Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 2 (Februar 1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gewiß, es soll nicht verkannt werden, daß auch unter ihnen edles Streben wohnt. Verlangen nach Reinigung und Heiligung des Lebens. Aber et ihr (v o r g c b - echt, das sie bc - n z e g e s e h e uscrwählts knechten und, 2 p r r ch t n i ch t * Zynischer, go t ottut, zn ndezu n b s ch e Und hier steht nicht etwa eine gelegentliche Entgleisung vor uns, sondern überall macht sich ein geradezu Pöbelhafter Antisemitismus mit ungeheuerlicher Vergötterung der eigenen Wesensart breit, daß cs wahrhaft eine Knlturschande ist. Und nicht nur das: dieser Hochmut, diese Vergötzung des eigenen (angeblich reinrnssigenl Edelblutes fuhrt zn einer Herabsetzung, einer Verachtung nicht nur der Huden, sondern aller anderen Völker und auch der Teile des eigene» Volles, die nicht den Vorzug haben, dies (angebliche, Edelblut in Reinheit oder dvä, wenigstens zu hohen Prozente» zu besitzen. Und aus diesenrnHochmut, dieser Vergötzung erwächst, wie die Gijtpstanze ans dem Linnpsbvden, die Notwendigkeit, die Gefahr des Bürger-, des Weltkrieges, Tie Selbstverblendnng ist nun so groß, daß ein Verständnis der anderen, ihrer Wesensart, ihrer Interessen, Strebungen und Belange nicht -mehr möglich ist, und daß es somit notwendig zu Konflikten, Zusammenstößen, Kriegen kounnen muß. Und dazu trägt ein Zweites mit bei. Tie Huden folgerten, >vie gesagt, aus ihrem Auserwähltsein, daß das Unglück, das über sie gekommen. wie^ctwa die babylonische Gcfaiigcnschast, eine Strafe sei für ihre künden. Unsere Tentschvötkischen ziehen aber im Gegenteil, etwa angesichts des Zusammenbruches im Weltkriege, nicht die Folgerung, daß dies Unglück das göttliche Zorncsgericht über ihre Sünden, ihre Untreue, ihren Absatl von dem „deutschchristlichen'' Gott sei, sondern sie suchen die Schuld ausschließlich bei den andern, den anderen Völkern sowie bei den „Inden" und ..Ehe, Liebe und Sexualproblem." Zu Kaplan Fahsels gleichnamigem Buch. Es gibt Modeprobleme, gleichwie es Modekleider »nd Modebücher gibt. Alle miteinander stehen sie im Verdacht künstlicher Ausmachung und geschäftiger (um nicht gleich zu sagen: geschäjtlicher) Uebertrcibung. Sie erwecken zwar durchrus den Anschein, als knüpften sie dringlichst an zcitlickje Gegebenheiten an. Dennoch beeinträchtigen sofort ihren Eindruck jene betriebsamen Unternehmer, die sich geräuschvoll ihrer bemächtigen, die, auf ihre Werbung, Verbreitung und Ausbanschung bedacht, Wert und Bedeutung marktschreierisch verzerren. Mit verstimmender Absichtlichkeit, in die Mitte der Ausmerksamteit gedrängt, verschwinden sie ebenso plötzlich wie sie emportauchten. Wer gestern rückständig gescholten wurde, weil er teilnahinslvs vorüberging, macht sich nunmehr lächerlich, lenkt er die Auseinandersetzung daraus zurück. Einem Kostünr gelingt es vielleicht heutzutage, die Vergänglichkeit einer Saison zu überdauern. Bücher hingegen, je stürmischer ihr Anfaugsersolg sich gestaltete, haben desto stärker die Anwartschaft, jählings zur Makulatur zu vergilben. Für Problemstellungen gar, die im Augenblick als überall gefragt gellen dürfen, trägt stink das unreifste Mitglied einer Jugendbewegnng die Lösung an den Schuhsohlen davon. Sicht es anders mit den Erörterungen über das Serualprvblcm. deren jetzige Akinalität nicht bestritten werden kann? Nachdem im Weltkrieg Kultur und Moral des Abendlandes kläglich versagten, ohne den Zusammenprall der Völkergruppc» anszuhaltcn oder zn mildern, war es unvermeidlich, daß ihr Bankrott ans das Verhältnis der Individuen übergrijf. Ter Niederbruch dessen;, was inan einmal unter Recht und Lrdnung verstand, machte vor den intimsten Be- ■ ziehungen der Geschlechter nicht hakt. Kein Zufall und ebenso keine Willkür äußerlich interessierter Kreise haben es in unseren Tagen bewirkt, daß ans der ganzen Welt, nicht allein in dem aufs schwerste erschütterte» Deutschland, die grundsätzliche Aussprache über Ehe und Liebe einsetzte. Allerdings wird auch sie bedauerlicherweise durch manchen Diskussionsbeitrag gestört, der Sensationshascherei oder üble GesüsirsismackM aus, der Stirn trägt. Man kommt sogar als Jude, peinlich berührt, nicht um das Zugeständnis herum, das; mitunter fotdje, die unserer Gemeinschaft nahcstehen oder von übelwollenden Gegner» uns zngcrechnet werden, in leichtfertiger Manier vor durchaus unzuständigen Gremien eine Auseinandersetzung entfesseln, die des notwendigen Ernstes und des gebotenen Taktes ermangelt. Daß es hier aber im Grunde und in; ganzen um eine Problematik geht, die eine Stellungnahme gebietet, nicht, um bestehende Sitte zu ersetzen, sondern um moralischer und religiöser Gewissenhaftigkeit zu genügen, zeigt mchts deutlicher als der Umstand,, daß nun auch eine bedeutsame k a t h o l i s ch e S t i m m e die Erörterung a u f tt i m tu t. - , Kaplan H e lmu t F ah s e l, der in der Reichshauptstadt weithin seinen'Ruf als Redner genießt, auch demLesern der „C. V.-Zeituug" kein Unbekannter, gibt in Buchform'Vorlesungen heraus, die er unter detn durch frenides „minderwertiges" Blut „vcrbastardicrten" Teileck des eigenen BvlkeS, das nun dem „Fronthcer" den Dolchstoß in beit' * Rücken gestoßen haben soll. Wie sollten auch sie, die mit allen '' menschlichen Vorzügen ansgcstattetc» Edelblütigcn, irgendwie Schuld tragen? Darum dcnn,Rache an jenen „minderwertigen" Nassen und Völkern. Rache, wenn die Zeit gekommen, Rache bis znm endgültigen Siege der ario-germanischen Edelrasse, an der „die Welt genesen" soll. Und so wird nun der „deutsche Gott" zu einem nationalistisch verengten Rachegvtk, gleich jenem Zerrbild, das sich ' unsere Antisemiten von dem Jahwe-Zebaoth der Juden machen. Sie sind mm also derselben Sünde bloß, die sie den von ihnen so sehr verachteten und geschmähten Inden vorwcrfen. Ich ivill indessen zugeben, daß moderne religionsgeschichtliche Forscher vielfach den Standpunkt vertreten, daß der jüdische „Herr der Heerscharen" in der Tat ursprünglich ein nationalistischer '«tantniesgvtt gewesen ist. Aber dann ist das Wunderbare „nd geistesgeschichtlich Hochbedcutsame, das; der Genius des iüdj. scheu Volkes, insbesondere durch die Propheten, in i l ge r a d eu 11 n e r hört c r E n e r g i e d a r a n g entbeitet hat, diese niedrige G o t t e s v o r st clluiiq' tt NI z u g e st a l t c n in die G e st a l t de e i n e n n n i v e r - säten und ethisch orientierten Gottes Himmels u t'T’b der Erde u. Demgegenüber bedeutet der „deutsche Gott" unserer Völkischen, Rationalisten »sw. einen Rückfall in die schlimmste Barbarei. Sv aber haben unsere Tentsehvolkischen mit dein stolzen : wußtsein ihres Anscrivähltseins alle Veranlassung, von dem ans- ' ertvählten Volke der Juden zu lernen, anstatt über sie zn schmähen.' und ich glaube, daß, wenn sie dies nicht tun, sie mit ihrem ganz unerträglichen Hochmut und Pharisäismus ebenso znm- Gegenstand der Verachtung unter den Völkern werden, wie es das auserwählte Volk der Huden jahrhundertelang unter den Völkern gewesen ist. Leider aber scheint wenig Aussicht dazu zn sein, das; sie sich belehren lassen und lernen, und so wird es mich wohl noch einmal von ihnen heißen: „Wer nicht hören ivill, muß fühlen." Möge das dann über sic herei»brechende Gottesgericht gnädig sein. dem Titel „Ehe und Eros" in zahlreichen deutschen Städten vor der breitesten Oessentlichkeit hielt. Zu den Hörern gehörten vielfach Vertreter des Klerus, unter anderen der Freiburger Erzbischof, dessen Imprimatur das vorliegende Buch trügt; zum Teil stellten die theologischen Konvikte das Auditorium. Ter führende Verlag deS. katholischen Deutschland. (Herder & To., Frzeiburg i. Breisgaü, ISSSjP 142 Seiten) nahm die Schrift, deren Uebcrschrift nunmehr, lautet „ „Ehe, Liebe und Sexualproblcm", unter seine Veröffentlichungen auf."," Die gesamte Darlegung beruht ans streng philosophischer Basis. Ihr »Ausgangspunkt ist Platos Betrachtung des Eros in dem Dialog des „Symposion"; die Zielsetzung, die bis zuletzt freilich unausgesprochen im Hintergrund bleibt, endet natürlich bei den Aufstellungen der kirchlichen Dogmatik. Die Lektüre stellt inhaltlich und stilistisch ihre großen Ansprüche. Sie rechnet osscubar ausschtießlich mil einem Leserkreis, der echte Bildung mit ernster Anteilnahme und tiefer Besinnlichkeit verbindet, der um wirklicher Aufklärung und Festigung willen entschlossen ist, das vorgelcgtc Problem nicht in beliebiger Isoliertheit, sondern in seiner gnnz-eu Verflechtung,. Verfeinerung und Verantwortung zu erfassen. Indem das zugrunde liegende vielgestaltige Motiv mich Ursprung und Wirkung durch alle Teile des Kosmos verfolgt wird, hcrausgelöst aijs jener Sphäre der Sernalität, ans die seine übliche Nachprüsnng völlig einseitig bezogen wird, gewinnt man den sittlich überlegenen Standpunkt, der sich gleichmüßig fernhält von ehemaliger Prüderie und heutiger Frivolität. Ton und Niveau heben dies Buch aus diejenige Höhe hinaus, die das angeschnittene Problem gerade unter dem Blickpunkt der jüdischen, Weltanschauung erfordert, die Heiligkeit und geschlechtliche Reinheit bedenkenlos gleichsetzte, Ter Verfasser meint eingangs, einem naheliegenden Einwand, der, in seiner Person ruht, begegnen zu sollen. Er hält sich eben als katholischer Geistlicher zur Behandlung seines Themas für berufen,; so tvahr über Kunst nicht bloß Künstler zu schreiben oder gewiß über Pathologie gerade keine Pathologen zu urteilen hätten, gern aller Subjektivität und ttitsachlichkeit, glaubt er, seine Erkennt»^ tinverworren »nd nnverdunkelt-darbicten zu können. Trotzdem (ob-; gleich solche Beweisführung leicht dabei enden könnte, den Blindenznm Richter über die Farbe zn »tnchenj wird gerade eine Betrachtiin, von nicht-katholischer Seite nicht ninhin können, gewisse Vtitdungei und Hemmungen festzustellcn. Wird beispielsweise die Unauflöslich^' der Ehe gefordert oder das Zölibat um der höheren Liebe willen w» herrlicht, die sich unabgelenkt dem Gottesgcist anschmicgt, so reg -I wahrscheinlich nicht nur jüdischer Widersprtlch. Darüber i)U>“ macht sich bei einzelnen Partien des Buches, das keinem der u lausenden Schlagwvrtö aus dein Wege geht, der unverkennbare druck geltend, als ob ein wenig Lebcnssrcmdheit und Blutleere w Feder des Verfassers geflossen seien. Den doPPeltenchcrzltclM WUM hinterlüßt aber sei» Buch, daß jede Auseinandersetzung Ustkr Problem sich gleicher Vornehmheit und Feinheit besleitztge baldigst von jüdischer «eite, nnsgestattet mit aller Kenntnis uj Uebertieferung und veredelt durch die Ehrfurcht vor Hergänge und Zukunft, sich eine Schrift ähnlichen Ausmaßes hinzugcseuw GemeinderaLüiner Dr. Rcinhold Letvi» (Königsberg