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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-01 · Heft 1 (Januar 1929) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1929
Issue
Heft 1 (Januar 1929)
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2?Örtvtiil)(i;iievn erzählt. Xcmt iit bicjcin Flngblail lu'tfit cs: „Das Warenhaus mordet bemüht den Mittelstand. Tie Kreise denen nichts an einem Mittelstand, an einem arbeitsamen Aufstieg liegt, nirtcrstiihcn diesen Mord. Die Kreise haben nur ein Ziel: hier der internationale Kapitalismus, dort der LohnsNave." Dasselbe „Dcntsehe Tageblatt" fvrdert In seiner Mecklenburger Ausgabe zur Vorbereitung eines WeihnachtSvorstoßcs auf. Wieder einmal erhebt sich das G e s P e n st des Boykotts. Die Alnvehr der Woreilhausversklavung, so heißt es dort, „ist nicht Sache einer Partei, sie mutz Sache aller ehrlichen H e n t s ch c » sei n". An alle deutschen Geschäftsleute und an alle, die „einen ehrlichen deutschen Kaufmannsstand wollen", wird die Aufforderung gerichtet, diesen Vorstoß 51t »nterstützen. In jedem kleinen Ort soll das Flugblatt, das den Warenhäuser» den Kamps ansagt, verteilt iverden. „Tie Weihnachtslämpsansgabe trifft den Inden da, ivo er am empfindlichste, 1 ist: an, Geldbeutel, sie muß ein voller Erfolg iverden." „Friede sei ans Erden und den Menschen ein Wohlgefallen." Mit dieser Botschaft der Christenheit, unter deren Zeichen das Weihnachtsfest steht, scheinen die Völkischen diesmal ihren Kampf zn sühren. Einen Kampf, der sich natürlich nicht nur gegen die Warenhäuser richtet, die es ja nur in den großen oder größeren Städte gibt, sonder»» gegen de« jüdischen Kaufmann Überhaupt. Mit ihren Flugblättern, mit ihren Broschüren lind ihrer Presse versuchen unsere Gegner den Bohkvtt gegen jeden indischen Kaufmann und Handwerker z,i predige!,. Das Warenhaus ist für sie nur das 'Aushängeschild, das sie voraiitragcn, um besonders i» den kleinen Orten niid auf dem Lande die Existenz des jüdischen Gewerbetreibenden zu vernichten. Hier ivird es Aufgabe deS Centralvercins sein, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Sobald sich der Bohkvtt gegen eine» bestimmte» erkennbaren Kreis von Personen richtet nnd sobald dieser Boykott für die Bctroffeiien die Gefahr einer wirtschaftlichen Schädigung herbeisührt, ivird man gegen ihn mit allen juristischen Mitteln ei „schrei ten müsse», um der Cie fahr z>r steuern. Das Reichsgericht hat bereits in ähnlichen Fällen jüdischen Kauslenten, die sich gegen derartige Bvhkottbestrcbilngen gewandt haben, recht gegeben. Die Völkischen als wahre „Netter" des Mittelstandes! Welch seltsanr Schauspiel! In ihren, blinden Haß gegen alles Jüdische, aber auch bei ihrer völligen Unfähigkeit, wirtschaftlich« Entwicklungen zu erfassen, glauben sie, den Mittelstand mit Rezepten retten zu können, die sich schon vor dein Kriege als untauglich erwiesen hatten. In seinem Flugblatt erinnert das „Deutsche Tageblatt" an eine von der Völkischen lind der Mirtschaftspartei eingebrachte Entschließung, in der im März 192«; dag preußische Staatsimnisterium aufgefordert ivorden sei, dem Landtag einen Gesetzentwurf über eine W a r e n h a u 8 st e u e r vorn,legen. Mit dieser Steuer hatte iiiai, schon in den neunziger Jahren versucht, die Warenhäuser zu bekämpfen. Die Mittelständler, die sie einst befürivortete», loinite» sich dabei ans das Beispiel Frankreichs berufen. Denn hier, ivo Zola de» alten Tnchhändler Band» z,lr Verteidigung der Würde des angeblich kompromittierten Handels erklären läßt: „Die Kunst ist nicht die: Viel zn verkaufen, sondern teuer zu verkaufen", hatte sich auch ein Verein gegründet, der sich „Da Ikövenckleation" nannte. Ikövenckieatwn heißt: gesetzliche Wiedererlangung einer zn Unrecht entwendeten Sache. Der Bund wollte den durch die Warenhäuser angeblich vernichteten Wohlstand ans dem Wege der Gesetzgebung wieder erlangen. Ihm war es gelungen, eine Erhöhung der französischen Warenhaussteuer, die man bereits ni den vierziger Jahren eingeführt hatte, durchznsetzeii. Als man die gleiche Steuer dann zunächst in Bayern, später in Preußen und anch in anderen deutschen Staaten einführte, ivnrde sie alles andere als ein Mittel zur Rettung des M itit el st a 11 d es. Der junge Abgeordnete Dr. S t r e se n,a „n , damals Syndikus der sächsischem Industriellen, bczeichncte sie geradezu als schwere Schädigung für die deutsche Industrie. Diese Svndersteuer, die erst nach de», Kriege abgeschasft iverden mußte, hat die Entwicklung der Warenhäuser in keiner Weise au sh alt eu können. Sie hat sich geradezu als ein Fehlschlag erwiesen, denn sie konnte von den Warenhäusern abgewälzt werden. Und mit diesen, Mittel, das auch der größte deutsche Finanzwissenschaftler Adolph Wagner, ein Mann, der der christlich-sozialen Bewegung sehr nahestand, ablehnte, wollen unsere Völkischen von honte de» Mittelstand kurieren? Die ivirtschaftliche Entwicklung steht nicht still. Ist es deshalb nicht romantisch gedacht, immer an die Z ei t der Vvrv ä t e r zu erinnern? Gewiß, die Tage, in denen ein Hans Sachs Evchen Pogner Maß für einen Schuh „ahm, tvaren behaglicher als unser Zeitalter des rasenden Tempos. Aber hatte man damals nicht auch schon ivirtschaftliche Sorgen? Gab es nicht immer Menschen, die jede neue Erfindung bekämpften? Glaubten nicht die.Arbeiter, wen» sic die Maschinen zerstörten, damit sich selbst vor den, Untergänge zn bewahren? Wurde nicht die erste Eisenbahn für ein Tenfclswcrk angesehen? Und ist es nicht jetzt dasselbe, ivenii man das Warenhaus aks den „Friedhof des Mittelstandes" bezeichnet, wie es das völkische Mitglied der Hninbnrgischen BürgerschaftHüttman n in seiner Broschüre: „Der gctvc'rbliche Mittelstand zum Tode verurteilt" tut? Wir sind nicht immer mit Professor Werner S 0 m b a r t einer Meinnng gcivesen, der gerade von den Völkischen gern als Kronzeuge zitiert wird, aber wir iverden ihm recht geben müssen, wciin er in seiner Studie „Das Warenhaus, ein Gebilde deS hochkapitalistische» Zeitalters" (Probleme des Warenhauses, Berlin 1928, Festschrift des Verbandes Deutscher Maren- und Kaufhäuser) schreibt: „Wohin >vir also anch unser Auge eichten. ivelche Seite des Wareiihauses auch immer wir in Betracht ziehen: innner komme» >vir zil demselben Ergebnis: Dieses t ft b 0 3 rechte K i n d des hvchkapitalistis ch Z e i ta l t e r s. Es ist durch dieses geschaffen ivorden: es hat aber selbst auch ivesenttich zur Entfaltung hvchkapitalistischen Wesens beigetragen, und cs verkörpert dieses ivie wenige Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens. Aue jede wissenschaftliche Betracht!»,g, die diesen Rainen verdient, hatte auch dieses sich jedes Werturteils zu enthalten. Gerade die Literatur über das Warenhaus ist verunstaltet ivorden durch das lästige Aburteilen; dieses Messen an einem irgendwelchen^ Maßstabe ethischer oder ästhetischer oder politischer Der Geist, aus dem die Warenhäuser geboren ivnrde», durchbrach gewiß viele Traditionen. Zolas Tuchhändler Baudn ist stolz, daß sein Geschäft „Zum alten Elboeus" solange er lebt, in n 11 v e r ä n d e r t e m Stile geführt wird. Diesein mittelalterlichen Prinzip der Tradition und der Idee der Nahrung, die jeden, seinen b e st i in m t e 11 Kundenkreis zuwies, widerspricht allerdings der kapitalistische Gedanke der Konkurrenz. „Ihr müßt mit euren, Prinzip brechen, an jedem Artikel dick verdienen zn ivollen, vielmehr euch nach der Konkurrenz richten und ans zeden Fall »litgehen. lind wenn es der Artikel noch gestattet, d. h. nicht schon zum Kostenpreis oder unter demselben verkauft ivird, der Konkurrenz Vvrgreifen. Es rächt sich nichts mehr, als d i e L c u t e h 0 ch z 1111 e h m e n", so schreibt in, Jahre 189H ein Onkel, der Mitinhaber einer Warenhaussirina, an seinen Neffen, der ihn um Ratschläge bittet. Dieser Brief, wahrscheinlich von Hcrmain, an Oskar Tietz gerichtet, den vor kurzem die „Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser" veröffentlicht hat, ist typisch für den Geist, aus dein die Warenhäuser geboren wurden. Die Idee des amerikanischen „Service", des Dien sie s a m K » n den, heute das Ideal jedes klugen Kaufmanns, stand Pate bei der Geburt dieses KmdeS des 20. Jahrhunderts. Das Warenhaus war es, das den Preis vieler Waren herabgedrücll und die Kaufkraft der Massen ans diese Weise g e st e i g e r t hat. Jüdische Männer gehörten zu den Schöpfern der deutschen Wareiihäuscr. Wer wollte cs leugnen? Aber sind sie deshalb ans dem Wege zur „W e l t h e r r s ch a f t", von der die Völkischen immer fabeln? Wir betonten schon, daß ini A u s l a n d f a st k e i n W a r c n h a n 8 s i ch , 1, jüdischen Händen befindet. Weder in Frankreich noch in England die Selfridges oder in Amerika die Wanemarer, Woolworth oder die Marshal Fields in Ehikago, das größte Warenhaus der Nene» Welt. Daß die Völkischen alle Warenhausbesitzer oder Leiter zn Inden „erlienncn", müffen wir hiniiehmcn. Diese Ernennung unterscheidet sich in nichts von anderen. Es ist ja ihr altes Prinzip, alles ihnen Unsympathische als „jüdisch" anzusprechen. Aber auch viele von den Leitern der deutschen Warenhäuser find keine Juden, voran Kommerzienrat Althoff, der Vorsitzende des Verbandes deutscher Warennnd Kaufhäuser, voran auch die Brüder Werthein,, die längst das Judentum verlassen haben. Da das Warenhaus ein typisches Produkt höchster kapitalistischer Entfaltung ist. konnten sich auch nur diejenigen Warenhäuser erhalte», die die nötige Kapitalkraft besaßen- und die es am «chesten verstände», init der Zeit mitzngehen.

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