Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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31 Die Aufgabe wahrer volkserziehung. Die öeöeutung öes Ressentiments bei Iuüen unö Richtjuöen. Unter Ncsscntilncnts verstehen wir jene eigentümliche» Beeinträchtignngsgesühle, die, mögen sie nun zu Recht bestehen oder mibercchtigt sein, stets de» srnchlbnren Muiterbvden bilden, in dein der Haft Ivuchcrii und sich gelegentlich, wenn jene Becinlrnchlignngsgesühle sich nämlich vermehre» und verdichte», zum Parvxysmns steigern kan». Jedes individnelle Dasein kennt eine große Zahl ressentimentschwangerer Situationen, und namentlich die Jugend, die noch nicht erkannt hat, daß das Leben gemeinhin mehr Enttäuschungen als Förderungen bietet, ist de», Ressentiment sehr offen. Mein Wunder also, wen» schon unter jungen Menschcn der Jndcnhah mit seinen hllinanitätszerstörenden Gedanken eine „beschämend ivcite Verbreitung"') sindet und die intellektuelle Einsicht trübt. Rach dein Gesetze, das; die Größe der aktiv gleich der der reaklio ist, hat fiel) natürlich bei vielen Inden ein Komplex von Mindcrivertigkcits- oder Bccintrnchtignngsgesühlcii entwickelt. Wo nämlich der jndenscindliche Druck sich gegen schwache jüdische Individuen richtet, die sich anders nicht zu ivchrcn vermögen, beantivvrtcn sie ihn oft genug mitOhninnchlshaßgesühle». So erzeugt sich jene Atmosphäre des Miß. trnnens und der Unfreiheit, die sicher nicht im Interesse einer gefunden Vvlkscntwicllnng liegt. Diese Tatsache lvirkt vielmehr nt unseren Tagen stark hemmend. Keine sogenannte pädagogische Objcltiviiät kann einen ernsthaften Bolkserzichcr der Acrpslichlnng entheben, die von jenen beiden Arten von Ressentiments Besallencn über die Ursachen ihrer Benommenheit ansznklarcn. Der Jndenhns; kann die Nichtjnden so wenig seelisch fördern, lvie die Unlerwerligkeitsgesnhle den Inden wciterbringe». wenn er ehrlich Berstandnis bei und Verständigung mit jenen sucht. Bei beiden >v i r d das z n in Kamps u m s Dasein so bitter nötige Selbstgefühl geschädigt und die E n t w i ck e l n n g dessen gehindert, was wir Persönlichkeit nennen. Schlägt der Antisemitismus leicht und oft in Roheit und Brutalität um, so das Ressentiment bei den Jiiden leicht in Selbstirvnie und mutlose Passivität: ans jeden Fall führen beide zum Bruche des Charakters. Er bleibt dann, nicht mehr fähig zur Ehrfurcht, die Goethe mit Recht das Fundament aller Erziehung genannt hat. Ein solches Minderwertigkeitsgefühl kan,, übrigens leicht pathologisch werden nnd, wie ivir Lehrer lvissen, dam, allen erzieherischen Bemüh,,,,ge» spotten, da er eine nervöse Ausregnng zur Folge hat, die dann aber beruhigt nnd beseitigt werden kan». Sie entsteht jedesmal dann, wenn ein jndrnseindlichcr Wille zur Mackst ans einen so cingcschüchterlen jüdische» Willen trifft. Stoch oster begegnen wir. aber der an sich verständigen nnd mannhaften Abwehraktion lebcnsersvlgrcichcr Inden gegen den Antisemitisnnis. Bei solchen Inden kommt wohl — bei i»> allgemeinen sachlicher Kampsesiveise — ein Psychologisch leicht zu erklärendes Ucbcrschlngcn in das entgegengesetzte Ressentiment vor, nnd das sind dann die Fälle, deren sich der Antisemitismus gierig bemächtigt, um für sich daraus Kapital zu schlagen und das wirkliche Sich-gcgcnseitig-Krnnenlcrnen von Inden und Richljudc» weiter zu verhindern. Skepsis und Resignation bei jungen Menschen, mit anderen Worten: die Dürre der Seele bei ihnen 5» verhüten, indem man den Weg zu den Onellen nicht verschütten Hifjt, das erscheint von hier aus als eine der edelsten Pflichten wahrer Erzieher. Gegenseitige Wescnseinsühlnng von Mensch zu Mensch! Ermunterung zur Selbstdarstellnng, auch lvo sie zunächst nicht erwünscht sein sollte! Abstellnng aller Künstlichkeit nnd pseudosittlichen Rassenhenchelci; Bermeidung der schädlichen halbseitigen oder ganzen Lähmungen des Sclbslbcw»s;tsci»s durch Ressentimeiils, Erhaltung der humanen Unmittelbarkeit! das alles sind Ziele nnd Wcrtstrcbnngen von Erziehern, die sich ihrer Verantwortung gegenüber dem ganzen Volle voll bcivnsst sind. Wir Wolfen wünschen, das; sich die jetzt »och verhältnismäßig kleine Zahl solcher Bvlkserzieher bald ver> größer» inöge. Stndicndircktor Dr. Kramer (Berlin). -) 31. Mariin, „Kennen lerne»!", Aussatz in 3!r. 17/18 der Abwchr-BIätler, Jahrgang 1028. Warum könnenwirdasAlle Testament nicht entbehren? Von einem protestantWen Theologen. Tie wiederholten Versuche, die biblische Geschichte des Alien Tcsiamenls ans unseren Sehiilen zu beseitigen, rühren nicht von heule her. Sie hangen ans dus innigste mit dem Antiscniitisnnis znsannncn, der in keinem Kulturstaat der ganzen Welt so tiefe Wurzeln gefasst hat, so iveit verbreitet ist, wie gerade in dem deutschen. Man verspricht sich bei de» Agitatoren dieser Bewognng eine besondere Stütze nnd Stärkung aus der Entfernung der Erzählungen ans dem Alien Testament, wie sic seit Jahrhunderten im Religionsunterricht behandelt werden, entfernt sind, und mochte als Ersatz dafür außer anderen Stoffen die mythologischen Geschichten ans der alten Germanenzcit eingesnhrt wissen. Daß diese ei» großes Interesse, einen besonderen Reiz für unsere Jugend besitzen, wird niemand bestreiten wollen. Aber ebenso gewiß ist, daß hier eine Verwechslung zwischen allgemeiner Bildung?-, sördernng »nd cthisclicr Beeinflussung vorliegt. DieS sind zwei ganz getrennte Gebiete. Wer beispielsweise mir einmal in der Schule die leuchtenden Angen der Kinder bei der Geschichte „Joseph unb seine Brüder", seine Erniedrigung unb seine Erhöhung, gesehen hat. ivird dies nie vergessen, und man ivird einem Lehrer, der seit mehr denn fünfzig Jahren Religionsstundcn gehalten hat, ein Urteil darüber Zutrauen, ob man gut daran tut, die bewährte Tradition scstznhnlie» oder mit dem alte» Herkvnnneii zu brechen. Man denke weiter an die eminente Bedeutung des Dckaloges (des mosaische» Gesetzes, der zehii Gebote. Grundlage z» dieser späteren Gesetzgebung (Römisches Recht, Code Napoleon, Deutsches Recht usw.) Sie bildeten die mit dem religiösen Schrifttum der alten Kulturvölker (Aeghpter, Babylonier. Assyrcr) zusannnenhänigen. wie sie will, so ist das eine »»leugbar, daß der Tekalog, den wir nun doch einmal nur aus dein Alteii Testament kennen, in religiös-sittlicher Hinsicht über dm altbabylonische» Gesetze», einzigartig in seiner Umgebung dasteht. Wünschen die überkluge» Neuerer vielleicht, das; wir mich dieses Ur- »iid Griindgcsetz unseren Kindern vorenlhnlten? lind ivas soll mit der in'tcressnnteii Urgeschichte, dein ersten imS' ältesten Aersiich, eine Wellgescbichtc zii schreiben, geschehen? Gibt es denn überhaupt ein zweites Buch, in ivelchem der Znsamnicnhang zwischen Weltgeschichte und Weltgericht so deutlich ansgezeigt ivird? Und all die prophetische» Bücher, in denen, abgesehen von dem ethischen Gehalt, sich eine so erschütternde Sprache sindet, das; ivir in der gesamten Weltliteratur uns vergebens nach etwas Aehnlichem »mseheii, sollen sic der Kulturwelt verlöre» gchcii? Noch fehlt das Eindrucksvollste. Es naht die Konsirmativn. Gibt es denn, schon rein Pädagogisch angesehen, etwas Achnliches lvie die Psalmen, obenan Psalm 51? Soll man diese auch ans dem Jugend, iintcrricht streichen? Wir sehen miS diesen wenigen Andeuiungen, wohin Haß nnd Verblendung führen. Man ivill die Jugend eines Segens berauben, der iveit hinauf in unserer Ahncnrcihe Werte geschasscn hat, deren Größe iiiid Tragiveite gar nicht entsprechend erwcsscn, gar nicht genug geivürdigt werde» kann. Gewisse Unterschiede zivischen dem Alten und dem Nciieii Testa» nieiit sind ja vorhanden. Dort der Gott-Herr-Glaube, hier der Gott- Bater-GInnbc, dort Furcht Gottes, hier Liebe zu Gott, Aber die Unterschiede sind nicht so groß, das; das eine das andere nnsschlicsst, vielmehr sind überall gewisse Uebcrgänge, die besser feien als diese alten? Man d.cnke nur an die Hauptforderung beider Rcligiviien: „Ihr sollt heilig fein; denn ich bin heilig, der Herr euer Gott", oder an die andere: „Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzen, Gcninie, dies ist das vornehmste und grösste Gebot. DaS andere aber ist dem gleich: D» sollst deinen Nächsten liebe» als dich selbst. In diesen zivei Geboten hanget das gaiize Gesetz »nd die Propheten." Wird denn jemals, die Kultur mag sortschrciteii, so weit sie will, eine neue Religion anstauchen? Wären alle Philosophen der Welt, die zur Beratung zusanimcnkämcn, imstande, eine neue Weisheit zu entdecken, welche als Ersatz für die alte gelten könnte? Wer wollte dies glauben? Aber, so wendet man ein, daS Alte Testament hat doch reckst viele seltsame, anstößige Stellen, welche für .(linder nichts taugen. Kein Ziveisel, Wir erwidern: eben deshalb braucht man auch Kindern nicht das ganze Buch in die Hände z» geben, sondern für diese sind ziini Gebrauche die Schulbücher da. ivelche Anszüge bringen. Sodann: was würden wir mit einer Bibel ansangen, ivelche lauter Heiligenlegendcn verführt? Ist cs ba nicht besser, fruchtbarer, wahrheiisgemäßcr, tmf; das Alle Testament imS die einzelnen Gestalten so darstcllt, ivie sie ivirklich im Leben waren, nnd das; es nicht bloß die guten >ind edlen Eigenschasten hervorhebt, sondern auch die bösen und häßlichen Züge nicht verschweigt? Aus dein 21. Dculschen > Evangelischen Schulkongres, in Stuttgart (1925) behandelte der I Leipziger Professor der Theologie I). Tr. Girgensoh» das