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Central-Verein-Zeitung · 1929-04-01 · Heft 4 (April 1929) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 4 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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26 lief) ein Ausländer — ein Crmjlcinbet —, besitzt eine Hausdame. Diese hntte vor Weihnachten einen achtjährigen Knaben von außerhalb zu Besuch. Die Angaben über das Lausen. Singen und Weine» eines Kindes finden also ihre harmlose Aufklärung und sind durchaus vereinbar mit der beim Portier getroffenen Feststellung, daß die betreffende Wohnung Kinder im allgemeinen nicht beherbergt. Die weiteren Ermittlungen der Kriminalpolizei bringen dann auch schnell, noch am gleichen Tage, des ganzen Rätsels Lösung. Unter der Wohnung der Frau W. wohnt ein alter Herr K., der stark asthmnlcidend ist und ans diesem Grunde, sobald er einen Ansall bekommt, eine sogenannte „Näncherknr" vorniiniut. Unglücklicheriveise hatte nun dieser alte Herr während der letzten Wochen seine Anfälle gerade immer des Nachts. Nach der Kur pflegte er seine Fenster zu offnen, und der nnnngcnchm riechende Qualm stieg daun zu Frau W. empor und drang unheilverkündend in ihr Schlafzimmer. Bevor die Kriminalpolizei die Akten über diesen geheimnisvollen ,,Nitual>uord"fall beiseitelegte, ging sie noch näher der Persönlichkeit der Frau W. nach. Da erfuhr sie dann, daß die Dame nicht nur im Hause als hysterisch galt, sondern daß sie auch bei dem zuständigen Polizeirevier und ebenso bei derjenigen kriminalpvlizeilichen Dienststelle, die für die Bekämpfung des Mädchenhandels zuständig ist. durchaus nicht unbekannt war. Frau W. gehört zu dem nicht seltenen Persvncnkreis, der leichtfertig die Polizeibehörde mit haltlosen Anzeigen zu behelligen pflegt. Erklärung der gerichilichen Pressestelle Bamberg. Die sriinllsche Presse vcrvssentlicht eine aussührliche Erklärung der Biunbcrger gerichtlichen Pressestelle. Das „Bambcrger Volksblatt' (vonr 18. April) leitet sie solgenderinaßen ein: „Der Mnnauer Mord tvnrde von der nationalsozialistischen Presse zu einer sanatischcn Hetze gegen die jüdische Bevölkerung ausgenutzt. Man suchte die Mordtat als einen jüdischen Ritncümord darzustellen. Besonders der .Stürmer' in Nürnberg tat sich hierbei besonders hervor." Die amtliche Erklärung beginnt: „Ter Bericht in Nr. 13 des „Stürmer" über den Mord an Karl Keßler in SJiniuut bei Hvsheim enthalt folgende Unrichtig- In sieben Absätzen nimmt sodann die nmiliche Erllärnng eingehend gegen diejenigen Behauptungen des „Stürmer" Stellung, durch die der Nachrveis eines angeblichen Riiualmordes geführt tvcrden sott. Sie stellt fest, daß am Tatort eine g r v ß e B l u t - l a ch e vorhanden und die Kleidung des Knaben st n r k mit B l n t d n r ch tränkt gewesen sei. Ter Grad der Blutleere habe dem bei einem Verblutungstode üblichen entsprochen; eine außergewöhnliche, aus künstliches Ausbluten deutende Blutleere sei nicht ausgefallen. Unwahr sei auch, daß sich an der rechten Halsscite drei Vcrsnchsstellcn, die Adern z» diirchtrennc», gesunden hätten. Eine an das „Knicken" erinnernde Verletzung mit Rückenwirbel sei nicht scstgestclli. Die Erklärung geht dann aussührlich aus die Bcsuiide bei der Obduktion ei» uiid kommt zu dem Ergebnis, daß irgendwelche A n h a l t s p u n k t e s ü r d i e B e s ch u l d i g u n g e n d e s „S t ü rnur' nicht vorhanden feien. Jeder Leser ivird mir zugebcn, daß der geschilderte „Kriminalfall" äußerst lehrreich ist. Er bemeist nicht nur, wie leicht Ritnalmordgerüchto entstehen, sondern zeigt auch, wie schnell und wirksam die Polizei, wenn sie entschlossen zupackt, solchem Ritnaliiwrdspuk ein Ende machen kann. Freilich, die Nationalsozialisten hätten es sicher lieber gesehen, wenn die Berliner Kriminalpolizei in jenem Falle ein bißchen langsamer und weniger gewissenhaft gearbeitet hätte. Welch reiches Kapital für ihre Presse Hütten die Berliner Antisemiten aus diesenz „Nitualmord"fall der Frau W. schlagen können, wenn er ihnen rechtzeitig, d. h. vor dem Eingreifen der Kriminalpolizei, zur Kenntnis gekommen lväre. Kein Zweifel, daß sie ihn nicht minder bösartig ausgeschlachtet hätten wie jetzt die Kindertragödie in Bayern. Oer Rinöermorin Nanau. Wie die Wahrheit entstellt wird: Am 24. März wurde in M nnau bei Hofhcim in Bayer» ein simsjähriges Kind vermißt, das man spät abcirds in einem Wald mit durchschnittener Kehle nnssnird. Die Polizei nahrn sich sofort mit aller Energie der Ausllnrrrng dieses grauenhaften Verbrechens an. Kann» aber war die Mordtat bckamiigcrvvrden, da erschien arich schon der Führer der Nationalsozialisten aus Markibrcit am Tatorte, um Material zu sammeln. Wie er dieses „Material" zu vcrlvericn gedachte, das enthüllt eine Notiz im »ntirmntsvzialistischcii Nürnberger Wochenblatt „Der Stürmer" Nr. 12 vom Mürz li)2S, in der cs heisst: „Tic Kehle war durchschnitten und die Leiche völlig blutleer. Die Aufregung in der Bevölkerung ist ungeheuer. Nltgemeiu herrscht die llebcrzeügrmg, das; es sich hier um einen jüdischen SSIntmorö handle." Tie nächste Nummer des „Stürmer" brachte bereits in schreiender Arrsmachung einen Leitartikel: „Der Blnlmord in Manau. Der blonde Knabe. Der Stich in die Halsschlagader. Der bluilccre Körper. Die Wunde am Rückenwirbel. DaS geheimnisvolle Auto." In dem Anssatz selbst lverden alle Einzelheiten des NIordeS, wie il,n die Phantasie des Sonderberichterstatters Tr. .£>. rclrmstruiert, in breiter A»ssührtichleit geschildert. Diese Nummer des „Stürrner" wurde in einer großen Anzahl von Eremplnrcn in der Manauer Gegend verteilt; »aitorialsoziatistische Agitatoren erregte» die Bevölkerung, der sich eine iiesgchcudo Unruhe bemächtigt hat, in diesem Sinne. Drei Versa;» intimsten, die die Jlationalsvzialistc» am Montag, den 1. April, in Hoshcinr veranstalteten, in denen Laudtagsabgcvrduetcr Dr. Hellmrith (Marktbreit) zur „Echnchlsrage", Landtagsabgeordneter Holt; zur „Sache" und die Nativiralsoziatisteii K r a » n und P o i s e l zur „Not der Landwirtschast" spräche», waren lanne vor Beginn Übersicht. Es brauch! Wohl nicht besonders betont z» werden, das; die völkische» Agitatoren im Sinn und Ton des „Stürnrcr" sprachen »rrd das; sic alte Register volks- Verhetzcnder Masiciibeeinjtusiring nuszogcn, um aus diesem ndschcutichen Verbrechen snr sich Kapital zu - schlagen. So arbeiten die Nationalsozialisten. Ohne irgendwelche beweisbnren Unterlagen wird, um der jüdischen Bevölkerung cttvas am Zeuge zu flicken, von einriu „Nitnalmvrde" lcichtsertig gesprochen. Was sagen dazu die maßgebenden Behörden? Die Strnfvcrsolgnngsbehörden und die Regierung, die die Folgen der Ansrerzung unter der Bevölkerung fürchtet, irehmen sich der Ilntersnchnng mit größtem Elser an. Nachdem aussichtsreiche Sparen kurz mich der Tat nicht fcstznstcllen waren, hat sich die Staatsninvnltschnst Bamberg entschlvssen, eine Bclvhnnng von 3 5 0 kl Mark für die Ergreifung oder sichere Ermöglichung der Ermittlung des Mörders ansznsehen. Ein gewisser Verdacht richtet sich gegen einen Radfahrer, der an den;' Mordtage nachmittags gegen 4 Uhr 15 Minuten von Walchenscld gegen Manau zu fuhr. Er wird beschrieben: Alter 28 bis 30 Jahre, barllos, eltva mittelgroß, vermutlich dunkle oder blaue Schirmmütze (nicht Sportmütze), gräuliche Kleidung. Es ist zu hoffen, daß die scheußliche Bluttat recht bald ihre Aufklärung findet, damit in der verhetzten Bevölkerung wieder Ruhe eintritt. Mit Besriedigcmg muß anerkannt lverden, daß die gesamte Geist! ichkeit gege n die wahnwitzige Blutm o r d b e s ch ul d i g u n g Stellung genommen hat. So hat der Vorstand der Bayerischen Rabbincrkonferenz, gezeichnet Dr. Freudenthnl (Nürnberg). Dr. Hanover (Würzbnrg), Dr. Stein (Schweinsnrt), Dr. Snlomon (Bayreuth), Dr. Baerwnld (München), Dr. Wohlgemut (Kitzingcii), Dr. Ephraim (Bnrgpreppach) im „Boten vom Haßgan" (Nr. 78 vom 28. März d. I.) nachstehende Oesfentliche Erklärung veröfsentlicht. „Das verabscheuungsivürdige Verbrechen des Kindesinordes bei Maimu gibt gewissenlosen Hetzern willkonniicncn Anlaß, wiederum die schon unzählige Male als Liigc gebrandmarkte Mär eines Ritualmordes i» die Bevölkerung zu werfen. Diese niederträchtige Bezichtigung wurde in den ersten Jahrhunderten des neu erstandenen Christentums ebenso ungerechtfertigt gegen Christen erhoben, wie in der Folgezeit gegenüber den Juden. Wir empfinden es als Schmach, daß sich das Judentum auch heute noch gegen einen so schimpflichen Vorwurf wehren zu müssen gezwungen ist, gegen einen Vorwurf, der auch dem oberslächlichsten Leser der Bibel als ein Wahngcbilde des Hasses erscheinen muh. Wir erklären hiermit feierlichst: „Die Quellen der jüdische» Lehre, insbesondere auch des Talmud, cuthaltcn kein Wort, das auch nur entfernt im Sinne dieses teuflischen Vorwurss gedeutet werde» könnte. Auch keine irgendwie geartete Sekte, noch irgendein ,Stam>n', wie cs wohl neuerdings in jndenscindlichcn Erklärungen behauptet wird, hat jemals eine solch schcustliche Lehre anfgcstcllt oder einer solche» Tat sich schuldig gemacht. Diese unsere feierliche Erklärung wird durch die grundlegenden Werke der bedeutendsten christlichen Gelehrten, des katholischen Pfarrers Dr. Frank, zuletzt in Königshofen i. Gr., und des evangelischen Profcstors Gehcimrat Strack in Berlin, vollinhaltlich gedeckt. Die Ritnakmordliige ist eine Ausgeburt finsteren Haffes, eine Berlenmdnng unseres Glaubens, die wir in tiefster Entrüstung znrückwcisc». Wir find bereit, die Wahrheit dieser Erklärung gegenüber allen Verleumdern vor jedem Gericht zu erhärte»."

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