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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-01 · Heft 6 (Juni 1929) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 6 (Juni 1929)
Date
1929-06-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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46 „Wir sind Smische.. ." Zwei Streitschriften Gabriel Riesters. Aon Zeit z» Zeit ist es gut, in den Bücher» der Geschichte zu blättern, »in ans ihnen neue Kräfte für den Kumpf gegen den Judenhass zu gewinnen. Als vor gerade 100 Jahren Gabriel RiesscrS, des nachmaligen grossen Parlamentariers der Pnnlskirche, Gesuch um Zulassung als Privatdvzcnt an der Universität Heidelberg abgelehnt wurde, verfasste er zsvei Streitschristen, die grundlegend für die Behandlung der Jndcnsrnge in den deutschen Staaten wurden, die aber noch darüber hinaus nuvergängiichc Werte für alle Zeiten bergen. Die erste Schrift handelt „Ucbcr die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland". In der Einleitung bemerkt der Bcrsasscr freisnütig, das; „er sich zur Ausgabe seines Lebens gesetzt hat", die Frage der Emanzipation der Juden i» Deutschland einer Entscheidung entgcgenznsühren. „Evllten Wohlwollende selbst etwa den Ausdruck des Bcrfasscrs hie und da herbe, ein oder das andere llrtcil hart, wenn auch svnhr finden, so mögen sie bedenken, dass die unsäglichen Leiden vieler Millionen und z w c i e r I a h r t a u s c n d e, die der Erlösung harren, ans dem Herzen des Schreibenden Stärker alz jede andere Schilderung werden Nicfters eigene Morte wirken, wir wollen sie deshalb hier im Auszug folgen lassen. . . . „Wenn der Teufel ein Shstcm der Gesetzgebung zu erfinden gehabt hätte, darauf berechnet, die Menschen zu deinornlisicrcn, und eine freche Frivolität, die Gott wie die Wahrheit, den Glauben wie das Recht höhnt und das Heiligste mit Füßen tritt, zum herrschenden Geist zu machen — er hätte fürwahr für unsere Tage kein passenderes erfinden können als das der bürgerlichen Unfähigkeit des Glaubens wegen. All unser Wille, all unsere Kräfte sollen ans das eine Ziel „die Erringung der uns schmählich vorenthaltenen Menschen- und Bürgerrechte gerichtet sein, o {) u e siedurch eine L u ge zu erkaufen. War je eine tftdjc rein und gut, der Opfer wert und eines endlichen Sieges gewiß, so ist cs diese: denn, wenn sonst der Kampf um das Recht fast immer zugleich ein Kampf um Interessen ist, so gilt es hier ja nur das reine gute Recht: die Interessen konnten wir leicht wohlfeiler erkaufen". . . . „Wir wollen feine Abgabe erlassen haben, als die der religiösen Lüge; wir wollen nichts, als daß man uns rechtlich so behandelt, wie man unS behandeln würde, wenn wir einen Schritt getan hätten, gegen den sich unser Gewisse» sträubt. Aber dieses unser Recht ist auch unsere einzige Masse; wir können nicht zwingen und drohen: denn wir sind eine ohnmächtige Minderzahl." Wenn auch die Gleichberechtigung, ivic Ricsicr sic erkämpfte, . heute durch Gesetz und Recht verbrieft ist, so sind doch auch jetzt noch Kräfte am Werk, die das Rad der Geschichte zurnckdrehen wollen und sich dabei vom Nnssemvahn beeinflussen lassen. Deshalb haben auch Riesters Worte: „Fragt den stolzen Briten, fragt die Helden Frankreichs, ob sie nicht schamrot ivcrdcn würden über den bloßen Verdacht, als wenn sie Gefallen finden könnten an der Unterdrückung des hundertsten Teils ihrer Landsleute?" noch heute Geltung. Scharf wendet er sich dann gegen die Judenfeinde: „Man erinnert sich, daß im Sommer des Jahres 1819 in vielen, vor wenigen Monaten in einigen Städten Deutschlands nicht sehr zahlreiche Hausen von Gassenbuben ans verschiedenen Ständen unter einem Fcldgeschrci, das in irgendeinem Nnrrcnhanse crfuiide» sein muß, meist am Abend durch die Gassen zogen, in einigen Häusern, die von Juden bewohnt waren, die Fenster cinschlugen. auch wohl hie und da — aber versteht sich, nie anders, als i» ehrlichem Kampf von 20 bis 100 gegen eine» — einzelne Juden aus den Wirtshäusern vertrieben und sonst mißhandelten." Tic Worte, mit denen Richer diese Erscheinungen eines irregeleiteten Fanatismus geißelt, machen auch wir uns zu eigen: „Duft man im Name» des Glaubens anders Glaubende verfolgst oder dast man in« Name» der Freiheit übermächtige Herrscher entthront, ist begreiflich; aber in« Namen der Freiheit eine schwache bedrückte Religions- Partei «nisthandeln, das ist ein so «»»geheurer Unsinn, dast ich nicht glauben »verdc, dast sich in solchen Bcrirr»»««grn eine öffentliche Meinung manifestiere — solange man «nir nicht bewiesen hast dast der öffentliche Geist Dentschlands der eines Narrcnhauses ist." Die zweite Jugendschrist von Gabriel Ricßer ist eine ausgesprochene Kampfschrift gegen den Heidelberger protestantischen Mieologieprofessor Paulus, der, als in jenen Tagen, in denen in der badischen Kammer über die gesetzliche Gleichstellung der ^Juden verhandelt wurde, in seiner Schrift: „Die jüdische Nationalabsonderuiig nach Ursprung, Folgen und Besserungsmitteln" Matcrial znsnmmentrug, »m die bürgerliche Gleichstellung der Juden zu verhindern. Diese Schrist ries Gabriel Rießer auf den Plan. In wenigen Tagen vcrössentlichte er die Gegenschrift: „Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Jude» gegen die EinwÜrsc des Herrn Dr. H. E. G. Panlns. De» gesetzgebenden Bkrsanimlniigen Deutschlands gewidmet." Paulus deutete den Kampf um die Gleichberechtigung der Inden dahin, als ob sie die gesamte Regierung au sich reißen wollten, und verschwieg absichtlich all die Bedrückungen, unter denen die Inden damals lebten. So konnte z. B. in Hamburg kein Jude Haiidwerkslehrling werde», in anderen Staaten konnten sie wohl Geselle, nicht aber Meister werden, und Grundbesitz durften sic nicht erwerben. In Jranlsnrt war die Zahl der Eheschließungen ans eine niedrige Ziffer beschränkt; in Hamburg und Mecklenburg waren sie von der Advokatur ausgeschlossen; in allen deutsche» Staaten war ihnen der Zugang znm akademischen Lehrberuf versperrt mit Ausnahme von Württemberg. Diese und noch viele nndcre Zurücksetzungen verschweigt Paulus wider besseres Wissen und macht aus dem Streben der Juden ans Beseitigung solcher mittelalterlicher Zustande ein Gelüste der Inden, über Christen regieren zu wollen. Auch er hält die Zulassung zu einem öffentlichen Amt nur mit dem Uebertritt znm Christentum vereinbar. Gegen das Ansinnen der Taufe schreibt Rießer im gleichen Sinne wie in der erftciiSchrist. Paulus spricht dann in seinenSchriften denJuden ihre deutsche Heimat ab und Rießer antwortet mit aller Deutlichkeit: „Er wird es mir und meinen Glaubensgenossen nicht verarge», wenn wir uns gegen diese Ansicht mit allen Kräften sträuben/die uns zur Berzweiflung bringen würde, wenn etwas Mahres an ihr wäre. Wenn uns einer ungläubig nennt und von Gott verstoßen. so sagen wir ihm, daß wir an einen Gott glauben, der keines seiner Kinder verstoßt; wenn aber der Deutsche uns Deutsche fremd nennen dürste, so wären wir ohne Heimat und ohne Vaterland. lins vorzuhalten, dast unsere Bäter vor Jahrhunderten oder vor Jahrtausenden eingewandert sind, ist so unmenschlich als cs unsinnig ist. Wir sind nicht eingewandert, »vir sind cingebaren, und weil »air es sind, haben »vir keine,» Anspruch andcrs»vo ans eine Heimat; »vir sind entweder Deutsche, oder »vir sind heiniatlos." ... „Es gibt nur eine Taufe, die zur Nationaliüt einweihte: das ist die Taufe des Bluts in dem gemeinsnmen Kampse für Freiheit und Vaterland! ,Jhr Blut hat sich mit dem unsrigen auf den Schlacht selbem vermischt', das war das Machtwort, womit man in der französischen Kammer die letzten ohnmächtigen Regungen von Unduldsamkeit und Abneigung zu Boden schlug. Auch die deutschen Juden haben sich diesen vollgültigen Anspruch ans Nationalität erworben. Die Juden sind in Deutschland allenthalben kricgspslichtig; sic waren es allenthalben vor den Befreiungskriegen. Es haben in diesen Kriegen Inden als Freiwillige sowohl wie als Kriegspflichtige in verhältnismäßiger Anzahl in den Reihen der Deutschen gekämpft; cs hat sich in den Heeren verschiedener Staaten eine nicht unbeträchtliche Anzahl durch Persönliche Auszeichnungen Ehrenstetten erworben. Es ist ein notorisches Faktum, daß z. B. in Preußen im Laufe des Krieges mehrere solcher Fälle vorgckomme», das; man hingegen seit der Zeit des Friedens keine solche Avancements mehr hat stnttfinden lassen, vielmehr den Juden in der Armee die Taufe als eine nnerlnstliche Bedingung jeder Beförderung vorgeschriebe» wurde." In schmerzlicher Erinnerung an die im Weltkrieg gefallene» 12 000 jüdischen Kämpfer und zur eindringlichen Mahnung an jene Kreise, die auch heute wieder in jene Begriffsverwirrung vcrfallen sind, haben wir diese Worte Gabriel Riesters hierher gesetzt. Zu», Schlüsse ruft Gabriel Rießer alle guten Geister der Vergangenheit an, die ihre Lebensarbeit der Acrleihung der aiigemeinen Menschenrechte an alle unterdrückten Böller und Nationen widmeten. Die Geister Waflstngtvns, Franklins und Pnyncs, Mirabeaus, Bnillis und Condarcets mögen auch die noch zaudernden deutschen Gemüter erleuchten! Und er schließt mit den Worten,. die wir auch heute unseren deutschen Volksgenossen gern zurusen: „Die kräftigen Klänge dentscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet nnd genährt; der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, hat unsere schkum- ' «nernden Freihcitöhossnungen gctvcckt, und »nanchc srohe Aussicht ist ihnc»« schon seitdem ge»vordcn. Wir »vollen dem deutsche»« Vaterlande angchörcn; »vir »verden ihm allerorten angehöre». Es kann und darf und »rag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig »verden wir ihn« alles opfcr»« —nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Dentschlands Weise habe» uns nicht gekehrt, dast «nan durch solche Opfer ein Deutscher Professor Dr. B n s n i tz k i (Heidelberg).

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