Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalsozialistische Versammlung für Schüler! Eine Warnung von Oberschulrätin Or. Hildegard Wegscheider. Vor Charlotte,ibargrr Schulen wurden m„ .10. April rote Zettel verteilt oder am Schulnrbände angcklcbt, in denen die Schüler und Schülerinnen Berlins ansgernscn werden, den Kamps „gegen Indentiu», Atarxisnins und jegliche KmchtsrUglelt des lientigen Staates für ein freies »nd gerechtes Deutschland" anszrmchmcn. Weiter wurde die „erste groste nationalsozialistische Schulversammlung" am HiinnrelsalirtStage angekundigt, bei der Rcichstagsabgeordiietcr Lehrer Wagner über die Schnle sprechcn soll. Die Zettel stammten von der Charlvttcndnrgcr Zentrale der Nationalsozialisten. Der Landesverband Grvst-Berlin des Cerrtralvcreins ist wegen dieses unerhörten Vorganges sofort bei den, Provinzialschulkollegium vorstellig geworden. Der berechtigten Empörung über diese Versuche, unter die Schuljugend statt des Geistes der Kameradschaft Haß und Zwietracht zu säen, gibt nachstchender Anssatz Ausdruck. Oberfchulrätln Vr. Wegfcheider schreibt: Die Schule ist eine Stelle, die leicht zu überspülen ist von den Wogen deS Parteikcunpses, und zwar schlagen über die Schulmcmern hinüber zuerst diejenigen Gewässer, die ans den engsten und wenigsten sauberen Bezirken kommen und sich gerade deshalb diesen Weg bahnen, weil sie annehmen können, dnh Unerfahrenheit und mangelndes seelisches Gleichgewicht der Jugend Ohren und Nerven für die lärmende Phrase zugänglich machen. Der ernsthafte politische Kamps um die Schüler wird naturgemäs; in den Jugendorganisationen der Parteien und Weltanschnuungsverbändcii geführt. Daß daneben diese Jugend durch aufreizende Flugblätter von kommunistischer und nationalsozialistischer Seite direkt bearbeitet wird, daß nationalsozialistische Flugblätter erst jetzt wieder in Berlin bis in die Schulräume hineingctragen werden können, zeigt die Gefahren dieses Kampfes. „Juden" und „Marxisten" werden da in einem Atem genannt. Jüdische Kinder und Kinder, deren Eltern Sozialisten sind, oder die sich selbst von den Ideen des Sozialismus beivegt fühlen, iverden ebenso wie demokratisch gesinnte Lehrer aufs fchiverfte beschimpft, In diese Schulflugblätter flüchtet sich die alte Anklage, daß die Demokratie und ihre Stützen, die Linksparteien, es an nationaler Würde hatten fehlen lassen. In diesen Kreisen lebt auch das Dolchstvßmärchcn noch fort, hier kann man noch von Inden als von Baterlandslose» reden. Jnngen Seelen werden durch solches Beginnen schivere Wunden geschlagen; um ihrer Herkunft ivillen oder wegen ihrer Ileberzcngung ivirst man ihnen Kncchtscligkeit und liiedrige Gesinnung vor. Die Nationalsozialistische Partei bereitet eine sensationelle Schulversammlimg i» Berlin vor. Was am 9. Mai der Lehrer Wagner, der Reichstagsabgcordncte, der Jugend sagen wird, das wisse» wir im allgemeinen schon vorher. Ans erfahrene Leute kann es keinen Eindruck machen; aber zweifellos wird dieser Mann wie alle seine rednerisch tätigen Parteigenossen die Güte seiner Argumente durch einen scharfen Bcignß von Schmäh- und Schimpf- Wörtern niisznbcssern suchen. Weder Lehrer noch Schüler brauchen solche Aiigriffe z» fürchten, iveini sie, was die neue Zeit von ihnen fordert, dafür gesorgt haben, daß der Erwachsene aus dem Rederpnlt nicht gefürchtete Autorität ist, der man sich blind nntcrivirft. Die Schiilcn brauchen sich nicht vor solchen Angrisfen zu fürchten, wenn Schüler und Schülerinnen gewohnt sind, in freier Rede und Gegenrede sachlich durch gemeinschaftliche Arbeit der Wahrheit zuzustrebcn, ivenn eine Erziehung zur Bcrachtung des Schlagwortes, eine Erziehung zur selbständigen Meinungsbildung in der Schule durchgeführt wird. Viel fehlt noch an dieser Erziehung! Aber die letzten zehn Jahre haben doch auch m der Schule eine Umlegung des Steuers erreicht. Ich glaube, daß die ängstliche Abschließung von der Oeffcntlichkcit, von der Presse, von der Beteiligung am geistigen Kampf der Partcicn, kurz dasjenige, was man im schlechten Sinne von rechts als Entpolitisierung feiert, daß das sich allmählich überleben wird. Daß die Schule ihre Innerlichkeit nicht mehr durch eine Mauer wird umhegen wollen, die sie vom Leben abschnürt, sondern durch Entivicklnng von Organen int Lehrer und in der Schülerschaft stärken, die Mut und Kraft geben, Angriffe unsachlicher Art zu verachten, sachliche Angriffe zu prüfen, ihre berechtigte Seite anzuerkcnnen, ihre Ucbcrtreibung abzuwchren. Es ist vergebene Liebesmühe, die große Menge der Erwachsenen zur Veredelung des politischen Kampfes erziehen zu wollen. Aber in der Schule ist Gelegenheit dazu! Die Werdenden müssen Würde und Stolz mit energischem Kampswillen und klarer Parteinahme verbinden lernen. Zwischen Alter und Jugend aber steht die Lchrcrschaft. Ich habe das Bcrtranen, daß ein großer Teil von ihr beweglich und pstichtbciviißt genug ist, um diese Erziehung an sich selbst vorzuiiehmeu und sie dadurch auch für die Jugend zn sichern. Hitlers Geldquellen. Das tlfteil im Münchener Beleidig«,lgsprozes;. In dem Pressclwleidignugsprozeß, den Adolf Hitler vor dem Münchener Amtsgericht angestrengt hat, um den oft gegen ihn erhobenen Vorwurf zum Schweigen zn bringen, daß er für seine Bewegung ausländische Gelder erhalten habe, wurde »niimchr das Urteil verkündet. Wer die Berichte über die Beweiserhebung verfolgt hat, konnte vom Ausgang nicht überrascht sein. Das Urteil lautete für Herrn von G r a e f e, den Redakteur O ft c r h u b e r vom „Baycrischcn Kurier" und den Redakteur Z c r s a ß von der sozialdemokratischen „Münchener Post" ans je 1000 Mark, für zwei Mitangeklagte, sozialdemokratische Parteisekretäre, die ähnliche Vorwürfe ans einem Wahlplakat mit ihrem Namen gedeckt halten, ans je 800 Mark Strafe. Einen besonders pikanten Reiz erhielt der Prozeß dadurch, daß die übrigen Angeklagten sich bei ihren Vorwürfen gegen Hitler ans Artikel seines früheren Parteifreundes von Grnefe berufen konnten. Gegen diesen Angeklagten richtete sich auch der Groll des Klagers am stärksten. Das Gericht hat angcnrmuncn, daß der dc n Ang eklngtcn obliegende Wahrheitsbeweis mißlungen sei. Es ist auch nicht zu verkennen, daß in der Beweiserhebung wohl Verdacht, Vermutungen, Kombinationen, aber keine juristisch zwingenden Beiveise zutage gefördert wurden. Was der selbst stark nationalistische Dr. v o n B r e h m c r über seine in Meran und Sizilien geführten U n t e r h a l t u n g e u mit maßgebende n Faschisten erzählte, konnte das Gericht nicht als beweisend mische», iveil er kein eigenes Wisse» von den Vorgängen hat, sondern sich aus faschistische Gewährsmänner beruft, deren Namen er nicht nngeben will. Der „Bvlkische Beobachter" hat schon während des Prozesses den Mund sehr voll genommen, und Hitler wird, wie er ankündigt, am Abend nach der Urteilsverkündung iu einer Massenversammlung den „Zusammenbruch der Einheitsfront der Lüge" beleuchten. Er wird dieS sicher mit dein agitatorischen und dcmagogischm Geschick tun, das ihn auszeichnet. Allein, die starken Töne werden den kritischen Beurteiler nicht darüber hinwegtäuschen, daß Hitler? politisches Ansehen durch den Prozeß k e i ii e S t ä r k n n g erfahren hat. Gewiß, der Vorwurf des Herrn von Graese, daß materielle Einflüsse Hitler zur Preisgabe der Deutschen SüdtirolS bestimmt hätten, blieb unbewiesen; aber die Tatsache selbst, das; Hitler ««bedenklich die Deutschen in Siidtirol seiner Politik opfert, wurde nur um so stärker unterstriche«. Seine nationalen Ziele uiüsicn eben znriiiktrctcn, wo der Glanz der faschistische» Internationale auf dem Spiele steht. Ebenso Ivie der „nationale Mann" erscheint auch der „A r b e i t e r s ü h r e r" in merkwürdigem Licht. Die Frau des Verlegers B r u ck m a ii n und die Frau des Fabrikanten B e ch st c i » bekundeten unter Eid, daß sie und ihre großkapitalistischen Gatten in enger und vertranter Verbindung mit Hitler stehen, so daß er ihnen sicherlich anvcrtraut hätte, wenn er wirklich Gelder aus Italien bezogen hätte. Der Arbeiterführer, der seine wichtigsten Staatsgeheimnisse typischen Vertretern von Arbeitgcbcriuter essen bedenkenlos anvertraut: das ist immerhin ein Gewinn ans der Beiveiserhelmng. Ein Zeuge, auf den Herr von G rn cf e all seine Hossmmg setzte, ivurde nicht Veruvmmcn: der deutsche Gesandte von Neurath in Rom. Der Vorsitzende lehnte seine Vernehmung ab und enthob damit daS Auswärtige Amt der peinlichen Entschließimg darüber, ob eS aus außenpolitischen Rücksichten die Entbindung des Gesandten vom Berufsgeheimnis versagen sollte. Was Herr v o n N e n r a t h, wenn er hätte aussagcn dürfen, hätte aussngen können, das wird man wohl nie erfahren. , Der Angeklagte von Graese hat sich unseres Erachtens zu einseitig daraus versteift, beweisen zu wollen, daß Hitler italienische Gelder wissentlich angenommen und sich dadurch zn seiner Preisgabe der Deutschen in Sndtirol habe bestimmen lassen, ein Aorivnrf, dessen Beweisbarkeit von Anfang an im höchsten Grade zweifelhaft war. Darüber ist aber eine andere Erwägung unter den Tisch gefallen, die zivar Hitlers Charakter persönlich nicht trifft, ober doch zeigt, wie sein politisches Wirken von maßgebenden Sielten im Ans- Innd eingescksnht wird. Der Kapitänleutnant W e n i g hat die schon ans den Verhandlungen des Untersuchungsausschusses bekannte Tatsache als Zeuge bekundet, daß im Jahre 1923 der englische Arbeiterführer Morel dem damaligen Generalst a a t s k o m m i s s a r von Kahr b e st i in m t erklärt habe, Hitler bekomme für seine Bewegung französisches Geld, aber das Geld laufe durch so verborgene Kanäle, daß der