Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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36 Dos Antlitz. Von vr. Arthur L; e l l i h e r (Berlin) Dor einigen Wochen habe ich in der Physivgnvmische» Stndicngcscllschast z» Berlin an einer Neihe von Lichtbildern das Problem des jübijcljc» GesichlS erörtert. Gern lmne ich dem Wunsche der Schrislleitnnd nach, den Lesern der „E. A.-Zeitung" hierüber zn berichten, soiveit das ohne das Bildennatcrial möglich ist. Wenn man sich ans seine persönliche Erfahrung verlasch, vhnc mit den Hilfsmitteln der Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung die Willkürfehler unserer Erinnerung nnszn schalten, kvnnnt nian fast stets zu Jrrlümern. Hierher gehört auch die nicht eiwn nur bei Antisemiten, svndern gerade bei Inden selbst verbreitete Vorstellung, nnr könnten jeden Inden als solchen erkennen, cs gäbe einen j ü d i s ch e » „Typus" in dem Sinne, das; dieser allein bei allen Inden sich fände, niemals bei Nichtjnden. Davon ist leine Rede! Werni wir tatsächlich oft einen Ilirbelannten, ohne mit ihm zu sprechen, z. B. ans Reisen, als Stanirnesgenossen erkennen, so ist das durchaus nicht immer durch seine Physiognomie zu erklären, sondern viel häufiger durch seine Haltung, sein Benehmen, seine Art zn sprechen und dergleichen mehr. Vor allem aber bleiben eben in unscrein Gedächtnis nnr diejenigen Fälle hasten, in denen wir richtig diagnostizierten, nicht aber die, in denen wir uns täuschten. Ein brauchbares Urteil über diese Frage kainr inan nnr gewinnen, wenn man an die Stelle von trügerischer Erinnerung an Ersahrmiben des täglichen Lebens die exakte Prüfung eines cimvandfrcien, nicht willkürlich ausgclcsencn größeren Materials seht. Eben das ver- E ich mit zwei verschiedenen, sich gegenseitig ergänzenden ,aden. Bevor ich hiervon berichte, darf ich daran erinnern, daß die heute lebenden Inden kwcnn man absicht von den der Zahl nach geringen Bolkssplittern der schwarzen Inden in Abessinien, der indischen. Persischen, chinesischen Inden) in zwei nach Herkunft, Gebetsritns, Aussprache des Hebräischen und Wohnlnnd verschiedene Gruppen zerfallen: die Sephardim, Nachkommen der spanischen bzw. ans Spanien vertriebenen Inden, die in Nordafrika, ans dein Balkan und in der Levante leben und nur etwa ein Zehntel aller Inden ausmachen, und die Aschkenasim, zu denen die große Masse aller Inden gehört, die in Deutschland, in Rußland, Polen und Amerika leben. Nnr ganz vereinzelt in den Knstenstndten der Nordsee finden sich in England, Holland und Deutschland Sephardim. Auch die Sephardim sind keineswegs eine einheitliche „Nasse", trenn sreilich -bei ihnen schwarzäugige, dunkelhaarige kleine Menschen mit schmalem Gesicht die Mehrzahl bilden. Aber schon durch ihre geringe Zahl spielen die Sephardim für eine Bclrachinng des „heutigen Inden" oder gar des „dcniischcn Inden" gar leine Rolle. Wie sicht nun der a s chke n a s i sche Jude ans? Die anthropologische» Nntersnchnngcn, auch die von jüdischen Forschern veröffentlichten, gehen außerordentlich scharf nnscinandcr. Die einen, nennen wir sic einmal die linitnrier, behaupten, wie z. B. I. Z o l l s ch a n in seinem „Nasscnproblcm", daß auch heute wie vor Urzeiten noch überall ein einheitlicher TyPnS ohne Rücksicht auf Wohnort ilnd Umgebung fcstznstctlcn sei. Derselben Meinung tvar schon Andrer in seiner „Volkskunde der Inden", der sich besonders auf die Darstellungen von Juden an ägyptischen und assyrischen Monnmenten stützt. Sigmund F e i st hat in seiner ausgezeichneten „Stammcsknnde der Inden" in höchst dankenswerter Weise solche Abbildungen publiziert, besonders die Originnlaufnahmen des 1909 in Arabien ermordeten Ethnologen Her» in a n n B u t ch n r b t. Wer diese Abbildungen nnvoreingeiwmmen belrachtel, wird keineswegs mehr zugcbcn können, als daß ü h n l i ch aussehcnde Gesichter sich bisweilen bei heutigen Inden sinden. Aber sie finden sich eben auch bei Nichtjnden, so bei Arineniern, Griechen und sonstigen Mittclniccrvölkern. ..... Empfänger selbst seine Herkunft gar nicht erraten könne. Wenn wirklich faschistische Kreise Italiens die Hitler-Bewegung finanziell unterstützen tvollten, wäre cs denkbar, daß sie die Herkunft des Geldes in ähnlicher Weise im Dunkeln hielten, so daß Hitler und seine Kassenfnhrcr mit gutem Gewissen in Abrede stellen können, italienisches Geld erhalten zn haben. Wenn nationalistische Kreise int ehemals feindlichen Anstand solche Schleichwege einschlagen sollten, um die nationalsozialistische Bewegung zn stärken, so wäre, >vir wiederholen cs, das lein Beweis für verwerfliche Absichien Hitlers, wohl aber dafür, daß d i e s e A u s l ä n d i s ch e n. N i ch t - deutschen, die von jeher heftige Gegner einer A nnnherung und Berständigung zwischen Dents ch. I a n d und seinen eheinalrgen Feinden waren, die wirksamste Schwächung der deutschen Regierung und der deutschen Außenpolitik davon erwarten, daß der Nationalsozialismus gestärkt wird. Wie verlautet, werden die Angeklagten gegen das Urteil Bernfimg einlegen. Es bleibt abznwarten, ob in der Bcrnsnngsvcrhandliing vielleicht diese in erster Instanz etwas vernachlässigten Gcdankengänge noch eine klarere Beleuchlnng erfahren. W. L. Diese Darstellungen, z. B. die etwa 1200 v. Chr. in Mcdinet Hab» cingcmcißelte Abbildung semitischer Häuptlinge oder die ans dem Salinanassarobelisken dargestclltcn „Tribut bringenden Jsraeliien" von 840 v. Chr. beweisen also keineswegs die „Konstanz des jüdischen Typus durch die Jahrtausende", svndern mir die Konstanz eines TyPnS, der sich hentc neben anderen Type» bei Inden sowie bei anderen Menschen findet. Im strilte» Gegensatz zn jenen Forschern leugnet Fishbcrg, der Verfasser der ausführlichsten Anthropologie, des jüdischen Menschen, absolut jedoch Einheitlichkeit im Typus. Der aschlennsische Jude weise alle möglichen Nasscnmerünnle ans, slnivische, germanische, mongolische, ja sogar negroide — die sehr natürliche Folge seiner Wanderungen rings um'das Mittelmcer und durch ganz Europa. Ucberall habe er durch Mischehen fremdes Blut ausgenommen, und „man kann vo» einer jüdischen Nasse so ivcnig reden wie . . . von einer cvairgelischen Nasse"')! Nicht ganz so extrem äußert sich der jüngst verstorbene W e i ß e n b e r g, der beste Kenner ostjüdischcr Mciischen, der zivar gleichfalls den Glauben an die Konstanz und die Einheitlichkeit des jüdischen Typus für eine Mythe halt, aber betont, daß infolge der Jahrhunderte währenden Vcrfolgnngen, der Abschließnng vom allgemeinen Leben, der steten Furcht »nd Uirsicherhcit in Gesichts a n s d r u ck und Körperhaltung sich eine gewisse Erscheinungsform gebildet habe, die vergleichbar sei mit dein charakteristische» Aussehen eines Gelehrten oder eines Bauern. Wenn dies richtig ist, so muß sich dieser Gesichisnnsdrnck ändern, sobald jene psychologischen Ursachen schwinden, so wie der Bauer sein Aussehen ändert, wenn er die Scholle verläßt, um ei» Stubenhocker zu werden, lind das ist in der Tat der Fall, wie wir später sehen ivcrden. . Aus diesem Grunde schlichen sich auch Feist sowie Boas im wesentlichen dieser Meinung an. Uebrigens hat gerade Boas selbst, worauf in dieser Zcitnng schon wiederholt hingewiesen wurde, die Veränderlichkeit der Schädelsorm und der Körpergröße bei den nach Amerika einwanderiidcn polnischen Inden erkannt und beschrieben. Prüfen wir nun, was denn eigentlich am jüdischen Gesicht das besonders Charakteristische ist. Zunächst einmal ist es nicht die Nase! Nnr die Witzblattzeichncr geben jedem Juden eine krumme Nase; Fishbcrg hat in ausgedehnten Messmigcn gezeigt, daß lamn ein kleiner Bruchteil aller Juden eine gekrümmte Nase ans. weist; etwas größer ist die Zahl der Nasen mit hängender Spitze, aber die Mehrzahl hat dnrchaus uncharakteristische Nasen. Auch die vst behauptete charakteristische Form des Auges, k:- sogcnmmtc mandelförmige Lidspalte, ist ganz bestimmt nicht süchtig. Das häufige Vorkommen von dunklem haltig. häufige Vorkommen l Haar und dunklen Blanängigcn, also in Skandinavien, England, Rorddentschland, ein Unterscheidungsmerkmal. Je weiter ivir nach Süden kommen, desto mehr tritt hier jeder Unterschied zurück. Wichtiger erscheint mir die Form der Lippen. Besonders die wulstige Unterlippe ist es. die für mein Gefühl das Wesentliche am jüdischen Aussehen eines Gesichts ausmnchi. Sodann Kräuselung des Haares, die viel charakieristischer ist als die Farbe.. Aber, »nr es noch einmal zn betonen, alle diese Eigenschaften, also z. B. eine bestimmt geformte Nasenspitze, eine dicke Unterlippe, eine gewisse Haarsorm, brauchen keineswegs zusammen vorhanden zn sein, damit wir von einem Gesicht jüdischen Eindruck gewinnen. Ost ist es mir einer dieser Züge, der unser Urteil bestimmt. Oft ist aber auch keine dieser oder ä h n l i ch c r Eigenschaften vorhanden und mir die schon vorhin erwähnten Umstände der Körperhaltung, des Micnenspiels. bcS Stimmklangs, der Beweglichkeit siiid cs, die unseren Eindruck sormen. Jcdensalls hat Stratz recht, wenn er sagt, daß „unter allen Rasten der Erde bei einzelnen Individuen und Fainilicn jüdisch anssehende Menschen Vorkommen". Fishbcrg hat sogar eine ganze Menge solcher Bilder gesaimnelt rmd abgebildet-, dabei handelt es sich u m S t ä m in e, bei denen e i n e Be r in i s ch u n g m i t I n d c n ausgeschlossen i st: neben Japanern nordamerikanische Indianer und Papuas, Bakairi und Afghanen. Uebrigens spricht der Umstand, daß im Mittelalter die Inden gezwungen wurden, eine» gelben Fleck als Abzeichen zu tragen, dnrchaus dafür, daß auch damals nicht alle Juden jüdisch anssahen; wäre dies der Fall gewesen, so hätte man nicht nötig gehabt, sie geivaltsam zn kennzeichnen! Und min kehre ich zurück zum Ausgangspunkt, d. h. zu der Forderung, bei eigenem Studium dieser Fragen sich freizumacheir von der AÜllkür, die in der Auswahl unserer Objekte liegt. Die meisten Forschnngsreisendcn früherer Zeit bringen (ebenso heute noch viele populäre und halbpopuläre Bücher) oft die Photographien bcsiinnnler Personen mit der Unterschrift „typischem Malaie" oder „typischer Perser" oder „typischer Germane". Das sind natürlich stets Individuen, die man willkürlich zum Typus verallgemeinert hat. Ost charakteristischer für den Antor als für seine Objekte, denn sic zeigen uns, was er sür charakteristisch hält! Um dieser Gcsnhr der ivillkürlichen Auslese z» entgehen, habe ich mehrere Hmidcrte von Paßbildern junger Ostjnden, die auf dem Wege^ nach Üebcrjce Berlin passierten, zu Tafeln znsammengestellt. Die Paßstelle der jüdischen Wandcrfürsorge gestattete mir die Entnahme der Bilder, die sämtlich ungefähr gleich groß und frei von Reinsche waren. Ich >) „Raffenmerkmalc der Juden", S. 258. 75