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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-01 · Heft 6 (Juni 1929) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 6 (Juni 1929)
Date
1929-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nutznießer der Lüsternheit. Gegen den „Stürmer" und seine GesinnungOerwandten. Von V Hegel hat bekanntlich die „8 i ft der Der n u n f t" entdeckt. die das Interesse und die Leidenschaft des Individuums unbewußt für ihre Zwecke arbeiten läßt ... Die ältere Schwester dieser List der Vernunft aber ist die L i st der Moral, die tit einer bestimmten Menschenart unablässig um das Problem kreist: W r e kann ich auf eine m uralt sche A r t — unmoralisch sein? Wo man auf diese Denkungsart stößt, steht man vor dem Charaktermal derjenigen Mnschenklasse, mit der inan nie fertig wird, mit der man sich niemals rechtschaffen auseinandersetzen kann, tveil sie sich nicht auseinandersetzen, sondern nur verstecken tvill: der Menschenklafse der Heuchler. Mit ihnen redet man am besten überhaupt nicht; denn ihnen fehlt der Nerv für deir Hvchivert der Wahrheit. Don ihnen redet man nur, wenn es gerade seiir muß. Und es muß sein. Denn mit einem Gefühl des Grauens muß festgestellk werden, daß die List der Moral mit großem Eifer und rühriger Gesthäststüchtigkeit in einein gewissen Teil der Presse gezüchtet wird, und zwar unter dem Schleier des Antisemitümis. Man erinnere sich: Wenn man so etwa 1919 und 1920 durch die Straßen ging, so leuchtete über nahezu allen Kinos das Schlagwort „Aufklärimgsfilm". Der Reklameterst besagte von jedem Vieser Filme dasselbe: er sei eigens dazu „geschaffen", nun endlich ungeschminkt und mit reiner Wahrhaftigkeit das wüste Leben und Treiben der Lasterhöhlen zu zeigen, um durch diese Wahrhaftigkeit — die furchtbaren Gefahren für Mann und Weib jedermann vor die Augen zu führen. Der Schaukasten zeigte im Bild die „Wahrhaftigkeit" — die gemeint war: Nacktheit und Zote. Das Geschäft war vorzüglich. Die „Wahrhaftigkeit", die „Abschreckung" machten volle Häuser. Man brauchte sich gar nicht zu genieren, wenn inan hingrng. ..; man tat es beileibe nicht angelockt durch die Schaukästen, sondern — wer dürfte eiiicm anderes zumuten — der tieferen „Einsicht", der Unterweisung und Wahrhaftigkeit wegen, die auf den Plakaten stand. Die völkische Presse — sie merkt bekanntlich alles — leitartikekte damals entrüstet über die heuchlerische Unmoral des Films, und man jähe daran ivieder, was in der „Judenrepublik" möglich sei. Sie irrte sich: die Nepublik machte der „sexuellen Aufklärung" diirch Schmidfilme sehr bald ein sehr energisches Ende. Aber die List der Moral ist ein gutes Geschäft, und gute Geschäfte sind lebensfähig. Was lebensfähig ist, findet immer einen Unterschlupf. Auch die List der Moral fand ihn. Ta, wo man sie so eingehend bekämpft und wo man sie als gutes und lebensfähiges Geschäft keuneiigelernt hatte: in' der völkischen Presse. Da blüht sie, da ivirbt sie Abonnenten, Käufer, scheinheilig schmunzelnde Leser ... In der Tal: der Antisemitismus ist heute ihr fruchtbarster Sumpfboden. „Angriff", „Stürmer", „Flamme" und wie sonst die wackeren, mutgeschwellten Namen der papierneu hehapostel heißen mögen, sie alle rrrfen: Fort von der Entartung! Zu reinem Denken, zu keujcher, arischer Gesinnung, der die Scham noch heilig ist! Das ist sehr moralisch. Aber offenbar ist es verlagstechnisch nicht mehr recht fruchtbar. Es hebt nicht den Absatz. Der steigt aber sofort, wenn man ans jene moralische Art doch auch — etwas Pikantes bieten kann. Etwas Erotisches, das man in drei Zentimeter hoher Ueberschrift auf der ersten Seite ankündigt. Damit es in die Augen fällt. Und von dein man dann im Schlußsatz sagen kann: „Pfui! Wir erzählen es euch natürlich nur, damit ihr wißt, wie das Böse ausfkeht. Um das Schwert des Ritters Georg dagegen zu ziehen. Und da der Arier nur rein denkt, kann das litt« reine einzig und allein von Inden kommen. Also ans Werk. Rieder mit den Juden!" Das Geschäft ist gilt kalkuliert »nd leicht zu bewerkstelligen: Man suche nur, und man findet. Irgendwo ist ein Dieirflmädchen verschwunden. Es war in einem jüdischen vause augestellk. Mn objektiver Tatbestand liegt nicht vor. ^lusgezeichnet. Man kanii verdächtigen, munkeln, pikante Vermutungen ausstellen, die gruselig-sadistisch erregenden Schauermärchen vom gefolterten oder gar „geschächteten" blonden Mädchen anbringen, und man hat, ivas man braucht: elne Ueberschrift, die den hartgesottensten Anfklänmgsfilmprvdiizeiiten vor Neid zum Platzen bringen muß. Etwa: „Das Draina des Dienstmädchens von Ottensoos, Margarete Haucnstein, die Tochter des Steinbrucharbeiters. Ihre jüdische Dienstherrschaft. Eine viehische Behandlung. Der nächtliche Eindringling. Jüdische Frivolität." („Der Stürmer" 1929, Nr. 11.) Wohlgemerkt: Diese ganze Ueberschrift fett gedruckt. Auf der ersten Seite. Wie sieht die Menfchenart aus, die damit gelockt wird? Wir kennen sie, die Schmunzelnd-Entrüsteten an den Bücherständen, die nicht der völkische Eifer, sondern der „nächtliche Eindringking" interessiert. Gewiß, man „vermutet" und erfindet nicht nur. Man studiert die Sittlichkeitsprozesse. Zunächst auf die Geeigiietheit des Falles für „aufUärende" Ueberschriftcii. Sodann auf die Konfession des Angeklagten. Ist der Angeklagte Arier, so kann man mit dem Fall kein Geschäft machen. Alan kann sich nicht entrüsten. Hat man aber einen „Fall" mit guter Gelegenheit zu „vielversprechender" Ueberschrift, in dem ein Jude angeklagt ist, so ist das Geschäft gemacht. Man „nmß" sich doch entrüsten. Alan „.muß" doch dem armen, betörten, deutschen Volke die Gefahren vor Augen halten . . . Die Maske herunter. Es ist kein sittlicher Eifer. E s i st Ge s chäfts e i fer. EsistnichtAntis e m i t r s m u s als Gesinnung, sondern als Deckmantel der Gesinnungslosigkeit. Sittlicher Eifer registriert den Tatbestand. Kurz, hart, eisern, knapp. Kein Wort, das zuviel ist und im Unreinen wühlt. Aber eben dies ist der genaue Gegensatz zu dem „moralischen" Stil der völkischen Presse. Auffällig muß hier das Unreine gebracht werden. Auf der ersten Seite. Dick. Mit Wittern und Wühlen, mit llntermalen und spitzem Anbeuten der frivolen Einzelheiten . . . Nein, das ist nicht Warnen. Das ist An locken. Nicht einmal verhülltes Anlocken mehr. Vor mir liegt ein ganzer Stoß völkischer Blätter, die alle, eins wie das andere nach derselben Methode ausfällig hergerichtet, eins, wie das andere sehr lauter Zeuge dieser obszönen Methode, die List der Moral auszunutzen. Es ist mir widerlich, hier Beispiele zu häufen. Jeder kann es selbst mit ein ein paar Mrckeu auf den Zeitungskiosk an der nächsten Straßenecke tun. Beredter akS Beispiele spricht dies Erlebnis. Kommt da zir mir ein junger Student. Eben Ostern hat er seine Reifeprüfung bestanden. Ans dem Regal neben meinem SchrrMiW liegt jener Stoß völkischer Zeitungen, die ich mir für diese Zeilen bereikgelegt hatte. Obenauf eine Nummer des „Angriffs". „Sexuakorgien am Weihnachtsabend" heißt hier die knallige Ueberschrift des „moralischen" Teiles. Es fehlte für diese Nummer zwar an Material, aber nicht an der geschäftstüchtigen ltcberschrist. So wurde denn der, der sich aus die „Sexunlorgren am Weihnachtsabend" stürzte, bitter enttäuscht. Denn unter den! Orgien wurde nun — die Ausführung, eines Pariser Sittenstückes im WaNnerthcatcr „gegeißelt" . . . Mein junger Student sieht den Stoß, blättert flüchtig darin, als er daran vorübergcht, und lächelt in sich hinein.' „Die Sachen kennen Lie auch, Herr Doktor?" „Warum — auch?" Und nun erzählt er: „Ich dachte, Sie hätten so eine ähnliche Erinnerung daran wie ich. Von der Schulzeit her. So in der Tertia, wenn die große Neugier anfwncht und die Jungen vor jeder Postkarte grinsen, ans der ein nackter Arm zu sehen ist,, da sind sie ,scharf' ans jedes zotige Stück Papier. Es wird verschlungen. Man fühlt sich dann so recht männlich und abenteuerlich. Aber nia» muß verflucht vorsichtig sein, denn wenn man mit dieser abenteuerlichen Lektüre erwischt wird, gcht's einem übet. Deswegen war bei uns der lange Pank ein begehrter Mann. Der brachte zuweilen von Hanse den .Stürmer' oder ähnliches mit. .Halle! Heute habe ich wieder eine saftige Sache', sagte er dann. .Knorke.' Dann wurden die Artikel init scxnetleni Inhalt rausgeschnittcn luvt) in Umlauf gesetzt. Zuweilen legten vier zusammen, jeder fünf Pfennig, und man suchte sich eine .saftige' Nummer am Zeitungsfrnnd ans." Genug davon. Wir rechten nicht mit dieser Art der vSKvfchen Presse. Sie weih, was sie tut, wo das Geschäft liegt. Nicht ihr legen wir die Frage vor. Was ist denn nun eigentlich „zersetzend": das Judentum oder der unter dem Deckmantel der „völkischen Erlösung" in .Hans und Hof, an jung und alt lüstern herangeschleppte Schund lmd Schmutz? Die völkischen Blattchenredakteure werden die Augen anfschlagen und entrüstet rrrfen: „Diese Frage ziemt sich nicht.

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