Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 11-12 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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fie bei den großen gemeinsamen Pflichten festznhalten — ich denke z. B. der svzialdeinvfratischeu Organisationen oder des Dkutschnationalen HandlnngSge'hiIse»-Verbandes ganz ähnlich und ans sehr hohem Niveau hat auch die jüdische Kultgemeinschast gewirkt. Für den jüdischen Soldaten kam ans solche Hilfe besonders viel an, eben iveil er die Wirkungen des Antisemitismus in sich zu verarbeiten hatte. Originale jüdische Dckcnntniße der Kriegszeit lassen in wissenschaftlich schlüssiger und bedeutungsvoller Weise hervvrtretcn, das; das jüdische Gemringrsühl mit seiner die Gemntskrnste bindenden Tiefe in diesem Znsannnenhang eine bewnndcrmigswürdige ethische und kulturelle Kraft bewährt hat. lind sie stand der staatsbürgerlichen Hingabe an die Interessen des Reiches nicht entgegen? sondern verstärkte sie noch, ähnlich wie die Einflüsse jener Bcrussvcrbände. Als eharnklerislische Erscheinung ans diesem Gebiete mögen die gedruckten Kriegsbriese des gefallenen jüdischen Üentmin 13 Sender angeführt werden: Das; ein Jude sie schrieb, de» ebensalis die Dreckspritzcr des Judenhasses trafen, ward darin nicht verhüllt; aber zugleich gehören sie zum Deutscheste», was im Kriege gedacht worden ist und Prägjamcn Ausdruck gefunden hat. Der Judengegner Hilst sich diesen Dingen gegenüber gewöhnlich mit der Wendung, Indem, gegen die sich nichts eimvcnden lasse, seien eben „Ansnahmen". lind damit kommt er meistens durch: Denn eine Zählung solcher „Ausnahmen" ist natürlich ebenso unmöglich wie eine Zahlung der „Drückeberger". Wer wollte behaupten, es habe unter den jüdischen Soldaten keine Drückeberger gegeben! Es gehörte ja wahrhaftig für den moralisch so geprügelten Juden noch ein Extraheroismus dazu, der schmählichen Behandlung durch gewisse liebe deutsche Landsleute zum Trotz ein begeisterter und ausdauernder Vaterlnndsverteidiger zu sein. Aber fragen wir doch einmal ganz unbefangen, wie e8 bei diesen gewissen LandSlcntcn durchschnittlich mit dem Heroismus stand? Waren sie etwa alle und inuner tapfer? Nein, überwiegend war das Gegenteil der Fall. Wer, der den Krieg als Deutscher erlebt hat — er braucht noch nicht einmal selber Soldat gewesen zu scm —, wüßte nicht, daß die Drückebergerei in tausendfältiger Gestalt die verbreitetste aller Erscheinungen in Heer und Volk war? Wohl sind wir stolz auf die gewaltige Tapferkeit, die tatsächlich in höherem Maste geleistet worden ist, als alle Dichter miteinander besingen können. Jedoch lvir wissen alle, daß das Gegenteil von Tapferkeit noch viel häufiger vorkam, daß beides nebeneinander Platz hatte in diesem nach Umfang und Däner so übergroßen Krieg. So w a r es in der A r m e e im g a n zen , so war es in ihrem jüdischen Bestandteil, Rund dreizchneinvicrtel Millionen Deutsche sind zum Heeresdienst herangezogen worden: ich frage die Kameraden, ob darunter die Helden in der Mehrzahl waren? War es nicht je länger, desto mehr dringender Wunsch aller Kriegsteilnehmer, nicht in den Schützengraben gehen zu müssen? War der Prozentsatz derer, welche nicht zu gehen brauchten und doch gingen, sehr groß? War der Offizier, welcher aus der Etappe an die Front strebte, Durchschnitt oder Ausnahme? Wurde nicht je länger, desto häufiger das „Frontschwein" belächelt, galt nicht immer mehr als dumm, wer mehr tat, als er musste? Wer einen „Druckposten" zu erlangen wusste, der wurde doch von den meisten „der weniger Glücklichen" anerkannt und beneidet. Welcher Neid etwa gegen den. der einen Auftrag hinter der Front erhielt, der zu einem Kursus abkvminandiert wurde, der vom Westen nach dem Osten kam usw.I Bestanden die Transporte, die ans der Reise nach Frankreich widersetzlich wurden, ans Juden? Warum fürchtete mau denn allgemein die Bersetznng an die Westfront, die Versetzung zur Infanterie? War die Neigung, sich „k. v." schreiben zu lassen, verbreitet? War nicht die Einziehung zmn Heere das Schreckgespenst aller, die noch daheim waren? Wurde der gering geschätzt, welcher der Einziehung zu entgehen suchte? Und warum ivar denn die Drohung mit dem Schützengraben allenthalben so wirksam? Brach sie nicht durchschnittlich jeden Widerstand? Etwa bloß bei Inden? War diese Drohung mit dein Schützengraben nicht auch im Ofsizierkorps die alltägliche Erscheinung, das alltäglichste Mttcl, sich jeden Untergebenen gefügig zu machen? Waren es bloß Juden, die lieber Unwürdiges ertrugen, als daß sie in den Schützengraben gingen? Wurden nicht die Durchstechereien von Vorgesetzten. die Korruption in zeder Gestalt zmn Teil deswegen so widerstandslos hingenommen, iveil Beschwerdeführer die Versetzung an die Front zu fürchten hatten? Aber unsere Generation war wahrhaftig nicht feige mtb unfähig zum Kriegsdienst. Vielmehr war es die Ucbertreibimg derAiifvrdernngen. dieUeberspamuingder allgemeinen Wehrpflicht, welche an diesen Dingen schuld ivar, welche die Drückebergerei in tausendfach verhüllter Form zu einer nationalen Gepflogenheit machte. All diese unrühmlichen Dinge entsprangen zwangläufig ans den ungünstigen seelischen Wirkungen des Krieges. Die Nation hat sich ungeheuer Großes abgerungen; ihre Tapferkeit und Ausdauer ist für den Historiker ein Gegenstand des Staunens. Aber es wurde mit Wasser gekocht, es ging bei Nichtjudeu wie bei Juden .selbstverständlich n n t ü r t i ch zu. Der Vergleich mit den Leistungen in früheren Kriegen der allgemeinen Ttzehrpslicht läßt nicht darüber Erstaunen auskvmmen, daß die Drückebergerei so großen, sondern daß sie nicht noch viel größeren Umfang angenommen hat. Der Kriegsteilnehmer von 1870/71 und bayerische Hanptmann Tanera sagt von dem natürlichen Rückgang des OssensivgeistcS in jenem Kriege: „Im Anglist bei Wörth hieß es: Wer darf heute mit? Zwei Monate später hieß es: über geht heute mit? und dann im Januar: Wer muß heute mit?" llnser Weltkrieg aber dauerte vier Jahre und drei Monate. Jederlnann iveiß, wie sich die Legende von dem Versagen der Juden im Heer mit der Dolchstoßlegende verknüpft. Nicht die Führung soll die nationale Katastrophe zu verantivorten haben, sondern die Unzulänglichkeit der angeblich jüdisch infizierten, jüdisch verführten Nation. Damit werden nicht nur die wahrhaft Verantwortlichen des 9. November entlastet, sondern es wird zugleich die demokratische Bolkshälste belastet, der die Juden nnbesehen zugerechnet iverden. Fürwahr eine sehr imheldische Politische Kunst. Die Abrechinmg mit ihr wird noch viel Kämpfe kosten. Aber zu den dringendsten Ehrenpflichten nationaler Aufrichtigkeit gehört eS, der empörenden Ungerechtigkeit gegen die jüdischen Kriegsteilnehmer ein Ende zu machen. 44 Monate im Zelöe. Der vorstehend veröffentlichte Aufsatz „Drückeberger" von Professor Dr. Martin Hnbohm, der bereits nm!). November in brr Wochcnnusaabe der „C. B.-Zeitung" erschienen war, hat lebhaften Widerhall in unserem Leserkreis gesnndcn. Einstimmig wird die rkbjettiviiät des Verfassers hervorgehoben, die ja bei einem so gründliche» Forscher, wie Professor Hobohm, selbstverständlich ist. Hat Professor H v b v h in doch das allgemeine Verdienst der Offiziere und Unlcrosttzicre aus Grund ausgedehnter Aktcnstudien eindringend abgeivogen und ln seinem noch nicht vervsseiülichtcn Gutachten für den parlamentarischen linier; suchimBansschnst des Reichstags anerkannt. Nachstehender Brief des Fabrildirektars Mvriz Hvchstüdter (Luckenwalde), der zu ähnlichen Ergebnissen wie Professor Hobohm gelangt, ist mil in liebenswürdiger Weife zum Abdruck zur Vcrsügung gestellt worden. Die Schristleitung. Direktor Moriz Hüchstädter <m Professor Marti» Hobohm: Hochziwerehrcndcr Herr Professor! Bravo. Ihr Artikel in der „C. D.-Zeitung" vom 9, November ist ein Meisterschuß, Sie schildern mit treffenden Worten Tatsachen, welche der Vaterlandsliebe nicht nur der jüdischen Frontsoldaten, sondern des gesainten jüdischen Deutschtums in vollem Ilmfmige gerecht werden. Von absoluter Objektivität getragen, beseelt von reinstem Menschentum, zeichnen Sie nicht mir die inneren Kämpfe, die viele jüdische Soldaten durchlitten, sondern auch den niederträchtigen Hatz, der ihnen von verletzten, rohen Patronen mit und ohne Portepee zuteil lvurde. Wenn man indessen bedenkt, daß sich das damalige Kriegsministerium nicht scheute, die berüchtigte Judenzählung vorzunehmen, lim der erregten Masse gefällig z» sein, wenn mnn weiter bedenkt, daß dieser Vorgang dem Heere draußen und daheim nicht verborgen bleiben konnte und sollte, ist es begreiflich, daß der jüdische Soldat nicht als Kamerad im landesüblichen Sinne bewertet wurde. Nicht der „Muschko" also war für vieles, was geschah, verantwortlich, sondern, >vie in allen ähnlichen Fallen, die Drahtzieher, die wen von Granaten, Schrapnells, Mmenwcrscrn, Giftgasen und anderen Kampfmitteln entfernt, die Brunnen der öffentlichen Meinung vergifteten. Zur Ehre des deutschen Heeres muß aber auch gesagt werde», sehr viele unserer Kameraden, die nicht schon als Zivilisten antisemitisch durchseucht gewesen sind, waren gute, treue, selbstlose und brave Kampfgenossen nnb man traf sie nicht nur unter den „gemeinen" Soldaten und niederen Chargen, sondern auch in Offizierslreisen. Ich kannte eine Anzahl von Offizieren, die keinen Unterschied des Glaubens kannten, die den Mann nach seiner Leistung und seiner Zuverlässigkeit beivertctcn, die aber auch mit ihrer Truppe im Dreck von Lothringen und in den Schützengräben von Flandern lagen, die mit ihren Soldaten alles teilten, Not und Tod. Es waren die Arontkämpser der ersten KriegSjahre. Ehre sei ihnen. Wie sich der Nachschub allmählich veränderte, lveiß jeder, der den ganzen Krieg, in welchein ich 44 Monate bet verfechtenden Tr u p p e st and, miterlcbte. Gerade bei diesem Ersatz waren jene Elemente, welche den Antisemitismus zu unseren braven Truppen trugen, die unser schon an sich schweres Leben noch schwerer machten.