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Central-Verein-Zeitung · 1929-02-01 · Heft 2 (Februar 1929) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 2 (Februar 1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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/ Messing und Mendelssohn. Zu Lesjmgs 2oo. Geburrsrage. Vvn I. Landau. Der Jahresregent am Himmel unserer deutschen Dichtung, unseres gesamten Geisteslebens, ist G o t t h .0 [ b EPhrai in Lessi n g. Aber mau umn nicht Vvn Lessiug sprechen, ohne auch des Mannes zil gedenken, mit dem ihn durch dreißig Jahre und bis an sein Ende eine innige Freundschaft verbunden hat: Muses Mendelssohn. Es ist, als ob Lessing und Mendelssohn, beide im selben Jahre, 1729, geboren, auch sirr einander geboren wären. So waren sie in Gemüt und Charakter, in Wirken und Streben verbunden. „David und Jonathan", wie Nicolai sie einmal nannte. Auch nachdem Lessiug aus Berlin nach Wvlfenbüttel übergejiedelt war, hat er alles, was ihn Persönlich oder was sein Schaffen betraf, mit Mendelssohn beraten, und in den Briefen an seinen Bruder in Berlin liest man immer wieder: „Besprich es" oder „berate es mit Moses". Denn nur „Moses", oder „Onkel Moses" war Mendelssohn seinen Freunden und Bertranten. Auch Goethe spricht vvn ihm gelegentlich als von „Moses". In dem, was beiden, was Lessiug und Mendelssohn, das Wertvollste war, im Kampfe für die Aufklärung, im Sinne einer^ Verbreitung von Wahrheit und Klarheit, für Toleranz, im Smie nicht bloßer Duldung, sondern der A ch t u n g u n d Würdigung fremder Glaubens- oder M e i - n n n g s a r t, waren sie von Anbeginn Verbündete. Lessing ist von Mendelssohn nicht erst zu dieser Toleranzidee geführt worden, er ist nur in Gemeinschaft mit dem Freunde;n einer höheren Auffassung von ihr gekommen. Vertraut war sie ihm von je. Ist er doch gleichsam in einer Atmosphäre edelster Toleranz geboren. Sein Großvater, Pastor Theophilus Lesfing, schrieb bereits 1670 eine Abhandlung: „D e t o 1 e r u n t i a r e 1 i g i o ti u m“, die er öffentlich verteidigte. Der gleiche Geist herrschte im Hause des Vaters, des Pastors in Kamenz. Als Aufnahmearbeit für die berühmte türstcnschnle St. Afra in Meißen schrieb der zwölfjährige olthold Ephraim einen Aufsah über: „Die Beseitigung des Begriffs Barbarentum durch Christus." , In dieser Arbeit heißt es: „Es ist barbarisch, einen Unterschied zwischen den Völkern zu machen, die alle von Gott geschaffen und mit Vernunft begabt sind ... So wollen wir auch die Juden nicht verurteilen ... Niemand ist ein Barbar, der nicht unmeilschlich und grausam ist." Hier ist schon im Kern die Idee vorhanden, die, vierzig Jahre später, im „Nathan" ihren herrlichen Ausdruck fand. Mit neunzehn Jahren, und ehe er von Mendelssohn wußte, schreibt Lessing ein einaktiges Lllstspict „Die Juden", und da läßt er den „Reisenden" — den Juden also — zum „Baron" sagen: „Ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker . . . , ich sollte glauben, daß es unter allen Nationen gut^nnd böse Seelen gibt." Und das kleine Stück gipfelt im Schlußgespräch: „Baron: „Alles, was ich von Ihnen sehe, entzückt mich. Oh, wie achtungswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen!" Der Reisende: „Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen." Ueber dreißig Jahre später, im „Nathan", erhebt sich die gleiche Auseinandersetzung zur Höhe der edleren, allgemeineren Anschauung, die Lesstng im Umgang mit Mendelssohn, dem Modell seines „Nathan", gewonnen hatte. Gerührt von Nathans schöner Menschlichkeit ruft der Kl osterbruder: „Nathan, Nathan, Ihr seid ein Christ! Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein bess'rer Christ war nie." Nathan: „Wohl uns! Tenn was Mich Euch zum C h r i st e n macht, das macht Euch mir Zum Jude n.". Die dreißig Jahre, die dazwischen liegen, gehören dem Freundschaftsbunde Lessing-Mendelssohn an. Als Zwanzigjähriger nach Berlin gelangt und noch in den Kärglichsten Verhältnissen lebend — „für einen Groschen und sechs Pfennig bekomme ich eine starke Mahlzeit" schreibt er 15 “ gerät er bald in den geistigen Bannkreis Mendelssohns, und dmschreibt er über ihn: > -r l^n lm voraus,als.emlö Ehre seiner Nation 1)n?n£crg seine eigenen Glaubensgenossen zur SSäs -»M. <L iDisit [SäriiÄ lg. Beide haben sich mit Sinnmrr fipfnfifflnffi«/» Yva* Less>»g. Beide haben sich mit Spinoza befaßt' Leiirna bal hip allgemeine Aufmerksamkeit oft auf ©ÄaB« 'Mendelssohn war. kein Spinozist und hat Lessing für'keinen Aalten. - Darum geriet er völlig außer sich und fast in eine Art Verzweiflung, als v a c o b i, nach LessingI Tode, ihn als Spliwzlsten Ichllderte^ Goethe behauptet sogar in den „Annalen", daß sich Mendelssohn „über die Entdeckung vor Lessings spinvzistischer Sinnesart durch Friedrich stacobi ir v , .„ von r j - - - -.durch Friedrich Jacobi in buchstäblichem Sinne den Tod holte". Herrschte doch sonst in ihren kritischen und philosophischen Anschannnqcn lückenlose Uebereinstimmnng. Vielfach sehen >vir sie gemeinsam schaffen, und gemeinsam tragen sie auch die Zurücksetzung durch Friedrich II., der in literarischen Dingen wahrlich nicht „der Große" war. Wenn auch das Widerstreben des Königs^ gegen sie sich nicht zu dem Paroxismns steigert wie gegen Sh ak esp e a r e und Goethe. Von Shakespeares „abscheulichen Stücken" meint Friedrich: „Diese lächerlichen Farcen („Hamlet", „Lear" usw.) sind würdig, vor den Wilden in Kanada gespielt zu werden", und den „Götz von Bcrlichingen" nennt er kurz und bündig: „Ein ekelhaftes Gewäsche/ Lessing sowohl wie Mendelssohn erregten Friedrichs Unwillen besonders durch ihr gelegentliches Eintreten für den! Optimismus Leibnizens, den er verabscheute und, wie später Schopenhauer, für eine „ruchlose Weltanschauung" hielt. Die Timon-Stimmung Friedrichs, seine Menschenverachtung, drückte er oft und besonders scharf in dem Ausspruch aus: „Vous ne connaissez pas, comme moi, cette maudite race, ä laquelle nous appartenoos.“ Ein andermal nennt er den Menschen: „La plus m geh ante bete de l’univers.“ Unbedingte „Optimisten" und Leibni.zianer waren dabei weder Lessing noch Mendelssohn. Tie preußische Akademie der Wissenschaften schlug zweimal Mendelssohn für die Mitgliedschaft vor. Hatte er doch mit seiner Abhandlung über die von der Akademie ausgeschriebene Frage: „Sind die metaphysischen Wissenschaften derselben Evidenz fähig wie die mathematischen /' den ersten Preis erworben, während K a n t sich mit einem ,,„a ceessi t“, einem Nebcnprcis, begnügen mußte. Die von Lesfing und Mendelssohn gemeinsam geschriebene Abhandlung: „Ist Pope ein Metaphysiker?", wie überhaupt ihre Erörterungen über die englischen Philosophen, erregten nicht geringe Aufmerksamkeit. Zweimal strich Friedrich II. Mendelssohns Namen von der Liste. „Mir genügt der Vorschlag durch die Akademie", tröstete sich Mendelssohn heiter. „Hätte der König mich vvrgeschlagen und die Akademie gestrichen, das iväre freilich beschämend." Ebenso lehnte Friedrich II. Lessings Bewerbung um den Posten eines Bibliothekars ab und berief einen unbekannten Franzosen. Das war eben Friedrichs „Fremdheit im heiniischeu", wie Klvpstock sagte. Kestner schrieb damals das Epigramm: „Ein neuer Dionys rief von der Seine Strande Svphistenschwürme her für seinen Unterricht. Ein Plato lebt in seinem eigenen Lande, Und diesen kennt er nicht." Enger noch als bei den philosophischen war die Zusammenarbeit bei den kritischen Schriften. Die Herausgabe der „Literaturbriefe" regte Nicolai an, indem er den Freunden schrieb: „Was wir in unseren täglichen Unterredungen sagen, das wollen wir niederschreiben. Wollen ansangen, wenn es uns gefällt, aufhören, wenn es uns gefällt, reden, wovon es uns gefällt, gerade so, wie wir es machen, wenn wir zusammensitzen." Die Hauptsorge galt aber immer der Aufklärung, als eurer Eroberung der geistigen Güter für die breiten Schichten, galt der Toleranz als der freundlichen Annäherung der Bekenntnisse und Parteien. An diesen Bestrebungen hatte auch der junge Goethe seine Freude. Er schreibt in „Dichtung und Wahrheit", III. Teil. 13. Buch: „Die Duldsamkeit der Relrgionspnrtcien gegeneinander ivard nicht nur gelehrt, sondern auch geübt. Duldsamkeit gegen die Inden war man mit Berstand,' Scharfsinn"und Kraft anzuempfehlen bemüht." '■, Seine Verehrung für Lessing verband Goeihc mU ocr Sympathie für Mendelssohn. In „Dichtung und WahrhelL- —

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