Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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102 cB einem her Keinen Fürsten NN Geld, so wurden die Jude» enteignet oder wigcschlagcn. Indessen rvliw der Wandel -der Zeit iwiter. Der Elnnbe flntO und der Geist, der weise und stvhe Führer der Menschen, wurde mehr und mehr entthront, DnS Triebtebe» trat an die Stelle ethisch-religiöser Bindung, und die Würde deS Menschen ersetzte mmi durch nnlivnalistische Ueberhedlichkeit rmd den Egoismus der sttnsie. So Imn man zu dem Wahnsinn, etwa die Formation der Nase alten Ernstes für den Maststad der sittlichen, der ethische» Qualität eines Menschen zu nehmen. Nein, der Antisemitismus ist eine Dunimhoit und Denkfaulheit. Stiehlt, betrügt, mordet ein Jude, gleich sind die Juden Diebe, Betrüger, Mörder. Die Groszen rechnet man ihnen nicht an, die Spinoza, Mendelssohn. Hertz. Liedern,nun, Einstein, Kreisler. Die Gegenwart treibt in der Mirbelmühle eines ethischen und sittlichen Ehaos. In der Denlmalschändnng ans jüdische» Friedhöfen aber dolumentiert sich der Antisemitismus als Raserei niedrigster Wildheit, die Granen erregt, Abscheu und Verachtung mislvst und eine Schande zurückläszt und ganz Deutschland bisst. Was sind Von Dr. Sigmnnv Feist. Der Name stammt aus asiatischer Ueberliesermig und geht in hohes Altertum zurück. Als „Arier" bczeichneten sich die erobernd zrnn Indus und tveiler vordringeuden Herrscherstämme, von denen die dunkelfarbigen Eingeborenen, die Dasus oder Dasyus, versklavt wurden. „Arier" werden in der antiken Geographie auch die Einwohner der Aria oder Ariane, einer Provinz des Pcrserreichs, genannt. Schließlich heben die Perscrkonige in ihren Inschriften rühmend von sich hervor, sie seien aus „arischem" Stamm entsprossen. Der Raine „Arier" ist also ursprünglich auf einen engeren Kreis asiatischer Völker beschränkt, die auch sprachlich znsammengehöreii, alis die indo-iranische Gruppe. Durch einen glücklichen Znsall ist lins das Porträt eines persischen Königs aus „arischem" Geschlecht, des letzten DariuS, erhalten, und zwar in dem zu Pompeji ausgefundenen Mosaik, das nach einem Gemälde aus Alexandria hcrgestellt ist. der sogenannten Alcxandcrschlacht. 2ßir sehen, wie sich der schwarzhaarige und schwarzbärtige König auf seinem Wagen vor Alexander zur Flucht wendet. Die damaligen Perser sahen demnach schon so aus wie ihre heutigen Nachkommen. Das muß übrigens auch bereits in noch älterer Zeit der Fall gewesen sein, denn in einer Siegesinschrift Tiglatpilcsers IV. aus dem 8. Jahrhundert vor Christo tvcrdcn die Meder, die Vorgänger und Vertvandten der Perser lvon Hervdvt ebenfalls „Arier" genannt), als die „dunkeln" gekennzeichnet. Wie verträgt sich mit diese»! historisch nachweisbaren Bild des „Ariers" die populäre Vorstellung eines blonden und blauäugigen „nordischen" Europäers? Wir müssen noch etwas lveiter anSgreifen, um diesen Widerspruch zn erläutern. Als man Ende des 18. Jahrhunderts in Europa mit der heiligen Sprache der Inder, dem Sanskrit, vertrant tvurde, da kam bald die Erkenntnis, daß das Altindische mit dem Griechischen. Lateinischen, Slawischen und Gotischen — andere dazugehörige Sprachen kannte inan noch nicht genauer — urvertvandt sei. Man glaubte aber, das Altindischc sei die Stammutter und die anderen Sprachen ihre Abkömmlinge. Ans dieser Auffassnng erklärt cs sich, lveun schon Friedrich Schlegel vor mehr als hundert Jahren die genannte Sprachgruppe als die „arische" bezeichuete. Später dehnte sich die Erkenntnis der „arischen" Sprachen weiter ans; cs traten das Persische, Armenische, Albanische, Litauische und Keltische hinzu. Nun kam man zur Einsicht, daß das Indische nicht die Muttersprache, sondern nur ein gleichberechtigtes Mitglied der Sprachfamilie sei, die man nunmehr in'deutschen Ländern die „indogermanische", im Anstand die „indoeuropäische" nannte. Der Terminus „arisch" tvurde von der Wissenschaft seiner ursprünglichen Verbreitung gemäß ans die indoiranische Gruppe eingeschränkt. Die Bemühungen der Gelehrten gingen nun im Laufe des 19. Jahrhunderts dahin, das Aussehen, den Wortschatz und die Struktur der hypothetischen Stammutter der indvgermaiiischcn Sprachen zu erforschen. Die Ansichten darüber wechselten im Laufe der Zeit. Heute steht man ans dem Standpunkt, daß man die Ursprache nnS den überlieferten Sprachen ebensowenig erschließen könne, wie inan das Lateinische aus den romanischen Sprachen wieder zu geivinncn bcrinag. Man kann mir ein mehr oder minder annäherndes Bild von der Staminsprachc gewinnen, das jede neue Erkenntnis zu wandeln imstande ist. In der Tat hat die Entdeckung und Erfvrschnng längst nntcrgegangener indogermanischer Sprachen seit Beginn dieses Jahrhunderts, deS Toharischen in Osttnrkestan, des Hcthitischen in Kleinasien nsw., diese Wirkung gehabt. Wir sind heute unsicherer wie je über die Gestalt der Ursprache. Ihre Existenz freilich kann inan nicht in Zweifel ziehen, und da jede Sprache ein Volk, das sich ihrer bediente, als Träger gehabt haben muß, so wird ailch der Schluß auf ein „indogermanisches Urvolk" zil Recht bestehen. Aber keine geschichtliche Ueberlicfcrung gibt uns Kunde von ihm, da seine Ausbreitung (etwa im dritten Jahrtausend vor Christo) fern von den Zentren so früher historischer Berichterstattung (in Aegypten und Mesopotamien) vor sich ging. Man weis; auch nicht bestimmt, Ivo die Ursitze des indogermanischen UrvolkS lagen. Früher suchte man sie im Innern Asiens, dann in Südrnßland, zuletzt in Mittel- oder gar in Rvrdenropa. Ein strenger wissenschaftlicher Beweis ist aus der Sprache nicht zn erbringen. Nun haben sich aber seit einem Menschenalter einseitig Politisch eingestellte Kreise dieser rein wissenschaftlichen Streitfrage bemächtigt und, unterstützt von noch sehr umstrittenen Disziplinen wie der Prähistvrie und Anthropologie, sie in ihrem Sinn zu lösen versucht. Man nahm an, das; das indogermanische Urvolk blond lind blauäugig tvie die nordischen Menschen gewesen sei, iveil antike Schriftsteller das von einigen zu dieser Sprachgruppe gehörigen Völkern (Thrakern, Galliern, Germanen) berichten. Wir lvissen nicht, ob dies wirtlich bei allen Angehörigen dieser Völker der Fall war. Wenn ja, so könnten diese hellfarbigen Menschen ursprünglich ja auch anderswo als in Nvrdeuropa gewohnt haben; es gibt Menschen mit blauen Augen und blonden Haaren auch in lvciten Gebieten Rußlands, selbst in mittleren und nördlichen Teilen Asiens. Eines steht jedenfalls fest: ivenn das indoaermanischc Urvolk einen bestimmten Rassethpns gehabt haben sollte, so konnten ihn die Völker, die im Laufe der Geschichte zu dieser Sprachgruppe hinzutraten, uicbt einfach übernehmen. Denn überall, wohin die indogermanischen Eroberer oder Kolonisten kamen, gab es ja frühere Bevölkerungen, die von den Eindringlingen unterworfen, aber nicht anSgcrottet wnrden. Und diese bodenständigen Elemente haben im Laufe der Zeit die Zngewanderten stets fast restlos aufgesogen. Gab es also auch einmal irgendlvv ein Volk der .Arier" — um diesen ungenauen Terminils anzliivciidcn —, so sind dessen Angehörige längst in den Völkern aufgcgangen, die zu seiner Sprachgruppe hinzugetreten sind. Selbst von den Germanen, die doch lveit später als die Jndvgcrmaneii (Arier) ihre Wanderungen unternommen haben, sind nur geringe Reste in den Ländern erhalten geblieben, in die sie, fern von ihren Stammsitzcu, cingcdrungen sind (Italien, Spanien, Südsrankreich, Süddentschland, Schlvciz, Oesterreich nslv.). Wenn sich also einzelne Individuen ans den europäischen Völkern als „Arier" ansehcn, so legen sie sich ein dazu noch hypothetisches Adclspradikat zn, dessen geschichtliche Berechtigung nicht zu erweisen ist. Wer sich „Arier" nennt, gibt sich einer gewollten oder unabsichtlichen Selbsttäuschung hin. Zur Beachtung! Wir lassen die vorliegende Nummer als November/Dezember-Nummer erscheinen und werden vom 1. Januar ab die Ausgaben nach dem laufenden Monat, in dem sie verteilt werden, bezeichnen.