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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-01 · Heft 5 (Mai 1929) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 5 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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3$ Nationalismus. Im Mue Eclst-Bcrlag, Wien, ist soeben das höchst beachtenswerte Buch „Nationalismus" von Carito» I. Hayes, in Uebersetzuiig aus dem Englischen von I. F. F r i ° d i ä n d c r, erschienen. Der Herausgcbcr, Professor Julius G ° l d st e i n fDarmsladt). hat de!» Buch eine Einführung vorangrstellt, die wir nachfolgend hier wiedergcben. Wer den Nationalismus als eine typische Erscheinung gegenwärtiger Wcltkultnr attfjeuteffeit bnrftcKcn lvitt. der mich mit der Schnnkraft des Historikers die Schulung des Soziologen verbinden; er muß die politische» Ereignisse und Parteirichtungcn der verschiedene!! Völker ebenso sicher beurteilen können wie die seines eigenen. Bei solchen Ansordernngcn darf cs daher nicht wnndcrnchmcn, das; bisher eine umfassende, systematische Arbeit über den ' Nationalisinns gefehlt hat. Vorarbeiten, nebenher lansendc Betrnch. tungen, Darstellungen von Tcilerscheinnngc,l, gibt es i» Fülle. Aber das Buch über den NationnliSmus besitzen >vir erst in diesen bvrlicaenden „Bssays on Nationalismus". Ter Verfasser, Professor für Geschichte an der Columbia-lllliversity N. Y., besitzt jene Eigenschaften, die als Voraussetzung für die Abfassung eines solchen Werkes angegeben worden sind. Hayes kennt in ungewöhnlichem Maße die Literaturen der Hanptknltnrvolker; er handhabt mit sicherem Stil» gcfühk die angelsächsische Form des Essays, und sein etwas sarkastisch angehauchter eommon-senso scheut sich nickt, die Diiige beim richtigen Ntnincn zu nennen. Diese Vorzüge erhalten noch dadurch einen besonderen Netz, das; die Schrift reiches Tatsachenmaterial ans Amerika briilgt. Dieser Kontinent hat es in Ansehnng des Nativiialismns schon längst nicht mehr besser als Europa. Er hat es schlechter. Jenseits des Ozeans wird alles gleich „biggest". Auch der amerikanische Nationalismus kann für sich diesen Superlativ beanspruchen, in dem die naive Vorliebe für das Lunntative zum Ausdruck kg»mnt Ziveierlei versieht Hayes nuter Nationalismus. Ersteiis den hiitorischm Prozeß, welcher Nationalitäten, d. h. Gruppen mit gemeinsamer Sprache und Kultur, zu staatlichen Einheiten zusammensaht und der aus Stämmen und StaimncSgriippe» die Institution deS nationalen Staates gestaltet. Zweitens aber bedeutet NationaliSinus, der zeitgenössische populäre Glaube, die eigene Naiivnnlitüt oder der eigene iialiouale Staat besitze einen solche» Vollkoimuciihcitsivert lmd eine die anderen Nationalitäten überstrahlende Erhabenheit, daß alle menschlichen Berbandsformeii und Treuverhältnisse bedeutungslos werden gegenüber dem Treuverhältnis zur Nation, und daß ihr und ihren Symbolen wie einer Gottheit höchste religiöse Verehrung zukomme. Diese an Hybris grenzende Ikebenvertimg des Nationale» ist das gefährlich Nene, das, wie Hohes nachweist, weder in der Antike noch im Mittelalter bis zur französischen Revolution vorhanden war. Nationalitäten hat es schon immer gegeben — sie sind eine besondere Form des menschlichen Geselligkcitstricbcs; Patriotisnnis als Liebe Sc Heimat und zum siimcnhaft gegebenen Vaterland hat cs auch oii immer als eine echte menschliche Empsindnng gegeben; aber Nationalismus als eine alle andere entwertende Liebe zu Millionen und Millionen von größtenteils unbekannten Menschen, die über ungeheure Länderstrccken verteilt lvvhnen, dieser Nationalismus ist ein künstlich gezüchtetes Gefühl des letzten Jahrhunderts. Wie sich dieses Gefühl zu Intoleranz und zu hochnintigeiu Haß gegen die unbekannten Menschen anderer Nationalstaaten gesteigert hat, wie eine Pseudowissenschaftliche Literatur und wie wirtschaftlich interessierte Klassen aufreizende Ideologien biologischer und politischer Auserwähltheit für ihre besondere Nation geschaffen haben, lute ferner diese Ideologien durch Staatsschulcn, Militär und Presse propagiert lverden, — das zeigt Hayes an zahlreichen Beispielen und Zeugnissen aus aller Herren Länder. Man steht erschüttert vor diesem Schauspiel geistiger Ver- ' irrnngm und Verwirrungen, die umso verhängnisvoller sind, als in ihnen opferbereiter Idealismus und religiöses Verehrungsbcdiirfnis i der Massen sich anslvirken. Hohes >veist daraus hin, wie stets in I Zeiten religiösen Verfalles Staat und Volk vergottet wurden. In \ der französischen Revolution wurde das Vaterland — la patrie —! zum Gegenstand der Anbetung und des Gottesdienstes. Den Wert! nationaler Sondergebilde erkennt Hayes durchaus an und lvürdigt! ihre kulturelle und sittliche Bedeutung. Der Nationalismus aber, ' der die Nation zu cinein alle sittlichen Werte vernichicnden Götzen j macht und die Menschen mit feindseligem Hochnint gegen Angehörige anderer Nationen erfüllt, dieser von Hayes als patrtotio snoddery i gelennzcichnrlc Patriotismus, gilt ihm als das PerhänguiS nuferer Zeit. - Der Verfasser dieses Werkes ist im Jahre 1882 im Staate New -Park ‘ geboren. Seine Voreltern, mütterlicher-- und väterlicherseits, leben seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Amerika. Er selbst hat an der Colninbia-Univcrsität studiert; seine beiden hauptsächlichen Lehrer, Burgess und James Hardy Robinson, haben ihre historische Ausbildung in Deutschland genossen. Hayes selbst ist von Lessing und Herder nnss tiefste beeinflußt lvordcn. Seit 1910 ist er Professor für Geschichte an der Columbia-University und seit 1922 „head ol the department of history“. Er hat den Krieg als Hauptinaim beim amerikanischen Generalstab mitgcmacht. Darm stadt, Januar 1929. Professor Dr. Julius Goldstein. „Deutslh-Mtslhe Probleme der Gegenwatt." Eine grundlegenve Schrift von Ludwig Holländer. In der Hauptversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Frühjahr 1928 hat Ludwig Holländer ein Nescrnt über das Thema: „Abwehwerein oder Gesinmnigsvercin?" gehalten. Ans eiiistinimigcn Beschluß der Versammlung wurde die Drucklegung dieses Vorträge? beschlossen^. Probleme, die in der Zwischenzeit über die Lebensfragen der deutschen Jndenheit ausgctancht sind, haben Ergänzungen des Vortrages erfordert, der mm unter dern obigen Titel im Druck erschienen ist. Diese kleine Broschüre ist zu den bedeutendsten Veröffentlichungen zu zählen, die über die Grundfragen des deutsch-jüdischen Lebens erschienen sind. Wer das Wirken Ludwig Holländers, vor allem im letzten Jahrzehnt, ansmcrlsnnr verfolgt hat, wer seine Reden gehört, seine Schriften gelesen hat, der musste erkennen, daß er zu einem der tiefschürfendsten Wahrhcitssncher geworden ist, den das deutsche Judentum seit Engen Fuchs ausiveist. Auch an die Spitze seines neuen Werkes gehört der Satz, den der Verfasser bescheiden an den Schlnß setzt: „Arbeiten!vir daran, klar zu dcnkent Das ist der erste Grundfah einer moralischen Geltung. Das heißt: Bemühen wir »ns einmal, all das. was rein suggestiv aus uns wirkt, auszuschnltcu, klar die Dinge zu sehen, wie sie sich wifsenschastlich de,» Wahrhcitssucher darstellm und füllen wir so unsere Entscheidung." Es ist gewiß nicht leicht, leidenschaftslos gerade die Probleme, die von den heftigsten Kämpfen umtobt sind, darzustcllen, und ganz sicher» lich ist cs erst rocht nicht leicht für den, der mitten in diesen Kämpfen steht. Der beste Beweis dafür, daß Holländer diese Ausgabe ge- Inngen ist, ist die Tatsache, daß er auch die ttebcrzcngung des Anders» dcnleiidcn anerkennt; er stellt mir die Gegensätzlichkeit der Meinungen fest, begründet sie und erläutert dann allerdings mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, lvann und warum ein Zusammengehen nicht möglich ist. Die Frage „Abwehr- oder Gcsinmmgsvercin?" innß im letzten Sinne bejaht werden, wenn wir uns klar darüber sind, daß die Ausgabe des Centralvereins nicht nur darin besteht, Angriffe gegen unsere berfassmigsmäßig gewährleistete Gleichstellung abzinvehren — obwohl auch insoweit schon ein reiner Abwehrvcrein auf manche innere Schwierigkeiten stoßen muß —, sondern daß sie darin gipselt, in kultureller und in jeder anderen Beziehung unsere Einbettung im deutschen Volke zu vollziehen. Denn diese Einfügung in die Kultur unserer deutschen Umwelt hat zur natürlichen Voraussetzung unsere Erkenntnis, daß wir im Lande verwurzelt sind, ohne daß dadurch aber unser Berbmidenscin mit Jndcnheit und Judentum in Frage gestellt wird. Dabei handelt es sich um ein sehr kompliziertes Problem. Die Synthese zwischen Dentschtmn und Judentum zu losen, ist eine viel schwierigere Ausgabe als z. B. rin glattes Nationaljiidentmn. Schon die Erkenntnis des Begriffes „Judentum" ist nicht leicht zu finden. Es dürste eines der bedeutendsten Verdienste dieser Schrift sein, daß sie mit aller Klarheit den Satz arifstellt: Das „Judentum" >var und ist niemals ein so eindeutiger Begriff, daß es mit der Bezeichnung als religiöses Bekenntnis erschöpfend zu kennzeichnen wäre, es setzt sich vielmehr aus einer Reihe von geschichtlichen, gesellschaftsgeschichtlichen Momenten zusammen, die durch religiöse Gesichtspunkte verbunden sind. Ihnen haben sich Gesichtspunkte der Stammesgemeiuschast, der Schiüsalsgemeinschast zugesellt. Sie alle, verbunden noch mit manchen anderen kulturellen Erscheinungen, machen den inneren seelischen Bestandteil derjenigen Mcnschengruppe aus, die sich heute Inden nennen. Wem, so in Wahrheit das Judentum erkannt und sein unvergänglicher Kern herausgeschült wird, so kann auch hinsichtlich seiner Zukunft keine Schwarzseherei obwalten. „Wenn Ivir im Sinne unseres Ideals arbeiten, indem wir immer wieder durch Verbreitung unserer Anschammgcn nicht einen auf Phrasen gegründeten, sondern in der Gesinnung verticston Stolz erzeugen, wird auch innerhalb mifcrcr deutsch-jüdischen Welt die Last zu leben und Leben zu geben, sich steigern." Zum Schluß seht Holländer sich noch mit dem Palästina- Problem auseinander. Durch Palästina kann die Jndensrage nicht gelost werden. Wer mit Leidenschaft diese Dinge in die Debatte wirst, überschätzt ihre Bedeutung. Deshalb möge man durch sie imfern Blick nicht von wichtigen Aufgaben ablenken lassen. In dieser Besprechniig konnten natürlich nur wenige Gedanken aus der wirklich inhaltsschweren Arbeit heransgogrisfen werden. Dieses Wenige genügt aber vielleicht, um zu zeigen, daß es sich'in der Tat um eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Probleme handelt, die jeden deutschen Inden bewegen müßten, der nach Klarheit ringt. _ Dr. Kurt Alexander (Krefeld). ») Ludwig Holländer: „Deulsch.IUdische Probleme der Gegenwart. Eine Auseinandersetzung Uber die Grundfrage» des Centraloereins deutscher Staatsbürger illdischen Glaubens." Phile Verlag, 1929.

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