Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 6 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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42 feit ist. Auch hier machte die Regelung nllcv nur denkbaren Fäll» viele Erörterungen nötig. Mancherlei Fragen ergaben sich z. V. bei den Kranken und deren Bedürfnissen auch nur Sabbat. lieberall ficht man, wie der Talmud die Zustände seiner Zeit, d. h. der ersten füns christlichen Jahrhunderte, und zwar sowohl für Palästina als auch für Persien und Babylonien, voraussetz i. Für unsere heutigen DrrlMniffe und die genaue Erfüllung der Mischen Gesetze innerhalb des heutigen Lebens ergibt sich daraus naturgemäß, daß man tcrlmudikche E i n zelb e st i m in u n ge n nicht mechanisch auf die Gegenwart übertragen kann und Vars. Von den im Traktat Sabbat sich findenden Anekdoten sei besonders auf diejenigen hingewiefrn, die nns zwei Gelehrte schildern, die kurz vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung lebten: Hilkel und seinen Gegner Schammai. Sie erzählen von HillrkS nnerschnkkerkicher 'Sanftmut und der temperamentvollen Schroffheit deS Schammai. Mit großem Ernst wird im Traktat Sabbat die Pslicht zur Heiligung des Sabbats cingeschärst, über. Haupt vor der Sünde, wie llnzncht und Götzendienst, gewarnt. Einmal wird erzählt, wie ein Rabbi eine» Inden geißelt, der sich mit einer Nichtjüdin eingelassen hat. Ferner spiegelt sich in diesem Traktat wieder die Rot "der Juden in der Zeit der Verfolg,ingen durch den römischen Kaiser Hadrian. Ausführlich werden die am Sabbat verbotenen Arbeiten behandelt, also z. B. das am Sabbat verbotene Tragen von Gegenständen, das Kochen und das Anzünden oder Auslöschen von Feuer, das Heilen am Sabbat, die Wochenpflege nsw. Mancherlei volkstümliche Heilmittel, auch Amulette, werden erwähnt, kurzum ein mannigfaltiger Inhalt vor uns ausgcbreikek, der uns tiefe Einblicke in die Kultur und das tägliche Leben jener Zeit gestattet. Uebcrall ist die Meinung und der auch oft ausgesprochene Grundsatz, daß Gott die Frommen segnet und die Ileberkrcker seines Willens bestraft. „Bekehre dich einen Tag vor deinem Tode", das ist der Satz, den ein Rabbi der Zeit um 70 n. Ehr., also der Zeit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, mit dem sehr lehrreichen Gleichnis von den klugen und törichten Knechten erläutert, von denen die klugen auf den Ruf des Königs, d. h. Gottes, gefaßt sind, die törichten Knechte aber nickst. Deutlich sieht man aus der Drucken,richtung der llebersetzuiig Geldschmidts, daß der Inhalt des eigentlichen Talmud im Anschluß an die sogenannte Mi sch na ansgereiht ist, eine Sammlung von Ueberlieserungen, die um 200 n. Ehr. von Jehnda, dem ■ Heiligen, redigiert und abgeschlossen ist. Der eigentliche Talmud, die sogenannte Gemara, ist um 500 n. Chr. redigiert. Aber auch die Gemara enthält eine Fülle älterer Ueberlieserungen. Leicht hätten auch diese durch den Druck kenntlich gemacht werden können. Dann wäre die buntscheckige Zusammensetzung des Talmud noch deutlicher sichtbar geworden, namentlich für biejeurgen. Leser, die ihm bisher ferner gestanden haben. Sicherlich wird der deutsche Talmud bald fertig vorliegen. Tann kann — viel bequemer und leichter als früher — bei alle», die an diesenr Buche ein Interesse haben und nehmen — und das sind, wissenschaftlich gesprochen, die Vertreter aller vier Fakultäten —. auch bei Nichtjuden ein umfassenderes Talmlidstndiuni beginnen, als es bisher möglich war. Dann können auch Nichtjnden leichter als früher und weniger zeitraubend als früher die Zusammensetznng der einzelnen Talmudtraktate untersuchen, auch z. B. umfassende und eindringende Register zu jedem Traktat herstellen, durch die ja der Talmud der wissenschaftlichen Verwertung erst voll erschlossen würde. Ferner können daun alle Einzelheiten der Uebersetzung nachgeprüsk und alle Einzelheiten erörtert werden. DaS. was man ans dem Gebiete der alt- und nentestamentlichen Wiffenschask unter „E i n l e i t u n g s >v i s s e n s ch a s t" versteht, ist ja für den Talmud noch längst nicht in vollem Umfange vor- Händen, trotz der „Einleitung in den Talmud" von Strack, die allerdings einen guten Grund dafür gelegt hat. Die Lebensarbeit vieler wird in Zukunft noch dem Talmud gewidmet sein, namcntlich auch zum Segen der n e » i e st a m e n t l i ch e n Wissenschaft. Möchte die Zukunft mehr als bisher in Deutschland die Möglichkeit bringen, daß an der Lösung all der Fragen, die der Talmud ausgibt, mit ungeteilter Kraft und voller Hingabe gearbeitet wcr- . den kann. TaS Ausland hat für die rnbbinischen Wijsenschnsken in dieser Beziehnug vor Deutschland leider noch imnier einen Borsprung. Möchte es Goldschmidt bcschieden sein, die Vollendung seines deutschen Talmud zu erleben! Sein Vorwort, das in poetischschwungvoller Sprache zeigt, une er von der Bedeutung seines Werkes begeistert ist, schließt mit den Worten: „Tank denen auch, die in gewollter Bosheit GntcS gestiftet, die durch Perunglimpsniigen und Steine des Anstoßes jugendlichen Trohes Eifer gestählt." Versailles. 3*m 28. Jtmi 1929. Gefängnisstrafe für den .Seransgcber der „Renen Front". Ter Herausgeber der rialionahozialistsschcii „Neuen Front"" in Gern, Wohlleben, wurde wegen Beleidigung mehrerer jüdischer Kniiflentc zu GcsSngnisstrasen von drei bzw. einem Mona! verurteilt. Während, der Angetlagte sich in seinen Artikeln übnschnen hatte, um die sehr angcsehcnen Herren herabzusetzen und sie wirtschaftlich zu schädigen, gab er _ aus der dlnklcigebaut zir, seine verleumderischen Bchanvtungen n n g c p r ii 11 ausgestellt und sich inzwischen von ihrer Unrichiigkcit überzeugt zu habe». Er machte auch nidjf den geringsten Versuch eines Wahrheitsbeweises. Versailles trennt, ist für den wahrhaft um das Vaterland MiftrOm und mit ihm verbvmd«MM deuHcheir Me«schcn dvlk ßchmerzkcher Erinnerung, aber auch, vom tiefer Nachdenklichkeit erfüllt. Star dem griffigen Auge taucht Sie von afcit Teilnehmern an Öen Frrcdrusverhtmdli-mMW geschilderte ersMtteruü eindrucksvolle Szene wieder auf: im riesigen Saale, an endlosen Tischen Vertreter der gao^i* Wekt. wie ein Gerichtshof, lknd in der Mitte eine kleine Gruppe, ine deutsche Delegation. Alle gegen einen. Bei znhMfen Gelegenheiten Habei« sich in den verschiedenste» Kreisen des deutschen Volkes Piwteftbeweguugeri. gegen den Versailler Vertrag erhoben. Kinbllch und rrrcsiihrend die Formel der Nationaksozialisten: Brechung des Versailler Vertrages. Politisch ernsthastcr die Vorschläge der anderen Parteien, wenn auch verschiede» i» ihrer Bcivcrtling der politischen und ivirtschnftlichen Konsequenzen von Versailles. E i n h e i t r i ch und einig jedoch alle Kreise in der aus t,efslcr vaterländischer und mensch. kicher Entrüstung quellenden Ablehnung des Schul dp »t a graphen. Politische Mnchtminöerung, w i r tscherst kichc Not, »rationale Bedrückung, alles war, wenn auch knirschend oder resignierend. zu ertrage». Aber die m o r a l i s ch e S t i g n> a t i s i e r u n g eines ganzen Volkes — das tvidersprach dem Gefühl von Recht und Gerechtigkeit! Unsasibnr erschien cs und erscheint es »och heute, daß man die lebendige, sich ewig ivandelude, ivachscude, sich entwickelnde und zu höheren Daseinsformcrr strebende Genicinschast eines großen Volkes in die versteinerte Forniel eines iricht aufhebbare» Nrterls pressen will. Erbitternd ivirkte die Zumutung, einzelne preiszugeben, von ihnen abzurücken, mir sie dem Feind als Sühneopfer, als Zeichen guter Gesinnung darzubirien. Lächerlich, wenn der Gegenstand nicht so schmerzlich wäre, die Bor» stellniig, daß die Wahrheit nur v o ru Mächtigen gesunden werden könne. Alle Kreise des deutschen Volkes eint deshalb der Protest gegen den Schrildparngraphen. Die deutsche Judenheit ist in diese Reihen ciugegliedcrt. Für sie ist der Schnldparagraph eine ins Gig antische vergrößerte Wiederholung des Schicksals der eigenen Gemeinschaft. Wie ein böser Traum wiederholte sich die vom Geschlecht zu Geschlecht neu und immer wieder schmerzlich gewonnene Erfahrung: verurteilt zu sein, ohne gehört zu werben; beurteilt zu werden von Menschen, die das Wesen deS Anklagten nicht kennen; mit dem Stigma einer Verleumdimg durch die Zeit und die Geschichte zu gehen. Das Schicksal des Judentums gab der deutschen Judeiiheit die starke seelische Widerstandskraft, die Männer aus ihren Reihen befähigte, im allgemeinen Niederbruch schon die Hände zum Wiederaufbau zu regen. Das Vertrauen der Juden auf die Neberwrndung der Macht durch den Geist und der Verleumdung durch die Wahrheit kann, auch hier wieder in gigantischer Vergrößerung, dem deutschen Volke die seelische Kraft für feinen Kampf ums Recht stählen helfen. Nichl nur se e l i s ch traf der Versailler Vertrag die jüdischen Deutschen in gleichem Maße wie die übrigen Volksgenossen. Von den wirtschaftlichen Folgen, die den jüdischen Mittelstand, auch bei uns der Kern der Gemeinschaft, in gleichem Maße erschütterten wie den Mittelstand überhaupt, soll hier nicht die Rede sein. Die Menschen dagegen müssen erwähnt werden, die die deutsche Judenheit drrrch den Vertrag von Versailles einbüßte oder die, von ihren Wohnsitzen vertrieben, ihre Heimat verloren, die 00 000 Inden in Elsaß-Lothrmgen. die 14 000 in Danzig. lind West. Preußen, die 26 000 in Posen, die 8000 in den verlorenen Teilen Oberschlesicns »nd die 1000 im Memelland. 80 000 Menschen, gute Deutsche und treue Juden, verlor die deutsche Judenheit, Kraftquellen ihrer Erneuerimg wurden verschüttet, Bande zwischen Eltern und Kindern jäh zerschnitten. Dieser Verlust an Menschen und an Mittel», der keine einheitlich geschlossene oder fremdartige Masse von uns löste, sondern mit dem Gesamijudentum Deutschlands durch zahllose Fäden verknüpfte, ihm organisch verbundene Menscheir verlorcngehcn liest, kostete das deutsche Judentum seine geistige Führer» stellung unter den Juden der Welt, die es seit anderthalb Jahrhunderten behauptet hatte. Wie die deutsche Wissenschaft muß sich auch die Wissenschaft des Judentums langsam den Platz an der Spitze iviedcr erkämpseu, um unter den Juden der Welt das Ansehen Deutschlands als A rrsga ng sp unk t jüdischer Lehre und Weisheit wieder herzustellen. Der Gedenktag an Versailles ist ein Trauer tag für das deutsche Volk. Alle 'religiösen Gemeinschaften haben Tranertnge, Bußtage. Die staatliche Gemeiuschask wird ihre Trauertage mit ähnlichem Inhalt erfüllen müssen wie ihre religiösen Gruppen. Voranssetzung bei diesen ist Verwirklichung derjemgen Wünsche, die inan an andere stellt, durch die eigene Tat. Die Forderung nach dem Sieg des Rechts über die Macht, der Wahrheit über die Verleumdung, der Befreiung vom Stigma durch Anerkennung der lebendigen Wirklichkeit wird das deutsche Volk dann vor dem Forum des Weltgewissens mit stärkerem Nachdruck erheben können, wenn es sie in seinen eigenen Reihen erfüllt. Der 28. Juni 1929 sei dem deutsche» Volk Bußnnd Trauertag, Tr. Msrcd Hkschbrrg.