Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Talmu-feinö. Von Rabbiner Dr. Rülf (Bamberg). In dem Verlage des Bundes für Bolksansklärung in Wien erschien in diesem Jahre eine Schrift von Argus: „Kultur- und Sittenbilder aus dem Talmud". Die Anonymität des Aersasscrs und der harmlose Name des Berlages täuschen nicht lauge über die Tendenz des Buches hinweg. Schon nach kurzem Blättern ist man im Bilde. Die gesperrt gedruckten Stichwvrte am Beginn der Absätze, wie z. B. „So ein Rabbi fühlt sich!'. „Hatz der Rabbiner gegenüber dem gemeinen Mann", „In geschlechtlichen Dingen stehen die Rabbis nicht hoher als ihre Lehre", belehren schnell über die Einstellung deS Versagers zum Talmud. Haben wir eZ demnach hier mit einem der üblichen Pamphlete 511 tun, deren Besprechung kaum lohnt'? Nein! Gewisse Ilinstäiide veranlassen »ns, dem Büchlein mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es nach seinem wissenschasilichen Werte verdient. Der Verfasser ist offenbar ein Diener der katholischen Kirche. Tie Schrift trägt daS I m p r i m a t n r der kirchlichen Zensurb eh v r d c von Innsbruck. Die streng kirchliche Gesinnung des Verfassers wird denn auch überall deutlich. Er bemüht sich, die Moral des Talmud als dunkle Folie darzustellen, vor der sich die Moral des Christentums leuchtend abheben soll. Gleichzeitig sollen dem Rcsormjuücnium. tu welchem sich „gewisse Eiilanzipationsbestrcbnngcn vom Talmud beinerkbnr machen", vollends die Augen geöffnet werden. So heißt cs iin Vorwort, lind dann im Tone der milde» Duldsamkeit und wissenschaftlichen Objektivität: „Darum werden diese Studien... den Richtjudrn willkommen und aufrichtig strebenden Jude» picht unwillkommen sein. Auch die Inden kann nur eines srcimachcn: die Wahrheit!" beider hat nun aber der Verfasser gerade aus dem Gebiete des Talmud keineswegs das Zeug zum Verkünder der Wahrheit. Sonst müsztc er nämlich bessere jüdische und hebräische Kenntnisse besitzen. Cs dürste ihm z. B. nicht passieren, die im Talmud pst vvrkowmcnde himmlische Stimme mit „Luvt Bath" statt mit Bath Ouol, die Mehrzahl von Goj mit „Eojs? wicdcrzngcben, den Auscrwühlungsscge» (gemeint ist die Hawdalah) aus das Passasest zu beschränken und dergleichen Schnitzer mehr. Seine Kcimtnisso über den Talmud schöpft 'Argus offenbar nur ans zweiten und dritten Cuetlcn. Straet ist sein Hanptgeivährsmann, von dem er sich völlig abhängig zeigt. Gleichzeitig ist er aber kühn genug, Strack? Urteile über den Talmud zu milde zu finde». Den Wortlaut des Talmud verdankt er der Uebcrsctzung von Lazarus Goldschniidt. Ich behaupte, das; Argus den hebräisch-aramäischen Text des Talmud überhaupt nicht tcfen kan Er zitiert lediglich aus dem Eoldschmidt und beschönigt das mit dem wisst schastlich höchst verdächtigen Satze: „. . . um den Leser nicht durch die Ausführung der Namen so vieler Talmndtraktatc zu ermüden." Der Kenner Da dein Dersasser die eigenartige Tcrininologie des Talmud nicht bekannt ist, und ihr Sinn auch durch die beste Ncbcrsctzung nicht voll ansgeschöpst werden kann, must der Verfasser zu schielen Urteilen gelangen. Dazu kommt sein völliger Mangel an Phantasie und künstlerischem Blick. Er empiindct viele haggadische Bilder, deren naive Frische und drastische llrtvüchtzgkcit icdcs Kuintlcrauge entzückt, als anjivtzig und „bedenklich . 3. SB. die köstlichen Stellen, wo über die CSintcüuna des göttlichen Tag Werks gesprochen wird, oder die crgrciieiidcn Schilderiingeii Vvn der B tciligiing Gottes an Israels Vcrbannling oder den grotesken Puriinschcrz in Atcgilla 7b, den er osscnbar ernst nimmt. Sv ivären noch viele verkehrte Urteile anznsühren, die aus t mangelnden Können des Versassers stammen. Leider liegt nun aber auch viclsach schlechter Wille vor. Demi uiizwcisclhast böswillig ist die Tendenz, alle etwas sonderbaren Aussprüche des Talmud, die — zumal wenn man sie initzvcrstcht oder plump wiedergibt — beim Leser einen schlechten Eindruck machen könnten, mit Biencnslcitz zusammcnzutragcn und die zahlreichen anderen Stellen, die von einer hohen religiösen Ethik zeugen, absichtlich jovtzulassen. Wenn doch einmal eine dieser letzteren Stellen nicht übergangen werden kann, wird rasch hinzrigesügt, solche Aussprüche seien vereinzelt oder hätten „kciii Echo gesunden". Ten, Leser wird verschwiegen, das; gerade die schönsten Worte von den grössten Autoritäten des Talmud, wie R. Meir, St Jochanan, R. Akiba stammen, während diese oder jene krause und uns heute befremdlich erscheinende Ansicht das Produkt irgendeines unbedeutenden Gelehrten ist und oft mit im Eifer des Wortgefechtes hingcworsen ivnrde. Natürlich >v!rd auch nicht erwähnt, daß die Aussprüche des Zornes gegen Nichtjndcn säst ausnahmslos aus den Zeiten surchtbarer V c r s v I g » n g c » stammen, die das Herz des Gepeinigten mit Wut und Berzweislung ersüllen mutzten. Besonders empörend wirkt die Unwahrhastigkeit der Tarstcllung bei den wundervollen Erzählungen von den Gesprächen zwischen Hillcl und dem Heiden (Berachoth Zw). All die schönen Beweise von Hillcls Sanstinnt und Menschenliebe werden glatt unterschlagen, wohl aber eine im E c g c n s a tz d a z u a n g e s ü h r t e jähzornige A n t w 0 r t S ch a m in a j s!, c r v 0 r g c h v b c n zur Kennzeichnung des schlechten Charakters des Schristüe lehrten. Aber cs kann auch einem Argus nicht unbekannt sein, das; nicht Schanimaj, sondern Hillcl das Vorbild der Schriitgclchrte» geworden ist. Selbst der V e rs vH n u n g 8 t a g wird nuler Anführung einiger vbkkurcr und nichtssagender Aussprüche herabgesetzt und als „Berhöhnungsr°0,. bezeichnet. Aveisellos ist aber der Verfasser bei seiner Lektüre des Gmdschinidt ans die prachtvollen Stellen Jvina bä!) gestoben, Ivo nusdrückuch gesvrdert wird, datz die Butze nicht scheinbar und formell geübt werden?*{? -l«*1 Dorbehalt. nach dem Dersölmnngstag wieder neue Sünden zu begehen, die Butze hinsällig macht, datz vor der Dersöhnnng mit Gott die Versöhnung mit den Mitmenschen ersolgen mutz »sw. Tiefe Stellen werden bewußt unterschlagen und so das leuchtende Bild des Versöhn,,ngstagcs böswillig verunstaliet. Den erhabenen Begriff'der Neschomo Jesscrv, der „neuen Seele", dem Juden am Sabbat gleichsam zu seiner Alltagsscele hinzugeschenkt verdächtigt Argus in einer lächerlichen Weise. Er meint, der Menscherlialtc die zweite Seele zu dem Zweck, „damit er im Essen und Trinket Icislungssähiger ivird"! Tic Vorwarnungen vor der ll n z u ch t, die im Talmud einer, '1 breiten Rannr einnchmen, erscheinen dem Versasscr als anstötzig, ireil sie - nach seiner Vieinung eine „schwüle Atmosphäre" erzeugen. Das liegt jedoch z im Auge des Beschauers. Manchem wird schwül, wenn er von geschlecht- (teilen Dingen lieft. Aber die Meisen des Talinnd vermochten sie sachlich zn besprechen, , „eil sie natürlichen Sinnes und reinen Herzens daran- " gingen und überzeugt ioaren, datz man mit Cficnljcit am besten die Sünde belänipst. Gelegentlich geht dem Verfasser sei» Temperament durch, er lüstet die - Maske der wissenschastlichcn Objektivität und zeigt sein wahres Antlitz, srv in svlgeiidem: „Tie Zerstörung Jerusalems war ... die Ersüllung des dem »nglänbigen Jndcntnn, durch Ehristus angcdrvhten Strasgcrichlz, weil es in seiner sreiwilligen Perblendnnn den Tag der giiadenvvllc» göttlichen Heimsuchung . . . nicht erkannt hatte." Diese Proben ans dem Inhalt mögen genügen. Man fragt erstaunt, wie cs möglich war, das; ein solches Machwerk iin L a g e r der katholische n K i r ch e c n t st e h e 11 konnte! Der „ZaU". Seghers. von Leo Hirsch. ' Bor wenigen Monaten erschien") ein Buch „Ansstand der Fischer von St. Barbara". Ans dein Titelblatt stand als Namen des Bcrfassers: „«eghers". Nichts weiter. Ein unbekannter Name: wer ist Seghers? Der Inhalt des Buches — Geschichte eines Fischerdvrfes. Hunger, Not. Elend, Protest, Forderung einer Lohnerhöhung, Verweigerung, stumme, verbissene Resistenz. Ausstand. Angriff, R'.edcrlckge, Resignation -- und der Stil dieses Buches — eine eigenartige. überaus kräftige, inännliche Sprache, knappe Sätze, nur vanptjatze Von höchster Prägnanz, deren Knust im Ausdruck des Notwendigen wie im Andeuten des Hintergründigen lebt —, sind auffällig genug, um Interesse für seinen Autor zn erwecken, von dem nichts als der Name „Seghers" bekannt ist. Sv fängt diese lind nun kommt^ der erste Höhepunkt in der Geschichte dieses anonymen Buches: S e g h e r s Ge t v 1» m t d e 11 K l e i st -Preis. t>. H. I a l) »n. der diesmal den Kleist-Preis verteilt hat (nicht der Jude Alfred Kerr. >vie der ..höllische Beobachter" behauptet), erklärt beiläufig, das; der Preisträger Seghers mit Bvrnamcn Anna heißt. Anna Seghers, also eine Iran. Wer ihr Buch gelesen hat, bewundert es mm doppelt. Nicht weil es preisgekrönt ist, sondern weil dies durch und durch niännliche und besondere Werk von einer Frau geschrieben ist. Ob es einer Auszeichnung im Namen Kleists würdig ist? Sicherlich würdiger, als ivas sonst bei uns vielfach preisgekrönt und angepricscn wurde. Tamil wäre also dieser Fall eigentlich ganz klar und eindeutig: an dem Urteil des PreisvertciterS und an dem Wert des Buches gab es bisher nichts anSznsctzcn. Nun aber meldet sich eine Stimme aus dem Hintergründe: der „Völkische Beobachter" hat daran dock, elivas nnsznsctzen gefunden. Etiva daß Anna Seghers den Preis nicht verdiene? Daß sie taleiiilvs sei? Keinesivegs. ihr Talent stellt der „Völkische Beobachter" nicht in Frage, sondern er führt gegen die Dichterin als zündenden Eimvand an, daß ihr Vater Isidor R e i I i rt g heiße. Anna Seghers sei eine Jüdin ans Mainz, die ihre „Herkunft unter dem Decknamen Seghers zu verbergen suchte". Außerdem aber schreibe sie so viel von Hunger und Elend, ivtthrcnd sie selbst reich ausgewachsen sei und kein Elend „kenneugelcrnt" habe, „lind nun schüttet ihr die Kleist-Gesellschaft zn ihrem Reichtum noch einige tausend Mark in den Schoß!" Im Vertrauen: der Kleist-Preis betrug dieses Jahr genau fnnfzehnhnndert Mark. Und wenn auch diese Summe diesmal nicht „in de» Schoß . , . von echt deutschen Dichtern" geschüttet wurde, die begabter seien »nd „am Hnngcrtnche nagen", so bleiben doch die wirklich deutsche und ehrliche Eesimmng H. H. Iah uns — man lese in der dem „Völkischen Beobachter" gewiß maßgeblichen „Deutschen Zeitung" nach — und das ehrliche und enorme Können der Anna Seghers nach me vor unantastbar. Die Kleist-Gcscllschast ivählt einen Aertranensmnnn. in diesem Falle den allerseits einwandfreien Dichter Hanns Hcnnh Jahn». Dem Bertrancnsniaun iverdcn Manuskripte und Bücher zur Proislrönnng cingcrcicht, diesmal viele Hunderte. Das würdigste ivird preisgekrönt: waren die dem „Völkischen Beobachter" ivnrdig Erscheinenden (Wer sind sie? Warum ivird kein Name genannt?) nicht würdig? Oder lehnten sie cs ab. ihre Arbeiten cinzureichen? Der „Völkische Beobachter" gibt zu verstehen, die Preisverteilung erfolge nicht frei von Bvrrirteilen und Voreingenommenheiten zu - g u n st c n jüdischer Literaten. Amgenonunen, Anna Seghers hieße „in Wirklichkeit" A n 11 n R c.i l i n g, so wäre damit nur die Unvoreingenvmmcnheit der Kleist-Gesellschaft erwiesen. Während das Talent der Dichterin, ihr Recht aus den Preis längst erwiesen ist, und das Recht ans ein Schriststcllerspendoiiym nie angezwciselt ivnrde. Aber klingt denn „Anna Rciling" jüdischer als „Anna Seghers"? Man verschiebe die Fragestellung nicht! Es handelt sich beim Kleist-Preis nm eine ideelle wie finanzielle Auszeichnung für wesentliche junge Talente. Und Anna. Scghe'r'S ist ein wesentliches junges Talent.; *) Bei Gustav Riepentjtuct, Potsdam.