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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-01 · Heft 5 (Mai 1929) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 5 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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39. Über die tüglichenGebeie der Juden von Professor vr. H. Steinthal Wir cntnehinen den Bvrträpen und Aussätze» des hcrvorrnqcude» ©elcljrtcii Pros. 2>r. H. Steint hak, die im Berlage Ai. Pvp° Pelmier 1910 von der Gescllschnst zur Förderung des Judentums herauSgcgcbcn wurde», nachstehende Ausführungen über das tägliche Gebet der Juden. Die S eh r i f t l e i t u n g. Betrachteii wir mm den Inhalt unseres täglichen Gebctes- Es hat zwei Mittelpunkte, um tvelche sich alles einzelne gruppiert. Zuerst das Schema mit den drei dazu gehörigen Stücken aus den Büchern Mvses. Hiermit ivird das Bekenntnis ausgesprochen, ans tvelchem unsere Ncligivn beruht. Aber nicht bloß ein untätiger Glaube au den einigen Gott wird mit Worten bekundet; sondern es wird damit die freiwillige Hingabe der ganzen Kraft des Geistes und des Gemütes an das göttliche Gebot versichert, und auch die Hoffnung ans einstige Anerkennung des einzigen Gottes von der gesamten Menschheit befestigt. Dieser Kernpunkt unserer Andacht ivird abends und morgens von zivei Gebetsprüchen eingeleitet. Noch zuvor aber ivird abends der Vers wc-hu rachuiii gesprochen: der Mensch, sich demütig seiner Sündhaftigkeit bewusit, erhebt sich durch Vergegenwärtigung der göttlichen Langmut. Nun erst ivird Gott als der Urheber der Naturvrdnung gepriesen. Während sonst unsere alten Gebete nach Form und Inhalt in edler Prosa sich beivegen, zeigt sich hier erhabene poetische Anschauung. Im ersten Stücke des Abendgebetes heißt es: „Gelobt seist du Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, aus dessen Geheiß die Abende dämmern; der mit Weisheit die Himmelspsorteu öffnet und die Sterne in ihren Stellungen am Firmament ordnet. Er schafft Tag und Nacht; er rollt weg das Licht vor der Finsternis und die Finsternis vor dem Licht und-scheidet zwischen Tag und Nacht." — Gott scheidet, das ist die Heiligkeit seiner Anordnung der Natur. Einfacher war ursprünglich das Gebet für den Wiederbeginn des Tages, saurer aur. Im Tempel noch gar nicht gesprochen, ward es später noch erweitert, >v!r werden bald sehen, ivie. Das andere Gebet vor dem Schema Preist die Liebe Gottes zu Israel, die sich Vvrzugsiveise darin knndgibt, daß sich Gott uns offenbart hat. Wesentlich ist dieses Gebet morgens mtb abends gleich; aber erst des Morgens hat es (ahawoli rabboh) eine längere Form, und in dieser ist es für mich das rührendste Gebet, das ich kenne; es ist so kindlich tmb iuständigst stammelnd: „Mit unendlicher Liebe hast du uns geliebt, Einiger, unser Gott, mit großer und überschwenglicher Barmherzigkeit dich unser erbarmt. Unser Vater, unser König, um unserer Väter ivillen, die auf dich vertrauten und denen du die Gesetze der Glückseligkeit gelehrt, sei uns gnädig und belehre uns. Vater unser, o Vater,' Allerbarmer, der sich wahrhaft erbarmt, erbarme dich über uns" — und was erbitten wir denn von dem so dreimal als Vater Angerufenen, dreimal als barmherzig Gepriesenen? Bitten wir etwa um Brot? um Gesundheit? nm Güter der Welt? Neinl „Erleuchte unsere Augen in deiner Lehre, und laß unser Herz hangen an deinen Geboten, auf daß nufer Herz mit allen Trieben ausschließlich dich liebe und ehre; denn uns hast du erwählt von allen Völkern und uns deinem heiligen Namen nahegebracht für eivig in Wahrheit. Gelobt seiest du Eiviger, der sein Volk Israel erkoren in Liebe." Das ist die Vorbereitung zu unserem Bekenntnis: jaelwck, laß unser Herz so sein, daß cs dem eekoä entspricht! Dieses jached ist der Kern des Gebets; es stammt, wie mir unzweifelhaft ist, von den Männern der großen Synode; nur sie hatten noch die Sprachgeivalt, dieses Wort so zu steinpeln, und aus unserem Gebet ist es in den 86. Psalm gekommen und findet sich sonst nirgends. Ich komme nun zum ziveiten Kernpunkt unserer Gebete, zum Schcinone Eßre, der eigentlichen Tefilla. Sie ist nach dem Grundsätze gebaut: Zuerst Preis Gottes, dann Bitten, endlich Dank. Die ersten drei Sprüche und die letzten drei sind die ältesten: die mittleren, ivclche die Bitten enthalten, sind erst allmählich immer mehr fixiert worden. Noch ein volles Menschenalter nach der Zerstörung des Tempels fehlte eine authentische Redaktion. Die Tefilla hebt an mit dem Preise des Gottes, den unsere Väter erkannt haben, der unendlich erhaben ist, aber auch in Gnaden liebevoll waltet, der das All erschaffen hat, aber um der Frömmigkeit und der Väter ivillen den Enkeln Erlösung bringt, uns Helfer, Beistand und Schild ist. Ist hier der Gott gedacht, ivie er sich in den Einzelheiten der Geschichte offenbart, so wird er weiter als der Allumfasseude gepriesen, welcher die Welt in ihrem Bestände erhält, iveleher tötet und belebt, und wie es ivörtlich heißt, „seine Treue den im Staube Schlafenden bewährt", d. h. der den Anfang der Zeiten in weisem Heilsplane mit dem Ende der Zeiten verbindet, als Quell des civigen Lebens. Wie der Bund, den Gott mit den Vätern geschlossen, für alle folgenden Geschlechter seine Gettluig behält: so ivird auch die endliche Erfüllung int Gvttesrciche zugleich für alle vergangenen Geschlechter seinen Wert haben. Darum, so lautet der dritte Spruch, ist Gott heilig und wird als heilig gepriesen. — Die drei letzten Sprüche enthalten die Bitte nm wohlgefällige Annahme des Gottesdienstes, dann den Dank mit, wie mir scheint, beabsichtigter Rückbeziehnng auf die beiden Anfangssprüche in den Worten mögen jisch’enu, Schild unseres Heils, mir clrajenu, Hort unseres ewigen Lebens. Darauf folgte der Priestersegen, der mit den Worten endet: „Und Gott schenke dir Heil", 'welche Worte später die Gemeinde znm besonderen Spruche erweitert hat. Endlich fügt dann der einzelne noch ein stilles Gebet hinzu, das von demSvhneRabinns stammt, des Mannes, der an der Redaktion des Talmuds beteiligt war. Dieses Gebet lautet übersetzt: „Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem, meine Lippen, daß sie nichts Trügliches reden. Denen, die mich schmähen, laß meine Seele schiveigcn, und ivie Staub sei sie demütig gegen alle. Oefsue mein Herz deiner Lehre, daß ich eifrig deine Gebote erfülle." Oberst Eist. Ein ««bestechlicher Charakter. Ein Kapitel in den soeben erschienenen „Erinnerungen eines Landnotars" von F. Schum nun trägt die »eberschrift: Laß dich lausen! Mit schlichten Worten, aber gerade darum um so eindrucksvoller, führt uns hier ein Nichtjude ein Beispiel jüdischer Charakterfestigkeit vor Angel», das vor Verschollenheit bewahrt zu werden verdient. Es gehört in jedes jüdische Jugendbuch. Der Held der Erzählung ivar eine in der Wiener jüdischen Gesellschaft wohlbekannte Persönlichkeit, der Oberst Alexander Ritter von Ei ß. Als Sohn eines kleinen Tuchhündlers, der im Ehrennmie auch als „Mohel" sich betätigte, 1882 in Piesling (Mähren) geboren, machte er als „Expropriis-Gcmciner" deir Feldzug 1848 in Ungarn mit, 1885 zum Leutnant befördert, wurde er für sein tapferes Verhalten in der Schlacht von Magenta durch „allerhöchste Belobung" ausgezeichnet nnd zum -Oberleutnant ernannt. Bei Custozza trug er durch die zielbewußte und erfolgreiche Verteidigung eines strategisch wichtigen Punktes zu dem für die Ocsterreichcr gliickliclzcn Ausgange der Schlacht ersichtlich bei. In Anerlennnng dieses Verdienstes erhielt er den Orden der Eisernen Krone 8. Klasse. 1870 wurde er Hcuiptmnnn, 1881 Major, 1884 in den Nittcrstand erhoben, 1887 Oberstleutnant, 1890 Oberst und Ncgimentskommandant. 1898 lernte ihn der Verfasser der „Erlebnisse" Ivährend einer Waffenübung als uichtaktiver Landwehrossizier näher kennen. Seine äußere Erscheinung übcrbot alles an Anspruchslosigkeit. Doch brauchte er nur, etlva bei der Kritik »ach becndeler Felddieusiübnng, den Mund zu offnen, und man lvar überrascht, lvelch ein tüchtiger Offizier und ivelch eine nngelvöhirliche Individualität sich hinter der schlichten' Form lmrg. E i k> war glänzend gualisiziert. Einen besonderen Gönner hatte er in den, ob seines scharscn Urteils gefürchteten Feldniarschall Erz h erzog A l b r c ch t gesunden. Der Verleihung der Gcncralscharge, sür die E i ß schon lauge reis war, stand nach der in leitenden Kreisen der Armee herrschenden Anschauung ein einziges Hindernis im Wege: Gift war n n b Knapp vor de» Manövern des Jahres 1893 sandle der Erzherzog seinen Gencralstabsches »ach B r ü n n, um E i h zur Beseitigung dieses Hindernisses zu bewege». „Laß dich taufen! Du m u ß t General werden!" Das war der Tenor seines Auftrages. Doch alle Bemühungen scheiterten an dem Entschluß des Obersten, sich unter keiner Bedingung den Generalshut durch die Taufe zu crkausm. Um sür seine nunmehr beschlossene Verabschiedung einen schicklichen Borwand zu sindcn, betraute man ihn sür die bevorstehenden Manöver mit einem Brigadekonunnndo. Auch übertrug man ihnr eine besonders schwielige Aufgabe in der Voraussicht, daß er versagen und daniit den passenden Anlaß zu seiner Pensionierung bieten werde. Allein am Schluß der Manöver bei der Besprechung im Kreise der Ossizicre sälltc der Geiicralstabsches über alle Führer eine vernichiende Kritik. Oberst E i ß war der einzige, der seine Aufgabe richtig verstanden nnd sie glänzend gelöst hatte. 'Abermals kam der Abgesandte des Erzherzogs zu E i ft. Nun drohte er ganz ossen niit der Pensionierung. E i ß blieb sest und wurde 1895 »liier gleichzeitiger Verleihung des Lcopvldordcns — pensioniert. Kaiser Franz Joseph, der über ein vorzügliches Personengedächtnis verfügte, erinnerte sich bei irgendeinem Anlaß des auch von ihm geschätzten Obersten, und als er von dem Unrecht erfuhr, das Eiß erlitten hatte, suchte er cs dadurch in etwas gutzuniachcn, daß er den verdienten Offizier zum Kanzler des „Maria-Thercsin-Ordens" ernannte, womit ejn ansehnliches Einkommen verbunden war. 1906 wurde E i ß der Charakter eines Generalmajors verliehen. Er lebte nach seiner Pensionierung in Wien, wo er, mit Theodor Hcrzl befreundet, den Verlag der „Welt' leitete. Hier starb er 1921. Doch sei» Vorbild lebendig zu erhalten, müsicn wir uns angelegen sein lassen, nin den so vst gegen uns erhobenen Borwurs der Gcsinnungskäuslichkeil durch ein solches Vvwclichtctcs Beispiel ans der unmittelbaren Vergangenheit zu ciitkrästcu, vor allein, rim unserer Jugend Widerstandskraft zu geben gegen die Einflüsterungen: „Laß dich tanien!" Dr. Max Grmiwalv.

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