinen, daß auch Psarrer Sen» seinen positiven Idealen besser als durch Angriffe aus die Inden dann dienen würde, wenn er den Glaube» an die unzerstörbare Kraft unseres deutschen Volkes in sich und allen seinen Freunden zu mehren trachtete und das Bewußlscin in ihnen stärkte, daß Gerechtigkeit seine h ö ch st c Tugend