Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2571117-2571156-2571158--338-2571658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mein Erlebnis mit Mexanöer. Von Lberst«dicnvirektor Prof. Dr. Paul Hilvebrandt. Er war das, was die Franzosen clietif nennen, ein armer, kleiner, häßlicher Judmjnngc, mit ein Paar guten Angen im Kopf, die aber srichzcitig schon eine Brille tragen mußten. AuS irgendeiner kleinen Stadt des Ostens m,u er im Laufe des Krieges mit seinen Eltern gekommen, kleinen Lenken, die wohl glanbicn, ihr Glück hier machen zn können, und die es doch nie gemacht haben, Bon früh litt er an irgendeiner katarrhalischen Erlranknng der Atennrcge, sprach nndenllich nnd durch die Aase, ivas ihn mich nicht gerade verschönte. Er kam jii mir, ich glaube, es war in die Quarta, in eine Horde nberniiitigcr nnd — luie es nn» einmal nicht anders ist — grausamer Jungen, die sicki von vornherein über ihn lustig machten. Das; er Jude mar. erregte vielleicht nicht einmal so sehr ihre Spvttlust als seine hinfällige .Körperlichkeit, Aber weil er eben Jude war, scheu »nd geduckt, kühlte man bei allen Gelegenheiten sein Mütchen an ihm. Freilich, mir kam das nicht zum Bewußtsein, denn n'ährend der -Stniiden geschah so etwas nicht. 'Jliir ab »nd ,;n in den Pansen kam cs mir vor. als ob er gerade Gegenstand mancher Hänseleien sei, aber schließlich waren auch andere Jungen da, gegen die sich die Spoitlnsi der Quartaner richtete — jedenfalls kam nicht» vor, was über das Maß des in solchem Alter Erlaubten hinausging. Eines TagcS untcrnahinen mir einen Spaziergang — damals gab es noch nicht die Wandertage —, bei dem es eben jnngcnmäßig zuging, wie iinmer. Ganz plötzlich merkte ich, daß die Sache bösartig ivnrde. Schließlich kam A! er an der weinend z» mir nnd beklagte sich nber^ die anderen, „Wir haben es aber gar nicht so böse gemeint!" So meinte einer von ihnen, der sich getroffen fühlte, „Er ist mir so zimperlich, nnd da haben wir ihn ein wenig gcsvppt!" Ich griff das ans, gab zn, daß er besonders leicht verletzt wäre. langte mir dann aber die beiden Slärkslen der Klasse und setzte ihnen auseinander. daß es eine Feigheit sei, einen Kamcraden, der doch für -seinen sckswache» Körper nichts könne, bis ans» Blut zu verhöhnen, — das sei keine .üanieradschaftlichkeik, sondern nicderträchkig, Alexander selbst gab ich natürlich nicht recht. Ich sagte ihm, er müsse dafür sorge», daß er nach Möglichkeit seinen Körper stähle, um mit den andern Jungen fertig zn werden und ihre Angriffe abwehren zu können, Bon dem Tage an habe ich nicht mehr gemerkt, daß die Klasse sich mit ihm anders beschäftigte als mit christlichen Kameraden, daß (Schluss des Aufsatzes: Lcssing und Mendelssohn) erwähnt er: „Mendelssohn trat auf und erregte Teilnahme und Bewunderung." Und in den „Schriften zur Kunst" („Beiträge zn Lavaters physiognomischen Fraqnienten") schreibt er in bezug auf einen Hvmer-Kopf, der in Konstantinopel gesunden worden: „Vergleiche die Stirn mit der förschcndcn, entwickelnden jj-raft, die Mendel» s o h n s Stirn oben so wölbt nnd unten schärft. Solche Stirne ist des Seher»." Erst als man Goethe einslüsterte, Mendelssohn habe Nicolai, angeblich, zur Herausgabe der Weriher-Parodie ermuntert, die Goethes höchsten Zorn und schärfste Abwehr in den lkenien heraussvrderte, wandte -sich Goethe von Mendelssohn ab. Goethes Wort: „Lcssing wollte den Titel eines Genies ablehucn, allein seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn", dieses Wort kann auch von Mendelssohn gelten, wenn man seine immer noch spürbare Wirkung, besonder» in der jüdischen Gcmcinschast, in Betracht zieht. Ebenso Goethes Wort: „Wodurch ist Lessing so groß, als durch seinen Eharakter!" Des Zusammenwirkens mit Mendelssohn gedenkt Lcssing oft. wenn er seiner ..Gespräche mit dem besten'Freund" erwähnt. Nach dem Heimgang L e s s i n g s schreibt M e n d e l s s v h n , der den Freund um fünf Jahre überlebte, an dessen Bruder: „Fontcnelle sagte von KvpernikuS: ,Er machte sein ncues Meltsystem bekannt und starb!' Der Biograph Jhres Bruders kann Jiiit dem gleichen Anstand sagen: ,Er schrieb den Nathan nnd starb.' Bon einem Werke, das so sehr über den Nathan ragt, wie dieses über alles, lvas er bis dahin geschaffen, kann ich mir keine Vorstellung machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die unseren sinnlichen Augen sich entzieht. Und das tat er." Gleim aber ividmete L e s s i n g diesen Nachruf: „Den Einen, unfern Stolz, den haben wir verloren. Ihn, der der Nation im Ausland Rnhni crivarb. ,Es werde Licht", sprach Gott — und Leibniz ward geboren, ,Es werde Finsternis'; sprach Gott — und Lessing starb." im Gegenteil die beiden kräftigsten Jungen nahmen, >vo sie nur konnten. nun fcincr\ qr] Jahre waren vergangen. Alexander war meinen BlickenW entschwunden. Tn bekam ich eine neue Oberscknnda, und fi^c $ er war in ihr. Natürlich waren seine Kameraden nicht meh« dieselben wie früher. Die wenigen, die mit ihm Schritt gehalten^ hatten, standen völlig anders als damals zu ihm, nnd für bio anderen, die ihn früher nicht gekannt hatten, war er «::: Kamerad"? genau wie jeder andere, nur daß inan ihn, der noch immer schwäch-, lich nnd anfällig war, gutinütig bedauerte, auch wohl ab und zh.ö so als eine Art Küken'behandelte. Aber er lvar ihnen jetzt doch inehr gewachsen als früher. Er hatte — ich weiß nicht, ob dns unter dem Eindruck meiner damaligen Meinung geschehen war — eifrig vcr. sucht, seine Kräfte zn stählen, und wenn ihm dies auch nicht allzusehr gelungen ivar, so schienen doch seine Kameraden seine Schwäche nicht mehr als Ziel ihrer Spvtklnst zn betrachten. Zudem war er nicht gerade übernormal, aber durchaus gut begabt, sehr gutmütig nnd das. was man einen guten Kameraden nennt, kein Spiel- Verderber und stets bereit, für den anderen einzuspringen nnd ihm zu Helsen. Ich habe ihn drei Jahre hindurch gehabt. Wir haben in dieser Zeit in der Klasse mehrfach in Klasscngcincinschaftcn über Fragen der Kameradschaftlicksteit gesprochen, denn auch in Primen kommen allerhand schwierige Situationen vor, in denen ein Teil der Klasse gegen den andern steht und durch allerlei Eifersüchteleien und gegensätzliche Anschnunngcn verhetzt wird. Niemals ist eine Stimme-- gegen Alexander laut geworden, im Gegenteil, trotz all feiner Häßlichkeit und seiner Armseligkeit hatte man ihn besonders gern, ja, gerade seine christlichen Kameraden suchten etwas darin, ihn zu beschützen und nett gegPi. ihn zn sein. Einmal machten wHtbine Klassenreisc für eine Reihe von Tagen ins winterliche GebirEc: A l c x a n d e r war noch genau so mibe- Holsen wie früher, abxyter lachte oft selber darüber. Mit einem auch etivas schwerfälligem Kameraden brach er am Nachmittag auf, um einen schwierigerewWeg zu gehen. Die Dunkelheit brach herein, c nicht znrückgclöinmcip Diese Nachricht verbreitete sich plötz- "\cr ist noch nicht da!" Und schon dem ep -gesucht werden sollte. -Trupps, die ihn im Walde ans- Km Hanse.hinaus waren, kam er . , )pn den schon zum Abmarsch bereiten Kameraden rm^einem wirklich befreiten und befreienden Hallo empfangen, FüMMinuten später hänselten ihn alle, nach Kräften, aber mit einer-Gutmütigkeit, die uns alle so zum Lachen brachte, daß uns die Tränen über die Backen liefen. lich in der ,KIape. „AleH ivnrde ein Plan verabred; Sämtliche Jungen teilten f. spüre» wollten. Als die erste ivohlbehaltcn zurück und r ’ Ei» paar ganz nlliägliche Erlebnisse ans dem Schullcben!. Aber sie zeigen, daß manchmal ein kleines Ereignis, das vielleicht den Jungen selbst ivicdcr ans dem Gedächtnis entschwindet, für das Verhältnis zn Kameraden entscheidend sein kann. Sie zeigen weiter, daß nnincrtllch ans der Oberstufe die Haltung einer ganzen Klasse durch leise Führung des Lehrers ganz stark beeinflußt werden kann. Ich entsinne inich nicht, jemals ein Wort über Duldung unter den Religionen geredet zn haben, ivvhl aber über Duldung Schwächerer durch die Stärkeren, über ivahre Kameradschaft und echten Gemeinschaftsgeist. Und gerade das innß^s gewesen sein, was die Klasse lv stark beennlußt Hai, daß AntiseMtismns ihr völlig fremd ge- „Prophctc rechts, Prophet« links." Im Jahre 1S07 starb in W a i »der nach daselbst geborene Prälat und Protonotar Dr. ,Friedrich Schneider im Alter von 71 Jahren. Er waMmif dem Gebiete der 'Archäologie hcrvvrragend tätig, und der Altcrtumsvcrem in Worms halte nn ihm einen treuen Lenster. Auch in dessen Zeitschrist „Vom Rhein" war Schneider ein slcißigcr Mitarbeiter. Don war es auch, ivo wir uns öfters begegneten. Diese Begegnung sührtc zu einem lebhaften wissenschaftlichen- Bricswechseh aus dem ersten seiner Briese gebe ich nachstehenden Ausznk ivicdcr, in dem sich seine wahrhast Immune Gesinnung spiegelt: „Sic erzeigen nur durch Ihr Schreiben vom 17. d, M„ das Sie mit der Seudiuig Ihrer LcrösseuNichung zur Geschichte der dortigen israelitischen Geincindc begleiten, eine Ausnierksninkeil, für die ich besonders dankbar bin- Die srenndliche Stcllniig zu Ihren Glaubensgenossen, die mich mein ganzes Leben begleitet hat,- ist ein Erbe meiner Eltern: mein Vater war in seinen geschäftlichen Beziehungen ein srcnndlichcr Förderer der vermittelnden Geschäftsleute, deren nächste und selbst spätere Nachkommen dessen mit Tank sich erinnern, aiuieus Rcntis nostrao. An die ehrwürdige Shnagvgc zu Worms knüpst sich sür mich du Erinnemng an den Besuch des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und der Krviiprnizssm. die ich damals begleitete. Vielleicht freut Sie, ein kleines Begebnis zu ersahren, das sich nn den Besuch der Shnagvge knüpfte- Einer Ihrer Glaubensgenossen ging erklärend mir Seite der Krön;. Prinzessin — ich gut der anderen Seite. Daranshin äußerte die Kron>> Prinzessin zu dem im Gesolge.- besindllH)Pi Archäologen Oberst; von Co ha nsen, der ihr VepräNe» im'7 höchsten Grade bcsasi,.»> liebenswürdig scherzendem Ton: „Prophet« rechts — Prophet« links: ,W| Weltkind in der Mitte." Das ivar ein Wort aus noch sonnigen Tagen^ Ivo freilich dunkle Wolken schon drohten.". - S. Rvihsehild (Wvrnis)- >lf Masse, Berlin SW 19. Berlin S%