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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-01 · Heft 11-12 (November 1928) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 11-12 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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103 Christian Thomasius, Ler erste verkünöer religiöser Dulüung in Deutschlanü. Elt» Erinnerinigsblatt z» scincnr 200. Todestage. WaS ist das Heilisistc? Das, was lietite und cmtfl die ©elfter, liefet und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht. Goethe. Noch verderblicher als der lange, verwildernde Dreißigjährige Krieg waren für Denlschlnnd die Folgen dieses »riefle?. Während hi den anderen Knllnrländern Europas die Renaissance z» schvpserisck-en Taten nnregk-, vcrsumpste im Deut schlaud das fleiff ifle Lelen, soweit es sich nicht in theologischen Streitigkeiten betätigte, vollständig. Was weitblickende Pfänner, wie Ern Sin ns »nd Me taucht hon, besürehtet hntleii, daß mit der steigenden Ueberinacht der neuen Theologie eine schlimme Barbarei eiiikehren würde, rrsüblte sich. Die Geschichte der denlf>l>en Wissensehas! ist „'ährend eines langen Zeitraumes eine Geschichte stetigen Rückschrittes. Nur zu wahr ist darum das Wart Carl A d o l s Menzels: „Zn derselben Zeit, da die Engländer, Franzosen und Niederländer uni bürgerliche Freiheit, um Bolkstimi »nd Staatstum kämpslen, regte sich im Deutschen Haß und Begeistermig nur da. nw es sieh mir Sieg oder- Niederlage seiner K i r eh enpnrtei handelte," Die Fessel, welche die Theologie dein deutschen Geistesleben geschmiedet hatte, konnte mir durch stärkere Mächte gesprengt werde». Als solche erwiesen sich das e r w a ch e » d e m n t i o n a I g e s ü h l u n b di e eindringende sreindo Bildung. Letztere insbesvndero süh-rte die Elemente mit sich, die ivir als ivertvoll »nd grundlegend im Mldnngsleben erachten. Es sind die großen Gedanken der Menschenliebe, Gerechtigkeit und D n l d n n g , die mir aus dein Boden, v o t u 11 e i 1 § f r e i e r 2.Ü i (} e iv f clj n f t unb u in» fassender B i l du » g envnchsen könne». Bceinstlißt diirch Forscher und Deuter im europäischen Westen und Süden entrissen mich in Deutschlmid Pnseiidors, Thomasins mid Leibniz de» Geislesschristeii die scholastische Gewandung und erzielten eine um so stärkere Wirkung, als das Genie Friedrichs desGroßen in der Folgezeit durch Lehre und Beispiel ihnen wegbahnend das Prinzip religiöser und philosophischer Freiheit zum unverrückbaren Fundament deutsche» Geisteslebens mauerte, als seine gewaltigen kriegerischen und staatsmännischen Erfolge das versunkene nationale Empfinden in Lebe», Wissenschaft und Dichtung zu neuer Blüte emporge!rieben. Die „Idee der Toleranz", nwldfc der Grimdgedaule der gesamten deutschen Ausklärmig war, ist ans dem Geist der freien Forschung geboren, der von Bac v v. Bern la in bis auf Kan t die Philosophen mitrieb, der D e n k s r e i h e i t die so lange vorenthaltene HerrsckM über die Geister zu sichern. Wenn A n s k I ä r u n g nach den Worten deS großen Königsberger Philosophen „der Ausgang des Meusclpni aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" ist, so dars als der Urgrund alles Strebens und Forschen» der großen Geisteshelden des 17. und >8, Jahrhunderts die humane Absicht erkannt werden, die Unmündigkeit des Geistes zu beseitigen, den Autoritätsglauben zu brechen, den Rost einer altgewordenen Tradition in aNen Gebieten der Wißensclfast hinwegzublasen, in dem Tempel der Natur den Aberglmilieii zu stürzen und dem Erkennen und der Anfklürung einen Altar zur Ehre Gottes „nd zu seiner Aiierkemiung zu erriehlen. Als herrlichste Frucht dieses Strebens und Forsche»? ward in ungezählten Geistern der Wunsch erzeugt, den dem Gedeihen der Menschheit so verderblichen religiösen Hader zu enden. Der Begriff und die Pflicht der Toleranz faßten Wurzel i n, d e n Gemüte r u, Schon der Vorläufer des Nativnalisnms, Johann Conrad Dippel (1073—1734), halte es gewagt, in seiner Schrift: „Ein Hirt und eine Herde" unbedingte Duldung und Religionsfreiheit zu fordern. Unter seinen Gnmdnnsichten ist die folgende bemerkenswert: „Die wahre Kirche ist die Gemeinschaft der Frommen, Wie die Christen, so können auch die Heiden, Juden und Türken an derselben teilnehmen und durch die Erweckung des innerlichen Lichtes zur Nachfolge Christi geführt werden." Die Bersuckie zur K i r ch e n e i n i g u n g, bene»' Leibniz (1046 — 37 1 0) seine große geistige Kraft lieh, entsprangen allerdings rein slnatsmamiiselM Erwägungen. Leibniz wollte die Einheit, weil er die Entwicklung der Menschheit als eine einheitliche erfaßt und die großen Vorteile einer einheitlichen Kirche für den Frieden Europas und für den ungestörten Fortgang der Bildung erkannt hatte. Seine Bemühungen mußten schcitc-rn. weil die damalige Zeit für den idealen Gedanken einer K i r che » g e me i n schn f t, die selbst heute neck) das Ziel des Strebens einer kleinen Nmieinde aufgeklärter Geister ist, »och nicht reis >mu\ Der große Philosoph tröstete sich über seinen Mißerfolg mit dem Gedanken: „Die Sache wird sich einmal von selbst vollziehen (ipsa se res aliquando conficiel)." Dennoch war die Saat, die L e I b n i z nnsgestrent hatte, nicht verloren. Die Ileberzeugung. daß die religiöse Sonderling die Menschheit nicht spalten und entzweien dürfe, ivurde Gemeingut der Edlen lind Besseren. Das Losungswort des 17. Jahrhunderts >vnr Kirchenfriede, und zwar wesentlch als geschlossene Einheit, als Aushebung der trennenden Unterschiede gedacht. Dns Losungswort des 18. Jahrhunderts war Fortbestehen und Gewähreulassen der Verschiedenheiten, milde, g e g e n s e i t i g e D n l d u n g. (Hottner.) Der wahre Talmu-ju-e. Von Pastvr D. Winvstthr (Hamburg), DaS Wort „Talmudjude" hat. seitdem Dr. Rugnst Rohling, weiland Ilniversilätsprosessor zu Wien, im Jahre 1871 die erste Auslage seines unglückseligen Buches unter diesem Titel hernnsgehen ließ, für viele MensclM einen bösen Mang bekommen, der sich häufig selbst von den Borstellungen des vernünjtigen besseren Ich nicht aus der Seele will bannen lassen. Ohne Frage durch dieses Buch und seinen Titel veranlaßt, schrieb Albert Kntz unter Benutzung des von I. S. Suwalski in Warschau!m Jahre 1S59 herausgegebeiien Werkcheus „Das Lebeu des Juden nach dem Talmtid" sein 1893 zuerst erschienenes Buch „Ter ivahre Talmudjude" als Abivehrschrtst gegen die von N v h l i n g nngerichteten Verheerungen. Er hat darin die wichtigsten Grundsätze des rnbbinisehen Schrifilnms für das sittliche Verhallen der Menschen in 70 .Kapiteln in der Weise geordnet, daß er aus der tnlnmdiselpm nue ans den bedeutenden späteren Werken der rnbbnnsckM Literalnr einzelne markante Stellen misivählte und mit genauer Angabe des Fundortes in deutscher Uebersetznng, die einzelnen Sätze häufig mit kurzen, eigenen Worten verbindend, zu einem gut lesbaren Gangen zufaimnenwirlte. Dieses Buch, welches nunmehr von der Tochter des verstorbenen Verfassers im vierten Neudruck 1928 im Berlage von M. P o p p e i a n e r in Berlin der Oesfenttichkeit von neuem vvrgefegt wird, verdient in hohem Maße von denen beachtet zu werden, welchen es ernstlich darum zu tun ist, einen Einblick in die sittliche Welt des Tnlmudjudeutums zu ge- Winnen, jeneS tnfmndischen Judentums, das seine gesetzlich bindende Kraft z>vnr unter seinen Angehörigen aus das geringe Maß einiger zerenivnielle» Aorschristen hat einschränken iniissen. dessen Ethik jedoch in nicht geringem Grade selbst noch solche Inden beherrscht, die von der Sprache und den diffizilen Dislussionen ihrer im Hebräischen lebeudeu Vorfahren kaum noch eine leise Ahnung besitzen. Immerhin dürste es nicht unangebracht sein, angesichts dieses Buches eiiitgen wichtigen Erwägungen hier Raum zu geben. In dem oben erwähnte» R oh l i n g schm Werke findet sieh ein Absatz mit der Uebersehrist „Wucherzins". Darin wird an der Hand der rabbinisehe» Quellenschriften nnchgewiesen. daß es dem Inden als religivs-sitiliche Pflicht obliege, den Nichtsnden in der übelsten Weise dlnch Ziicksorderung zu Nliervorteilen. Bei Katz trägt das 27. Kapitel ebenfalls die Bezeichnung „Wucher". Da aber sieht die Sach völlig ander» aus! Aus eben dem nämlichen Ouellenmaterial ergibt sich dort, daß der Jude, der aus Wucher Geld verleiht, dem Totschläger gleicht und keinen Anteil an der zukünstigen Welt hat. Ja, mit so seinem sittlich» Empsinden wird da jegliches Zinsennehmen verpönt, daß für das Herlechn nicht einmal der geringste Dienst in Gestalt einer harm- D-urch die Freiheit seines Geistes und durch die Unerschvockenhe.lt seines Charakters wurde C h r i st i a n T h o m n s i u 8 (1035—1728) der Grüuder der Universität Halle, ein Befreier der Menschheit. In dreien seiner bedeutendsten Werke fordert T h o m a s i u 8 eindringlich religiöse Duldsamkeit. In allen Dingen, so lehrt er, die bie Seligkeit des Menschen angehen, soll der einzige Richter das Gewissen sein. Die Bürgschaft dieses unverlierbaren Menschenrechts erblickt er in der unbedingten Oberhoheit des Staates über die Kirche, er iwrlangt aber vom Staat, daß dieser sich nun seinerseits lediglicli mit der Erhaltung des äußeren Friedens lvscheide. denn der Staat: habe ebensowenig wie geistliche Ministerien, theologische Fakultäten, Synoden oder Konzilien, dns mindeste Recht, gewalttätig in die Ueborzengung oder (Scjiiimiiig der Menschheit einzudringeu. Thomasius, der an der Schwelle der Aufklärungszeit sein Leben beendete, hat nachhaltig ans die folgenden Geschlechter gewirkt. Er eiferte mit dem Feuer religiöser Ergriffenheit gegen alle Hyperorthodoxic unb dogmatische Rechthaberei, er wurde ein Streiier für Licht und Freiheit. In unermüdlichem Kampfe stand er ans dem Ringplntze gegen die Greuel der H e r e n p r o z e s s e und der Folter, und seinem Wirken ist es zuziischreiben, daß jene allmählich schwanden und diese wenigstens milder wurde. „T h o m a s i n s hat beivirkt, daß alle Weiber freier atmen können." (Friedrich der Große.) Das nnbestochene Zeugnis deS großen. Königs, daß von allen Gelehrten, die Deutschlands Ehre verherrlichten, Thomasius neben Le i b n iz dem nie n sch l iche n Geiste d ie w i cht i g - ste u Dienste geleistet, spricht für seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit. Es ivai darum mir die allgemeine Stimmung deS gesamten Zeitalters der Ausklärnng, wenn Ge dicke in der „BerliniWn Monatsschrift" (Januar 1794) sagte: „Thomasius bewirkte nach Luther die zweite, hichst nötige und äußerst glücklicl)e Refonnation, er ward ein Wohltäter seiner Zeit und seiner Nachkornmenschast. Wir alle verdanken ihm einen großen Teil unserer intellektuellen und moralischen Glückseligkeit, verdanken ihm die Errettung auS den schm n blichen Ketten des Vorurteils und des Aberglaube n. Jvsef Ucincr (Hamburg).

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