Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Die Zeitschrift für die Geschichte der Juden in;'. Die „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in D e u t sch l n » d"'), deren erste Nummer soeben von Philo- Verlag herausgegeben wurde und deren Erscheinen die süddcuischen Landesverbände jüdischer Gemeinden, der Preußen- Verband und der Ccntralverein in dankenswerter Weise ermöglichten, ist, wie der Name zum Ausdruck bringt. Erbe jener von Ludwig Geiger im Jahre 1887 gegründeten und fünf Jahre lang geleiteten Zeitschrist. Ter alte Titel, die Mitwirknng von Vertretern der aligeineine» Geschichtswissenschaft, der alten, der mittelnltcrlichcu, der uenen und der Ncchtsacschichte, die Namen der drei Herausgeber, über deren wissenschastliche Bedeutung und geistige Eigenart den Lesern dieser Zeitung nichts gesagt zu werden braucht, erwecken Hoffnungen und Erwartungen. Der alte Titel lockt, weil die Gcigersche Zeitschrift einmal fünf Jahre lang Mittelpunkt der jüdisch-historischen Studien in Deutschland war, die einzige Sanunel- und Berwcrtungsstclle urkundlichen, bibliogrnphiscl)cii und ungcdrucktcu Materials, das einzige Organ, das allgemein deutsche und jüdische Eeschichlsschrcibung miteinander verband und wechselseitig beeinflußte. Die Mitwirkung der Vertreter verschiedener Disziplinen dokumentiert. daß sich die Zeitschrift nicht nur als Erbin alter Traditionen fühlt, sonderir auch als Trägerin und Verbreiterin von Neuem. Als Geiger seine Zeitschrift gründete, war das Gebiet der jüdischen Geschichte fast unerforscht. Eben erst hatte die Historische Kommission des deutsch-ifraelitischen Gcmeindebundcs (später Historische Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland) begonnen, „in großen Sammelnrbeiteu die Quellen für die Geschichte der Jriden in Deutschland zu bearbeiten", in der richtigen Erkenntnis, daß es zur Erforschung der jüdischen Geschichte vor allem darauf ankomme, zuerst die Oncllen zu sichten mrd zu verwerten. So ivurde auch kür Geiger und seine Mitarbeiter die Materinlsainmliiiig, die Veröfscntlichung ungcdrucktcr Texte >ind Briese, die Untersuchung von Urkunden Hauptausgabe der Zeitschrift. Aber in der Freude jener ganzen Zeit an realistischer Oiicllenocarbcitung und Erschliesning, >vie cs die damals gegründeten deutschen historische» Kommissionen allenthalben unternahmen, verlor man sich oft in Kleinigkeiten, in Miszelle» und Notizen. Es ist charakteristisch, daß nicht ein einziges Mal die Frage der Forschungsmethode jüdischer Geschichte ansgcivorscn oder nach dem Wesen jüdischer Geschichtsschreibung gefragt ivurde, das; man iveder wirtschastsgeschichtliche »och versassungsgeschichtlichc Probleme behandelte, daß man es niemals unternahm, dein Zusammenhang von jndifcljcr und deutscher Geschichte nachzugchcn und ihre Wechselbeziehungen zu untersuchen. Die neue Zeitschrift findet eine andere jüdische Welt, eine andere gcsch!chtswissensck)aftliche Konstellation, ein anderes jüdisches Lebensgeftthl vor. Das steigende Jnteresic an der religiösen Erscheinung, das steigende Interesse von außen, besonders wirtschaftsgeschichtlichcr Art, die Loslösung von starr gewordenen Programmen, die Gründung von jüdischen Zeitungen, Zeitschriften, Enzyklopädien und wissenschaftlichen Instituten, das wachsende jüdische Beivußtsein, die Entwicklung, >vie sie sich in den großen jüdischen Verbänden zeigt, sind der zeitgemäße Ausdruck des wachsenden Interesses air der jübifcljcn Geschichte, das sich gleichzeitig in geschichtlichen, rcchtsgeschichtlichcn, wirtschasts- und verfassungsgeschichtlichen Untersuchungen, in großen Aktensannnlungeu, in Stadt-, Landschaft- und Gemeindegcschichteir offenbart. Daß sich die Leiter der neuen Zeitschrift der veränderten historischen Lage und der dadurch veränderten wissenschaftlichen Ausgabe bewußt sind, daß sie auch die Schwierigkeiten kennen, die der Mischen Geschichtssorschung mehr als jeder anderen jüdischen Forschung harren, beweisen die Aufsätze der ersten Nummer der Zeitschrift. In einer einleitenden Untersuchung „Zur Fvrschnngsmcthodc der jüdischen Geschichte" kritisiert Raphael S t r a u ß, einer der Redakteure der Zeitschrift, sehr feinsinnig die bisher unzrilängliche Methode der mittelalterlich-jüdische» Oncllenbenutzniig. Er verlangt an Stelle der ethnologischen und psychologischen Deutung der jüdischen Geschichte die historische Erklärung, an Stelle der Hervorkehrung „historisch-dogmatischer Begriffe" die Einzelbetrachtung der historischen Tatsache. Nicht allein um der Erkenntnis der Einzelheit willen, sondern um mit Hilfe des wissenschaftlich bcsier gesichteten Bildes die innere Verknüpsniig der geistigen und materiellen Kultur der Juden erkennen zu lassen. Es ist bezeichnend, daß auch A. Kober in seinem klaren und erschöpfenden Ucberblick über die „Geschichte der Juden in der historischen Forschung der letzteir 85 Jahre" die Frage der Methodologie aufrollt und die methodischen Gesichtspunkte, die Engen Tänbler in den Mitteilungen des Gesamtnrchivs zur Erforschung der Geschichte der Jiidcn in Deutschland aufstellte, zum Ausgangspunkt seiner Darstellung ivählt. In einer scharssinnigen, historisch-philologischen Untersuchung geht S. Le vi (Mainz) den srühgeschichtlichen . Spuren der Juden in ') Unter Mitivirkuiig van Guido Kisch (Halle), Richard K »ebner (Breslau), Wilhelm L c v i s o n (Vom,), Samuel S t c i » b c r g (Prag), Moritz Stern (Berlin), Alfred Stern (Zürich), Eugen Tänbler (Heidelberg), Adolj Warschauer (Berlin). Herausgcgeben von Jsmar El bogen (Berlin), Aron Frei mann (Frankfurt), Max Freudenthal (Nüriiberg). Deutschland »ach, während I. Ekbogen In interesianter Weise in seinem Aussatz über „Hebräische Ouellen zur Frühgeschichte der Juden ,n Deutschland" aus rabbinischcir Schriften des frühen Mittelalters zniii ersten Male historisch wichtige Nachrichten herausschält und sie kritisch verwertet. Das bisher wohl infolge der Sprödheit des Materials wenig c» sorschie Gebiet alt>üdischcr Verfassung bearbeitet Max, Frendenthal rn ansgczeichncter Lvcise durch die Bervsfentlichung »nd kritische Auslegung der „Acrfassimgsurknnde einer reichsritterschastlichen Judcuschaft" (DasKahlsbuch bonSugenhciin) ausoemJahre1756,die nicht nur die Stellung der Vorsteher, Gcineindcbcamtcii »nd Rabbiner, die Armcnfürsorge, die Shnagogciiordnnng, die Kirchenzucht und das innere Leben einer kleinen Gemeinde des 18. Jahrhunderts beleuchtet, sonder» auch auf die rechtlichen Beziehungen dieser Gemeinsck)aft zu ihrer Ortshcrrschast, den Reichsrittern, neues Licht wirst. Anssührlichc Besprechungen von Guido K i s ch über das Buch von Max Frendenthal „Leipziger Meßgnste; die jüdischen Besucher der Leipziger Messen in den Jahren 1675 bis 1764'' (1928) und von Alfred Stern über Robert Anschel „Uapolecm et ckeg ckniks" (1928) sowie bibliographische von Heinrich Loewe zusammengestellte Notizen beschließen die Zeitschrift. Die Hossmmg, die die Zeitschrift erweckt, ist von einer bangen Frage begleitet. Wird sie lebensfähig sein oder wird sie das Schicksal crivarten, dem fast alle jüdischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts anlieüi,sielen? Wird es möglich sein, die von Raphael Strauß geforderte und unbedingt notwendige Eiuzclbetrachtmig geschichtlicher Ereignisse durchzusühren, ohne den Blick für den großen Zusammenhang historischen Geschehens zu verlieren? Wird cs möglich sein, die unbedingt notivendige Sainnilung von Notizen durchgusehen, ohne der Gefahr der Kleinlichkeit zu unterliegen? Wird man die Synthese von Mischer und deutscher Geschichte Herstellen, ihre unendlich komplizierten geistigen, knlturellcn, wirtschaftlichen, rechtlichen und soziologischen Be- Ziehungen klarlegen könne», ohne dilettantisch und nnsachlich zu werden? Diese Aufgabe wirdMum zu leisten sein, ivcnn die Redakteure nur Bcrmlttlungsrcdnktenre b«ibeii, wenn sie nicht, wenigstens in gewissem Ninfangc, Planvoll Pütblemc und Arbcitsmögkichkeiten innerhalb eines Kreises von Mikckrseitern erschließen. Nur so kann man die vielen und drängcndeN"Araacn jüdischer Geschichtsforschung lösen, die allgemein dcnische Geschmitsschrcibung bereichern und die jüdische Geschichte zu deni machen, ivas sie sein soll — nicht zu einer lcgendenhasicii, iins nicht mehr lrerührenden Vergangenheit, sondern zu einem lebendigen, uns gestaltenden und von uns. nmgcfornitcn geistigen Pressesekau« „Die Krisis des konservativen Menschen" heißt ein Aufsatz von Johannes Bühler in dem deuischnationalen Organ „Der Tag" vom 20. April 1929. Wir entnehmen diesem außerordentlich interessanten Artikel die folgenden Stellen: „Daß der Rasscngedanke an sich den konservativen Menschen anspricht, ist ganz in Ordnung, da es sich dabci ... um etwas eminent Wirkliches, Tatsächliches handelt. Aber statt nun das Tatsachenmaterial sorgfältig z» prüsen . . . jagt man häufig Phantomen nach . . . „Hochzüchtung." des Menschengeschlechts, wie cs sich gelegentlich Nasscnsanatikcr vnrstcllen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man hat jüngst gesagt: Wer den wahren nordischen Menschen sindcn will, muß weit zurück . . . zum Steinzcilmcnschen. Was soll uns inmitten unserer heutigen deutschen Not der Steinzeitmcnsch? . . . Aber in solchen Dingen, bei denen wir nach der ganzen Sachlage, einem »ngemein lückenhaften und vieldeutigen Oncllcinnaterial . , . das alleinige Heil für »ns sindcn zu wollen, ist Utopie, Flucht aus der Wirklichleit »nd Gegenwart." In der Monatsschrift „Tox Studentiuin" vom April- Juni 1929 lesen wir in einem Artikel „Zum Studium des jüdischen Problems" folgendes: „Diese andere Seile des Problems kommt besonders in dem ausgezeichneten Werke von Proscstvr Gntimann znm Ausdruck: „Das Jndentum und seine Umwelt" (V und 400 S., Philo-Bcrlag, Berlin 1927). Das Buch wird de» zunächst enltäuschm, der in ihm eine Behandlung der Beziehungen zivischcn Juden und Christen, so ivie sie sich heute darsteUen, sucht. Der Verfasser nnterniuimt es vielmehr, ans dem Alten Testament, dem Talmud und der Doktrin der Rabbiner eine Svzialthevrie zu entwickeln. Der religiöse Partikulmismus, dessen Berschwindcn Lampartcr in Aussicht steM, gewinnt hier eine neue Bedeutung. Es ist der Ausdruck der einzigartigen religiösen Ersahrnng, die dein Volke Israel zuteil wurde. Er ist die eigentliche Quelle jenes ethischen Univcrsalismus des Judentums, dessen beständiges Hervortrctcn in der Geschichte Herr Guttmann überzeugend nnszcigt. Ein bemerkenswertes Buch, in dem in säst trockener Weise die Geschichte einer ganzen Kultur, des ganzen geistigen »nd inoralischcn Lebens einer Nation ausgcrollt wird. Dieses Blich dürste die Mitglieder der Bicrviller Tagung ohne Zweifel stark intcressiercn. Es handelt sich da weder um Antisemitismus noch um die Apologie des Judentums. Es handelt sich imr uni Tatsachen, um Texte «md Koiiimentare. Es wäre interessant, diese Studie mit einigen in England und Aiuerika erschienenen Werken zu vergleichen, die von der geistigen Erbschast des israelitischen Volkes handeln. Wir werden in einer der solgenden Nummern dieser Zcitschrist darauf zurückkommen." Gesamte redaktionelle Leitung: i. V. Dr. Alfred Wiener. Verantwortlich: Dr. Margarete E d e I h e i m. Beide Berlin SW 68. Druck: RudokfMosse, Berlin SW 100.