Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 1 (Januar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 besonders stark »ach dem Kriegsende - für die große Mnjse des jüdische» Mittelstandes ei». Ter jüdische Banlier mit seiner Initiative und seiner Unabhängigkeit ist ja säst gang verschwunden. Er hat sein Geschäst, wen» er nicht erdrückt werde» wallte, an eine der Großbanken verknuse» müsse», die cs als Filiale svrtsührt. lind, abgesehen Von einigen sührenden Persönlichteitcn, die an Iah! gar nicht >„3 Gewicht salle», ist der Jude ans deni Bankgeivcrbe ansgeschaltet. Dark, >vo er noch ein Niiterkommci, gesunde» hat, ist er Beamter init streng vorgeschriebenen Bcsngnissc» und geringe» Zulunstsansstchten. Aehnlieh ivirkt das Warenhaus sür die breiten Massen. Weniger fällt ins Gewicht, das, Existenzen vernichtet »vcrdcn, obwohl jeder in der jüdisel)e„ Fürsorge Tätige die hundertfach sich iviederholende Tragödie vorn selbstständigen Knusmann kennt, dessen Geschäst nicht mehr Umkurrenzsühig ist und eingeht. so das, er Stellung sucht, ohne sie zu stnden, und sich schließlich mit mehr oder minder zweisclhaste» Vertretungen mühsam dnrchzuschlagen versucht. Viel wesenilichcr ist, dass Tausende von vornherein ans den B e r s »ch z u r Lelbständigmachu „g verzichte» müssen. Cie werden für die Tauer Angestellte des Warenhauses oder des Konzerns, und ihr Lebenskampf konzentriert sich ans den Wunsch, das? sie eine etwas gehobene Stellung erlange», d a ß s i c i h r e P v s i t i o n s i ch n n ch dann bewahren, w c n n d a 8 A l t e r naht und nachr ü ck e n d e. l c i st u n a 8 s ü h i g e r e I u g c n d s t e v e r d r ä n g c n will. So sieht sür die Zukunft — zurzeit sind wir ja noch in einer Ncbergangspcriode, die Neues und Altes nebeneinander ausiveist — der Laus der Tinge aus, und inan muß damit rechnen, dah der wirtschaftliche Charakter der I n d c» h e i t s! ch all,» ä h l i ch ganz ändert, das, die Zahl der w> rt jcha ftl ich Selb - st ä n d i g c n i in in e r kleiner wird und die Masse der A » gc stc l l te» . d i e es immer bleiben, riesenhaft anivnchst. Verstärkt werden diese Tendenzen »och dadurch, daß das Warenhaus nicht nur den Einzelhandel einschränkt, sondern daß es auch das sogenannte E » g r v s g e s ch ä s t, das iinmer noch wenigstens kapitalkräftigeren Kausleuten die Celbständigleit ermöglichte, mehr und mehr dadurch nusschallet, daß es entweder selber fabriziert oder lvcnigstciis mit dem Fabrikanten direkt Geschästc abschließt. Wie der Artikel von Tr. Zielenziger mit Recht nnsührt, hat das Warenhaus sich in der kleine u u n d m i t t l e reu Stadt noch nicht festgesetzt, iveil seine Nenlabilität von einer Hohe des Um« satzcs abhäugt, die dort nicht zn erreichen ist. In diesen Gebieten hat, lvcnnglcich große Spezialgeschäfte auch in ihnen Filialen errichten, der selbständige Einzelhandel noch Bedeutung! sie bieten noch die Möglichkeit einer Selbständigkeit, sie sind auch Absatzgebiet sür den Grossisten, ll n d d i e „ L a ii d s l n ch t" d e r I n d c n, ü b c r d i e v o m r e l i - giösen Standpunkt aus mit Recht so sehr geklagt wird, i st a u eh >v i r t s ch a s t l i ch eine g r o h e T r a g ö d i e! Tenn tu der Mittel- »nd Kleinstadt bietet sich meist noch die Möglirhkcit zur Selbständigkeit, ans die in der Großstadt immer mehr verzichtet werden mufj. lind die Scharen von Juden, die in den letzten vier Jahrzehnten aus der Provinz nbgewandcrk sind, haben weder dem Jndentinn mich ihren Kindern und Kindeslinderii einen Gefallen getan. Sie haben ihnen den Weg zur Selbständigkeit, zur vollen Ansiiutzlmg ihrer Kräfte, stark erschwert, wenn nicht gar ganz verbau!. Wenn heute in jüdischen Kreise» die Rückkehr zur Scholle, zmii Lande, so sehr propagiert wird, so wüßte inan mit demselben -liechte und v i rl leicht mit der 91 n8sicht ans g rvßer en 6 r s o l g auch die R ü n t e h r n a ch d e r l l e i » e n und in i t l l e - reu Stadt dringend anraten und erleichtern. lind so ist es eine unendliche Ironie der Wirtschijtsgeschichle, wenn von judengegncrischcr Seite mit einer von keinerlei Sachkenntnis belasteten rührenden Naivität angenommen wird, daß das Warenhaus eins der Mittel zur Erringung der jüdischen Meliherrschast sei. In Wahrheit bedeutet die Wi r t scha s t 8e n tw , ck ln i, g, deren sichtbarster Erpvncnt das Warenhaus ist. einen steile» Abstieg sür die deutsche Jndenhcil, dessen Ende »och nicht abz»sehen ist. Sie verwandelt den bisher selbständigen jüdischen Mittelstand in de» Großstädte» in ein Heer von mehr oder weniger tärgliich besoldeten Angestellte», sie bedeiitet eine erhebliche Schwächling au materieller Kraft, sie bedeutet die beg i » ii ende P r o l e I a r i s i e r » n g der d e u t s ch e » I » don - I,cii, und wenn auch das Wort recht schrvss und herb Ilingt, in dcr Sache ist es gerechtfertigt! Gegen ivirtschnstliche Eniwicllungsteiidciizen kann man sich nicht ansbäumeu. Sie gehen über Wünsche, Proteste und Hilfsaktionen glatt Iiinweg. Tie Konzcntriernng des Kapitals wit ihren Fvlgeersehciunngen im Bankivese», in dcr Industrie, im Warenhandel, ist imiibänderlichc Tatsache, mit der man sich nbsindeii muß. Aber bitter ist es, lveun mau zum Schaden de» Spott tragen soll nnd ive»» daS Jndentm», weil einige wenige, sehr wenige, seiner Bekenner Vorteile von ihr haben, als Träger und Förderer einer Entivicklnng bezeichnet wird, die seinem Wesen, seiner iudividiialistischcii Aussassung vom Menschen ganz fremd ist, die ihre Massen im Lebensziel, in dcr Leboushalinng, im Erwerbe immer mehr hcrabdrückt nnd sic allmählich proletarisicrt. Wahrheit ist, daß sür die in den Großstädten konzentrierte I u d e n h c i t das War e » h a u 8 und die W ir t scha s t s t e n d c n ze n, ans denen eS gell o r e n i st, c i n c n g c w a l t i g e n S ch a d e n u n d d e n;) w a ii g zu anderer in ihren Ergebnissen n nü be r sc Ii ba re n Einstelli, ngbedeuten. Eine einzige Seite eines Problems ist hier im 'Anschluß au Ziele »Zigers Tarlcgniigen berührt wordc'ii, das uns in den jüdischen Bereinigungen in kommenden Tagen große Kopfschmerzen verursachen ward. Tenn daß der llebergang des bisher selbständigen jüdischen Mittelstandes in das Abhängigkeitsverhältnis des 'Arbeitnehmers, deS Angestellten, für sei» politisches Bekenntnis, sür die Art seiner nürtichastlicheii und politischen Organisation, für seine Stellung zu jüdischen Fragen, zur jübtfcljcn Gemeinschaft, für seine Forderungen an das Judcntmn nngcheuerliche Bedeutung haben muß, ist klar. Je früher man sich mit den Problemen befaßt, um so leichter wird man die rechte Stellung finden. Bon diesen religiöse» und politischen Fragen sei aber ein anderes Mal die Rede. So sinö sie. Die Serichtigungsmechoöen -es „Stürmer". lieber die nnwahrhastige 9lrt völkischer Zeitimgeii. Berichti- Ü» » ge ii zn bringen vder richtiger nicht z» bringen, ist in diesen Blättern schon häufig gesprochen worden. Es würde keine große Mühe verursachen, jede Nmnmer mit charakteristischen Beispielen dieses Gebarens „vornehmer Journalisten" zu füllen. Schon um unsere Leser nicht andauernd »nt diesem Gehabe zn langweilen, haben wir die ttebung, nur in besonderen Fällen Beispiele dafür zn geben, die aber nicht als Einzelsälle, sondern in ihrer atlgemeinen Bedeutung gewertet sein wolle». Folgendes bezeichnendes Verhalten des N ii r n b c r g e r „Stürmer", den bekanntlich dcr nationalsozialistische Abgeordnete Streicher heraiisgibt, spricht Bände. Ter Tatbestand ist folgender! Das Bankhaus Louis Ni cderm ai e r n. E v. in Regensburg ist in Konkurs geraten. Dcr Firmciiiiihabcr Joses Göschl itzt in Untersilchniigshast. Ter „Stürmer" brachte in seiner Nr. 12 einen etwa zwei Spalten langen Bericht, in dein er die Borgange im großen und ganzen richiig schilderte. Falsch ivar „nur" die Bella, iptittig, daß Göschl Jude sei. «Ter „Stürmer" schildert auS sührlich, inwiefern Göschl bei der Schädigung seiner Gläubiger den Borschrifte» des Talmuds nnd seiner jübifdjcu Bern »lag» na gefolgt ist, daß unter den Gläubigern keine Inden seien nnd das; auch dcr Konkursverwalter Jude sei.) Mit Schreiben vom 2V. Oktober verlangte dcr KviiknWberwalter, Rechtsanwalt Konrad W o r mb s,'eine Berichtigung. Nach einer Einleitnng heißt es in seinem Schreibe»: . „Gemäß § 11 Pressegesetz ersuche ich, in Ihrer nächsten stummer au gleicher Stelle dies dahin zu berichtige», daß Rechtsanwalt W u t m V « kein Jude Ist. Als Kvntuisverwalter über daS Vermögen der Firma 2. Nicdcriiiaier n. Ev. (Inhaber Joses Göschl) ersuche ich weiter um Bercclnigniia vblaen Artikels dahin, daß Joses Göschl kein Jude ist und dos, sich >>u!« den Gläubigern auch Juden besinden." Erst in seiner Nr. 4 7 brachte dann der „Stürmer" folgende „Berichtigung": Juni BnnUrach in dteaensbiirg. Bon feilen dee iiiecNtsanivatls K. Wv rmbs (Regensburg), werden lvir ersucht, dcr Cci'tiniiduiii ncil- »teilen, daß er (Bonnb«) nicht der jüdische» Rasse angebvre." Also: Ein Nichtjude, der an einem Bankkrach beteiligt ist, v'ird erstens zum Inden gestempelt! dann wird ihm unterschoben, daß er auf Grund der jüdischen „Talmi,dsiitlichkeit" sich zivangläusig' gerade gegen Nichtjudcn schwer berget,en müßte. Ebenso ivird der Konkursverwalter, ein bekannter nicht jüdischer Anwalt, loichtsertig zum Inden ernannt. Ties alles ivird in großer Nnsmachnng dem unkundigen Publikum vorgesetzt und als Beweis abarnndtiefer jüdischer Schlechtigkeit ansgemalt. Dcr Anwalt berichtigt, wie angegeben, und nun wird nicht etwa, wie das bei einem nnstäiidigen Blatte üblich ist, der Irrtum freimütig c i » g e st a n d e n , sondern die an und für sich belanglose Notiz, daß mir dcr Konkursverwalter „nicht der jüdischen Rasse angehöre" — man beachte diese Formulierung! ist das einzige, was übrigbleibt. Ta der am meisten Beschuldigte in, Gefängnis sitzt nnd nur dcr Anwalt sür ihn berichtigend cintroten kann, nach den» Pressegesetz die Zeitung aber zu einer Berichtigung nicht zwinge» kann, so ivird dieser wichtige Umstand vom „Stürlllominen in der Berichtigung! ehen »ation a I s oz i a l i st i Ei« böser Irrtum. An den Falschen geriet der Vauunier,,eigner Ostar H ä s n e r aus N e » st n d t b e i K o b » r g, der dem protestanlischen Pfarrer Glenk ans Nelkendvrs mit den Worten „Das ist ja ein Jude" eine Ohrfeige gab, nachdem er ihn vom Auto herab nach dem Weg gesragt hatte. Tie „F r ä n k i sch e V v l k s t r i b ü „ c" in Bayreuth bemerkt zu dieser Heldentat: „Diese gemeine Tat ist wieder ein Beweis dafür, wie weit Moral »nd Anstand in den von völkischer Hetze durchseuchten Bolkskreiscn schon gesunken sind. Die völkischen „Bolkserneuercr" können ans diese von ihnen nach dieser Richtung immer lvieder nngeivandtc» Methoden, die letzten Endes dazu führe,,, daß aus der Straße vor diesen Rowdys niemand mehr sicher ist, wirklich stolz sein." Ein Begleiter des geschlagenen Pfarrers konnte sich die Erkennungsinniimer des Anivs merke», so daß der Täter, der lvohl seine verdiente Strafe erhalten ivird, rakch ermittelt werden konnte.