Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1$ licljcn Wissenschaft zu sichern. Da wir ja das Alte Testament aus der Hand der Synagoge empfangen haben und Text, Kanonislerung und Einzelverständnis deS Alten 'Testamentes mannigfach aus rabbinischen Ueberliescrungen Licht empfangen, hat der Natur der Sache nach auch die atttestamentliche Wissenschaft, und gerade sie, ein lebhaftes Jntercfle an der Pflege der rabbinischcn Studien. Namentlich dann hat sic das. wenn sic ihr Bereich auch ans die alttcstanienttichen Apokryphen und Pseudepigraphcn ausdehnt und aus d i e G e s ch i ch t e d e 8 I u d e n t u in s von den Anfängen an bis hin zur S ch lv e l l e de 8 n e n t e st a ai c n t l i ch e n Zeitalters. Vollends aber gewinnen die Rabbinica an Bcdentnng für die alttcstanientliche Wissenschaft, wenn diese die große r c - l i g io ns v e rg!e i ch e n de Arbeit mit in ihr Bereich einbezieht, die es mit einem uin sassende n Vergleich de r jüdischen Religion mit dem C h r i st e n t u m und mit den anderen Religionen zu tun hat. Da treten denn auch für den Alttcstamcntlcr große Gegenwartsantgaden in dm Blick, wie z. B. d c r Zusammenhang 'des Alte» Testaments mit dem Neuen Testa nie nt und die Nachwirkung des Alten Testanicntes innerhalb der jüdischen Entwicklung. Bon allen diesen Gesichlspunltcn aus ließe sich die wisseiischastlichc Forderung ausstcllen, daß auch der Alttestanieiitler nvcl) mehr als bisher Anlaß dazu nehmen sollte, sich mit der rabbinischen Literatur zu beschäftigen. Der Kominentar zum Pentateuch von Samson Raphael Hirsch, den inan ineincs Wissens bisher wohl in keinem einzigen alttestainentlichen «eminar findet, konnte da gute Dienste leisten. — Hat auch die K i r che n g e sch i ch t e mit den Rabbinica envas zu tmd Id! meine, daß auch sie von den Rabbinica viel lernen kann. Liehmanns Buch „Messe und H e r r e» in a h I" ziep» erklärlicherweise zinii Verständnis der „Enciaristie" eme ganze Reibe rabbinischer Torte heran. Tie alte imb die spätere UivdT l)tn lick, »lannigsack! mit dein Judentum imscinandergesetzt. Plan leie die reichhaltigen lliachiveise in dein ersten bisher erschienenen Bande eines großen, geplantcii Werkes, das der Auseinanderieynng pviseben Judentum niid Christentum gewidmet ist iiiid zunächst namentärli für das Mittelalter die Beziehungen ziviscktcn Judentum und Cliristentum scstslettt, Luther eingcschtoiscn: Ich nicme den starken Band von L. I. R c iv m a n über o cv i 3 i> inlluence o n Christ i a n rdorm movements“, i'ii'iu '3)orf!N2,">. Tie Judeiweriolgu»- gen, die leider imierhalb der kirchcneeichichtliebcii Arbeit viel zu ivcnig beachtet zu werde» pilegen, >erucr das wichtige Thema „Luther und die Inden" beiveiseii, mie viel Anlaß and) der Kirchenhistorikcr hat, fid) um die Rabbinica ,zii bekümmern. Mali denke dabei auch noch daran, daß ja gerade durch jüdische Vermittlung sowohl die mittelalterliche Philosophie als auch die christliche Erläuterung des Alten Tnstammts beciiislußt worden ist. — Und nun ziir systematischen Theologie. Ta gibt es von jüdischer Seite die Werke von B ac ck. „Tas Wesen des Judentums", Köhler, „Systematische Theologie des Judentums", G n d c m a » n , „Jüdische Apologetik" R v.s e »; w c i g , „Ter Ster» der Erlösung", Gnttinann, „Tas Judentum und seine Umwelt". Alan arbeitet von jüdischer Seite an der Anseinandersehung mit dein Christentum. Aber die christliche Dogmatik und Apologetik niid Ethik beschränkt sich noch immer iiieist da, >vo sie über das Judentum zu urteilen hat, mit die Aussagen des Neuen Testamentes. Selbst diejenigen Werke, die die vergleichende R e! i g i o n s g e s ch i ch t e darstellen, übergehen in hohem Maße merkwürdigerweise die Tatsache der reichen jüdischen Entwicklung in der Zeit vom Neuen Testaincnt an bis zur Gegenwart.- Und doch ist für den christlichen Systeinatiker die Ausgabe gar nicht so schwierig, etwa an der Hand der genannten jüdischen Werke seine Apologetik und Polemik gegen das Judentum zu vertiefen und ,zn bereichern. Je mehr die ncntestamenlliche Forschung, die sa bod) stets für den christlichen Systematiker besonders wichtig ist, sich der Rabbinica bemächtigt, desto mehr ivird in dieser Richtung sicherlich sich auch snr die systematische Theologie allmählich eine sehr fühlbare Lücke schließen. Eine sehr wichtige Aufgabe der christlichen systematischen Theologie ist es ja doch ohne Zweifel, auch einer wirklich wissenschaftlichen Auseinandersetzung des Christentums mit der jüdischen Religion zu dienen. Ohne gründlich in Rabbinicis Bescheid zu wissen, kann man ivcöer das Baker u n s e r noch das Abendmahl richtig verstehen, und auch das sind ja unler anderem Ausgaben der systematischen Theologie. Daran, daß die Bedeutung der Rabbinica so tief in die n e u testamcntlichc Forschung eingreist, braucht hier nur kurz erinnert zu werden. Je grundlegender das Nene Testament für jede christliche Tvgmatik ist, desto mehr gilt dann dasselbe von der Notwendigkeit, daß auch der christliche Systematiker die Rabbinica zu berücksichtigen und auszumerten hat. — Für die Praktische Theologie ist schon oben angedcutet, daß zum Verständnis der christlichen liturgischen Entwicklung, insbesondere and) des Abendmahls, die Rabbimca unentbehrlich sind. Dasselbe gilt für eine Geschichte des christlichen Unterrichts und der Predigt. Lehren uich Lernen, und zwar von Jugend an, ist ja doch für das Judentum konstitutiv und tritt im Neuen Testaincnt oft genug hervor. In dem Kamps um die Ne l i g iv n s sch u t c reichen sich Judentum und Christentum die Hände. Ta dieBolks - tümlichkeit der Predigt sehr viel von Jesus, namentlich von seinen Gleichnissen, lernen kann und diese Gleichnisse eng mit der Lchrweisc der Rabbincn zusmitmenhüngen, ergeben sich and, von hier ans Perspektiven, die in die Rabbinica hineinweisen. Tiefe Andeutungen mögen genügen, um die Bedeutung tc3^ Talmud für die theologische Fakultät zu veranschaulichen. Ich aebpi zu der j u r i st i s ch c n Falnltät über. ' Der Talmi,v »rnv die juristische Fakultät. | Auch mit der juristischen Fakultät ist der Talmud durch ein sehr '» enges Band verbunden. Tie eigentliche Seele des Talmud ist die 1 Auslegung und Anwendung des mosa i scheu Gesetzes. In - diesem Gesetz, das bereits in der Form von einzelnen gesetzlichen;ij Vorschriften in den fünf sichern Mose vorliegt, verehrt der Jude 1 den Witten Gottes. Das Gesetz des Moses ist daher das für ihn ’* g ülti g e Ges e tz. Und diese Gesetze wollen mm angelegt und au die verschiedenste» Zeiten und vorkoiiimciideii EinzcifäUe in allen -t Zeiten der jüdischen Geschichte angewrndet sein. Was lag da näher "1 als die Ausbildung einer juristische» Kasuistik und die * Weiterbildung der in o s» i s ch e n Kasuistik? Tiefe 's Ausbildung ist denn auch erfolgt, und dasjenige Stadium der '' jüdischen juristischen Kasuistik, das'bis zum scchsten Jahrhundert „ach! Christo in Babylonien innerhalb des persischen bleiches, drin die 's Inden damals großemeils angehvrten, erreicht war. hat fid} tum im Talmud niedergeschlagen. So ist denn der Talmnd vvriviegend ein juristisches Buch j und daher für den Juristen und die juristische Winenschajt ei» i wichtiges Totiiment namentlich der R ech ts g e sch i ch l e. Tiefer ' Zivcig der Rechtsivissenschaft kümmert ftdj denn auch tatfacftSich um den Talmnd und alle weiteren indnchen R'cchtsbucher, die neh an ihn - angeschlossen haben, sehr genau. linker den zahlreichen Problemen „ der vergleichenden Rechtswisiemchait spiel! dabei das Verhältnis des talimidischen üiechtes zm» roinisdien Recht und dann auch zum deutschen Recht eine große Rolle. An Gelehrten, die ans diesem . Gebiete der Rcchwgeschichte tätig sind, nenne idi vor allem den Leipziger Professor der Rechisgeichichle .Ko schaler. " Juristen sind demnach in erster Linie fällig, den Talmnd richtig zn verstehen, tiu-tl ihnen ]a die An des juristischen Denkens etwas ganz Gelänsiges ist. Ter Jurist tveiß, daß er vom geltende n- Recht anS zu denken hat. Er tveiß ferner, daß sich sehr leicht bei der Einordnung des einzetiten Falles des itnrflicljcn Lebens in die vorhandenen Paragraphen des gellenden Rechtes allerlei Kontroversen ergeben. Ter Talmud enthält daher nicht nur fertig fortnnlierte kurze R c dj t 3 i d tz c, sondern auch eine Fülle von Kontroversen. Er gilt für den Inden bis aus den heutigen Tag, und er gilt nicht; denn er gilt überall insofern, als er das gültige Recht — also hier das mosaische — richtig entwendet und auslcgt, er gilt aber insofern nicht, als er mit seiner Stufe der Kasuistik, die sich zunächst ans die Zeit bis etwa 500 nach Christo bezieht, natürlich nicht ohne weiteres ans die G e g c tt w a r t und ihre Einzelsällc mechanisch übertragen werden kann. Tnsselbe gilt von dem sogenannten Scltulcfiun arukh, der sich ans das ir>. Jahrhundert nach Christo bezieht. Gerade durch die juristische Art des Talntitd »nd dadurch, daß er zu seinem Verständnis jnrtftifdje-i Teilten verlangt, hat sich das Jndeitttim vor Ersiarrnitg bewahrt intd immer wieder die Ausgabe vor sich, den Inhalt der 'Thora, d. h. des ntosnischen Gesetzes, zcitgemäß — natürlich im Anschluß an die Arbeit früherer Geschlechter — aiizmvenden und iveiterznbildei!, Ter Talmud erzieht zu irfjavfem, inristischeiit Teilten, bei den,' es genau ans den Wortlaut der sorinnlierten Lätze und ntif ihre Tragiveite aiikviinnt. Bei jedem Satz der rabbinischen II a la klm. d. h. jabfin jnristischeit rabbinischen Satz, innß man daher genau ans seinen Wortlaut achten tmd vor allem diejenige Stelle des »ivsni scheu Gesetzes in ihrem genauen Wortlattt kennen, ans der er abgeleitet morden ist. Atrs alledem folgt, wie tief der Talmud in die juristische Wissenschaft hineingehört und hineinreicht. Ich gehe weiter zti denjentgen Beziehtniaeii über, die der Talmud ziir medizinischen Wisscttschaft hat. Der TalMttD «nv Vie mcvizinische Fakultät. Tie Universität Leipzig verfügt über ein sehr bedeutsames In- ... ftihit für die „G c schichte der Medizin", das jetzt mrtr.v der Leitung von Professor S i g e r i st, den, Nachfolger von Geheimrat Sudhos, steht. Auch dieses Jnstitltt besitzt z. B. die Goldschmidtsche Tal- . mudausgab« und ferner eine Reihe von Werken, die es mit der „biblisch-talimidischen 'Medizin" zu tun haben. Wer sich einen Ein- - druck davon verschaffen will, eine ivie große Bvdentung der Talmud g für die Geschidjte der 'Medizin hat. der lese z. B. das Buch von J W. E b st e i n, „Die Medizin im Renen Testament und im Talmud", ferner das niitfassende Werk von I. Preß, „Biblisch-talmudische g Atedizin". ■{ Diase Seite des Talmnd hat darin ihren Grund, daß ja das n mosaische Gesetz eine ganze Reihe von Vorschriften entljält, die >n k das Gebiet der Medizttt hineiugehoren. Htnznkommt, das; der Tal«» mnd ein nmfasscndcr Niederschlag des jüdischen Volkslebens soin^^ Zeit ist, und zn allen Zeiten haben natürlich die Hygiene, i"a" Kranken Heilung, Geburt, Schwangerschaft. T eine große Rolle gespielt. At,ch an die Vorschriften übor