Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 6 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ölutlüge in alter und neuer Zeit. Der Certtralverein vcutscher Staatsbürger j,üvischen Glaubens E. V. hat im PHUo-Verlage, Berlin, soeben eine Broschüre „Blntlüben-Märchen und Tatsachen" erscheinen lassen, die an Hand der Quellen den Ursprung und die Geschichte der Blutbeschuldigung untersricht. Die „Beweise" der Judengegner werden darin beleuchtet; besonders interessant ist der Hinweis, das; die Christen der ersten Jahrhunderte, die christlichen Sekten des Mittelalters, die christlichen Missionare in China in genau der gleichen Weise tvie heute die Juden des Ritnalmordes beschuldigt wurden. In allen diesen Fällen konnten sich die Ankläger auf „Geständnisse" der Beschuldigten berufen. Die kleine Schrift enthält genaue Onelleuangaben und Hinweise aus die einschlägige Literatur, die ein eingehendes Studium und eine Nachprüfung ermöglichen. Wir bringen im folgenden einige kurze Abschnitte aus dieser Broschüre: I. die Lrtüen öer Christen im römischen Reich durch die Nitualmorölüge. zu Fusedius und Salvian (gest. um 485). Sie alle besprechen ausführlich das Blutmärchen und beweisen damit, wie hartnäckig diese Beschuldigung austrat und wie ernst sie genominen wurde, DertuIIiau z. B. sagt in seinem „Apologstieum", Kap. 7/9: „Wir heiße« die verruchtesten Menschen wegen des geheimnisvvll geübten Brauches, Kinder zu «norde« nnd zu verzehren . . . wir werden so genannt^ aber Ihr sorgt nicht darmn, es zu erweisen. Erweist es also, wenn Ihr es glaubt; oder glaubt es nicht, da Ihr es nicht erwiesen habt." Die Kirchenväter zeigen, daß die angcblichcn Augenzeugen Verleumder sind, dah dem Christentum solch blutiger Ritus fremd ist, das, die Christen zu solchen Verbrechen, gegen die sich schon die Natur sträubt, genau >vie alle anderen zivilisierten Menschen, unfähig „Hat denn die Natur an und für sich uns schon zu solchen Geschöpfen gemacht, die besonders befähigt sind, Blutschande zu begehen und Menschcnfleisch zu esseiN Wenn Ihr «der der Ansicht seid, dah der Mensch Die ersten Christen, die sich überall im römischen Reiche zu kleinen Gemeinden zusainmcnschlossen. lebten als verschwindende Minorität inmitten einer heidnischen Welt; die Masse der Römer kannte die christliche Lehre nicht; sic sah nur das ihr ungewohnte Verhalten der Christen. Das Fremde nnd Unverständliche hat in den Augen der Menge fast stets etwas Feindliches und Unheimliches. Oessentliche Gottesdienste waren den Christen verboten. In aller Heimlichkeit, etwa in den unterirdischen Katakomben vor den Toren Roms, muhten ihre religiösen Zusammenkünfte stattsindcn. Dadurch verstärkte sich das Gerücht, dah hier etwas zu verbergen sei, und bald wurden die Christen überall mit den schlimmsten Verdächtigungen überhänst. Man bezichtigte sie, in ihren finsteren Verstecken jede Abscheulichkeit zu übe», die nur eine verderbte Phantasie ersinnen kan». Tie furchtbarste Masse, die man gegen sie gebrauchte, war der Borwurs, der christliche Ritus schreibe Mord an Kindern nnd den Genuß von Meuschensleisch und Menschenblut vor. Es fanden sich zahlreiche Ankläger, die behaupteten, als Augenzeuge den christlichen Ritualmordcn beigewohnt zu haben. Tausende von Christen wurden gefoltert und zu Tode gemartert, mit der Ritunlmordverdächtigung begründete inan die blutigen Christenvcrsolgungen von Nero bis Diokletian. Die Tatsache, daß die Anschuldigung so hartnäckig austrat, gab zu der Meinung Anlaß, die Anklage könne doch nicht ganz aus der Lust gegriffen sein. Im „0ctavius" (Kapitel 30) des Minueius Felix (lebte um 200 n. Chr.) wird uns der Wortlaut einer solchen Beschuldigung überliefert: es heißt da von den Christen: „Wenn nicht Wahrheit dahinter wäre, würde wohl die scharfsichtige Fama von diesen Leuten nicht so Schändliches erzählen, und was nia,» nur mit Erlaubnis sagen darf . . . Die Aufnahmeseier neuer Mitglieder betresfend, so ist fie ebenso abscheulich wie bekannt. Ein Säugling unter einer Brothülle — um Nnvorstchtige zu täuschen — wird den» nahegcbracht, der ausgenommen werden soll. Der Säugling wird nun von dem Anfzunchmcndcn, welcher, da ja Brot die Oberfläche bildet, wie zu harmlosen Schlägen ausgefordert wird, durch nicht sichtbare und geheime Verwundungen getötet. Bon diesen» Kinde nun lecken sic gierig das Blut, teilen desselben Glieder mit wahre»« Wetteifer; solch ein Opfer ist das Mittel ihrer Verbrüderung, das Bewusstsein eines solchen Frevels das Pfand gegenseitigen Stillschweigens. Gegen diese Religion sind alle Arten von Gotlesschändrrng ein unschuldig Ding." Nickst nur Minneiua Felix, sondern fast alle Kirchenväter und Historiker des 2. bis 5. Jahrhunderts mußten das Christentum gegen den Vorwurf des Blutgebrauckzs energisch verleidigen — nngesangen von .lustinus lKarlvr, der 165 n. Chr. hingerichtet wurde, von ^tbenagoras, Tatianus, Terlullian, Origines und Arnobius bis imstande ist, solche Gemeinheiten zu begehen, so könnt Ihr selbst sie auch begehe»; Ihr seid gerade solche Menschen wie auch die Ehristen. Wenn Ihr aber selbst nicht dazu fähig seid, so sollt Ihr auch »richt daran glauben. Die Ehristen sind ebenso Menschen wir Ihr." (Tertullian, n. n. O.) Der Aorwiirf des ritncllen Blutgebranchs ist mehrere Jahrhunderte lang gegen die Christen erhoben worden. Es habe» sich angebliche Augenzeugen für diese Verbrechen eingefunden. Christen haben unter der Folter den Ritualmord eingestanden und sind daraufhin hingerichtct worden. Sonst besonnene Männer glaubten an die Wahrheit der Beschuldigung. — Heute sind wohl alle vernünftigen Menschen von der Haltlosigkeit dieser Bezichtigung überzeugt. Die Anklage hat ihren Grund nicht in Untaten der Christen, sondern in dem Aberglauben der Römer. Dieser Aberglaube entstand, weil die Christen in den ersten Jahrhunderten eine Minorität bildeten die sowohl in ihren religiösen Anschauungen als auch in der religiösen Praxis von der großen Majorität der Römer abwich und die deshalb das Objekt von Verleumdungen wurde. II. Lefchulöigungen gegen christliche Sekten. Sobald das Christentum Staaisrcligion und das religiöse Bekenntnis der Majorität genwrden war, verstummte der ihnen jahrhundertelang gemachte Borwurs des rituellen Blutgebranchs. Es ist außerordentlich intercisant und für die Verbreitung der Blutlüge aufschlußreich, daß jetzt die Blutbcschnldigung von den Christen gegen eine große Anzahl christlicher Sekten erhoben wurde. Diese Häretiker (Ketzer) waren Christen, und sie verneinten mir einige Punkte der katholischen Lehre. Aber diese Abweichung von der llcberzeugimg der Mehrheit genügte, nnr sie in den Verruf der nusschwciscnden Laster und des Ritualmordes jii bringen. Schon bei den Kirchenvätern Irenaus, Clemens Alexanckrlnus und Fpichianius finden wir im frühen Mittelalter die Blutanklage gegen die christlichen Sekten der Karpokratianer und Marcioniten. Den Manichäern und Gnostikern wurde nachgesagt, dah sic alle Ausschweisungen unter dem Deckmantel der Religion verübten und Mcnsthenblut bei ihren Zusammenkünften genossen. Von den Montanisten berichtet der Kirchenvater Augustinus (gest. 430): „Sie sollen abscheuliche Geheimnisse (sueramenta) feiern. Man erzählt nämlich von ihnen, daß sie einem einjährigen Kinde durch kleine Stichwunden, die sie seinem ganzen Körper beibringen, das Blut entziehen, und daraus ihr Abendmahl (gucdaristian) bereiten, indem sie das Blut desselben mit Mehl vermischen und Brot daraus bereiten." (Os haeres 26.) Mährend des ganzen späteren Mittelalters wurden fast alle christlichen Sekten mit diesen Besch»ldisiungen beglückt, z. B. die Paulicianer, die Albigenser, die Katharer, die französischen Hugenotten und viele andere. Wo immer eine religiöse Genossenschaft einen noch so nuwichtigen Teil der katholischen Lehre abweichend nuffaßtc, wurden ihre Anhänger als moralische Ungeheuer angesehen. III. ö luthetze gegen christliche Missionare in Shina. Iui Jahre 1891 wurde in Hnnka» von cincin protestantischen Missionar eine Sammlung chinesischer Bilder hcrausgegebcn nnd den europäischen Nesidcnte» zugcsandt, mn dieselben in die Lage zu versetzen, sich eine Vorstellnng davon zu machen, ans welche diabolische Art und Weise von seiten der (jebilbetcn chinesischen Literaten gegen die christlichen Europäer gehetzt wurde. Diese Bilder stellen christliche Missionare dar, die in ihren Kapellen mit Chinesinnen Unzucht treibe», die Frauen den Bauch nufschneiden, und die einem aus dem Bette liegenden Chinesen die Augen ausstechen. Tie Unterschriften der Bilder weisen daraus hin, daß diese Darstellungen wirkliche Tatsachen Wiedergaben! Auch die Bernslliig auf wirklich stattgcsundene ,,Niiiml»wrdc" finde» ivir bei den Chinesen. In der chinesischen Schrift „Tod der Religion des Teufels" heißt es: „Die christliche Sekte zerhackt die Geschlechtsteile der Knaben; groß ist die Zahl der Kinder, die auf diese Weise zu Tode gehackt wurden. Mögen daher alle Kinder auf ihrer Hut sein, da sie sonst durch einen Schnitt des Messers in die Unterwelt befördert werden können." Um zu beweisen, daß die Blutlüge immer in denselben Formen anstritt und daß die Verbreiter des Märchens immer dieselben „Beweismethoden" benutzen, sei noch der Bericht des Barons Hübner über die Ursache der Christenmetzeleien in Tientsin vom 21. Juni 1870 (Promenades au tour du monde, II Paris 1873, 385 bis 455) wiedergegcben: